Dead Prez – Der Feind ist das System

Int. Rap

Seit 1997 ihr erstes Tape „Food, Clothes, and Shelter“ über Loud Records erschien, wurden Dead Prez nicht müde, über das zu rappen, woran es den meisten Afroamerikanern mangelt und was sie gleichzeitig intensiv kritisieren: Macht und Geld. Das äußert sich auch in ihrem Namen, denn Dead Presidents ist ein Slangbegriff für die Dollar-Scheine. Ihr Fundament sind die Theorien und Erfahrungsberichte der Afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die sie durch ihre Raps in das heute übersetzen. Sticman and M-1 haben seither zwei Alben und zwei Mixtapes veröffentlicht. 2006 folgte ein Kollabo-Album mit den Outlawz sowie einige Solo-Maxis vom M1. Sticman zog 2006 und 2007 mit zwei Solo-Alben nach. Darauf folgte 2008 eine Live DVD & CD. 2009 soll nun das Jahr des dritten Mixtapes und des dritten Albums werden. Den Anfang macht „Turn off the Radio Vol. 3“ das am 23. Juni in den USA erscheint.

Wie seid ihr aufgewachsen, wie war es so zuhause, was hat euch geprägt? Was hatte einen Einfluss auf die Entwicklung eurer politischen Inhalte?
Sticman:
Ich bin in einer rassistischen Stadt aufgewachsen, eine der vielen in Amerika. Das Umfeld war Arbeiterklasse, oder weniger, denn die meisten hatten keine Arbeit. Ein urbanes Umfeld in einer eher ländlichen Gegend Floridas. Ich lernte viel über die Natur, über Rasissmus und das Leben überhaupt. In den 80ern kamen dann Kokain und Crack und revolutionierten mein Elternhaus. Mein Bruder und mein Vater waren von diesen Drogen abhängig. Das entfachte in mir das Verlangen, mein Leben zu verändern. Und ich lerne immer noch, kämpfe weiter dafür.
M1: Ich bin ähnlich wie Stic aufgewachsen. Hip Hop war natürlich auch Bestandteil meiner Jugend. Ich komme aus dem Süden, lebe in North Carolina, aber bin in New York und ein paar Jahre in North Carolina zur Highschool gegangen. Ich machte schließlich meinen Abschluss und versuchte rauszufinden, was ich mit meinem Leben machen wollte. Die Universität war für mich keine Option. Aber Drogenverkaufen oder zur Army gehen, was die meisten meiner Freunde taten, war auch keine Alternative. Deshalb entschied ich mich erstmal dazu, in Florida aufs College zu gehen, bis mir klar war, was ich machen will. Die akademische Ausbildung hat mich gar nicht interessiert; eigentlich ging es mir nur darum herauszufinden, was eigentlich um mich herum passiert. Ich wollte auf keinen Fall einen Abschluss machen und Teil des Amerikanischen Traums werden. Ich besuchte Wirtschaftsseminare, trieb mich aber hauptsächlich im Psychologie Department herum, wo viele meiner Freunde studierten. Da habe ich dann auch Stic kennengelernt. Er war kein Student, hatte aber denselben Bekanntenkreis wie ich. Stic war schon damals MC und rappen war Teil seiner Gewohnheiten und seines Wissens.

Gab es eine Phase oder ein besonderes Erlebnis, dass euch radikalisiert hat und was euer Bedürfnis nach politischem Aktivismus verstärkt hat?
Sticman:
Ja, haufenweise. Wenn ich die jetzt alles aufzähle, ergibt das meine ganze Lebensgeschichte. Wirtschaft, Religion und Drogenhandel waren einige wichtige Eckpfeiler. Konkret: die Unmöglichkeit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten oder auch die Erfahrung von der Schule zu fliegen. Ich musste die Schule verlassen, weil ich einen Rap anlässlich des Black History Month performte – der befasste sich mit dem Beitrag der Schwarzen innerhalb der Geschichte. Meine Schule war so rassistisch, dass der Direktor auf die Bühne kam und mir sagte: “Das kannst du nicht sagen, das werden wir hier nicht dulden” und meine Musik ausmachte. Das verursachte aber auch einen kleinen Aufstand: meine Familie kam, um sich zu beschweren und mit ihnen viele aus unserer Community, auch das Fernsehen war vor Ort. Das ermutigte viele der schwarzen Schüler, ihre Stimme zu erheben. Sie forderten mehr Kontrolle über ihre Bildung – gerade in Bezug auf Afroamerikanische Geschichte. Das hat mir die Augen geöffnet, so konnte ich auch die Stärke in unserem Kampf und in der Musik sehen – und wie beides in Verbindung steht.

