Stress – Ich dachte, ich kann nur verlieren

Int. Rap

Seit einigen Wochen ist nun das aktuelle Stress Werk „Des Roins, des Pions et des Fous“ in den Läden und natürlich auch in den Charts ganz oben vertreten. Der Schweizer Musik Superstar hat seinen Soll schon mal erfüllt. Dass er aber noch viel mehr ist als ein gut verkaufender Rapper, spürt man im Interview mit Aightgenossen.ch. Stress, der Mensch, der sich Gedanken über die Jugend, seine Rolle als Vorbild und das Star Dasein.

Die letzten Jahre müssen verrückt für dich gewesen sein. Als wir uns für’s letzte Interview trafen, warst du schon ein grosser Name. Aber jetzt bist du ein Superstar für Schweizer Verhältnisse. Du hattest einen Coop-Werbe-Spot und ein Album, dass sich über 80’000 Mal verkaufte. Wie war das für dich, wenn du zurück blickst. Hat sich was geändert?
Es war grossartig. Wir hatten zwei grossartige Jahre und alles hat perfekt geklappt. Natürlich hatten wir auch sehr Glück. Jetzt müssen wir einfach einen Weg finden, weiterzugehen. Als ich die Arbeit für dieses Album aufnahm, hatte ich das Gefühl, dass ich nur verlieren kann. Also mussten wir unsere Perspektive ändern. Ich liebe wirklich, was ich mache. Ich liebe das Musik Machen und als Künstler das zu machen, was ich liebe. Und ich möchte ein Album machen, dass es mir erlaubt ein nächstes zu machen ohne Kopfschmerzen zu kriegen. Aber das ist schwer, weil wir haben einen Sound, der zu uns passt und wir seit 10 Jahren so entwickelt und geprägt hatten. Diesen wollen wir nicht zerstören, trotzdem wollen wir uns aber weiterentwickeln und das ist sehr schwierig. Aber ich bin mit dem Endresultat sehr zufrieden, denn es war nicht leicht dorthin zu gelangen. Zum Beispiel hat es uns zwei bis drei Monate gekostet, bis wir den ersten Song hatten, wir langsam wussten in welche Richtung das Album gehen soll und wie es klingen soll. Das war schon ein wenig anders als früher. Wenn die Erwartungen höher sind, sind auch die Hörer kritischer. Und ich wollte auf keinen Fall stehen bleiben und die Leute sagen hören: “Es ist toll, aber dasselbe wie das letzte Album.“

Du hast gesagt, dass ihr Glück hattet. Aber du hast ja Jahre für diesen Erfolg gearbeitet und kannst dich an jeden Schritt, den du dafür gegangen bist, erinnern. Was hat das mit Glück zu tun?
Wir hatten gutes Timing. Auch das Coop-Ding kam zur Richtigen Zeit und hat uns sicher Türen geöffnet. Sechs Monate später hätte das vielleicht nicht mehr geklappt. Das war schon auch Glück für uns. Aber natürlich haben wir dafür gearbeitet. Man muss hart arbeiten für ein gutes Album, das macht sich nicht von alleine. Man muss immer was machen um auf der Höhe und präsent zu bleiben. Man muss immer etwas liefern. Das ist manchmal sehr hart.

Ich habe mir die Frage aufgeschrieben, ob es einfacher oder härter wird, nach so einem grossartigen Album weiter zu machen. Und wie du schon gesagt hast, wird es wahrscheinlich jedesmal härter?
Es wir härter. Es ist ein Scheiss Wiederholungsding. Es gibt ein Album von Jay-Z, dass „The gitf & the curse“ heisst. Als es rauskam, habe ich fast nichts verstanden, aber jetzt begreife ich jedes Wort. Es gibt so viele Dinge, die auf der einen Seite Segen, aber auf der anderen Seite Fluch sein können. Zum Beispiel ist meine markante, rauhe Stimme ein Segen. Aber es kann auch Fluch sein, weil es auf jedem Album sehr dunkel und hart klingt. Also kann ich machen, was ich will, aber diese harte Farbe der Stimme wird immer bleiben. Du musst einen Weg finden dagegen zu kämpfen, aber nicht dagegen zu kämpfen. Sie ist schliesslich auch einzigartig. Sie ist Segen und Fluch gleichzeitig und das ist manchmal sehr schwierig. Ich will viele verschiedene Sachen machen, aber die Stimme bringt wieder alles zusammen.

