Red Bull BC-One – Storm: Da steckt halt einfach eine ganze Kultur dahinter

Int. Rap

Wenn aus Tänzern Gladiatoren werden: Am Red Bull BC-One, dem wichtigsten Einzelwettkampf für B-Boys, wird jährlich der Beste der Besten gekürt. Doch was bedeutet dieser Titel? Und wo kommen derzeit die besten B-Boys her? Der 39-jährige Nils Robitzki, besser bekannt als STORM, beantwortete uns diese Fragen.

Storm, wie würdest du den Stellenwert des BC-One einschätzen?
Das BC-One ist auf alle Fälle für B-Boys die wichtigste Solo Competition der Welt. Es gibt allerdings auch keine Andere. Die B-Boys treten hier unabhängig von ihrer Crew auf. Es werden nur Solotänze gezeigt. Das ist einzigartig im B-Boying.

Wie wird das von den Tänzern aufgenommen?
Sehr gut. Hier beim BC-One ist der Fokus wirklich nur auf eine einzige Person gerichtet. Sie erreicht dann im Endeffekt eine Art Gladiatorstatus. Dass die Einzelnen hervorgehoben werden, macht meiner Meinung nach einfach nur Sinn. Denn auch bei den Crew Battles ist es schlussendlich meistens so, dass ein Tänzer aus der Gruppe heraussticht. Es ist schlussendlich einer, der den Unterschied ausmacht und den Titel für die Gruppe holt. Trotzdem hört man hinterher immer nur den Namen der Gruppe. Von daher ist es völlig richtig so. Du bist schon seit über einem Vierteljahrhundert aktiver B-Boy und hast diese Entwicklung hin zu diesem Event auch mit in Gang gebracht.
Hm, das würde sich dann so anhören, als hätte ich die Idee fürs BC-One gehabt. Das war aber nicht so. Ich habe an der Entwicklung des B-Boying teilgenommen. Mit dieser Meisterschaft selbst hatte ich aber überhaupt nichts zu tun. Wie du weisst, waren das zwei Schweizer.

Wie ist das BC-One eigentlich in der B-Boy-Community aufgenommen worden? Den Fokus auf einzelne Personen zu verlegen, war ja ein neuer Aspekt.
Die Meisterschaft ist in der B-Boy-Community sehr gut aufgenommen worden. Natürlich könnten sich alle Künstler einen noch grösseren Werbeeffekt vom BC-One versprechen. Und für den Sieger dürfte auch ein bisschen mehr herausspringen. Aber den Tänzern geht es in erster Linie darum, dass ein Austausch stattfindet. Wenn man hier rumgeht, merkt man einfach, dass da ein bisschen mehr dahinter steckt als irgendwelche materiellen Dinge. Hinter dem Ganzen steht alt einfach eine starke Kultur.

Was hat der Titel für Leute wie Ronnie, Hong 10 oder Lilou bewirkt?
Also generell kann man sagen, dass man als Sieger des Red Bull BC-One im Tanzbereich eine der besten Referenzen überhaupt in der Tasche hat. Das ist wie ein Zeugnis mit lauter Bestnoten. Wenn du das BC-One gewonnen hast, zählt das was. Der Name der Veranstaltung ist zum Begriff geworden, weit über die B-Boy-Community hinaus. Danach kann man davon ausgehen, dass man sein Leben mit Tanzen bestreiten kann. Das ist für viele vorher kaum denkbar.

Wie sieht denn ganz generell die momentane Wirtschaftslage für Tänzer aus?
Das Auftragsvolumen wird grösser und grösser – und das seit Jahren. Das ist schon mal eine sehr wichtige, positive Erkenntnis. Ich hab vor einigen Jahren schon mal gedacht, dass wir den Höhepunkt erreicht hätten, aber da gab’s das BC-One noch nicht mal. Und du merkst, ja, es geht immer weiter. Adidas hat hier in Paris vor nicht mal einer Woche den ersten, speziell für B-Boys entwickelten Turnschuh herausgebracht. Die haben extrem viel Geld in dieses Produkt reingesteckt. Es ist also noch lange nicht ausgeschöpft, denke ich.

Wie sieht aus deiner Sicht die Zusammenarbeit mit Red Bull aus?
Red Bull hat schon bevor es das BC-One überhaupt gab, verschiedene HipHop-Veranstaltungen unterstützt und am Leben gehalten. Die Zusammenarbeit funktioniert, weil der gegenseitige Respekt da ist.

