DJ Nail – Stirbt Hip Hop, wenn es kein Vinyl mehr gibt?

Int. Rap

Die Langspielplatte, ja genau, diese runde schwarze Scheibe mit dem Loch in der Mitte, wurde um 1900 populär und in den 80er Jahren fast vollständig von der CD abgelöst. Heute verschwindet sogar allmählich diese und muss dem Zeitalter vom i Pod Platz machen. 

Doch davon lässt sich DJ Nail nicht unterkriegen; sein Plattenladen „6 pack records“ bei der Kalkbreite in Zürich hält trotzig Stand und fällt auf durch seinen Look aus den 90ern und sticht einem, nebst all den Trendshops & Billig-Discountern rund herum, ins Auge. Mit dem kühlen und übersichtlichen Interieur von exlibris hat der record – store nicht viel zu tun – Rap-, Soul- und Funk-Platten von links nach rechts, von vorne nach hinten, und die Wände mit Postern tapeziert. Hier ist die Liebe zur Musik noch so gross wie zu Zeiten der Golden Era. Ein guter Grund, den „6 pack rec“ mit einem kleinen Portrait zu ehren – nein, Hip Hop ist nicht tot…

Wie begann deine Leidenschaft zu Platten?

Zu dem Zeitpunkt, als ich begann Musik zu sammeln, also anfangs der 80er Jahre, waren CDs erst gerade aufgekommen, es war neu und es gab halt einfach nicht so viel auf CD. Für uns war es logisch, dass wir Kassetten hatten, damit konnten wir auch Lieder vom Radio aufnehmen. 1980/81 ist dann die erste Rapplatte dazugekommen, wo ich sagen musste, ja, das war das, was ich wollte…

Und somit begann dein Business mit den Platten?

Ich begann erst mal als DJ auch Platten zu kaufen, von denen ich wusste, dass sie andere auch hörten. Und dann gab es Kollegen, die sagten, „woah, die ist geil“, und die gab es dann halt sonst nicht mehr, und ich hatte halt relativ viel, weil ich auch lange in England war und an Flohmärkten Zeug pumpte… Dann haben die Leute halt gesagt, verkauf das mal, um dann auch deine eigene Sammelleidenschaft zu finanzieren. Aber viel Geld kam nie rein, als DJ gibt man ja immer mehr Geld aus als reinkommt….
Ich versuchte dann zu handeln mit dem Zeugs, bis ich mit den Jahren 6-7 Kisten voll davon hatte. 1990 ging der „smallworld“ zu, das war damals DER Hip Hop-Shop in Zürich, gegründet von 2 Leuten von 14K (Graffitimagazin, Anm. d. Red.), die hatten viele importierte Kleider, Schuhe und ein paar Spraydosen. Und dann ging der Shop zu, ein Ex-Mitarbeiter übernahm das Inventar und machte den „unit“ auf, und bei ihm begann ich meine Platten auf Provision zu verkaufen. Man kann sagen, das war der Startschuss zum professionelleren Plattenverkauf…
Der Laden ging dann aber auch nach 2 Jahren wieder zu. Ich hatte in der Ausbildung Prioritäten und begann Elektroingenieur zu studieren in Winterthur.
Habe das Studium dann aber wieder abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass ich mit der Musik aufhören müsste, um dies weiter zu ziehen und dass ich mir doch schon etwas erarbeitet habe und wenn ich dies aufgeben würde, wohl ganz verlieren würde.
Da es ja eigentlich so viele gute hip hop-Platten, aber keinen Laden dafür gab in Zürich, zogen wir 1996 in den Keller von „sixpack“ (bei der Langstrasse, verkauft ausschliesslich Spraydosen! Anm. d. Red.). Also hatten die Leute quasi 2 Fliegen auf einen Streich… Geschäftlich waren wir immer getrennt. Wir mussten auch nie einen Kredit aufnehmen, um das Business zu starten. Das war unser Prinzip – die Grundkosten tief zu halten, es war ja auch nur ein Experiment.

Nachher hast du dieses Geschäft an der Badenerstrasse bezogen?

Ja, das war 2001. Wir mussten raus, weil es einen Wasserrohrbruch im Keller gab. Nach 4,5 Jahren während denen wir dort unten waren, wurde es langsam Zeit, ein bisschen mehr Tageslicht zu sehen und etwas weniger Dosendämpfe einzuatmen… Es gab auch Unstimmigkeiten, wobei die andern ja bis heute „sixpack“ heissen und ich „6 pack records“… Es kommen oft Leute zu mir, die fragen, wo hier die Spraydosen sind, weil man mich jetzt einfacher findet…
Auf jeden Fall wurde die Fläche hier frei. Da war es dann 5 Mal so teurer, aber man hat Schaufenster, ist an der Hauptstrasse, mehr Platz…
Das macht viel aus.