Was hast du denn diese zwei, drei ersten Monate der Albumproduktion gemacht? Einfach ausprobiert?
Ja, wir haben Songs ausprobiert und ich habe auch noch viel geschrieben. Am Track „En ton nom“ haben wir über ein Jahr gearbeitet und daran gefeilt. Es gab mehrere Versionen des Songs und wir haben viel ausprobiert. Weißt du, ich glaube an Ideen. Wenn du keine Idee hast, ist das nicht gut. Und Ideen kommen erst mit der Zeit. Man kann nicht 15 gute Ideen in 2 Monaten haben. Vielleicht gibt es Leute die in 2 Monaten 15 gute Ideen haben und ein Album machen. Aber dann ist es einmal in ihrem leben. Es braucht zeit, Ideen zu bearbeiten und man muss sich Raum schaffen, um die guten Ideen überhaupt zu sehen. Manchmal ist man dafür zu beschäftigt.

Was ist denn dein Rezept um auf Ideen zu kommen?
Ich muss alleine sein. Das ist nicht einfach, denn wenn ich am Album arbeite, bin ich 4 bis 5 Tage in der Woche im Studio und denke nur an Musik. Denn wenn du ein Album machst, muss die Musik höchste Priorität haben. Und genau das ist das Problem, warum wir die Musik in unserem Land haben, die wir auf unserem Markt haben. Weil Musik für viele Leute nicht die erste Priorität hat. Musik steht für mich während der Albumproduktion im Zentrum.

Aber dennoch. Ich arbeite im Musikbusiness und du arbeitest im Musikgeschäft. Und wir diskutieren darüber, was ankommt, was nicht, was uns gefällt und welches Album wir Scheisse finden. Gibt es da einen Knopf, wo du einfach alle diese Überlegungen abstellen kannst, wo du alles Marketingtechnische vergessen kannst?
Ja, während dieser Periode der Albumproduktion kann ich das. Dann denke ich nur an die Musik und auf alles andere scheiss ich dann.

Ist es nicht auch hart, um zu sich zu stehen und diese Business-Gedanken nicht zuzulassen?
Was ich weiss ist, dass ich Musik liebe und gute Musik machen will. Und während dieser Zeit denke ich nicht zu viel über solche Dinge nach und lasse sie nicht an mich herankommen. Ich will dann gar nichts von dem Business und Marketing-Zeug wissen. Aber wenn das Album dann fertig ist, müssen wir den richtigen Weg finden, es geschickt zu vermarkten.

Hast du wider mit Ivan zusammengearbeitet?
Ja, ich habe zwar noch Beats von anderen Produzenten angehört, aber es hat nicht klick gemacht. Beim letzten Album war das mehr der Fall. Aber es ist auch nicht so meine Art Musik zu machen. Es ist sehr unpersönlich. Die meisten, die Beats machen, sind sich auch nicht gewohnt für ein ganzes Album Beats zu machen. Sie sind sich auch nicht gewohnt in einem Team zu arbeiten. Aber die besten Ideen entstehen nun einmal im Team. Auch ein Justin Timberlake hat ein kleines Team, mit dem er seine Musik macht. Man kommt so mit der Musik am weitesten. Es hilft, dass man sich als Künstler weiterentwickeln kann.

Also sind Ivan und du die Stress-Band?
Genau, Stress bin nicht nur ich. Es ist Ivan und ich. Klar mache ich die Interviews und gehe auf Tour. Aber das Album machen wir zusammen.

Das neue Album wird von den Themen der Texte her allgemeiner. Du hattest zum Beispiel mal ein Album über deine Ex-Frau. Das aktuelle Album behandelt grössere Themen. Du schreibst über die Gesellschaft, die Schweizer Jugend, die Natur, das Klima und andere so grosse Themen. Wie kommt das?
Die Themen, die einen beschäftigen ändern sich. Und ich will sicher auch mein Privatleben jetzt mehr schützen und so kommt es automatisch, dass ich auch weniger darüber schreibe. Und es ist gut gekommen bis jetzt. Ich bin glücklich jetzt, bin glücklich verheiratet. Es gibt also weniger persönliches, dass ich mit den Leuten teilen will. Und ausserdem bin ich mir bewusst geworden, dass ich fähig geworden bin, Songs über „grosse“ Themen zu schreiben. Ich glaube nicht, dass ich zum Beispiel den Song „La Peur De L’autre“ vor zwei Jahren hätte schreiben können. Einfach weil ich jetzt auch eine andere Perspektive habe. Man muss manchmal wachsen um Dinge zu sehen. Aber das macht es ja auch spannend. Man kann nicht immer gegen etwas sein. Also das habe ich ja auch gemacht auf älteren Alben. Und es ist auch gut gegen etwas zu kämpfen. Aber manchmal muss man gegen etwas kämpfen, dann aber auch einen Vorschlag bringen wie es besser sein könnte, also konstruktiv sein. Sonst ist man nicht glaubwürdig. Und es war für mich schon wichtig, auch etwas Konstruktives hervorzubringen.

