Melvin van Peebles – Mit mir will einfach niemand Geschäfte machen.

Int. Rap

Eigentlich nur so nebenbei hat der schwarze Regisseur Melvin van Peebles mit seinen als Soundtracks zu seinen Filmen dienenden, musikalisch untermalten Sozialkritiken den Rap miterfunden. Was heutige HipHop-Produzenten wie Madlib aus seiner Musik machen, interessiert den 76-Jährigen, dessen Sohn Mario mit „New Jack City“ einen HipHop-Filmklassiker abgedreht hat, allerdings herzlich wenig. Noch immer dreht er als unabhängiger Filmemacher eigenwillige, radikale Streifen und hält seine Nase nach neuen Projekten in den Wind. Wir trafen den kauzigen Schürzenjäger an der Red Bull Music Academy in Barcelona, wo er uns – nachdem wir ihm ein Bier geholt und ihn von den weiblichen Geschöpfen weggezerrt hatten – bereitwillig über seine Arbeit Auskunft gab.

Herr van Peebles, wie wichtig ist Humor für ihre Arbeit?
Melvin van Peebles:
Sehr wichtig, ohne Frage. Aber bei einem Film entscheidet immer das Thema darüber, wie sich das Ganze entwickelt. Ich komme nicht her und sage: So, jetzt drehe ich eine Komödie. Das halte ich für Blödsinn. Ich bin ein unbeteiligter Beobachter, verstehen sie? Ich glaube, ich habe einfach ein gutes Auge für die Ungereimtheiten, die Ungleichgewichte im Leben. Und ich streiche diese Dinge gerne heraus. Das ist für mich Humor.

Setzen sie Humor als Waffe ein?
Als Waffe? Ich weiss nicht. Es ist einfach eine spezielle Betrachtungsweise. Mir fallen solche Dinge halt auf. Für mich sind sehr viele Geschehnisse lustig, weil sie auf Missverständnissen oder Ungereimtheiten basieren. Viele Dinge wegen denen in mich vor Lachen auf dem Boden wälze, machen andere Leute wütend. Aber ich finde, dass man dem Betrachter eine völlig neue Perspektive eröffnen kann, wenn man das Humoristische einer Situation gut aufzeigen kann. Das versuche ich, so oft wie möglich.

Sehen sie ihre Art von Humor, die Art wie sie Humor in ihre Arbeit einbauen, in einer Tradition?
Ich sehe Humor schon als Tradition, aber was Humor ist, ist sehr persönlich. Jeder hat da seine eigene Definition. Bekanntlich kann man mit Humor viel erreichen.

Wann ist Humor unangebracht?
Keine Ahnung. Das interessiert mich nicht. Humor ist eine exzellente Art, eine Geschichte zu erzählen. Denn während eine Person lacht, erfährt sie eine Situation völlig anders. Sie nimmt eine neue Perspektive ein.

Gibt es jemanden, den sie speziell lustig finden?
Hm… nein. Ich lache viel. Aber sehr selten, wenn jemand lustig zu sein versucht.

Also ist für sie Humor eher eine Lebensanschauung?
Genau. Manchmal lache ich und die Leute sind richtig beleidigt.

Sie haben einmal in einem Interview erklärt, dass viele ihrer Arbeiten so eigen waren, weil sie keine Ahnung hatten, dass sie je eine Bedeutung haben würden. Was hat sich verändert seit ihnen bewusst ist, dass die Welt zusieht?
Nichts hat sich geändert, gar nichts. In meinem neuen Film zum Beispiel, der in Europa leider noch nicht angelaufen ist, spielt Humor wieder eine grosse Rolle. Die Hauptfigur realisiert das allerdings gar nicht. Sie weiss gar nicht, was Humor ist. Sie ist fast wie ein Kind, das lernt aufs Klo zu gehen. Nachdem es sein Geschäft erledigt hat, ruft es: „Mutti, komm her, schau nur!“ Statt die Spülung zu betätigen, will es stolz zeigen, was es verrichtet hat. Genauso ist meine Hauptfigur – unfreiwillig komisch.

Ihre Filmfigur macht eine Entwicklung durch, sie ist ein „Ex-Doofus“, ein Ex-Depp. Wie das?
Tja, das ist die ganze Geschichte des Films. Niemand will ein Depp sein. Dummerweise merkt ein Trottel meistens nicht, wenn er sich trottelig benimmt. Sogar das Publikum – das ist übrigens Machiavellistisch – kapiert nicht, dass es den gleichen Weg geht. Es wird in die Geschichte mit hineingezogen und erlebt die Welt aus dem gleichen Blickwickel wie unser „Doofus“.

Sie lassen das Publikum also dumm aussehen?
Das merkt das Publikum ja nicht. Ich schalte ja nicht während der Vorführung des Films das Licht an und zeige mit dem Finger auf die Zuschauer. Sie werden sich wohl nur dabei ertappen, wie sie sich sagen: „Scheisse, das hätte ich genauso gemacht!“ Jeder denkt das, aber niemand sagt das. Das finde ich lustig. Sowohl die Zuschauer wie auch die Figur durchlaufen eine Katharsis.

