Erykah Badu – Ich folge einfach meinen Gefühlen!

Int. Rap

Singen können andere besser, aber wenn es darum geht, die Seele nach Aussen zu kehren, dann ist Erykah Badu eine der Grössten überhaupt. Im Rahmen des diesjährigen Jazzfestivals in Montreux verriet sie uns, was sie mit Lil Wayne gemeinsam hat, warum „HipHop“ ein anderer Name für Gott ist und wie ihre Songs entstehen.

Erykah Badu, stehen sie gerne auf der Bühne?
Ja, ich liebe die Bühne! Ich liebe den Energieaustausch zwischen mir und dem Publikum. Im Studio bin ich auch gerne. Da geht es darum, einen Moment zu perfektionieren. Aber auf der Bühne erschafft man einen Moment. Jedes Mal neu. Jedes Konzert ist anders. Die Leute im Raum vermitteln einem eine unterschiedliche Energie, ein unterschiedliches Gefühl.

Wie adaptieren sie ihre Songs für die Bühne?
Das ist überhaupt nicht schwer für mich, denn immer wieder entstehen die Stücke direkt auf der Bühne. Mein Schreibstil ähnelt dem eines MC’s beim Freestylen. I’m downloading whatever comes into my mind. Ich höre mir die Beats an und warte, bis mir etwas in den Sinn kommt. Was auch immer passiert, passiert.

Sind so auch die Lieder ihres aktuellen Albums „New Amerykah“ entstanden?
Zum Teil. Manche davon sind auf der Bühne entstanden, andere bei mir zuhause, während der Beat lief. Alle sind neu. Das muss so sein.

Einen bestimmten Song haben sie dem Publikum heute vier Mal vorgespielt. Was ist seine Bedeutung?
Sie meinen „A Milli“? Lil Wayne is killing the game! Er ist ein unglaublicher MC. Sehr kreativ. Seine Musik ist neu und innovativ, und dieser Song im Speziellen. Er hat keine Struktur, kein Songformat, keinen Refrain, kein Thema. It’s just whatever he felt. Genauso schreibe ich auch am Liebsten. Woran auch immer du gerade denkst, sag es einfach!

Wie ist der Song „The Healer“ entstanden?
Ich habe zuerst den Beat von Produzent Madlib gehört. Der Gesang im Hintergrund, dieses „Humdi, humdi, humdi, hummhh“ ist mir gleich im Ohr hängengeblieben. Keine Ahnung, ob das ein buddhistischer, ein hebräischer oder ein äthiopischer Gesang ist. Es klingt jedenfalls wie eine Mischung von verschiedenen traditionellen Gesängen. Das Feierliche, Mantrahafte hat mich gleich an eine religiöse Botschaft erinnert. Deshalb fing ich an, mit den verschiedenen Namen für Gott herumzuspielen. Ich hab sie mit der vorgegebenen Melodie verknüpft, und heraus kam: „Humdi Lila Allah Jehova Yahweh Dios Ma’ad Jah Rastafari Fyah dance, sex, music, hiphop.“ – Auch HipHop ist für mich eine dieser Gottheiten. Denn auf meinen Reisen um die ganze Welt habe ich gesehen, dass die Leute in ganz verschiedener Art und Weise zu Gott beten. Aber zu den Basskicks und Snareschlägen eines HipHop-Beats nickt jeder Kopf. Jeder reagiert gleich, ganz egal an welchem Ort auf diesem Planeten er lebt.

Wie sind sie auf den Titel ihres aktuellen Albums „New Amerykah Part One (4th World War)“ gekommen?
Bevor die Songs meines neuen Albums „New Amerykah“ entstanden, hatte ich vier Jahre gar nichts geschrieben. Ich dachte, ich hätte einen Schreibstau oder so was. Aber ich habe dann gelernt, dass es das gar nicht gibt. Es gibt einfach Zeiten, in denen man ständig inspiriert ist und einen Song nach dem anderen schreibt, aber eben auch ruhige Zeiten, in denen andere Dinge wichtiger sind. Zum Beispiel sich ganz der Familie zu widmen.
Der Titel ist einfach ein nettes Wortspiel. Schon bei meinem ersten Album „Baduzim“ hab ich meinen Namen in den Titel eingebaut. Diesmal hab ich wieder darüber nachgedacht, wie ich das machen könnte. So kam ich auf „New Amerykah“. Damit ist das gemeint, was zwischen 1997 und heute passiert ist. Der Untertitel lautet „4th World War“. Ich habe einen Dokumentarfilm mit dem Titel gesehen, in dem es um Widerstand gegen Besetzungsmächte ging. „4th World War“ bedeutet: die Leute gegen die Macht. Die USA lösen diesen Krieg derzeit aus. Plötzlich steht das Land vor einer völlig neuen politischen Situation. In den Vorwahlen kämpfte eine Frau gegen einen schwarzen Mann, um die Präsidentschaftskandidatur. Wenn ich das Sagen hätte, würde ich sofort eine Frau oder einen schwarzen Mann an die Macht setzen. Das verleiht den Leuten gleich ein viel besseres Gefühl. In dem Album geht es also darum, wo wir derzeit stehen, das Land und seine Bewohner.