Wie sieht es jetzt aus, der Einbruch des Downloads wird nicht einfach so über dich hinwegziehen – wie hältst du dich da über Wasser?

Es ist schon ein grosses Loch, das entsteht. Es gibt immer weniger Junge, die Vinyl noch „in“ finden – und dafür auch noch bereit sind, Geld auszugeben, für etwas was du heute ja gratis haben kannst im Netz. Aber es gibt immer noch den einen oder anderen, der das schön findet, noch etwas Materielles in der Hand zu haben, und den Bezug hat zum Artist, weil da ja noch die Gestaltung der Platte ist, es ist halt etwas, das unvergänglich ist, wenn du einen Song runterlädst, diesen paar Mal hörst, dann hast du ihn nachher wieder vergessen; dann kommt wieder ein neuer, noch besserer Song und nach einem Jahr erinnert sich keiner mehr an den Song… Aber wenn du eine Platte hervor nimmst, hast du zuerst mal den optischen Effekt, und es spricht einen an oder nicht, und du legst sie dann auf den Plattenspieler, um sie zu hören, das ist etwas anderes. Du kannst sie auch versorgen und nach 3 Jahren wieder hervorholen, es gibt viele verschiedene Aspekte – das andere ist ja eigentlich nur noch Daten hin- und herschieben…
Der DJ ist ja der, der mir momentan abspringt, weil alle zu „serato“ und „final scratch“ wechseln, die haben früher einen Grossteil des Kuchens ausgemacht, und momentan sind die DJs eher die Leute, die Sachen vorbeibringen, die sie nicht mehr wollen, und da gibt es immer noch genug Sammler, die das dann wollen, wenn das Zeug wieder attraktiv wird.
Das ist mein Bonus, dass ich halt Beziehungen habe und vieles kenne…


Ich sehe dieses Poster an der Wand mit persönlicher Widmung von KRS One – war er mal in deinem Laden?

Ja, der war mal da, ich war lange boogie down productions fan, … und er hatte im Rohstofflager ein Konzert, das erste Mal in der Schweiz, und zufällig hatte ich in diesem Monat das Schaufenster mit KRS-Platten ausgestellt. Nach dem Konzert kam eine schwarze Lady rein, sie wolle alle Platten im Schaufenster. Ich antwortete ihr, dies sei leider meine Privatsammlung, aber ich hätte sonst noch viel, und ich fragte sie, ob sie denn am Konzert gewesen sei und ihn so gut finde, da sagte sie, nein, sie sei seine Frau…
Ob sie denn das nicht alles schon habe?!, nein, sie sei im Auftrag von ihm da, weil sein DJ seine Platten nicht mitgenommen habe, ausser die 2,3 neusten Sachen…
Und dann hab ich gefragt ob sie ihn nicht mal mitnehmen könnte, am nächsten Tag kam er… Das war schon schön.

War das dein bester Moment im 6 pack records?

Nein, das war nicht der schönste Moment, rein emotional muss ich sagen, ist das der schönste Moment, wenn einer kommt mit einer Platte, mit der Aussage, er fände sie scheisse, dabei ist die extrem viel wert…

Hast du eine montane Lieblingsplatte?

Also hm.. Ich selber finde das funky Zeug aus dem hip hop noch gut, wenn’s nicht zu übertrieben ist, also Ugly Duckling ist ein gutes Beispiel, wobei man es auch nicht zu oft hören darf, too much happy sound… und das andere ist Illa J, der Bruder vom J Dilla, das läuft auch sehr gut momentan…

Westcoast oder Eastcoast?

Rein theoretisch Eastcoast, der von der Westküste ist.
Heute versteht ja jeder unter Westcoast so das Dr Dre-Zeug, und Eastcoast eher D.I.T.C. und Big L und so. Aber da muss ich sagen weder noch, denn ich finde das Zeug geil aus San Francisco, Oakland, Bay Area, was eigentlich Westküste ist, aber mehr nach Ostküste tönt.


Funk oder Soul?

Schon eher Funk. Ende 60er, anfangs 70er Jahre Funk, was auch gleichzeitig der Northern Soul ist. Das ist Soul, der eher etwas schneller ist und etwas funkiger… aber nicht so das Discofunk-Zeug!

Lieber eine zerkratze Platte oder ein kaputter Plattenspieler?

Das kommt auf die Platte drauf an… Also wenn’s meine Lieblingsscheibe ist, die irgendwie 1000 Stutz wert ist, dann muss ich sagen, lieber ein kaputter Plattenspieler!

6pack records
badenerstr. 131
8004 zürich
info@6pack.ch
www.6pack.ch

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