DJ Spinna – Den Wurzeln treu bleiben

Int. Rap

DJ Spinna begann mit astreinen Boom Bap Beats, hat sein Spielfeld aber längst auf Soul- und Funkmusik ausgeweitet. Auch die elektronische Musik entdeckte er bereits Lichtjahre bevor US-Producer damit begannen, schäbige Eurodance Lieder zu recyceln. Seine eindrückliche Discografie, welche auch unzählige Remixes von Untergrund-Rap bis Michael Jackson umfasst, beweist, dass der Produzent und DJ aus Brooklyn einer der wohl vielseitigsten Beatschmiede der Gegenwart ist. Mit seinem kommenden Album „Sonic Smash“ will er nun vor allem seine HipHop-Hörerschaft zufriedenstellen. Wir sprachen mit dem Musikliebhaber über Stevie Wonder, New York Rap, Remixes, Lieblingsproduzenten, sein neues Album und über eine Sache, die er bis heute bereut.

Ich werde heute das erste Mal eines deiner DJ-Sets sehen. Kann ich, ähnlich wie bei deinen Produktionen, eine Mischung aus Rap, Soul, Funk, House etc. erwarten?
Du kannst auf jeden Fall ein vielseitiges Set erwarten. Dies ist zumindest die Art und Weise, die ich bevorzuge. Es hängt aber natürlich von der Party und den Leuten ab.

Ich habe von einer Party namens „Wonderfull“ gehört. Erzähl uns, was sicher dahinter verbirgt!
Das ist eine Stevie Wonder Tribute Show, welche ein Mal im Jahr in New York stattfindet. Ich und Bobbito begannen 2001 damit und unterdessen konnten wir mit diesem Event um die Welt reisen. Er fand in Japan, Amsterdam und in diversen US-Städten statt. Es ist eine der grössten Partys die ich mache und Stevie Wonder kam bereits zwei Mal persönlich vorbei. It’s amazing!

Am 30. Juni erscheint dein neues Album „Sonic Smash“. Was erwartet uns?
“Sonic Smash” ist 100 Prozent HipHop. Es ist das erste HipHop-Album seit “Heavy Beats” (Anm. dieses erschien 1999), dass ich als DJ Spinna produziert habe. Meine zwei anderen Alben waren vielschichtiger und nun bin ich gespannt, wie die Reaktionen der Fans ausfallen, denn sie fragen mich schon lange, wann ich wieder eine HipHop-Scheibe mache. Vor zwei Jahren habe ich zwar das Polyrhythm Addicts Album gemacht, aber viele Leute bekamen das gar nicht mit, da das Label, Babygrande, mit der Promotion aufhörte, bevor sie richtig begonnen hatten. Ich glaube vor allem hier in Europa war das Album nur schwer zu bekommen.

Mit welchen Künstlern hast du für „Sonic Smash“ gearbeitet?
Ich habe Shabaam Sahdeeq und Tiye Phoenix von Polyrhythm Addicts, Torae, ein Typ aus Brooklyn, der mit Duck Down unten ist. Phonte von Little Brother und Elzhi von Slum Village sind zu hören. Es gibt einen neuen Jigmastas Song und ich habe einige aufstrebende Künstler aus New York wie Fresh Daily, Homeboy Sandman und P. Casso, welche alle auch bei Highwater Music unter Vertrag stehen.

Die Jigmastas existieren also noch. Wird es acht Jahre nach „Infectious“ auch wieder ein neues Album geben?
Ja, wir arbeiten bereits seit zwei Jahren daran. Es ist ein langer Arbeitsprozess, vor allem wegen unseren vollen Terminkalendern. Krim macht nicht mehr beruflich Musik und es ist nicht einfach, seinen regulären Job und das Album unter einen Hut zu bringen. Doch auch wenn es länger dauert, wird es ein spezielles Projekt werden.

Dein Album wird bei Highwater Music erscheinen. In einem Interview hast du gesagt, dass es da Ziel des Labels ist, das Stones Throw der Eastcoast zu werden. Klingt interessant!
Was wir wirklich machen wollen, ist den Untergrund New York Sound zurückbringen. Seit Rawkus in den späten Neunzigern gab es kein Label, das den Sound aus New York repräsentiert hat. Sucio Smash, der bekannt ist durch seine eigene Radioshow, hat das Label gegründet, um guten HipHop, oder gute Musik im Allgemeinen, zu veröffentlichen.