Ward ihr in politischen Gruppen oder Organisationen aktiv?
M1:
Ich lernte Stic genau in dieser Zeit kennen. Ich war an der Uni und lernte nichts über das Leben, während er noch zur Schule ging aber wichtige Erfahrungen machte. Durch Stic wurde mir plötzlich klar, was ich mit meinem Leben machen wollte: Ich wollte Revolutionär werden. Vieles lernte ich durch Gespräche und Diskussionen, dessen Ausgangspunkt Stics Erfahrungen an seiner Schule waren. Stic engagierte sich daraufhin in der Community und er hatte dadurch ein hohes Level an politischer und kultureller Bildung, was mir wiederum half eigene meiner Puzzlestücke zusammen zu setzen. Meine Mutter war zu der Zeit wegen Drogen in Untersuchungshaft. Das hat mir schwer zu schaffen gemacht, denn meine Mutter war keine Drogendealerin, sie war eine ganz normale Mutter, die kocht und für ihre Familie sorgt, die ihre Kinder liebt. Ich musste rausfinden, wie die Dinge zusammenhängen, wie die Hintergründe sind, in welcher Situation wir schwarzen und in Amerika befinden. Wer ist das System? Warum sind so viele von uns im Gefängnis? Womit haben wir es hier ganz konkret zu tun? Wogegen müssen wir uns wehren? Das war der Punkt, an dem wir anfingen Gruppen uns in Gruppen wie dem Black Survivor Movement zu organisieren, die wir mit gegründet haben. Darunter waren viele aufstrebende Junge Aktivisten vom Campus und mutige Brüder und Schwestern aus der Community, die Bereiche ihres Lebens neu organisieren wollten. Nicht durch Bücher, obwohl wir viel gelesen haben, sondern durch neuen Zusammenhalt.

Welche Bücher waren wichtig für euch, was könnt ihr empfehlen?
M1:
“Blood in my Eye” von George Jackson, denn es erinnert mich immer an die Stärke, die wir alle wirklich haben.
Sticman: Die Autobiografie von Malcolm X. Und wenn ihr sie schon gelesen habt, dann lest sie noch mal – hört nicht auf daraus zu lernen! Das gleiche gilt für Assata Shakurs Autobiografie. Denn ihre Lebensgeschichten spiegeln die Geschichte der Gruppe: das Leben auf der Straße, der tägliche Hustle und schließlich im Gefängnis landen. Um dann eine Erkenntnis zu haben, die offenbart, worum es bei unserem täglichen Struggle wirklich geht. Speziell Malcolm war für Veränderung offen und wenn er seine Meinung änderte, dann erklärte er auch warum. Das fehlt leider den meisten von uns, diese Integrität und Prinzipien. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, Malcolm zu lesen.

Lasst uns über das Zeitalter der Information reden, denn “Information Age” wird der Titel eures nächsten Albums sein… Warum?
Sticman:
Wir leben ja heute in diesem Informationszeitalter. In einer Zeit, wo die Informationen und das Wissen das man hat darüber entscheidet, ob man in Glück oder Elend lebt. Es geht um die Informationen und Kontakte, die man hat und was man aus diesem Wissen macht.

Du meinst Wissen als eine Form von Kapital?
Sticman:
Wissen ist definitiv eine der wichtigsten Ressourcen, genauso wie Intelligenz, Demut oder die Fähigkeit zum Zuhören, Beobachten oder des Zwischen- den-Zeilen-lesens. Es geht vor allem um kritisches Denken. Das ist die stärkste Waffe die wir haben. Autonom zu denken: recherchieren, experimentieren und Theorien in die Tat umsetzten, anstatt nur zu philosophieren. Zu sagen: ‘Das ist meine Idee, nun lasst uns sehen was passiert, wenn wir sie umsetzten’. Es ist an der Zeit unsere Strategien zu implementieren.