Ist dies das Geheimnis eines guten Films?
Nein. Es gibt tausende von Geheimnissen. Das wäre ja, wie wenn man nach einem Geheimnis eine Frau ins Bett zu kriegen fragen würde. Wer weiss. Es gibt tausende. Ich habe einen guten Freund, mit dem ich hin und wieder ausgehe. Wenn wir in einer Bar sitzen und eine hübsche Frau sehen, dann machen wir immer schnell aus, wer der gute und wer der böse Typ ist. Dann geht’s los: Einer fängt an und quatscht sie unablässig voll, geht aufs Ganze. Dann kommt der Andere hinzu und fragt: „Entschuldigen sie, junge Frau, belästigt sie dieser Typ?“ – Einer von beiden kommt eigentlich immer zum Zug, verstehen sie? Es gibt ganz verschiedene Rezepte.

Wie vertragen sich solche Episoden mit ihrem Lebensmotto „Early to bed, early to rise, work like hell and advertise“, das sie auch an ihren Sohn Mario weitergegeben haben?
Da geht’s ums Geschäft, nicht um die Frauen. Aber das lässt sich schon vereinbaren. Man sagt einfach: „Hör mal Baby, ich muss morgen früh aufstehen!“ Meistens sagt sie dann: „Okay, kein Problem, ich auch!“ (lacht laut). Das kriegt man schon geregelt.

Ihre Musik ist inzwischen von vielen Leuten weiterverwendet worden. Ich schätze mal, sie verdienen ganz gut daran. Wie gefällt ihnen, was daraus entstanden ist?
Manches ist gut, manches weniger. Ich habe meine Musik, meine Filme, meine Arbeit für meinen Geschmack und meine Zwecke perfektioniert. Wenn die Leute meine Arbeit anderweitig nutzen wollen – bitteschön.

Es gibt heutzutage auch verschiedene bekannte Filmregisseure, die in ihren Filmen auf andere Filme verweisen, also in gewisser Weise auch die Methode des „Sampling“ anwenden.
Sollen sie ruhig. Ich hatte selber nie das Bedürfnis dazu.

Ich habe ihre Musik durch die des HipHop-Produzenten Madlib kennen gelernt. Er hat sie für die Alben seines Alter Egos Quasimoto verwendet.
Das ist schon okay. Aber wenn du einen Tomatensalat machst, dann erwähne bitte auch die Tomate und sag nicht, du hättest die Tomate selber gezüchtet. Ich sage diesen Leuten einfach nur: Bezahlt mich oder es wird nicht sehr angenehm für euch!

Hören sie privat Musik?
Ja, klar. Ich höre mir alles an. Ich bewundere zwar niemanden, aber ich kann ganz verschiedene Musik geniessen. Ich dreh das Radio an und singe mit. Meine Musik verfolgt meist einen anderen Zweck. Ich versuche damit in erster Linie, die Botschaft des Films noch deutlicher hervorzuheben. Zweitens dient sie dazu, ein Empfinden für die soziale Situation zu vermitteln und das politische Bewusstsein zu stärken.

Ihr kulturelles Werk hat viel bewirkt. Erfüllt sie das mit Stolz?
Stolz bedeutet mir nichts. Ich muss nicht stolz auf mich sein. Ich hab schon immer eine sehr hohe Meinung von mir selbst gehabt. Nach Bestätigung von jemand Anderem hab ich nie gesucht. Ich weiss, dass ich es überall schaffen würde. Angst hatte ich nie. Sie könnten mich heute Nacht hier Barcelona auf der Strasse aussetzen – ohne Geld, ohne Handy, ohne irgendwas. Vor Sonnenaufgang hätte ich einen warmen Schlafplatz und etwas zu essen gefunden. Und wenn man diese Sicherheit hat, was soll einem dann noch Angst machen?

Wann haben sie das erste Mal festgestellt, dass sie diese Fähigkeit haben?
Da war ich noch ziemlich jung. Ich war sehr überrascht herauszufinden, dass sich alle anderen vor Angst in die Hose machten. Vor Armut, vor dem eigenen Versagen, vor Trennungsschmerz und so weiter. Ich habe das gar nicht verstanden. Ich hatte schlicht keine Kindheit.

Was war ihr erster Job?
Mein Vater hatte einen kleinen Laden. Schon früh musste ich das Geschäft führen. Die Mitarbeiter kamen mir bald wie Gleichaltrige vor. Dabei war ich zehn und sie waren dreissig, vierzig. Die Kinder in meinem Alter konnte ich nicht verstehen. Die haben nur Blödsinn gemacht.

Sie kennen keinen Stolz und halten sich nicht mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit auf. Trotzdem tragen sie ein T-Shirt ihres bekanntesten Films „Sweet Sweetbacks Badaaasssss Song“. Wieso?
Das ist gute Werbung! Ich wäre ja dumm, wenn ich das nicht machen würde.