Glaubst du, dass du Meinungen ändern kannst mit deinem Album?
Ich hoffe, dass die Leute sehen, dass es manchmal eine andere Meinung gibt. Ich weiss nicht inwieweit Musik Meinungen und Gedanken ändern kann, aber ich glaube sie kann eine bestimmte Stimmung vermitteln.

Der Text von „V“ ist recht hart Es erinnert mich ein wenig an die alttestamentliche Auffassung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Ist das etwas, dass du wirklich erlebst und daran glaubst oder siehst du einen Punkt und stellst es als Künstler einfach ein wenig extremer dar?
Für mich ist es wirklich genau so. Alles wird immer extremer. 2 Sätze können einen Song zusammenfassen. Oder einer nimmt Drogen und trinkt viel Alkohol. Aber es ist nicht genug. Er muss betrunken im Spital landen, damit es eine richtige Erfahrung für ihn ist. Was ich damit sagen will: Wir leben in einer Welt, die immer extremer wird. Und die Leute müssen sich dessen bewusst werden und damit umgehen, sonst können wir nicht mehr gut zusammenleben. Wenn du zur Jugend sprichst, musst du das wissen. Und ich spreche jetzt nicht von mir, sondern von Eltern oder auch Politiker oder wer auch immer. Diese Haltung kann aber auch gefährlich sein, weil alles immer übertroffen und noch verrückter werden muss.

Ist es im Kapitalismus nicht genau so?
Doch, und genau deswegen haben wir eine Krise. Weil alle Topmanager immer noch mehr wollten. Aber so ist unsere Gesellschaft. Wir wollen alles bis zum Limit ausreizen. Darum sind wir hier. Das ist die Rolle der Musiker: Die Zeitung wirft man fort. Aber die Musik, eine CD bleibt. Und eine CD ist auch gewissermassen ein Bild einer Zeit, damit wir sie nicht vergessen. Wenn alles gut ist, ist es allen egal, dass sie uns ausnehmen. Aber wenn harte Zeiten anbrechen, dann drücken sie uns aus. Und das tun sie gerade, sie pressen uns sehr hart aus. Wir bezahlen die Rechnung und nicht sie. Und mit Musik kann ich solche Sachen festhalten um sie nicht zu vergessen.

Denkst du, dass deine Fans bereit sind für ein Cover mit einer Message, die die Banken anschuldigt?
Ja, aber es ist auch das gesamte System. Es ist gegen das System und wie es funktioniert. Der Albumtitel ist die Definition des Systems. Wähle dein Lager. Die Leute werden vielleicht realisieren wie es funktioniert.

Ich habe das Gefühl, dass eine Message, die du auch rüberbringst, ist, dass du und Melanie zwar berühmt, aber trotzdem normal geblieben seid. Stimmt das so?
Ja sicher, ich habe ein ganz normales Leben. Ist denn das auch die Lösung?
Ja, weil im anderen ja nichts ist. Da ist nur Leere. Aus dieser Berühmtheit und Celebrity kann ich nichts nehmen, da ist nur Leere.
Du willst ein Star sein? Das ist der falsche Traum. Gib einfach Gas für das was du gerne machst. Denn berühmt sein ist kein Job, wie viele Leute denken. Es ist einfach ein Nebeneffekt von dem was ich mache. In unserer Gesellschaft bewundern wir Leute, die berühmt sind, aber sonst gar nichts machen. Zum Beispiel It-Girls. Und wir ernähren sie auch. Das ist das Problem, aber diese Leute sind eben auch nicht glücklich.
Du musst etwas finden, dass für dich Sinn macht, darin zu investieren. Denn wenn du den falschen Traum hast, gehst du verloren. Die Substanz des Lebens muss von dir kommen und nicht von aussen oder eine Hype. Denn dieser kann morgen schon wieder vorbei sein.

War das eine Lektion, die du lernen musstest? Weil ich finde, dass das ein Grund ist warum du musikalisch so weit gekommen bist in den letzten 10 Jahren. Du hast deine Basis.
Es gibt immer Projekte oder Möglichkeiten, an die du rankommst und dann denkst du, wow das wird es und es wird einen Unterschied machen. Aber in Wirklichkeit wird es keinen scheiss Unterschied machen. Das einzige was mich wirklich weiter gebracht hat in meiner Karriere war Musik zu machen, und etwas Solides zu machen, woran ich glaube. Die Gesellschaft verehrt nicht die Macher, aber nur so kommst du weiter. Und ich hoffe, dass die Leute, die bei Musicstar mitmachen, wissen, dass die Leute die Sendung sehen um unterhalten zu werden und nicht um einmal ihre CD zu kaufen.