Was denkt ihr über Marx, habt ihr ihn gelesen?
Sticman:
Er war auch ein rassistisches Arschloch.

Wo ist der relevante Unterschied von heute im Vergleich dazu, wie es vor 20 Jahren war?
M1:
Der Unterschied kommt durch die Erfahrung. Dies ist keine High-End-Theorie, die dir sagt, was aus Michel Eric Dyson wird (AdV: Afroamerikanischer Intellektueller, Soziologie Professor, Autor und Radio Persönlichkeit. Bekannt durch seine kommentierende und analytische Arbeit über Amerikanische und Afroamerikanische Kultur. Auch Theoretiker und Experte für Hip Hop Kultur). Sondern wir wollen darüber reden welche Bedeutung und Konsequenzen das für unseren Alltag hat. Damit es verständlich wird und Anwendung findet. Da Technologie dabei eine große Rolle spielt, ist es schon fast ironisch, wie wir das kommunizieren: nämlich durch Soundbites die durch Drähte reisen. So können sich revolutionäre Kräfte weltweit connecten – ohne einen Dollar dafür zu bezahlen.
Sticman: Technologie und Technik beschäftigen sich damit, wie man etwas macht. Wenn man weiß, wie man etwas umzusetzen hat, wenn man Alternativen hat die über den Status Quo hinausgehen, dann hat man Macht. Menschen sterben an Diabetes, Herzinfarkt, zu hohem Blutdruck oder durch zu hohen Kolesterinspiegel – als Antwort haben wir nur die Ernährungsrichtlinien von Staat und Regierung… Die Nahrungsmittelpyramide sagt dir, dass du soviel Schwein, Rind oder Milchprodukte essen sollst und so stirbt man weiterhin an diesen Todesursachen. Durch Wissen kann man sich davon befreien, zu oft zum Arzt gehen zu müssen und man realisiert auch in was für einem medizinischen Pimp-Game wir uns befinden. Sie versuchen uns mit Dingen zu dopen, die unsere Körper nicht brauchen. Ich selbst ernähre mich vegan – pesca vegan. In der schwarzen Community sterben täglich Menschen an Krankheiten, die heilbar sind. Aber das ist nur ein Aspekt: Wie viel wissen wir tatsächlich über uns selbst? Oder nimm Bildung: Warum schicken wir unsere Kinder auf die Schulen unserer Feinde, wo es rassistischen Geschichtsunterricht gibt und wo sie dazu erzogen werden den Way of Life des Feindes zu erlernen und nach zu ahmen. Wir brauchen unsere eigenen Institutionen.

Aber wer genau ist der Feind?
Sticman:
Der Feind ist das System. Das System der weißen Macht – globaler Kapitalismus und Imperialismus. Es spielt keine Rolle, ob das jetzt ein Weißer oder Schwarzer sagt. Es geht um die Machtinteressen weißer Männer, die den Lauf der Dinge seit der Sklaverei bestimmen – Europas Pimp-Game bestimmt immer noch alles, die USA ist ja eine direkte Konsequenz daraus. Die Weißen kolonialisieren alles – sie wollen alles und jeden besitzen.

Aber ist es nur eine Frage der Hautfarbe?
M1:
Das hat Sticman ja so gar nicht gesagt oder gemeint. Worauf wir hinweisen wollen ist die Ausbeutung und das uralte Prinzip und System nach dem immer noch alles läuft. Der globale Aspekt ist doch heute eindeutiger denn je. Dieses System hat ein globales Netzwerk aufgebaut, das dafür sorgt, dass ihr Pimping auch weiterhin in den nächsten Jahrhunderten funktioniert. Diese weltumspannende Organisationsform, dieser Imperialismus – im wahrsten und umfassendsten Sinn des Wortes – hat gerade erst begonnen. Ein Charakteristikum dieses Systems ist die Jahrhunderte andauernde Herrschaft der Weißen. Barack Obama hat sich diesen Kräften angeschlossen. Es geht hier also nicht um die Farbe der Haut.
Sticman: Um es auf den Punkt zu bringen: Uns geht nicht darum, auf dieser weißen Herrschaft herumzureiten oder hier zu verweilen. Wir wollen nicht spalten, es geht uns um die Menschen, die jeden Tag hart arbeiten und husslen müssen, um zu überleben.

