Grandmaster Flash – Ich hör im Moment Strawinski, no joke!

Int. Rap

Die Abenteuer des Grandmaster Flash gehen weiter: Soeben hat der 52-Jährige ein neues Album veröffentlicht. Uns hat der Mann, der das Plattenauflegen revolutionierte erzählt, worum es bei der Produktion von „The Bridge“ ging, wo HipHop heute zuhause ist und wie er zu seinen ersten Platten gekommen ist.

Aightgenossen: Dein neues Album heisst „The Bridge“. Hast du versucht eine Brücke zwischen früher und heute zu bauen?
Grandmaster Flash:
Nein, darum geht es eigentlich nicht. Ich meine damit eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und Lebensstilen. Zum Beispiel einen unbekannten und einen berühmten Rapper zusammen auf einem Stück zu vereinen. Oder einen amerikanischen Rapper und einen der, kein Englisch spricht. Deswegen klingt das Album auch so vielseitig. Und ich bin der DJ, der Regisseur, der alles zusammenhält.

Auf dem Album sind Leute wie Q-Tip, Busta Rhymes, KRS-One, Snoop Dogg und Grandmaster Caz von den Coldcrush Brothers zu hören. Du kannst dir wahrscheinlich aussuchen, mit wem du zusammenarbeiten willst. Wie triffst du die Auswahl?
Jedes Mal, wenn ich einen Beat fertig hatte, bin ich damit ins Auto gestiegen und eine ganze Weile rumgefahren. Dann hat mir der Beat immer selber erzählt, wer am besten zu ihm passen würde. Ich hab dann mein Management angerufen und ihnen gesagt, dass sie die jeweilige Person ausfindig machen sollen. Ganz einfach ist das aber nicht. Es ist ziemlich schwer Leute wie Snoop Dogg oder Busta Rhymes auf einen Termin festzunageln – auch wenn man Grandmaster Flash heisst. Aber schlussendlich hat’s geklappt.

Typische Journalistenfrage: Hast du einen Lieblingstrack? Vielleicht das Gedankenspiel „What If“ mit Krs-One?
Nein, ich hab keinen. Sie sind alle sehr speziell für mich.

Auf dem Stück „Bronx Bombers“ hört man etliche unbekannte Rapper. Alles gute Freunde von dir?
Nein, das sind junge, talentierte Rapper aus der Bronx. Ich wollte ihnen eine Chance geben.

In der Bronx gibt es tausende von Rappern. Wie hast du die gefunden?
Das haben meine Mitarbeiter für mich gemacht. Ich hab ihnen nur gesagt: „Leute, ich brauche drei Rapper aus der Bronx. Und sie müssen sehr gut in dem sein, was sie tun.“ Es kam mir überhaupt nicht darauf an, ob man sie schon kannte oder nicht. Mit dem Stück wollte ich etwas Grosses machen. Ich wollte der Bronx, dem Geburtsort von HipHop, Tribut zollen.

Ist die Bronx oder New York für dich immer noch das Zentrum von HipHop?
Nein, es gibt kein Zentrum mehr. HipHop ist mittlerweile in der ganzen Welt. Das beobachte ich jede Woche, wenn ich kreuz und quer über den Globus reise. HipHop ist mittlerweile überall zuhause, und ich lerne immer etwas dazu. Auch ich weiss längst nicht alles über HipHop. Und HipHop wächst. Immer noch. Heute.

Wann warst du das letzte Mal so richtig überrascht über die Reaktion der Leute?
In Russland. Ich weiss zwar nicht mehr wie die Stadt hiess, aber es war sehr eindrücklich. Die Leute haben nicht mal verstanden, wenn ich „Hallo!“ gesagt habe. Aber auf die Musik haben sie reagiert. Speziell auf die Breakbeats.

Du hast mit den Leuten also wirklich nur über die Musik kommuniziert.
Ja, zwangsläufig. Eigentlich ist es für mich sehr, sehr wichtig, dass mich die Leute verstehen. Ich setze sehr oft das Mikrofon ein. In den meisten Städten mache ich nachmittags im Hotel einen kleinen Sprachkurs. Ich frage nach einem Übersetzer und lasse mir dann Sätze wie „Hebt eure Hände in die Luft!“ übersetzen. Die übe ich dann den ganzen Tag. Es ist schon cool zu sehen, wie dann die ganzen Hände hochgehen. Das ist wichtig, denn die Leute müssen erst warm werden, ihre Hemmungen ablegen. Erst dann kann die Party richtig beginnen.

Bereitest du dich sonst noch vor?
Sicher, ich übe. Ausserdem beachte ich die Leute sehr genau. Nach fünf, zehn Minuten weiss ich, was sie für Musik hören wollen. Ich hab ein gutes Gefühl dafür.

Wie hast du eigentlich damals deine ersten Platten finanziert?
Ich habe Mädchen gedatet. Dann bin ich mit ihnen nach Hause und hab ihre Mütter gefragt, ob bei ihnen zuhause vielleicht irgendwo noch ein paar Platten rumstehen, die sie nicht mehr brauchen.

Und danach hast dem Mädchen den Laufpass gegeben?
(Lacht) Ja, gut möglich, dass ich früher ein böser Junge war!

Und wie habt ihr eure ersten Studiosessions finanziert?
Da standen wir schon unter Vertrag. Das hat unser Label übernommen.

Du legst seit über dreissig Jahren auf. Wie verhindert man da, dass man stehen bleibt?
Ich glaube, das ist einfach eine Einstellungsfrage. Ich wollte schon immer auf dem neusten Stand sein und das Ganze vorwärts treiben. Schon früher musste ich immer die heissesten neuen Stücke haben. Ich bin ein Entdecker. Und wegen meinem Erfolg steht mir dafür jetzt die ganze Welt offen.

Wie oft legst du eigentlich auf?
Du meinst wie oft ich auflegen könnte? Wahrscheinlich jeden Tag. Aber ich beschränke mich auf 120 bis 150 Gigs pro Jahr. Schliesslich habe ich ja noch andere Projekte am Laufen.

Was denn so?
Neben diesem Album werde ich bald Musik für ein Computerspiel machen. Ich kann nicht viel dazu sagen, ausser dass es wohl das grösste Spiel aller Zeiten werden wird.

Hast du einen momentanen Lieblingstrack?
Nein. Im Moment höre ich viel Strawinski. Igor Strawinski – no joke. Vor allem «The Rite Of Spring». Er ist ein wunderbarer Komponist, und da ich in Zukunft viel Filmmusik und Soundtracks machen werde, ist seine Musik eine gute Inspirationsquelle.

Wirst du diese Elemente denn in deine Produktionen einfliessen lassen?
Ja. Aber auf spezielle Art und Weise. Meine Sachen werden immer einen HipHop-Touch haben.

Du trägst diesen Titel, „Grandmaster“. Wer hätte diesen Titel deiner Meinung nach heute verdient?
Hm, schwere Frage. Sicher Barack Obama. Und Steve Jobs. Was er abzieht, ist Zauberei.

Das Album „The Bridge“ (Strut/Namskeio) ist soeben erschienen.

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