Raphael Saadiq – Ich habe zum Singen das Licht ausgemacht.

Int. Rap

Ein neuer Saadiq: Auf seiner aktuellen Platte „The Way I See It“ offenbart sich der erfolgreiche Komponist, Produzent und Multiinstrumentalist plötzlich als formidabler Sänger. Praktisch im Alleingang hat der Mann hinter Tony! Toni! Toné!, Lucy Pearl und „Untitled (How Does It Feel)“ von D‘Angelo ein hörenswertes, klassisches R’n’B-Album eingespielt.
Zuallererst eine Feststellung: Dein neues Album birgt eine Entdeckung. Raphael Saadiq, der Sänger. Irgendwie stand diese Rolle vorher nie im Vordergrund.
Ja, das stimmt. Ich bin so sehr Bassist und Produzent, dass ich mich nie so richtig auf den Gesang konzentriert habe. Das hab ich immer nur so nebenher, schnellschnell gemacht. Bei diesem Album war das anders. Bei dieser Musik ist jedes Wort ein Statement. Da musste alles sitzen.

Ist man als Produzent bei seiner Musik nicht überkritisch?
Doch, wenn ich mir meine Musik anhöre, habe ich ständig das Gefühl, dass noch etwas fehlt. Ich sitze dann alleine im Studio – meistens ist es schon zwei oder drei Uhr nachts – und versuche dem Lied den letzten Schliff zu geben. Fertig ist es erst dann, wenn ich auch beim zwanzigsten Mal Anhören noch dazu tanze. Wie ein Song von Bob Marley. Da darf nichts fehlen und alles muss richtig zusammenspielen.

Grosse Teile des Motown-Katalogs wurden von der Hausband des Labels aufgenommen. Deswegen grooven die Stücke auch so. Hattest du auch eine feste Band zur Verfügung?
Nein. Ich hatte meistens den kompletten Song schon im Kopf. Und ich war so ungeduldig ihn zu hören, dass ich immer gleich alles selber eingespielt habe. Wenn du erst die Musiker zusammentrommeln musst, vergeht viel Zeit. Erst müssen sie mal vorbeikommen, dann müssen sie sich mit deiner Idee vertraut machen. Das dauert. Deswegen habe ich immer erst später, wenn die Hauptbestandteile schon eigespielt waren, noch Leute dazugeholt.

Den schwierigen Gesang hast du auch alleine aufgenommen?
Ja, auch den. Meistens nachts. Das war einfach besser, weil ich meine Ruhe brauchte. Bei diesen Songs musste ich mich voll konzentrieren. Man muss sich emotional voll ausleben. Ich habe also das Licht ausgemacht, eine Kerze angezündet, den Aufnahmeknopf gedrückt und hab losgelegt. Das war die einzige Methode.

Wie läuft das, wenn Sängerinnen wie Kelis oder Mary J. Blige bei dir im Studio sind? Sagst du ihnen dann, wie sie singen sollen, coachst du sie?
Kommt ganz drauf an. Das ist gar nicht immer sinnvoll. Bei Mary J. Blige zum Beispiel bin ich rausgegangen. Sie hat ganz alleine eingesungen. Sie hat gleich sehr gut auf die Musik reagiert. Bei Kelis war das etwas anders. Das hängt ganz von der Person und der Stimmung ab.

Wie kommst du als so vielseitiger Musiker auf deinem vierten Soloalbum (zählt man das tolle Live-Album mit) nun eigentlich plötzlich auf die Idee dich auf einen Stil zu beschränken?
Sehr natürlich. Ich hatte einfach wieder Lust drauf. Ich habe schon als Kind in R’n’B-Bands gespielt und bin mit Soulsängern durch die Gegend getourt. Deswegen bin ich immer etwas verärgert, wenn die Leute dieses Album als „retro“ bezeichnen. Den Begriff „Retro“ kann man verwenden, wenn jemand jetzt auf einen Musikstil zurückgreift, mit dem er gar nichts zu tun hat. Egal, was er macht, es wird immer eine Annäherung bleiben. Mein Sound ist nicht retro. Es ist ganz einfach klassischer R’n’B.