Ist es auch das Ziel deines Album, den originalen New York Rap zurückzubringen?
Definitiv. Ich würde nicht sagen, dass dieser Sound völlig verschwunden ist, es gibt Künstler, die ihn am Leben erhalten. Aber wir brauchen mehr davon, besonders aus New York. Viele Künstler von hier, vor allem im Mainstream, verleugnen diesen Boom Bap Sound. Ich denke, es ist wichtig, dass wir unseren Wurzel treu sind und diesen Vibe am Leben erhalten. New York hat seinen eigenen Sound, wie ihn der Süden auch hat.

Es stört dich also, wenn Künstler aus New York plötzlich über Crunk Beats rappen?
Für mich macht es den Eindruck, dass diese Künstler nur über solche Beats rappen, um Platten zu verkaufen und relevant zu bleiben für die Käufer. Meiner Meinung nach sollten wir an dem festhalten, was wir haben. Beispielsweise war Dr. Dre der König des Westcoast Sounds, die New Yorker passten sich aber nicht seinem Stil an. Als Snoop und Dre gross wurden, hatten wir Biggie, Nas und Jay-Z. Deshalb verstehe ich nicht, wieso wir uns nun an den Süden anbiedern sollen. Aber die Musikindustrie hat sich seither sehr verändert und am Ende des Tages versucht jeder Platten zu verkaufen, auch wenn er sich dafür anpassen muss. If it wasn’t for New York nobody else would be doing it. This is where it started so we should stick to what we got. Es muss nicht klingen wie früher, man kann den Boom Bap Sound auch mit neuen Techniken verbinden. Es geht vor allem um den Vibe, der fehlt.

Deine Produktionen reichen von klassischem Rap über Soul bis hin zu House. Brauchst du diese Vielseitigkeit, dass es dir nicht Langweilig wird?
Das ist tatsächlich der Hauptgrund, wieso ich damit begann, andere Musikstile zu produzieren. Ich war gelangweilt während der Jiggy-Ära 1998 und 1999. Ich war sehr unglücklich mit der Richtung, die eingeschlagen wurde und das plötzlich sogar Untergrundkünstler damit begannen, kommerzielle Tracks zu machen. Die Untergrundszene war nicht mehr zu vergleichen mit der Zeit, als ich begann, denn zu viele Leute veröffentlichten plötzlich ihre Platten. Jeder hatte ein kleines Studio in seinem Schlafzimmer, man wurde mit Platten förmlich überhäuft und dadurch ging die Qualität verloren. Die Verkaufszahlen sanken und ich hatte das Gefühl, dass sich die Leute nicht mehr für rohe Beats interessieren. Also startete ich mit anderen Projekten, auch um es für mich spannend zu halten, denn ich war immer eine sehr musikalische Person und ich mochte schon immer alle möglichen Arten von Musik. Ich fühlte, dass ich es in mir habe und ich bin froh, dass ich es durchzog, denn es brachte mich rund um die Welt. So kam ich an Orte, welche normale HipHop-DJs nie zu sehen bekommen.

Wie du gesagt hast, ist es viel einfacher geworden, eine Platte aufzunehmen. Heute ist es möglich, mit einem simplem Computerprogramm Beats zu programmieren. Wie hat sich dein Equipment über die Jahre verändert?
Weisst du was, mein Equipment hat sich so gut wie gar nicht verändert. Ich verwende immer noch die MPC3000, gelegentlich auch die SP1200. Ich kaufe immer noch Platten und choppe immer noch Samples. Ich habe mir einige Sachen dazugekauft, verwende aber auch immer noch Pro Tools und Logic, die Technik ist also mehr oder weniger dieselbe geblieben. Die Art aufzunehmen ist fortgeschritten, mein Ansatz bei den Beats hat sich aber nicht wirklich verändert.

Also auch wenn du House produzierst, verwendest du dasselbe Equipment wie für einen Boom Bap Beat?
Ja, ich choppe dafür Kicks und Snares in der MPC und ich denke, dies macht meine House Produktionen speziell. Meine Herangehensweise bei den Drums ist anders, ich verwende nicht die klassischen Drums aus den Roland 808 und 909 wie viele House Produzenten. Ich sample meine Drums immer. Ich habe viel bei Kenny Dope abgeschaut, der für mich der Master of House Beats ist. Er hat mir aufgezeigt, dass man einen House Beat mit der selben Herangehensweise wie einen HipHop Beat produzieren kann.

