Termanology – Ich habe versucht, die Formel von „Illmatic“ zu rekonstruieren

Int. Rap

Wer nach neuen Ostküstentalenten Ausschau hält, ist schon vor einiger Zeit auf Termanology gestossen. Mittels Mixtapes hat sich der Latino-Rapper aus Lawrence in der Nähe von Boston einen Namen gemacht. Dank seinen unüberhörbaren Skills kann er mittlerweile auf namhafte Supporter wie Statik Selektah und DJ Premier zählen. Die zwei von Premo produzierten Granaten „Watch How It Go Down“ und „So Amazing“ liessen die Boom Bap Gemeinde sehnlichst auf das Debütalbum von Term warten. Auf dem in der Juice als Album des Monats gekrönten „Politics As Usual“ vereinte der 26jährige einige der Heroen der Neunziger wie Pete Rock, Large Professor, Havoc, Buckwild und natürlich DJ Premier. Man muss heutzutage weit suchen, um einen MC zu finden, der technische Fähigkeiten, inhaltliche Stärke und ein zumeist gutes Händchen für dicke Beats so kombiniert wie Termanology. Wir trafen einen der besten Eastcoast Rapper der Gegenwart und sprachen mit ihm über seinen Aufstieg, das Debütalbum und zeitlose Rapmusik.

Du hattest dich als “most underrated” bezeichnet. Hat sich dies nach der Veröffentlichung von „Politics as Usual“ verändert?
Daran hat sich nicht viel verändert. Es ist gut, dass das Album draussen ist und die Fans es mögen aber nun ist es Zeit weiterzugehen.

„Politics as Usual“ war in der Juice das Album des Monats, zwei Ausgaben später wurde das Album von Statik Selektah zur Platte des Monats gekürt. Hast du das Gefühl, dass du in Europa mehr Liebe für deine Musik bekommst?
In den Staaten herrscht ein Überfluss, jeder macht Beats oder ist ein Rapper. Ich weiss, dass es hier nicht viel anders ist, aber in den Staaten ist es noch viel extremer; jeder ist ein Rapper. Too many rappers not enough fans.

Auf „Politics as Usual“ vereinst du einige der wichtigsten Produzenten der Neunziger. Ich habe gelesen, dass es mit einigen Produzenten aus dieser Ära nicht geklappt hat. Wer stand noch auf deiner Liste?
Einige hatten eigentlich zugesagt, waren aber nicht fertig bis zur Deadline. Anderen waren ebenfalls interessiert, ihr Preis war aber schlicht zu hoch. Ich wollte unbedingt mit Q-Tip arbeiten und ich glaube, dass er auch interessiert war. Es gab jedoch einen Terminkonflikt, da er fast zur selben Zeit veröffentlichte wie ich und noch auf Tour ging. Mit Just Blaze hätte ich gerne gearbeitet und er hatte auch zugesagt, am Schluss konnten wir aber nicht mehr auf seinen Beat warten. Dafür hat es mit Hi-Tek und Havoc in letzter Minute noch geklappt. Ich bin zufrieden und vielleicht arbeite ich mit den anderen Produzenten ja auf dem nächsten Album.

Du wolltest mit Q-Tip arbeiten, hast du auch versucht L.E.S. zu kriegen um das komplette „Illmatic“ Line Up beieinander zu haben?
(schmunzelt) Nein, ich habe nicht versucht mit ihm zu arbeiten, das wäre aber eine gute Idee gewesen, da ich versucht habe, die Formel von „Illmatic“ zu rekonstruieren.

Hättest du dein Album vor 10-15 Jahren veröffentlichen können, würdest du wohl als einer der ganz grossen MCs gelten. Ist es frustrierend zu wissen, dass du mit deiner Musik quasi in der falschen Epoche erscheinst?
Ich sollte versuchen zurück in die Zukunft zu gehen (lacht). Aber schlussendlich kann man nichts dagegen tun, man muss einfach am Ball bleiben und seinen Weg suchen. Aber natürlich ist es frustrierend. Es ist verrückt, dass ich plötzlich Anrufe von DJ Premier auf meinem Handy habe. Viele Leute lieben Premier, ohne ihn jemals getroffen zu haben. Als HipHop-Fan bedeutet es mir unglaublich viel, eine gute Beziehung zu solchen Leuten zu haben. Ich muss kein riesiger Star sein, ich habe was ich liebe und bekomme meinen Respekt.

