Bandit – „Mini Story“

CH Rap

Es ist wahrscheinlich das beste Rapalbum der Schweiz. Klar, es ist immer auch noch Geschmackssache und logisch, das heisst es bei fast jedem mittelgrossen Release wieder. Aber bei Bandit verhält sich die Sachlage dann halt schon noch ein bisschen anders. Denn Bandit ist einer, der seit fünfzehn Jahren Rap lebt! Und das alles hat er auf sein Solodebüt draufgepackt! Erfahrung, Emotionen, Enttäuschungen und das Alleine sein. Denn irgendwie ist er nicht nur „Dr Letscht Wos Git“ sondern auch der Beste!

Die letzte Tour mir Luut & Tüütli ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Wie ist rückblickend dein Resümee?
Sehr positiv. Wir haben viele Konzerte gespielt und extrem lange getourt. Auch die Verkäufe waren mehr oder weniger gut, auch wenn ich finde, dass es noch etwas besser hätte laufen können. Aber im Grossen und Ganzen bin ich sehr zufrieden und es war eine tolle Zeit.

Bist du nach dem langen Touren danach nicht fast wie in ein Loch gefallen?
Ja, das kann schon passieren. Wenn du jedes Wochenende unterwegs bist, Party machst und Leute um dich herum hast. Ich hatte zuerst schon etwas Mühe, habe dann aber schnell wieder begonnen Musik zu machen.

War für dich dann schnell klar, dass du nun solo weitermachen willst?
Ja, das gab keine Diskussionen. Das war schon lange klar, dass ich das machen will. Vorher war einfach keine Zeit dazu da, weil wir immer ein Album am Machen oder auf Tour waren. Aber dann wollte ich einfach weitermachen.

Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis man wieder etwas von dir gehört hat. Hast du noch gearbeitet?
Die Zeit verging einfach schnell (lacht). Habe aber nicht konkret gearbeitet. Ich habe einfach Tracks geschrieben und brauchte dazu einige Zeit.

Aber arbeitest du noch nebenher momentan?
Nein, momentan nicht. Ich habe mir Zeit fürs Album genommen.

Wann kam dann der Entscheid konkret für das Album zu arbeiten?
Erst als ich wusste, dass es wirklich ein Album geben wird, habe ich konkret dafür gearbeitet. Ich schreibe immer sehr gezielt Songs und mache nicht so viele Tracks, dass ich am Schluss auswählen muss, welche aufs Album kommen.

Musstest du leiden bei der Produktion? Also dir das Album etwas erkämpfen? Das kann ja manchmal ein schwieriger Prozess sein.
Tracks zu schreiben ist für mich nicht das Problem. Ich hatte eher Mühe damit, dass ich alleine war und so keine andere Meinung hatte, die mich feedbacken konnte.

Ist es manchmal nicht schwierig zu schreiben, weil es manchmal fast uninspiriert ist? Weil mach einfach gar nichts Spektakuläres passiert ist?
Ja das ist schon manchmal so. Auf der anderen Seite muss es ja nicht immer spektakulär sein. Ich habe auf diesem Album viele Sachen, die etwas früher passiert sind, verarbeitet. Es ist auch etwas meine Art mich mitzuteilen.

Seit deinem Demo bis zum fertigen Album ist noch einmal enorm viel gegangen. War das auch dein Eindruck?
Ich wusste schon, dass man da noch was dran machen muss. Auch eine richtig gute Single hatte bis dahin gefehlt. Dann habe ich nochmals Gas gegeben und es sind in nur zwei Wochen noch ein paar richtig gute Tracks entstanden, die ich fast am wichtigsten für das ganze Album finde. Es hat also noch einen positiven Schub gegeben.

Bei Luut & Tüütli habt ihr ja Clapz für viele Beats am Start gehabt. Das war wieder so. Wer ist das genau?
Ja ich habe wieder mit ihm zusammengearbeitet. Ich kenne ihn schon lange. Er ist ein guter Freund und ein guter Musiker. Wenn ich etwas Bestimmtes will, dann macht er das so. Er brachte auch die meisten Beats für das Album.

Wie arbeitest du denn mit ihm zusammen?
Wir teilen uns ein Musikraum und da war vieles einfach natürlich. Meistens waren wir Beide da und so war das kein Problem. Ausser wenn er etwas Neues über Nacht gemacht hat, dann hat er es mir am nächsten Morgen gezeigt. Und ich konnte wirklich gut Einfluss nehmen und feedbacken und sagen, ‚hey mach da weiter‘. Ich wollte die Beats schon so, wie ich sie mir vorstellte.

Du bist sehr ehrlich auf dem Album. Ist das nicht komisch für dich, dass dann selber so zu hören?
Es ist schon komisch. Aber es gibt viele Rapper, die nichts sagen und das wollte ich nicht, das finde ich nicht geil. Ich habe auch nie solche Musik gehört, sondern immer Musik, die etwas mitgeteilt hat. Das war auch bei Luut & Tüütli schon so und ist jetzt vielleicht noch etwas extremer, weil ich alleine bin.