Ja es kommt wirklich drauf an, was dich am Ende des Tages glücklich macht. Und wenn dieses Album 60’000 Mal verkauft wird, was grossartig wäre, würden die Leute trotzdem sagen, dass du nicht mehr erfolgreich bist, einfach weil es weniger ist.
Genau, aber das ist nicht wahr, denn Erfolg muss man für dich selber definieren. Ich weiss, dass es extrem schwer wird, das zu erreichen, was wir letztes Mal geschafft haben. Aber genau deswegen muss man zuerst hart arbeiten und daran glauben. Und wenn es nicht klappt, ist’s auch egal. Für mich ist einfach das Wichtigste dass ich weiter Musik machen kann. Und ich weiss dass es irgendeinmal wieder etwas bergab gehen wird, denn bis jetzt hatte ich grosses Glück und es ist immer nur rauf gegangen. Das kann nicht immer so weitergehen.
Aber eben, für mich ist es schon ein Erfolg, das Album fertig gemacht zu haben und mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Und jetzt müssen wir damit arbeiten, touren und Konzerte geben. Man kann den Erfolg auch nicht kontrollieren und das muss man akzeptieren.

Denkst du, dass du in deiner Position die Verantwortung hast, anderen zu helfen? Eben zum Beispiel mit Jugendlichen sprechen, wie du es auch schon getan hast?
Ja, ich kann Dinge mit anderen teilen. So haben auch andere Musiker mir sehr geholfen, so lerne ich etwas. Das ist auch der Grund warum ich zum Beispiel einen Typen wie M.A.M unterstütze. Er ist ein junger talentierter Rapper und man trifft talentierte Rapper nicht jeden Tag. Ich will ihm eine Chance geben. Ich will die Augen offen haben für solche Leute. Denn es bringt auch dich weiter, man kann immer von einander lernen. Musik ist teilen, Kraft, Energie und Ideen teilen. Und gerade in der heutigen Zeit haben Musiker gute Plattformen um vieles zu teilen. Denn Geben ist wertvoller als Nehmen. Es hat mich glücklich gemacht mit meinen Leuten Dinge zu teilen für dieses Album und es hat mich weitergebracht.

Du hast Featurings mit Soprano und Diam’s. Die logische Frage ist, was ist mit Frankreich?
Ja wir releasen Ende April ein Album in Frankreich. Wir machen mal diesen einen Schritt und werden dann sehen.

War es leicht zu diesen Rappern zu kommen? Hast du sie persönlich getroffen?
Ja wir haben die Songs mit ihnen im Studio aufgenommen. Das macht auch den Unterscheid. Ich kenne die Leute auch schon von früher. Wenn man eine gute Verbindung und ähnliche Einstellung zur Musik hat, klappt da ganz gut.

Der Song mit Greis „Question de survie“ ist wie der Nachfolger zu „On a qu’une terre“. Ich hörte Greis wurde auch für das Coop-Ding vorgesehen. Hast du ihn darum auch für diesen Song genommen?
Nein, es ging nicht darum. Ich wollte den Song einfach unbedingt machen und und jemanden drauf haben, der dieselbe Meinung und Message dazu hat. Und kann man keinen besseren als ihn finden.

Wie ist das? Du hast so eine Message und fährst trotzdem mit einem Auto. Wird man da kritisiert?
Ja für mich ist die Message, dass wir in einer bestimmten Zeit leben und das auch nicht ändern können. Aber es gibt jeden Tag wieder kleine Entscheidungen, die wir treffen können und damit etwas ändern können. Wir müssen unsere Einstellung ändern und wenn das viele Leute machen, dann macht das ein grossser Unterschied.

Du bist auch in einem Film Projekt mit Carlos Leal. Ist das nicht verrückt, gleich 2 Rapper aus der Romandie, ist das Zufall?
Ja ich freue mich darauf, weil er auch ein guter Künstler und Schauspieler ist.

Hast du eine grosse Rolle?
Nein, aber sie werden es gross ankündigen, da es gut für das Marketing ist (lacht).

Guter Film?
Ja das wird wirklich ein guter Film, das kann ich ehrlich sagen. Sehr glaubwürdig. Da ist Substanz drin, und das ist es was ich mag

Was können wir von deiner Live-Tour erwarten?
Wir stecken mitten in den Vorbereitungen und grundsätzlich versuchen wir einfach alles noch besser zu machen. Auch Projektionen und Lichtshow. Aber man muss auch immer die Balance finden, denn das kostet alles sehr viel. Und natürlich versuchen wir eine Show zusammenzustellen, die die Leute unterhält.

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