Montreux Jazz Festival – Live Sommer 2008: „Das hat mit einer Darbietung eigentlich gar nichts zu tun.“

Int. Rap

Wie setzt man fremde Beats auf der Bühne um? Erykah Badu, Gnarls Barkley, N.E.R.D. und Macy Gray haben sich diesen Sommer auf Schweizer Bühnen darin versucht.

 

Die Schwingungen im Auditorium Stravinski in Montreux scheinen Erykah Badu sehr zu behagen. Wie von einer höheren Macht berufen, betritt sie die Bühne. Allein schon ihr Aufzug unterstreicht ihre Einzigartigkeit: Die Haare auf dem Kopf zu einer Art Kokosnuss zusammengebunden, die Augen brombeerfarben eingefasst, ein ultraweites Etwas von Kleid, hohe Schuhe. Spontan wechselt sie vom Souljazz zum HipHop zum klassischen R’n’B, veranlasst die Band mit einer Körperdrehung zu einem kurzen Wechsel zum Afrobeat und klopft dann ganz alleine einen rudimentären Beat auf ihrem immer bereitstehenden Drumcomputer. Darauf reagiert dann wiederum die Band. Irgendwo zwischendrin, gut verwoben mit der Improvisation und oftmals unterlegt von ganz anderer Musik, finden sich die Songs ihrer fünf Alben wieder. Badu durchtanzt an diesem Abend ihren eigenen Kosmos. Und führt dabei ihr Publikum. „Auf der Bühne geht es darum einen perfekten Moment zu kreieren. Jedes Konzert ist anders“, gibt sie später, umringt von Journalisten, zu Protokoll. „Viele meiner Stücke entstehen direkt auf der Bühne. Ich gehe beim Schreiben ähnlich vor wie ein MC beim Freestylen. Ich lasse die Beats laufen und improvisiere dazu.“ Steckt sie fest, kann sie mit einer Handbewegung die Band aktivieren.

So weit lehnen sich andere nicht zum Fenster hinaus. Dafür sind Pharrell Williams, Chad Hugo und Shay Haley vom Trio N.E.R.D. auf der Bühne schlicht zu wenig zu Hause. Auf der letzten Tournee haben sich Sänger Williams und Rapper Haley noch von der College-Rockband Spymob begleiten lassen, zur Tour zu ihrem dritten Album „Seeing Sounds“ haben sie nun eine eigene Band formiert. Die achtköpfige Truppe mit zwei Schlagzeugern vermag den Druck ihrer Studioproduktionen auf der Bühne akzeptabel zu reproduzieren. Musikalische Glanzstücke verbringt sie so allerdings nicht. Williams fehlt es an Ausstrahlung, Führungsqualität und Kraft in der Stimme. Deshalb bilden ihre energetischsten Nummern, die allesamt am Ende des Sets platziert werden, die Glanzlichter. Mit „She Wants To Move“ und „Everyone Nose“ und bringen sie Bewegung in die Halle und füllen die Bühne mit weiblichen Gästen.

Doch woran liegt es, dass sie als Band nicht das hohe Niveau ihrer aktuellen Platte erreichen? Vielleicht daran, dass sich Williams und Hugo als Produzentenduo The Neptunes mit ihren unzähligen Aufträgen verzetteln? „Wir sind N.E.R.D.. Das ist kein Nebenprojekt. Die Musik, die wir mit dieser Band machen, widerspiegelt uns selbst. Da könnte sogar Björk anrufen und nach Beats verlangen, wir würden diese Tour nicht unterbrechen“, sagt Pharrell leicht gereizt. Auch Sänger Thomas Callaway alias Cee-Lo Green ist sich sicher mit Gnarls Barkley genau auf dem richtigen Dampfer gesetzt zu haben. Er fühlt sich mit seinem Partner Danger Mouse seelenverwandt. „Ich bin ja selber auch Produzent, aber so düstere, dichte Beats wie sie Danger Mouse produziert, krieg ich einfach nicht hin“, sagt Callaway über seinen Partner, während er sich kurz vor ihrem Konzert am Jazzfestival Montreux auf dem Balkon seiner Suite entspannt. Auf der Bühne agiert der kraushaarige Produzent als stummer Musiker. Über seine alten Orgeln gebeugt trägt er mit schlaksigen Handbewegungen dazu bei, die an seinem Computer entstandene Musik adäquat umzuwandeln. Mühelos wirkt das. Für Cee-Lo ist die Umsetzung der Songs auf der Bühne ein kognitiver Akt. „Das hat mit einer Darbietung eigentlich gar nichts zu tun. Ich denke einfach laut. Ich durchlebe die Gefühle, die mich zu meinem Gesang veranlasst haben, jedes Mal wieder von neuem“, sagt Cee-Lo. Klar durchlebe man beim Singen eines Songs jedes Mal die Gefühle, die ihn verursacht haben. Das gehe gar nicht anders, sagt auch Macy Gray, die beim Interview im Künstlerrestaurant des Blue Balls Festivals schwer bei der Stange zu halten ist. Immer wieder driftet sie gedanklich ab. Als sie dann nach halb elf auf der Bühne des Luzernersaals steht und singt, äussert sich ihre Fahrigkeit vor allem in der Struktur des Sets. Das Konzert hat keinen erkennbaren roten Faden, besteht aus vereinzelten Berg- und langen balladesken Talfahrten. „Eigentlich wollte ich es so machen wie Kanye West und alle meine Lieder zu einer Geschichte arrangierten“, erzählt sie am Nachmittag. „Doch er ist er mir zuvorgekommen, und ich muss mir jetzt was Neues einfallen lassen.“ Das ist leider noch nicht geschehen.