Also glauben sie, dass die USA bereit sind für einen schwarzen Präsidenten?
Oh ja! Das sieht man doch! Die Leute sind bereit für eine Veränderung. Was wir derzeit haben, schadet uns. Die Leute sind nicht nur bereit für einen neuen Präsidenten, sie sind bereit für ein neues System. Obama ist nur der Anfang davon. Ob er gewinnt oder nicht, er hat seinen Teil schon geleistet. Er hat in den Leuten das Interesse an der Politik geweckt. An Veränderung. Ich komme aus einem Ort, den man als Ghetto bezeichnen würde. Dort war bisher niemand auch nur im Geringsten an Politik interessiert. Aber jetzt verfolgen die Leute dort plötzlich die Präsidentschaftswahl. Sie haben gemerkt, dass sie eine Stimme haben, und dass ihre Stimme ein Gewicht hat, wenn sie sie richtig einsetzen. Obama hat das ausgelöst. Offensichtlich vor allem durch seinen genetischen Code. Aber eben, das Wichtigste ist, dass wir uns wieder bewusst geworden sind, dass wir selber auch Macht haben. Und nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt.

Repräsentieren sie diese Haltung auf der Bühne?
Gut möglich, vielleicht. Ich weiss nicht so genau, was ich mache. Ich folge einfach meinen Gefühlen. Meinen natürlichen Gefühlen.

Sie vermitteln politische Botschaften. Glauben sie daran die Welt verändern zu können?
Ich bin Erykah. Meine eigene Wirkung ist begrenzt. Ich benutze meine Plattform einfach dazu, auf Dinge, die mir wichtig sind, aufmerksam zu machen. Das ist auch schon alles. Aber ich glaube nach wie vor daran, dass Musik die Welt verändern kann.

Geben sie immer noch Unterricht?
Ja, ich habe ein Schulprojekt mit Kindern. Da ich gerade auf Tour bin, haben wir da eine Pause eingelegt. Bevor ich einen Plattenvertrag hatte, war ich Lehrerin. Ich habe eine Non-Profit-Organisation. Ohne die Hilfe und das Umfeld des Gemeinschaftszentrums, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, wäre ich nicht zu dem geworden, was ich heute bin. Deshalb möchte ich dasselbe machen. Meine Organisation heisst B.L.I.N.D., „Beautiful Love Incorporated Non-Profit Development“. Liebe ist blind, es kommt nicht darauf an, wo du herkommst und welche Hautfarbe du hast. Musik, Handwerk, Rap, Theater – alle diese Sachen. Wir unterrichten die Gemeinschaft, um ihre Kreativität zu fördern. Es geht schlicht darum, das Selbstvertrauen der zu fördern.

Sie haben selber zwei Kinder, erwarten bald ihr drittes – begleiten sie ihre Kinder eigentlich auf ihren Tourneen?
Ja, wenn immer es geht, sind mein zehnjähriger Sohn und meine vierjährige Tochter mit dabei. Ich habe sie auch mit nach Montreux genommen.

Was wenn später in ihre Fussstapfen treten wollen?
Wenn sie je Lust verspüren sollten, selbst Musiker zu werden, dann werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Ich habe von Anfang an versucht ihnen zu vermitteln, dass es wichtig ist, Träume zu haben. Und ich werde mich mit dafür einsetzen, dass sie diese auch verfolgen können.

Sie sind in der aktuellen Parfüm-Kampagne von Tom Ford zu sehen. Was hat sie zu diesem Engagement bewegt?
Ich liebe Tom Ford. Aber über die Kampagne kann ich nicht sprechen, denn die ist voll und ganz von ihm. Das müssen sie mit seinen Presseleuten besprechen. Aber ich bewundere Tom Ford wirklich. Er ist eine der spannendsten Persönlichkeiten, die ich je kennen gelernt habe. Kreativ, hochtalentiert und extrem gutherzig. Er kommt eben wie ich aus Texas.

Kommen wir zurück zum Konzept, das ihren Konzerten zugrunde liegt: Wie viel ist spontan?
Ziemlich viel. Rechts neben mir steht immer mein Laptop mit iTunes, links ein Drumcomputer. So kann ich Beats erzeugen, die Show lenken und Lücken füllen. Die Band reagiert auf das, was ich mache. Wir sind darin geübt, denn wir spielen schon sehr lange zusammen. Die Grundlagen unserer Musik sind Jazz, Afrobeat und HipHop. Klar gibt es Proben, klar haben wir eine mehr oder weniger strikte Reihenfolge von Songs, die wir spielen. Aber wir können einfach nicht jeden Abend das gleiche Konzert geben. Wir sind ja auch nicht jeden Tag die gleichen Wesen. Wir verändern uns. Jedes Mal bevor wir die Bühne betreten, kommen wir zusammen und schwören uns gemeinsam auf das Konzert ein. Es ist fast wie ein Gebet. Wir sprechen laut die Worte: „Wir wollen auf der Bühne einen lebenden Organismus bilden“, dann gehen wir raus und legen los.

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