Du bist vor allem auch für deine Remixes bekannt. Heutzutage besteht ein Remix aus demselben Instrumental und einigen zusätzlichen Rappern. Was ist deine Definition von einem guten Remix?
Ein guter Remix ist, wenn du den Song in eine neue Richtung führen kannst, ihm einen neuen Vibe verpasst und der Song in einem völlig neuen Licht wiedergeboren wird. Ich sehe heute nicht mehr viele Leute, die Remixes machen, vielleicht weil sich der Markt so verändert hat. Wie du gesagt hast, hat ein Remix heutzutage einfach zusätzliche Rapper auf demselben Beat. Aber ich mag es, mich selber herauszufordern.

Vor rund zehn Jahren hast du drei Tracks für Eminem produziert. Konntest du dir damals vorstellen, dass er eine solch erfolgreiche Karriere hinlegen wird?
Nein, überhaupt nicht. Das erste Mal, dass ich mit ihm arbeitete, war für meine Platte „Heavy Beats“, auf der er einen Song mit Thirstin Howl III hat. Die Idee kam von Rawkus, da Eminem bereits Sachen für die Lyricist Lounge gemacht hatte. Zu dieser Zeit war er sehr verbunden mit der Untergrundszene. Anschliessend kam ein Song mit Shabaam Sahdeeq namens „5 Star Generals“. Der dritte Song war mit Skam, der zu Beyond Real gehört, und zu dieser Zeit eine Homeboy von Eminem war. Alle diese Songs entstanden einfach so, ohne das es geplant war und ohne, dass ich gedacht hätte, dass er so gross wird. Er ist sehr talentiert und kann definitiv reimen. Er mag seine Gimmicks haben, aber in einem Battle wird er seinen Gegner verbrennen.

Wenn du nun, zehn Jahre später, wieder mit ihm arbeiten könntest, was für einen Beat würdest du produzieren?
Einen Boom Bap Beat. Ich denke, er braucht wieder Mal einen richtig rohen Beat.

Was war die eindrücklichste Zusammenarbeit deiner Karriere?
Da gibt es zwei verschiedene. 2005 rief mich Stevie Wonder an und hinterliess eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, da er einen Remix von mir wollte. Es war nicht eine Zusammenarbeit im klassischen Sinn, da wir nicht zusammen im Studio waren, aber es ist trotzdem die beste Erfahrung meines Lebens. Abgesehen davon, dass er zwei Mal bei den „Wonderfull“ Partys aufgetaucht ist, war dies der persönlichste Kontakt mit einem meiner Helden. Der Remix erschien zwar nie offiziell, Stevie gab aber die Genehmigung für das Bootleg, da er den Remix mochte. Eine andere Zusammenarbeit, auf die ich sehr stolz bin, ist mein Remix von „Stakes Is High“ für De La Soul. Dies war wohl einer der wichtigsten Remixes zu Beginn meiner Karriere und er hat mich bekannt gemacht, besonders in England, da es als UK-Remix erschien. Schön daran ist, dass die Anfrage nicht vom Label, sondern von der Gruppe selber kam. Es war nach „Microphone Master“ von Das Efx erst mein zweier Remix und dies für eine meiner Lieblingsgruppen.

Was ist mit dem Remix, den du für Michael Jackson gemacht hast?
Das war cool, die Anfrage kam von Universal Japan. Ich sollte einen Song namens „We’re Almost There“, der 1974 aufgenommen wurde, remixen. Als ich die Originalbänder durchhörte, fiel mir auf, dass Michael am Anfang des Songs ganz leise spricht. Es ist unglaublich, dies ist ein Teil des Songs, den sonst niemand zu hören bekommt. Das ist ein Stück Geschichte.

Gibt es noch Künstler, die du gerne auf deinen Beats hören würdest?
Aber natürlich! Im HipHop Bereich würde ich gerne mit Nas, Common, KRS One, Rakim und Jay-Z arbeiten. Andererseits würde ich gerne was mit Chaka Khan machen oder einige Beats auf dem neuen Sade Album platzieren. Es gibt noch viele, z.B. bin ich ein grosser Fan von Jill Scott; ich liebe ihre Stimme.