Das Problem von Gnarls Barkley ist ein anderes: Eine Mehrheit der Zuschauer im vollen Auditorium Stravinski scheint wegen der kreativ versandeten Rockband Travis gekommen zu sein. Die Schotten spielen nach Cee-Lo und Danger Mouse in der gleichen Halle. Ein klarer Programmationsfehler. Als sich die Stimmung auch nach vierzig Minuten noch nicht sonderlich aufgewärmt hat, neckt Cee-Lo das Publikum mit spitzen Bemerkungen. Er sagt: „Es gibt einen Unterschied zwischen ‚am Leben sein‘ und ‚leben'“. Danger Mouse tut unbekümmert seine Arbeit. Vom Musikalischen ist die Darbietung nahezu perfekt. Showelemente oder auffällige Verkleidungen wie auf der letzten Tour gibt es nicht. Cee-Lo’s Stimme ist gewaltig, die kleine Band präzis. Am Herausragendesten gerät die akustische Version von „Transformer“. Ganz anders als auf der überdrehten, vom Beat beherrschten Aufnahme vom ersten Album „St. Elsewhere“, wird hier die Substanz des Songs freigelegt.

Nur ein einziges Mal sind während dem 80minütigen Konzert die Sounds eines Drumcomputers zu hören. Ansonsten klingt auf der Bühne alles stilecht alt, nach zeitlosem Motown Soul, psychedelischem Rock und den späten Sixties. Die langweiligste Nummer des Abends ist die zweite Zugabe: die gleichförmige Coverversion eines Songs, den niemand erkennt. In dieser Hinsicht beweist Macy Gray in Luzern viel mehr Geschmack: Erst ergänzt sie sich mit ihren beiden Backgroundsängerinnen hervorragend in einer Soulpop-Version von „Que sera sera“, dann offenbart sie mit dem Radiohead-Song „Creep“, dass ihre Stimme so rockig ist, dass man die knatternden Gitarren der Originalversion getrost weglassen kann. Überhaupt singt sie im Kontrast zu ihren schludrigen Bewegungen – ständig schleift sie den glitzernden Mikrofonständer hinter sich her – an diesem Abend sehr gefühlvoll und konzentriert. Und mit einer Polka-Party zum Schluss kann sie im KKL doch noch ein gewisses Feuer entfachen.

Am weitaus Besten hat Erykah Badu Publikum und Programm im Griff. Ihr Auftritt in Montreux war das beste Konzert, das die 37-jährige Texanerin je auf Schweizer Boden gegeben hat. So gut, dass sie sich ganz am Schluss des Abends zu einem unnötigen Supplement hinreissen lässt: Mit den Worten „Let the music speak!“ schiebt Festivaldirektor Claude Nobs die Sängerin gemeinsam mit den Musikern von N.E.R.D. nochmals auf die Bühne. Improvisierend reiht sie Reizwörter wie „Love“, „Freedom“ und „Peace“ zu einem unendlich langen Song aneinander. Und droht damit prompt den tollen Eindruck, den sie bei ihrem Abgang eineinhalb Stunden vorher hinterlassen hatte, zu zerstören. Beschränkung ist auch für Künstler in Höchstform eine wichtige Tugend.

Int. Rap