Ich habe gelesen, dass du in den Anfangstagen immer zwischen Boston und New York hin und hergereist bist, stets mit dem Ziel vor Augen, dich im Rap-Game zu etablieren. Hattest du überhaupt einen Plan B?
Nein, es gab niemals einen Plan B (lacht).

Auf „Watch How It Go Down“ sagst du aber: „Rap music is probably not the best career you could choose”. Hast du es jemals bereut?
Diese Platte erschien 2006 und ich war erst 23. Ich realisierte zu diesem Zeitpunkt, dass Rap nicht der Ort ist, wo man das grosse Geld verdient. Es gab nur einige Rapper, die Platinum gingen und an der Spitze waren, auf der anderen Seite Millionen, die ganz unten sind. In vielen Belangen ist Rapmusik negativ und dies habe ich zu diesem Zeitpunkt realisiert. Trotzdem bin ich sehr glücklich – ich werde in die Schweiz geflogen um eine Show zu spielen. Durch Rap erhalte ich die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen. Bevor ich „Watch How It Go Down“ rausbrachte, wurde ich weder für Shows noch für Features bezahlt, verdiente als noch kein wirkliches Geld mit Rap.

Zwei deiner Crewmitglieder sind momentan hinter Gittern. War es schwierig für dich, den kriminellen Aktivitäten fernzubleiben, besonders zu der Zeit, als du noch wenig Geld mit Rap verdient hast?
Das war das Schwierigste, man versucht zu überleben. Wenn du diesen Lifestyle wählst, musst du voll drin sein, es gibt keine halben Sachen. Es warten viele Probleme auf der Strasse und man muss versuchen, möglichst davon fernzubleiben. Aber wenn man von der Strasse ist und dies der einzige Ort ist, wo man Geld verdienen kann, dann wird man auch wieder dort landen.

Wie schwierig war es, der Strasse fernzubleiben, als du bereits dein Geld mit Rap verdienen konntest?
2006 habe ich mir geschworen, dass ich mich nur noch auf die Musik konzentriere, denn nur so kann ich auf das nächste Level gelangen. Es gibt so viele Rapper, die ihre Chance erhalten und sie selber vermasseln.

Manchmal sogar Rapper, die Millionen von Platten verkaufen..
Schau dir DMX an. Er ist mehr im Knast als im Studio. T.I. ist einer der grössten Rapper und er sitzt auch im Knast. Es ist verrückt.

Du lebst mittlerweile in der Bronx, repräsentierst aber deine Heimatstadt Lawrence immer noch to the fullest, sie steht sogar auf dem Cover deines Albums. Wie wichtig würdest du den Einfluss der Stadt auf deine Karriere bewerten?
Sehr gross, denn von Lawrence zu sein ist sehr besonders. Es ist alles andere als einfach für einen Rapper aus Lawrence. Die ganze Welt sieht mich als einen Boston-Rapper, die Dudes aus Boston finden aber, ich sei nicht aus Boston. Ich repräsentiere Boston, gleichzeitig muss ich aber auch Lawrence und ganz Massachusetts repräsentieren. Es ist also einiges komplizierter als z.B. für Edo G oder Slaine, die aus Boston selber stammen. Lawrence ist eine kleine Stadt und es leben fast nur Latinos aus Puerto Rico oder der Dominikanischen Republik dort. Es gibt dort nicht viele Rapper, einzig Scientific, ruhe in Frieden, sowie Krumb Snatcha und Reks. Es hat viel Arbeit gebraucht um Lawrence auf die Karte zu setzen, aber wir haben einen guten Job gemacht, denn viele Leute wissen nun, wo sich diese Stadt befindet.

