Deichkind – Wir sehen uns eher als Stümper denn als Musiker.

DE-Rap

Fährt mal im Dinkel-, mal im Kapitalo-Auto und ist nach Konzerten hin und wieder auch der weinende Clown: Deichkind-Mitglied Philipp sprach mit Aightgenossen über das Konzept seiner Band.

Aightgenossen: Wieso nervt Arbeit eigentlich?
Philipp:
Ach, mich nervt Arbeit eigentlich gar nicht so. Ich hab das nur mal so gesagt. Manchmal ist das so. Aber wenn du mir die Frage so stellst, dann ist das ja so ‚ne Interviewfrage, oder? Dann kann ich ja auch mal länger ausholen.

Gerne doch!
Also, das ist jetzt mittlerweile unser viertes Deichkind-Album. Die Band gibt’s jetzt schon zwölf Jahre. Und wir haben festgestellt, dass sich die Band seit dieser Techno-Geschichte in zwei Lager gespaltet hat. Das zeigt sich auch, wenn wir irgendwo an ein Festival fahren. Wir sind dann immer mit zwei Autos unterwegs.

Die coolen und die uncoolen Bandmitglieder?
Nee, anders: Da gibt’s einmal die Dinkel-Fraktion. Das sind die Nichtraucher, Vegetarier meistens, die nicht auf der A7 bei Burger King anhalten und die sich eher so mit der Hochkultur beschäftigen und im Auto die FAZ lesen. Zum anderen gibt’s die Kapitalo-Fraktion. Das sind meistens die Leute, die aus dem Bauch heraus handeln, asoziale Rapmusik hören und das dann auf Impuls gut finden und sich bei jedem Burger King und bei jeder Tankstelle Nasche kaufen. Ich selber bin oft hin und her gerissen. Mal fahr ich im Dinkel-Auto, mal im Kapitalo-Auto. Und da sieht man, dass der Titel „Arbeit nervt“ auch verschiedene Ansätze hat: Die Dinkel-Fraktion setzt sich mit ihrer Situation auseinander, macht ihre Arbeit, obwohl sie mit ihrer Arbeit als Musiker auch oft unzufrieden ist. Der Kapitalo ist eher der, der sagt: ich bin froh, dass ich jetzt bei Deichkind bin und nicht mehr auf dem Bau arbeiten muss. Wie zum Beispiel Porky, der eine Ausbildung zum Elektroinstallateur angefangen hatte und froh ist, dass er jetzt nicht mehr morgens um sechs in irgendeinem Rohbau stehen und Kabel verlegen muss, weil er jetzt für uns arbeitet. Ja, so gibt es verschiedene Ansätze. Wir sind auch keine Band, die jetzt so wirklich mit einer Meinung rausgeht und sagt: „Arbeit nervt“ bedeutet für uns genau dies! – Hinter dem Titel verbergen sich verschiedene Ansätze. Unter anderem ein Populistischer: Die vier Alben vorher hatten alle so kryptische Namen und Botschaften, wie „Bitte ziehen sie durch“, „Noch fünf Minuten Mutti“ oder „Aufstand im Schlaraffenland“ – das waren halt keine wirklich greifbare Titel. Wir dachten, dass wir jetzt mal einen Titel machen, der für jeden greifbar ist. Zum Beispiel ganz plump: Ein Fan ist von seiner Arbeit genervt und geht ans Deichkind-Konzert, um zu entspannen.