Dann sag uns noch was über das aktuelle Geschehen im B-Boying. Wo kommen derzeit die besten B-Boys her? Vor einer Weile sprach alles über Südkorea, und nun?
Ich bin nun so extrem Kosmopolit, dass ich das in meiner eigenen Betrachtungsweise ziemlich ausser Acht lasse. Aber ich kann dir schon jetzt sagen, dass es nicht bei Korea bleiben wird. Jedes, also fast jedes Land, steht irgendwann im Rampenlicht was dies angeht. Es gibt sehr viele Länder, die schon sehr viel Rampenlicht abbekommen haben. Dazu gehörten Anfang der Achtziger Jahre natürlich die Vereinigten Staaten, mit der Geburtsstätte New York. Dann ging’s zur Zeit der Olympischen Spiele 1984 so ‚n bisschen nach Los Angeles rüber. Danach war Deutschland an der Reihe, und die Schweiz übrigens auch. Frankreich war aber auch nicht ohne. Wir hatten bloss in Deutschland das Glück, dass wir durchs Tramperticket und durchs Interrailticket das gesamtdeutsche Netz der Bundesbahn so vereinigt haben, dass es im Endeffekt wie ein grosser S-Bahnplan war und wir von Jam zu Jam reisen konnten. Der Austausch war schon damals sehr intensiv. Daher haben wir auch heute noch die Battle of the Year bei uns. Die Schweiz gehörte da – etwas böse gesagt als Randstadt von Deutschland – immer mit dazu. Die Schweiz war im Zentrum von Europa und so gab’s auch dort immer sehr viele gute Leute. Viel spielte sich in der Coupole in Biel ab. An den Jams kamen Franzosen, Deutsche, Italiener und Schweizer zusammen. Das sind Momente in der Geschichte des B-Boying, die nicht vergessen werden dürfen. Genauso wenig wie die Anfangszeiten in New York.

Und wo stehen wir jetzt?
Na ja, beim Battle Of The Year hat man das gut gesehen. In den letzten Jahren waren die Tendenzen immer im Finale waren eigentlich immer nur französische und koreanische Gruppen zu sehen. Und jetzt dieses Jahr zum ersten Mal war es eine russische Gruppe, die gewonnen hat. Also ich sag mal so: Komischerweise haben Staaten, von denen man wenig gehört hat in den letzten Jahren, wie zum Beispiel Portugal, Holland, Ukraine sind plötzlich mit am Start. Und die sind richtig gut. Durch das Internet gelangt B-Boying heute auch ins hinterste Dorf, ins letzte Kaff.

Die üben da also lange klammheimlich vor sich hin und plötzlich stehen sie dann da und gewinnen?
Genau, das passiert. Und niemand hat vorher je wirklich von denen gehört. Es ist ja auch sehr wichtig, dass man lange im Geheimen an seinen Sachen arbeitet. Irgendwann taucht man dann aus dem Nichts auf und legt sein ganzes Können in die Waagschale. Aber man muss wirklich vorsichtig sein und mit seinen Bewegungen gut haushalten. Oft wird eine Bewegung erfunden und bevor sie der Erfinder richtig ausgefeilt hat, wird sie von dreissig anderen kopiert. In kleinen Staaten hat man den Vorteil, dass man sich nicht so sehr im internationalen Blickfeld befindet. Die Brasilianer sind derzeit auch ganz vorne mit dabei. Da tut sich momentan sehr, sehr viel. Die Tänzer gehen dort mehr in Richtung Rhythmik. Sie beschäftigen sich weniger mit der Entwicklung neuer Moves. Aber es köchelt gewaltig.

Wie schlimm ist denn dieser Ideenklau im B-Boying?
Ich sag’s mal so: Die Entwicklung geht rasant vorwärts. Und leider ist es oft so, dass potentiell gute Tänzer in jungen Jahren ihre Bewegungen zu schnell vor einem grossen Publikum zur Schau stellen. Man muss halt vorsichtig sein mit seinen Erfindungen. Sonst greift sie sich irgendwer, der schon mehr Erfahrung hat, verbessert hier und da etwas und erntet dann den Ruhm. Die Jungen haben dann das Nachsehen. Andererseits hast du auch junge Tänzer wie den Japaner Taisuke, der universell begabt ist und noch mitten in seiner Entwicklung steckt. Dem kann man gar nicht viel wegnehmen. Aber für Tänzer, deren Stil auf zwei, drei Bewegungen fusst, kann so ein Ideenklau natürlich verheerend sein.

http://www.stormdance.de
http://www.rebbullbcone.com

http://www.myspace.com/bboytaisuke

Fotocredits:
Bild 1: Martin Nick
Bild 2: Martha Cooper
Bild 3: Matti Hillig

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