Deshalb frage ich ja: bringt uns dieser Separatismus da weiter?
Sticman:
Du nennst das Separatismus – das klingt, als wenn wir uns von diesen oder jenen Menschen abgrenzen wollten, aber das meinen wir nicht. Ich kann mit jedem meine Zeit verbringen und gemeinsam kämpfen – ich bin ein freier Mensch. Aber uns geht es um Unabhängigkeit. Was genau ist mit Unabhängigkeit gemeint? Gesellschaftlich bedeutet es, dass wir durch unsere eigenen Leistungen existieren können, durch unsere eigene Kraft und unsere eigene Entwicklung – ohne durch dieses System ausgebeutet zu werden. Weiße profitieren in der Regel von diesem System – seit der Kolonisation bis heute. Wenn man den Weg des Geldes verfolgt, dann sieht man wer diese Global Player sind.

In euren Texten geht es hauptsächlich um Rassismus, Imperialismus und Kapitalismus. Wieso redet ihr nie über Sexismus oder Homophobie? Gehört das nicht auch zur Imperialistischen Struktur – zum weißen Protestantismus?
Sticman:
Wir haben auch schon darüber gesprochen, da muss man sich unsere Texte genau anhören. Wir kämpfen gegen jede Form der Unterdrückung! Aber das heißt nicht, dass unser Fokus darauf liegt, das ist nicht unser Hauptanliegen, nicht unser Kampf.

Aber was ist mit Solidarität, ist die nicht auch wichtig? Viele weiße, Rapper und Rapperinnen haben sich im Kampf gegen Rassismus engagiert und Texte dazu geschrieben, obwohl es nicht “ihr Kampf” ist. Denkt ihr nicht, dass alles miteinander verbunden ist? Führt Unterdrückung nicht immer zu neuer Unterdrückung – in welcher Form auch immer.
M1:
Natürlich, ich bin mit sehr vielen Bewegungen solidarisch. Es würde in den USA keine Gay-Rights-Bewegung geben, wenn es nicht auch den Black-Power-Struggle geben würde. Unsere Solidarität geht tief, aber wenn wir gegen Rassismus und Imperialismus kämpfen, müssen wir deshalb nicht auch gleichzeitig die Wale retten. Die Wirklichkeit ist, dass wir alle eine Rolle, eine Aufgabe im Leben haben. Wenn wir solidarisch mit Schwulen, Lesben und Transsexuellen sind, dann sollten sie auch solidarisch mit dem Freiheitskampf der Afrikaner sein. Wir haben gemeinsame Anliegen und das ist doch die eigentliche Bedeutung von Solidarität. Deshalb unterstütze ich auch die Freiheitsbewegung der Palästinenser, gleichzeitig treffe ich mich mit Freunden, die Israel unterstützen, um rauszufinden, was da eigentlich los ist. Und es gibt natürlich auch Israelis, die für die Freiheit der Palästinenser kämpfen. Es gibt weiße Amerikaner, die für die Rechte der Palästinenser kämpfen oder für Freiheit der Afrikaner. Wir alle haben Solidarität und wir alle haben eine Rolle, die wir in diesen Kämpfen spielen.

Was ist das für ein Schal den du trägst?
Sticman:
Das ist ein wunderbares Geschenk eines Homies: Ein Schal in den Farben der Flagge Palästinas, die Worte bekunden Solidarität mit Palästina.
M1: Danke für diese Gedanken provozierenden Fragen. Wir verstehen die Wichtigkeit unabhängiger Medien und schätzen die Möglichkeit, dadurch kommunizieren zu können. Nur so können wir zu den Wurzeln gelangen. Ihr seid nicht alleine, wir sind an eurer Seite. Der gemeinsame Kampf geht weiter!

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