Aber letzterer Ansatz, also zum Deichkind-Konzert gehen und mal völlig ausklinken, das ist mittlerweile schon zu einer Art Grundkonzept geworden, oder?
Ja, es geht bei uns sicher auch sehr stark um Entertainment. Wir haben selber auch festgestellt, dass wir oft mit billigen Tricks arbeiten. Zum Beispiel mit Konfettikanonen. Da würden andere Bands sagen: Nee, das möcht‘ ich nicht. Ich möchte lieber virtuos auf der Bühne spielen. Bei uns geht’s auf eine Art um Exzess, um Recht auf Rausch, um Eskapismus. Wir spielen da mit ganz anderen Themen. Wir haben unserem DJ ja auch einfach die beiden Plattenspieler weggenommen und ihm ein Trampolin unter die Füsse gestellt. Der sollte sich dann auch mal ein paar andere Sachen ausdenken als einfach nur auflegen. Wir sehen uns da eher als Stümper denn als Musiker.

Also Stümper mit philosophischem Überbau?
…das zieht sich ja eigentlich durch das gesamte Ding. Wir sind ja mittlerweile auch mehr ‚ne Liveband als nur ‚ne Popband, die Platten produziert und dann auch Tour geht. Unsere Platte ist ja sozusagen Beiwerk zum Konzert. Wir waren ein halbes Jahr unterwegs und haben die Platte aufgenommen, waren noch in ‚’nem Ferienhaus in Dänemark. Daher auch der Titel. Arbeit nervt ist auch so ‚’n Ding, dass man das lernt. Ich hab für mich gelernt, was für mich als Kreativen Arbeit bedeutet. Das ist nicht so wie bei meinem Vater, der als Bauingenieur arbeitet, morgens aufsteht, ins Büro geht und abends glücklich nach Hause geht. Bei mir gibt es viele Phasen, in denen ich im Studio sitze und einfach nichts passiert. Dass einfach nur Brachland da ist und mir nichts einfällt. Das ist das Anstrengende als Kreativer. Damit muss man lernen umzugehen. Und dann auch dankbar sein, wenn bestimmte Sachen passieren.

Ich erinnere mich an einen eurer Auftritte Ostern 2006 im Club Rio in Berlin spielen sehen. Euer Remmidemmi-Konzept, die Müllsack-Verkleidungen mit den Neon-Stäbchen und die Wunderkerzen auf dem Kopf waren noch ganz neu damals.
Ja, das war ein toller Auftritt. Da fingen wir uns dann aber schon langsam Sorgen um die Sicherheit zu machen. Wir haben einfach festgestellt, dass die Leute bei unseren Konzerten oft so in Rage geraten, dass sie die Bühne stürmen und sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Einmal in Stuttgart mussten wir das Konzert nach einer knappen Dreiviertelstunde abbrechen, weil wir ausser unseren Unterhosen und zwei Mikrofonen einfach kein Equipment mehr hatten. Da haben wir dann festgestellt, dass man bestimmte Sicherheitsmassnahmen ergreifen muss. Crash Barriers vor der Bühne zum Beispiel. Beim Melt Festival vor zwei Jahren hat DJ Phono die Leute gebeten, alle auf die Bühne zu kommen. Das war dann echt sehr gefährlich. Plötzlich standen 600 bis 700 Leute auf der Bühne. Die Sicherheitsleute hatten nichts mehr im Griff. Dann kam der Stage Manager mit bleichem Gesicht zu mir und hat gesagt, ich solle bitte die Musik ausmachen, sonst gebe es Tote. Seither passen wir sehr gut auf. Wir haben auch gelernt die Masse etwas in den Griff zu kriegen. Unser Publikum will ja keinen Krawall machen.

Wie lustig ist es eigentlich solche Halligalli-Spasskonzerte nachmittags um drei bei vollem Sonnenlicht zu geben?
Nun, das Ganze was wir da vom Stapel gerissen haben, war ja auch ein Befreiungsschlag vom deutschen HipHop. Da haben wir dann einfach gedacht: Jetzt verkleiden wir uns einfach mal und befreien uns von all den Klischees und Konventionen. Aber der Albumtitel „Arbeit nervt“ beinhaltet natürlich auch diese Aspekte. Immer hat man da ja auch nicht Bock zu. Nach solchen Konzerten ist man oft der weinende Clown hinter der Bühne. Aber es gibt einfach immer wieder Auftritte, wo der Funke überspringt und da ist man dankbar dafür, was man geschaffen hat.