Von „retro“ hab ich aber gar nichts gesagt!
Nein, nicht du. Aber ich muss in letzter Zeit so oft diese Frage beantworten. Und ich will dir erklären, was ich mache. Ich habe schon mit so vielen verschiedenen Musikern gespielt und bin schon als Kind mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt gekommen. Ich habe die alten Tricks und Kniffe halt wirklich noch von den alten Kerlen gelernt. Ich weiss auch über Rock und Funk Bescheid. In meiner Nachbarschaft hörte man jede Art von Musik. Ich war als Kind mit einem Typen befreundet, der ernsthaft dachte, er sei Jimmy Hendrix. Er hatte immer seine Gitarre dabei. Immer. Auch wenn er mit dem Fahrrad rumfuhr, immer hing die Gitarre um seinen Hals. Er hatte wilde Haare und war völlig weggetreten, zu viel LSD. Aber er hat jeden mit seiner Leidenschaft für Jimmy Hendrix angesteckt. Andere starke Einflüsse waren Funkrock und Jazz.

Und später kam dann HipHop dazu.
Ja, HipHop hat mich gleich begeistert. Aber mein besonderes Interesse haben dann erst A Tribe Called Quest und DJ Premier geweckt. Ich war stark auf die Ostküste fixiert. Ich kannte am Anfang nicht mal die Namen der Gruppen. Ich hörte nur die Beats und war fasziniert, weil sie die Musik gesampleten, die ich mit den anderen Gruppen selber spielte. Als wir mit Tony! Toni! Toné! dann Erfolg hatten, ergriff ich sofort die Gelegenheit um A Tribe Called Quest kennen zu lernen. Über sie hab ich dann ganz viel neue Musik entdeckt.

Wenn du Tony! Toni! Toné! schon erwähnst: Euer Trio war ja ziemlich erfolgreich. Was war der Grund für die Auflösung Anfang der Neunziger Jahre?
Irgendwann hat sich da einfach nichts mehr getan. Wir sind an Ort getreten. Das hat auch mit dem Erfolg zu tun. Wenn man Erfolg hat, wachsen die Egos, und das entfernt einen von einander. Plötzlich brachte jeder noch seine Entourage mit ins Studio. Statt drei, waren wir dann dreissig Leute. Jeder hatte seine Gruppe von Ja-Sagern dabei. Dazu kamen Frauengeschichten. Frauen im Studio, wechselnde Freundinnen, wilde Zeiten.

Wo sind deine Ja-Sager, wo ist deine Entourage?
Ich brauche so etwas nicht. Ich reise meistens alleine. Ausser natürlich, wenn ich Konzerte gebe, dann sind meine Musiker dabei.

Du produzierst sehr viele verschiedene Künstler. Gleichzeitig treibst du deine Solokarriere voran. Wie funktioniert das?
Ich bin nichts anderes gewohnt. Auch während der Arbeit an diesem Album, war ich parallel noch an anderen Produktionen beteiligt. Ich war zur gleichen Zeit mit Joss Stone und Bobby Valentino im Studio.

Aber das hättest du doch sicher finanziell nicht nötig, oder?
Doch, zu einem gewissen Grad schon. Man kann solche Aufträge nicht einfach so ablehnen. Schliesslich will ich ja im Geschäft bleiben. Ausserdem habe ich schon immer so gearbeitet. Gegen Ende der Produktionsphase habe ich mich dann aber ein paar Wochen nur darauf konzentriert.

Wie schon gesagt: Dein Album bietet puren klassischen R’n’B. Es gibt allerdings einige untypische Passagen. Zum einen die spanische Gastsängerin…
…ja, du hast Recht. Latinos lieben den alten Motown-Sound. Und da ich mit vielen Latinos aufgewachsen bin, wollte ich das unbedingt berücksichtigen. Bei diesem Lied bot sich das an. Dieser Doo-Wop-Swing liess sich gut damit kombinieren.

