Seven – Ich habe mich in die Höhle des Löwen begeben!

RnB/Soul

Er hat Grosses vor: Der Schweizer Soulsänger Seven ist im Begriff das Ausland in Beschlag zu nehmen. Doch vorher tourt er mit seinem neuen Album „Like A Rocket“ noch durch die Schweiz. Ein Gespräch.

Deine Karriere geht zwar stetig, aber langsam voran. Wie ist das für dich als Künstler?

Ich geniesse es, wirklich. Mit den ersten drei CD’s hatte ich gar nicht den Drang grosse Sprünge zu machen. Das kam erst mit der letzten CD. Dafür ist schon enorm viel passiert. Nach Japan, Belgien, Luxemburg und Holland erscheinen meine Alben jetzt bald auch in Deutschland und England. Ich musste da auch erst reinwachsen. Die erste CD habe ich mit einer MPC, einem DJ und einem Mikrofon gemacht. Für die letzte CD habe ich elf Monate von morgens bis abends gar nichts Anderes gemacht als ein grosses Budget zu verbraten. Das sind natürlich schon ganz andere Welten.


Ist die Schweiz in deinen Augen ein gutes Sprungbrett?


Ich finde schon, ja. Wenn du mit dem Netzwerk Schweiz gut funktionieren kannst, dann kannst du’s auf der ganzen Welt. Man lernt vorsichtig zu sein und auch mal nein zu sagen. Ich habe schon sehr hochdotierte Angebote aus dem Ausland abgelehnt, weil ich mich dafür hätte verbiegen müssen.


Gab es einen Schlüsselmoment für den Ausland-Entscheid?


Das war eigentlich die Fertigstellung meines letzten Albums „Home“. Ich habe dafür so viel Aufwand betrieben wie noch nie zuvor. Ich hab mich in die Höhle des Löwen begeben und mit den besten Produzenten der USA zusammengearbeitet. Das Resultat hat mich schliesslich selbst so überzeugt, das ich mir sagen konnte: Okay, diese CD würde ich jedem in die Hand drücken.


Was hast du für Erinnerungen an die ersten Momente in der Höhle des Löwen?


Das war in LA, bei Keith Crouch und Rahsaan Petterson. Die beiden haben das erste Album von Brandy produziert, eins meiner Lieblingsalben. Ich war ganz alleine unterwegs. Gewohnt habe ich in einer miesen Absteige mit Ratten und einem Gemeinschafts-WC. Nach einer schrecklichen Nacht, bin ich dann in das Studio reingelaufen, in dem unter anderem „Thriller“ aufgenommen wurde. Aber die Jungs haben mir dann schnell die Angst genommen.


Hat man da nicht ständig das Taxameter im Hinterkopf?


Das habe ich auf diesem Trip vollkommen verloren. Irgendwann merkt man: Den kreativen Moment kann man einfach nicht erzwingen. Es passiert, oder es passiert nicht.

Helfen diese Leute denn auch nach, um den kreativen Moment herbeizuführen?

Die beiden Jungs in LA waren eigentlich die einzigen. Die sind einfach immer ein bisschen angetrunken. Das sind so Level-Trinker. Aber mit Drugs und Rock’n’Roll hat das nichts zu tun. Kiffen ist überhaupt kein Thema mehr. Das sind alles eher ältere Leute, die irgendwann nach Hause zu ihren Familien gehen. Ausser eben die beiden Jungs in LA. Die hatten schon immer einen im Tee.


Merkst du inzwischen, wenn du einen «grossen» Song gemacht hast?


Bei meiner aktuellen Single «Lisa» hatte ich zum ersten Mal dieses Gefühl. Als ich den Refrain eingesungen hatte, dachte ich plötzlich: „Vorsichtig! Jetzt nichts vorschnell machen. Das könnte was Grosses werden!“


Achtung Hit?


Oh wie ich dieses Wort hasse! „Hit!“, so gruusig! Aber ich glaube, wir haben das Kind grossgezogen ohne ihm zu viel Liebe zu geben. Darauf muss man bei grossen Songs immer achten.


Welche Textidee ging dem Song voraus?


Die Idee geht auf eine Kurzgeschichte zurück. Ich schreibe viele Kurzgeschichten. Das hab ich schon immer schon gemacht. Bisher sind die allerdings nie zu Songs geworden. Von der Stimmung der Musik, ist mir das Mädchen aus einer meiner Kurzgeschichten, die ich eine Weile zuvor geschrieben hatte, in den Sinn gekommen. Ich hab dann den Refrain eingesungen – also „Why is Lisa so alone? I don’t know“ – aber eigentlich nur, um mich später wieder daran zu erinnern, dass ich daran gedacht habe.


Ein besonderer Song auf dem neuen Album ist „Keep Ur Head Up“. Er wirkt wie ein Ausbrecher aus dem restlichen Material. Ein Blick zurück auf deine Anfänge?


Ja, der ist ganz klar autobiografisch. Es ist eine Rückblende auf jene Zeit, in der ich mich entschieden habe, voll auf Musik zu setzen. Als ich in einer Einzimmerwohnung gewohnt und an meinem zweiten Album gearbeitet habe. Ich hatte mich damals gerade entschieden, meinen Job als Schuhverkäufer an den Nagel zu hängen. Es war ein seltsamer Mix: Einerseits kein Geld und keine wirklich rosigen Aussichten, andererseits die totale Freiheit. Niemand hat irgendwas von mir erwartet. Idealismus gepaart mit Leichtsinn ist eine explosive Mischung. Ich habe viel gearbeitet und auch sehr viel Glück gehabt. Das ist nun gut fünf Jahre her.


Dir scheinen praktisch alle Aspekte deines Jobs Spass zu machen, auch das Marketing.


Ja, das ist so. Zu guter Musik gehört auch das passende Kleid. Meine grösste Liebe ist sicher die Musik. Aber ich liebe auch Filme und Fotografien. Ich bin überhaupt einer, der gerne festhält. Ich schau mir auch sehr aufmerksam Werbungen an. Ich darf bei meinem Job all diese Aspekte miteinander verbinden. Ich konzipiere gemeinsam mit Marco Lutz auch all meine Videos.


Hast du nie das Gefühl, das dir das Zeit wegnimmt bei der Musik?


Nein, überhaupt nicht. Ich trenne das auch ganz klar. Ich mache zuerst die Musik fertig. Und wenn die Musik fertig ist, dann kümmere ich mich unglaublich gerne um alles Andere.
Ich bin nicht so der Konzeptmensch. Ich lasse die Musik passieren. Deshalb kann ich auch erst nachdem ich ein Album fertiggestellt habe, ein passendes Kleid dafür aussuchen.


Nun bist du mit deinem Album in der ganzen Schweiz unterwegs. Wie muss man sich das vorstellen?


Ich habe noch nie so viel Aufwand betrieben. Momentan telefoniere ich dreimal pro Tag mit meinem Beleuchter. Wir beladen diesmal einen ganzen LKW mit Licht. Dazu kommt meine achtköpfige Band, zu der seit kurzem auch wieder mein alter musikalischer Partner DJ Flink gehört.


Was war bis jetzt das Highlight deiner Bühnenkarriere?


Das war letztes Jahr, als ich mit Tamar Davis und Saxophonist Eric Leeds den Prince-Song „Beautiful, loved and blessed“ gespielt habe. Tamar hat ihren Part gesungen, ich den von Prince. Da hab ich mich wirklich gefragt: Bist du wahnsinnig? – Aber es hat schlussendlich wunderbar geklappt.

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