Auch viele deutsche HipHop-DJ’s spielen jetzt „3 Tage wach“ von Lützenkirchen und dann „Krawall und Remmidemmi“ von Deichkind.
Ja, das ist für die auch eine kleine Befreiung. Solche Leute sind eben auch sehr schwer gefangen in diesem Genre. Anfang der Neunziger war ich auch sehr Genre fixiert. Nur HipHop und ganz credibil musste es sein. Ich hab dann vor allem Eastcoast-HipHop gehört, A Tribe Called Quest und später Jay Dee. Irgendwann hab ich dann diesen Schritt mit der Band gemacht. Es ist gar nicht einfach, sich für neue Sachen zu öffnen. Ich merke, dass die Jugend von heute gar nicht mehr so kategorisch denkt. Ich habe fast das Gefühl, dass es heute hip ist sich in verschiedenen Genres auszukennen. Wenn ich vor einem Deichkind-Konzert über den Parkplatz laufe und die Leute sich da im Auto schon mal warm machen für die Show, dann hört man da echt alles Mögliche. Da sind alle Genres vertreten. Ich glaub, das ist heute auch nicht mehr peinlich, wenn jemand ein trashiges, poppiges Stück hört. Es ist eher die Attitüde, die bei der Musik ‚ne Rolle spielt, nicht das Genre.

Auf der anderen Seite gibt es immer noch die Typen um die dreissig, die hängen geblieben sind und voll dogmatisch denken.
Ja, stimmt. Nun, es ist ja schon so: „Remmidemmi“ ist auf ‚ne Art ziemlich hässliche Musik. Diese Bassline und so. Das ist halt sehr billiger Techno. Aber am Ende ist es gerade das, was so viel Spass macht. Dass man gar nicht denkt: das müsse jetzt genau meinen Musikgeschmack treffen, sondern einfach die Einstellung. Uns sagen auch viele Leute: Ich würde niemals Techno hören, aber euch find ich cool. Ich hab früher Techno gehasst. Ich fand das schrecklich, billig. Ich hab’s nicht geahnt, was das bedeutet. Mittlerweile weiss ich, dass es genau wie beim HipHop ist. 80 Prozent der Sachen sind scheisse und 20 Prozent sind geil. Man muss sich einfach darauf einlassen.

Denkst du auch manchmal: Verdammt, ich hab Anfang der Neunziger Jahre viele gute Raves verpasst…?
Ja. Ist auch wichtig. Ich hab vor drei Jahren angefangen Gitarre zu spielen und hab dann gemerkt, wie geil es ist verzerrte Riffs zu spielen. Und wie geil Musik eigentlich ist. Dass sich da plötzlich so Universen öffnen, wo man früher nie dran gedacht hätte. Gerade wenn man selber beruflich Musik macht, sind solche Erlebnisse verdammt wichtig.

Wieso habt ihr euch eigentlich ausgerechnet Richtung Techno?
Ganz einfach, weil wir alle kein Instrument spielen konnten und das Handwerk bei elektronischer Musik und bei HipHop das gleiche ist. Du sitzt im Studio im Computer und programmierst Sequenzen, arrangierst auf die gleiche Art und Weise und tüftelst Grooves aus. Natürlich machen wir jetzt keine Klassik oder keinen Indie Rock, weil wir einfach nicht so ‚ne Band in dem Sinne sind. Wir gehen ja nicht in den Übungsraum und legen dann zusammen los. Für Techno und HipHop benötigt man einfach das gleiche Handwerk, auch wenn die Einstellung eine andere ist.