Letztes Jahr hast du den Song „Dillagence“ mit Phonte veröffentlicht. Meiner Meinung nach bestehen einige musikalische Parallelen zwischen dir und Dilla, siehst du das auch so?
Dilla ist definitiv einer meiner Helden. Wir waren cool miteinander und sprachen mehrfach am Telefon. Ich wäre nicht überrascht, wenn er sich meine neuen Sache jeweils angehört hätte, denn ich habe definitiv immer seine neuen Releases ausgecheckt. Wir kommen aus derselben Ecke – wir sind beides Beatheads, lieben beide elektronischen Elemente. Ich war ein grosser Fan von ihm und ich sprang definitiv nicht auf einen Zug auf, als er verstarb. Ich habe immer drei Kopien seiner Releases gekauft, heute noch habe ich verschweisste Kopien von „Ruff Draft“ und „Welcome to Detroit“. Er war möglicherweise mein grösster Einfluss im HipHop, denn jedes Mal wenn ich einen neuen Beat oder Remix von ihm hörte, wusste ich, dass es etwas Verrücktes und Spezielles sein wird. Es gibt nicht viele Produzenten, die mich motiviert haben, bei ihm war es aber definitiv der Fall – he make me work harder. Eine weitere Parallele ist „Stakes Is High“, wo ich den Remix für UK und Dilla denjenigen für die USA gemacht hat.

Habt ihr euch denn persönlich getroffen oder wart ihr sogar mal zusammen im Studio?
Wir haben uns mehrmals getroffen. Es ist schwierig auszumalen, was passiert wäre, wenn wir zusammen im Studio gewesen wären. Es kommt selten vor, dass sich Produzenten im Studio treffen, aber es wäre sicherlich etwas magisches entstanden. Ich muss dir noch eine Geschichte erzählen. Es gibt etwas, dass wohl zu den Dingen gehört, die ich am meisten bereue in meinem Leben. Eines Tages hat mich Dilla angerufen und nach Beats für sein Album bei MCA gefragt, doch ich war zu beschäftigt zu dieser Zeit. Ich trete mich noch heute selber in den Hintern, wenn ich daran denke.

Nenne mir deine Lieblingsproduzenten der Gegenwart und aller Zeiten!
Um es einfacher für mich zu machen, starte ich mit HipHop. Meine all time Favoriten sind Marley Marl, Pete Rock, DJ Premier, Large Professor und De La Soul. Viele Leute wissen gar nicht, dass De La Soul ihre eigenen Beats machen, es ist nicht nur Prince Paul, den ich aber auch auf die Liste setzen muss. Natürlich Dilla und weisst du was, ich mag Madlib, nur schon weil er anders ist und Grenzen überschreitet wie mit Yesterdays New Quintet. Die Bomb Squad, welche Public Enemy produzierten, waren sehr wichtig für mich. Ausserhalb von HipHop wären es Charles Stepney, der viele der frühen Minnnie Riperton und Earth, Wind & Fire Sachen gemacht hat. Stevie Wonder und James Brown stehen natürlich ganz oben auf der Liste. Nicht zu vergessen Roy Ayers, Herbie Hancock, Donald Byrd. Es gibt noch viele mehr, aber die wichtigsten habe ich nun erwähnt. Gegenwärtig bin ich sehr begeistert von Oddissee und seiner Crew, Roddy Rod und Kev Brown. Georgia Anne Muldrow ist unglaublich. Ich mag Black Milk, Karriem Riggins und Waajeed. Einige der Beats von Flying Lotus finde ich sehr spannend. Khrysis ist ill, De La aus Paris ist sehr dope und big up an die Jazz Liberatorz und Grap Luva.

In deiner Bio steht, dass Funk, Soul und Jazz der Ursprung, HipHop die Basis und Electronic / Dance Music die Zukunft ist. Bedeutet dies auch, dass du dich zukünftig mehr auf die elektronischen Sachen fokussierst?
Lass es mich so sagen; als DJ spiele ich seit Tag Eins elektronische Musik wie Kraftwerk, frühen Techno aus Detroit sowie frühe House Musik aus Chicago und New York. Dies sind Platten, die ich auflege und die mich als Produzent beeinflusst haben. Als ich diesen Sound kennenlernte, habe ich zu mir selber gesagt, dass ich dies eines Tages auch produzieren werde. Es ist lustig, dass viele bekannte House-DJs zuvor im HipHop aktiv waren. Leute wie Louie Vega, Tony Humphries oder Kenny Dope habe ihre Wurzeln in der B-Boy Kultur.

Vielen Dank für das interessante Gespräch. Hast du zum Schluss noch irgendwelche Projekte, die du gerne ankündigen möchtest?
Haltet Ausschau nach dem neuen Sadat X Album, auf dem ich einen Song produziert habe. Das Soloalbum von Tiye Phoenix ist draussen mit zwei Beats von mir. Auf dem nächsten Shabaam Sahdeeq Album werde ich auch einige Beats drauf haben. Natürlich müsst ihr die Ohren für „Sonic Smash“ und das Jigmastas Album offenhalten. „Sonic Smash 2“ kommt im nächsten Jahr und mit J-Live habe ich über ein gemeinsames Album gesprochen.

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