Und dann vor allem die Rap-Strophe von Jay-Z.
Das war eine Idee von meinem guten Freund Q-Tip. Ich spielte ihm «Oh Girl» vor und er sagte: „Nimm Jigga noch dazu!“ So ist Q-Tip. Er hat mir schon früher immer gute Tipps gegeben und mir neue Musik gezeigt. Als ich die Jungs von A Tribe Called Quest Anfang der Neunziger kennen lernte, haben mir Q-Tip und Ali Shaheed ganz viele unbekannte Jazz-Stücke gezeigt.

Hast du irgendwelche konkreten Erwartungen, irgendwelche Ziele mit deiner Solokarriere?
Sky is the limit. Ich gebe immer mein Bestes und dann schau ich, was passiert. Ich lasse mich ziehen, wie ein Kyte Surfer. Aber als Nächstes werde ich ganz sicher wieder etwas ganz anderes machen.

Hattest du jemals einen anderen Plan als Musiker zu werden?
Nein. Es ist geradezu scary. Ich weiss nicht, was ich gemacht hätte, wenn es nicht geklappt hätte. Ich glaube, ich hatte mal die vage Idee Architekt zu werden. Aber ich hatte keinen genauen Plan davon, wie das funktionieren sollte und wie ich damit Geld verdienen könnte. Daran hab ich nie gedacht. Ich war schon aus dem Haus und verdiente mein Geld mit Musik bevor ich gross darüber nachdenken konnte. Es ging wirklich früh los bei mir. Nach der Tour mit Prince und Sheila hab ich mit meinem Bruder und meinem Cousin etwa ein Jahr lang in der Umgebung von Oakland auf jeder Bühne gestanden. Dann wurden wir als Tony! Toni! Toné! unter Vertrag genommen. Und seither hatte ich gar nie Zeit irgendwas zu hinterfragen. Ich bin konstant an der Arbeit. Dass ich mich in vielen verschiedenen Stilen zuhause fühlen, ist ein riesen Vorteil. Das hilft mir heute, denn ich hatte nie einen Plan B.

Hast du mit Kontrabass angefangen?
Ich habe mit elektrischem Bass angefangen. Kontrabass hab ich dann später in der Highschool gespielt. Aber eben, ich hab eigentlich erst immer nur Bass gespielt. Später hab ich dann in der Dreier-Harmonie-Gruppe die Background-Parts gesungen. Da war ich vielleicht 12. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt hinter einem Mikrofon stand.

Was haben deine Eltern gemacht?
Mein Vater hat Lochplatten für den Flugzeugbau gestanzt, meine Mutter war Putzfrau. Meine Mutter kam aus Lousiana, mein Vater aus Texas. Sie haben sich in Kalifornien kennen gelernt. Ich bin in Oakland geboren.

Waren die beiden grosse Musikfans?
Nein. Meine Mutter ist sehr kirchlich erzogen worden. Da hat sie natürlich auch viel Musik mitbekommen. Bei uns zuhause lief schon immer Musik. Es wurde auch viel gesungen. Meine mittlerweile verstorbene Schwester hat die ganze Zeit gesungen. Sie konnte sehr gut singen. Mein Vater war Gitarrist und ebenfalls ein guter Sänger. Aber er hat nur sehr selten in unserer Gegenwart gesungen. Er sagte immer, dass er uns nicht das Gefühl vermitteln wollte, wir müssten das auch machen. Das war wohl der Grund dafür, dass ich mich mit dem Singen bis jetzt immer zurückgehalten habe.

Raphael Saadiq tritt am 18. April um 21 Uhr in der Roten Fabrik in Zürich auf. Sein Album „The Way I See It“ (Columbia/Sony) ist bereits erschienen.

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