Sogar die Einstellung war mal ähnlich. Die Musik hat ja eigentlich – zumindest teilweise – die gleichen Wurzeln.
Ich kenn mich da gar nicht so aus. Das wissen Musikjournalisten viel besser. Das hab ich auch festgestellt, dass einem dann Journalisten sagen: Mensch, ihr klingt jetzt plötzlich so wie dies und das. Und dann muss ich leider sagen: Keine Ahnung. Für uns war das einfach so ‚ne Befreiung. Es gibt uns mehr Möglichkeiten kreativ zu sein.

Hast du denn zu der Zeit viele elektronische Sachen gehört?
Ja, natürlich. Ich hab das dann auch kennen gelernt. Bei einigen Tracks hatte ich echt so Momente wie als ich sechzehn war und gerade ein neues De La Soul-Album in der Hand hatte.

Was war das dann so zum Beispiel?
Superdiscount, Etienne de Crécy, Justice, Daft Punk – das fand ich alles richtig geil.

Alles auch Leute, die früher was mit HipHop am Hut hatten.
Stimmt, genau. Das ist wie in Deutschland mit 5 Sterne Deluxe und Fischmob, die jetzt bei International Pony und Moonbootica mitmischen. Das ist der Lauf der Dinge. Die waren auch genervt von ihrem ollen Hamburger HipHop.

Wenn das Thema auf Deichkind kommt, spuken vielen immer so seltsame Zeilen wie „Auf dem Bild in der Küche sieht sie aus wie Katja Ebstein“ im Kopf rum. Wie absichtlich ist das?
Das kommt einfach. Das passt sich so ins Bild ein. Jemand hat eine Ideed, man sitzt beisammen und fragt sich, was weiter passieren könnte. Das geht sehr schnell. Gute Nummern von Deichkind sind in einer Viertelstunde fertig. Auch jetzt bei der neuen Platte ist es so, dass die Songs, an denen man zu lange dransitzt, nicht echt genug rüberkommen.

Gute Nummern sind in einer Viertelstunde fertig?
Nicht fertig, aber man hat die Idee festgehalten. Man ist dann über den Berg. „Remmidemi“ ist auch so ‚n Ding Kick, Snare, Hihat, ein Synthiesound und das war’s. Ich fange ja meistens mit den Beats an. Ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie ich jetzt ‚nen Hit schreibe oder so was. Am Liebsten zwischen Tür und Angel. Wenn ich weiss, dass ich in einer Viertelstunde los muss, dann fang ich noch mal einen Beat an. Die Dinger sind dann meistens auch am besten. Die haben am meisten Power. Weil ich mir da nicht gross Gedanken mache.

Aber bis man zu diesen Viertelstunden kommt, sitzt man drei Wochen rum.
Genau, davor liegt ein riesiges Brachland. Da sitzt man drei Wochen doof rum und sinniert. Ich bin ja auch ein Dinkel, wie jeder. In jedem steckt ein Dinkel. Da fragt man sich dann: Was führe ich eigentlich für ein Leben? Macht das alles Sinn? Sitzt in der Küche und trinkt einen Kaffee nach dem anderen. Ich glaube, es ist eine Lebensaufgabe sich damit abzufinden, dass man ein Kreativer ist.

Andere Frage: Ferris ist jetzt wirklich festes Mitglied bei euch?
Genau.

Wieso denn zum Beispiel nicht Das Bo, der war ja auch eine Weile mit euch unterwegs?
Das hat sich einfach so ergeben. Bo macht ja seine Solosachen. Wir brauchten noch jemanden für die Bühne. Wir haben dann ein paar Auftritte zusammen gemacht und es hat super gut geklappt. Dann haben wir gesagt: Mensch, lass uns doch gemeinsam ins Studio gehen. Jetzt ist er bei vier, fünf Tracks mit dabei.

Letzte Frage: Wann ist ein Deichkind-Track fertig?
Wenn er sich über mehrere Minuten trägt und die Energie bleibt.

Deichkind treten am Dienstag, dem 9. Dezember 08 in Zürich im X-tra auf.

DE-Rap