Was denken sie denn heute über den Film?
Der Film verkörpert meine damalige Vision. Er gibt das wider, was ich machen und sagen wollte.

Sie haben in ihrer Karriere einen Film für ein grosses Studio in Hollywood gemacht. Das war «Watermelon Man» für Columbia Pictures im Jahr 1970, richtig?
Ja, das stimmt. Abgesehen von „Watermelon Man“ habe ich eigentlich immer alles selbst gemacht. Wieso brauche ich Partner? Ich brauche niemanden, der mir beim Geldzählen hilft. Ich behalt alles für mich. (Setzt kurz ab) Scheisse, eigentlich hätte ich gerne einen Partner. Aber mit mir will einfach niemand Geschäfte machen.

Wie haben sie das Geld für ihren neusten Film zusammengekriegt?
Es gibt etliche Leute, die mir noch Geld oder einen Gefallen schulden. Und die bezahlen auch alle, dafür sorge ich. Aber ich bin schon wieder am nächsten Projekt. Nachdem ich den Film abgedreht hatte, habe ich den Entschluss gefasst, ein Buch zu schreiben.

Wie sieht ein Tag im Leben von Melvin van Peebles aus?
Keine Ahnung, nicht sehr speziell auf jeden Fall. Ich stehe morgens um halb sechs auf. Dann schau ich mir die Todesanzeigen an. Wenn ich meinen Namen nicht finde, starte ich in meinen Tag. Ich verabrede mich mit jemandem zum Joggen, wir laufen los, und ich bin dann meistens schneller am Ziel. Dann essen wir irgendwo Pancakes. Später setze ich mich an meine Schreibmaschine oder ich gehe ins Studio und nehme Musik auf.

Machen sie gerne Urlaub?
Urlaub? Was zur Hölle ist das? Ich habe seit dreissig Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Mein Leben ist ein einziger Urlaub. Wenn man das macht, was man liebt, braucht man doch nicht in den Urlaub zu fahren!

Melvin van Peebles, geboren 1932, ist ein amerikanischer Filmemacher und Komponist. Mit seinem Film „Sweet Sweetbacks Baadasssss Song“ von 1971schrieb er Filmgeschichte. Daneben war van Peebles unter anderem Militärpilot, Cable Car Chauffeur, Clochard, einer der ersten „Rapper“ der Musikgeschichte („Brer Soul“), Maler, Wallstreet Broker, passionierter Schürzenjäger, sowie Buchautor in englischer und in französischer Sprache. Zuletzt drehte er den Film „Confessions Of A Ex-Doofus Itchy Footed Mutha“, der es mit etwas Glück noch in die Schweizer Kinos schafft. Zudem soll auf dem HipHop-Label Stones Throw bald ein Doppelalbum namens „Brer Soul meets Quasimoto“ mit von Produzent Madlib auf Grundlage von van Peebles Musik gefertigten Tracks erscheinen. Für die beiden letzten Quasimoto-Alben hatte Madlib ausgiebig auf die Musik des Autodidakten zurückgegriffen. Van Peebles lebt heute in New York, Los Angeles, Paris und betonte mehrmals nachdrücklich , noch immer jedem in den Arsch zu treten, der sich seinen Plänen widersetzt.

Mario van Peebles, geboren 1957, ist eines von drei Kindern von Melvin van Peebles. Seine Mutter ist die deutsche Schauspielerin Maria Marx. Neben dem in HipHop-Kreisen viel zitierten Gangsterfilm „New Jack City“ (1991) mit Wesley Snipes und Rapper Ice-T in den Hauptrollen, drehte er unter anderem vor einigen Jahren unter dem Titel „BAADASSSSS!“ einen Film über die Entstehung des berühmtesten Films seines Vaters. Die Aufgaben seines Vaters – Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller – übernahm er selber. Pikantes Detail: Für das Original hatte Melvin van Peebles seinen damals knapp 14-jährigen Sohn dazu gezwungen, für eine Sexszene vor der Kamera seine Jungfräulichkeit zu opfern.

„Sweet Sweetback’s Badaasssss Song“ von 1971 ist der erfolgreichste Film von Melvin van Peebles. Kurz nachdem ihm von Columbia Pictures ein Vertrag für drei Hollywoodfilme angeboten worden war, entschied sich van Peebles dazu, einen Film zu machen, der einen selbstbewussten, heldenhaften, gegen die Obrigkeit revoltierenden Afroamerikaner in der Hauptrolle zeigt. Um die für das damalige Hollywood völlig undenkbare Geschichte eines Typs namens Sweetback zu erzählen, investierte der Filmemacher seine ganzen privaten Ersparnisse und nahm bei Schauspieler Bill Cosby einen Kredit über 50’000 Dollar auf. Der Film wurde schnell zum Pflichtprogramm für alle Black Panthers und begründete das Blaxploitation-Genre.

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