Es ist schon ein Album voller Leiden und Schmerzen.
Das stimmt schon so. Ich bin mir schon auch bewusst, dass ich dadurch eine grosse Angriffsfläche biete. Auf der anderen Seite habe ich ja schon wirklich alles erzählt. Es kann mir gar niemand mehr schaden. Aber es hat ja noch ein paar andere Tracks, dadurch ist das Album nicht ganz so düster.

Wenn du in einem Track sagst, es fehlen dir sieben Jahre, was muss man sich darunter vorstellen?
Ja, das waren viele Frauengeschichten, viele verschwendete Jahre, wirklich eine lange Zeit. Ich erkläre ja auch nicht ganz genau, was passiert ist. Aber es hat mich schon extrem geprägt.

Haben dir die Jungs von Luut & Tüütli gerade auch während der Produktionszeit gefehlt?
Ja sicher. Einsamkeit ist auch ein grosses Thema. Ich habe ein Jahr lang gearbeitet und die Jungs selten gesehen.

Um etwas auf die Tracks einzugehen. Was kannst du zu „Wäni dett bi“ sagen?
Das ist ein extrem wichtiger Track. Ich spreche über den Tod. Es sind Sachen passiert und deshalb mache ich mir Gedanken darüber. Zum Beispiel ist mein Onkel gestorben oder meine Mutter hatte einen Schlaganfall. Das alles hat mich sehr viel beschäftigt. Es fiel mir aber nicht schwer, diesen Text zu schreiben, denn schlussendlich ist es trotzdem ein schöner Track.
Mit Seven zu arbeiten finde ich halt auch geil. Das ist der krasseste Mensch, den ich je in einer Gesangskabine gesehen habe.

Aber du bist einer, der nicht einfach „nice track“ sagt, sondern glaubst du auch daran, was du dort ansprichst? Das Gottvertrauen und Leben nach dem Tod?
Auf jeden Fall. Ich bin jetzt nicht streng gläubig, aber ich kann mich daran fest halten.

Was sagt deine Familie zu den Songs?
Ja, meiner Mutter die Tracks abzuspielen hätte ich, so glaube ich, schon etwas Mühe. Weil ich glaube, sie hätte Mühe zu hören, dass ihr Sohn unter ihrer gesundheitlichen Situation leidet. Aber sie weiss, was ich mache und es sind alle stolz auf mich!

Enorm berührend finde ich auch den Track mit Shpoiz.
Das war der Hammer. Er hatte seit einem Jahr kein Mic mehr in der Hand. Ich hatte eine Scheissfreude daran und er auch. Wir haben uns eben wenig gesehen in der letzten Zeit, deshalb hat es extrem geflasht, wir haben’s extrem gefühlt.

Du hast Featurings mit Mondo Marcio und Kool Savas gemacht. Wie ist es dazu gekommen?
Ich bin ein grosser Fan von Mondo Marcio und habe alle seine Alben gehört, die alle phantastisch sind. Er schreibt manchmal in einem ganzen Album nur über ein Thema und macht alle Beats selbst. Mit ihm bin ich über Myspace in Kontakt gekommen und die Arbeit mir ihm war sehr geil.
Bei Kool Savas lief es mehr über das Management. Ich finde dieses Featuring hat wirklich sehr gut geklappt und ich sehe gut aus neben Savas. Es war also keine einseitige Sache, was sonst viel der Fall ist bei Savas-Featurings. Dieses Projekt war für mich ein grosser Ansporn. Und ihn hat es auch sehr gefreut.
Er hat, nachdem wir das Thema abgemacht haben, in einer Nacht seine Bars geschrieben. Das hat mich natürlich gepusht und so habe ich ihm meinen Part einen Tag später zurückgeschickt! Das hat schon so den Rapperstolz in mir geweckt (lacht).

Flowmässig hast du nochmals zugelegt. Hast du nochmals richtig geübt?
Nein, das kommt sicher mit der Erfahrung und Routine. Ich bin auch so reif, dass ich nicht immer auf den Flow achten muss oder will, sondern nur dort wo es nötig ist.

Kämpfst du dann um die Silben beim Texte schreiben, dass es einen geilen Flow gibt?
Bei mir ist das ein komischer Prozess. Ich schreibe die Texte nie auf, sondern rappe sie immer und immer wieder im Kopf durch. Ich will sie nicht aufschreiben bis nicht jedes ‚und‘ und ‚ich‘ am richtigen Ort ist. Und bis das soweit ist, kann ich den Text dann auswendig. Das habe ich schon immer so gemacht. Ich kann auch nicht lesen und rappen gleichzeitig, wie das die meisten beim aufnehmen tun, die ihre Texte aufschreiben.

Hast du dann nie einen Hänger beim Aufnehmen?
Manchmal muss ich kurz überlegen, aber wenn ich dann den Beat höre ist es schnell wieder da.

Es kamen ja Vorwürfe auf, du hättest für Pipsy, dein Female Featuring als Ghostwriter den Text geschrieben?
Nein, diese Frau kann wirklich rappen. Sie hat auch schon einen Track mit Blumentopf gemacht, welcher auf der Arosa-Compilation drauf ist. Aber das kann ich versprechen, ich würde für niemanden als Ghostwriter Texte schreiben.

Jetzt ist das Album da. Wie fühlt sich das an?
Es ist komisch. Man arbeitet lange daran und kennt deshalb schon alles, bevor es fertig ist. Das ist fast ein wenig enttäuschend. Man macht jeden Beat und Text selber und muss es dann weggeben. Die Leute bilden dann ihre eigene Meinung aufgrund eines Videoclips, auf den ich am wenigsten Einfluss habe vom ganzen Album, das ist schon ein komisches Gefühl. Aber im Grossen und Ganzen habe ich auf jeden Fall Freude. Jetzt ist die Türe wieder für neue Sachen offen. Ich konnte auf dem Album auch vieles verarbeiten, was in den letzten Jahren passiert ist.

Du bist schon lange dabei in der Rapszene und es hat sich vieles verändert. Der Altersunterschied zwischen dir und dem Publikum wird immer grösser. Was sagst du dazu?
Die Szene in der Schweiz ist tot. Neue Leute habe kaum mehr die Möglichkeit eine Platte raus zu bringen, weil es die Labels nicht mehr interessiert, da das Geschäft gar nicht mehr rentiert. Es sind auch schlechte Acts hinterhergekommen. Wenn man sich achtet, stellt man fest, dass hauptsächlich immer noch dieselben Acts wie vor fünf Jahren hier sind: Tiger, Bligg, SK, Wurzel5, und Chlyklass. Es ist niemand nachgekommen, der richtig was gerissen hat. So haben die Leute ihr Interesse verloren.

Also liegt das Problem bei der Industrie oder bei den Jungen Acts?
Das Problem kommt schon von den jungen Rappern. Wenn es gute Leute gäbe, würde die Industrie schon darauf anspringen, das war schon immer so. Es gibt wenig gute junge Rapper. Das ist traurig, aber wahr.
Klar, den einen oder anderen gibt es schon. Es gibt schon Jungs, die gut rappen können, aber das reicht heute bei weitem nicht mehr. Es gibt zu wenige Leute, die wirklich was reissen und eine gute Show durchziehen können, die live richtig abgehen. Das sieht man auch an den Verkäufen und an den Konzerten

Hast du auch ein wenig Angst?
Ja klar. Aber nicht nur für mich. Für alle Leute mit Talent ist das schade. Ich liebe diesen Scheiss. Auch wenn ich keine CD’s mehr erkaufe, schreibe ich weiter, weil ich das liebe. Und genau darum tut es so weh. Weil man sieht, wie das, was man liebt, den Bach runter geht.

Und hast du schon einen Rettungsplan?
Nein im Moment nicht Ich sehe gerade sehr schwarz. Das ganze Download-Zeugs macht es schwierig für Künstler und Labels. Man verkauft weniger, weil die Kiddies immer mehr runterladen. So kann man keine Platten mehr rausbringen und keine Konzerte mehr spielen. Die Leute wissen dann nicht einmal mehr, dass es einem gibt.

Noch einmal zurück zu deinem Album! Was hast du für Erwartungen, nachdem du so viel Energie und Zeit reingesteckt hast?
Ganz im ernst, ich habe keinen blassen Schimmer und null Erwartungen. Top 20 wäre schon ‚huere geil‘, glaube ich aber ehrlich gesagt nicht, dass wir das schaffen. Vielleicht will ich mir ja einfach unbewusst Druck nehmen. Auf der anderen Seite habe ich Phenomden gesehen, der auf Platz 9 eingestiegen ist und das hat mir extrem Freude gemacht und das gibt auch Hoffnung. Er ist natürlich auch der einzige seiner Sparte im Moment, der Vorreiter, aber ich gönne es ihm von Herzen. Aber eben, auch wir haben ein cooles Video gemacht. Es ist wirklich schwierig einzuschätzen, wie es laufen wird. Aber ich stehe gerne auf zum Rappen und werde immer Musik machen, egal wie gut sich das Album verkaufen wird.

Zum Schluss, was alle noch interessieren würde: Gibt es schon konkrete Pläne für ein weiteres Album mit den Jungs von Luut & Tüütli?
Konkret nicht, aber wir haben schon zusammen gesprochen und Shpoiz hat jetzt seine Ausbildung fertig. An mir wird es sicher nicht scheitern. Ich bin der erste, der dabei ist. Das ist auch ein Wunsch von mir. Wieder ein Luut & Tüütli Album machen und dass wieder weiterschauen. Und ich glaube auch Shpoiz hat echt Lust dazu und wäre sicher wieder dabei.

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