In einem Interview hast du gesagt, dass es nirgends so viele Hater in der HipHop-Szene gibt wie in Massachusetts. Was für Hindernisse musstest du überwinden?
Es war unnachgiebige Arbeit. Als ich 17 Jahre alt war, begann ich zu battlen. Ich fuhr jeweils mit Easy Money nach Boston und wir battleten alle. Eigentlich waren wir noch zu jung um in die Clubs zu kommen. Wir schlichen uns also irgendwie rein und haben die MCs gekillt. Dann begannen wir Vorgruppe für Leute wie Edo G, Krumb Snatcha, Mr. Lif, Akrobatik oder Esoteric zu spielen. Als wir mit diesen Leuten cool waren, fast von jedem Rapper in Boston Respekt bekamen und mit ihnen Songs aufnahmen, kannten alle S.T.. Später kamen dann weitere Leute dazu und wir nannten es S.T. da Squad. Daraufhin kannten uns alle in Massachusetts, aber es war kein einfacher Weg.

Mittlerweile hast du dir weit über Massachusetts einen Namen gemacht und nicht wenige sehen dich als eine Hoffnung für den klassischen Rap von der Ostküste. Spürst du deswegen einen Druck?
Nein, das fühlt sich gut an. Ich lebe jetzt in New York und die Leute meinen, ich sei auch von dort. Wenn ich in den Club gehe, kommen die Leute zu mir und sagen, dass es mehr Leute wie mich brauche, die New York vertreten. Aber das ist cool, denn ich repräsentiere New York auch. Schlussendlich repräsentiere ich HipHop und habe einen Sound, der nach New York klingt, also ist es cool für mich.

In einem Interview hast du gesagt, dass du dich als „true hiphop artist“ wie ein Alien fühlst. Wie würdest du „true hiphop“ definieren?
DJ Premier, Q-Tip, Gang Starr, Mobb Deep oder Common. Ich sehe mich als eine Mischung aus Big Pun, Rakim, Common und N.W.A. Ich kann den Gangsta Shit spitten geprägt von dem, was ich sehe und dem, was ich durchgemacht habe. Gleichzeitig habe ich aber conscious Texte, denn ich bin kein fucking Asshole. Ich brauche meinen Kopf und will ein positiver Leader sein, nicht nur ein Gangster. Aber ich kann auch bösen Shit wie Mobb Deep bringen. Ich denke die Beats erinnern bei mir eher an die Strassenrapper.

Wie du gesagt hast, legst du Wert auf den Inhalt deiner Texte. Denkst du, dass dies am meisten fehlt heutzutage?
Die Lyrics fehlen definitiv, aber ich würde nicht sagen, dass es nur der Fehler der Künstler ist. Die Leute wollen unbedingt ins Radio kommen und wenn sie einen Song im Radio hören, versuchen sie diesen zu kopieren. Das Problem ist jedoch ,dass es nur begrenzt Platz gibt im Radio und selbst wenn du einen Song machst, der sich genau wie der letzte Radiohit anhört, heisst das noch lange nicht, dass du auch gespielt wirst. Somit haben wir eine Menge Künstler, die versuchen wie jemand anders zu sein und verflucht wacke Musik machen. Sie realisieren nicht ,dass man viel weiter kommt, wenn man sich selbst ist. Viele Leute sagten mir, dass ich in eine andere Richtung mit meinem Album gehen soll. Ihrer Meinung nach ist meine Musik die Vergangenheit. Sie sollen ihren sogenannten Future Shit machen, ich bleibe bei dem, was mir gefällt. Es zeigt sich, dass ich auf diese Weise viel mehr Respekt, Liebe und Anerkennung erhalte.

Du hast Big Pun auf deinen Arm tätowiert. Für dich ist es also kein Problem, ständig mit ihm verglichen zu werden?
Er ist mein Idol! Für Rapper mit puerto-ricanischen Wurzeln ist er Gott. Ich bin mit der Musik von Fat Joe aufgewachsen, bereits 1995 hatte ich seine CD „Jealous One‘s Envy“ und ich konnte jedes Wort auswendig. Ich schaute zu Fat Joe auf, da er die spanische Perspektive aus der Hood repräsentierte und dies entsprach dem, was ich tagtäglich sah. Niemand anders hat aus dieser Perspektive berichtet und somit sprach Fat Joe für Leute wie mich. Ich war also schon ein grosser Fat Joe Fan und als er Big Pun signte, war es vorbei. Als Pun starb war es herzzerreissend aber da er so grosses Vollbracht hat bevor er von uns ging, lebt er immer noch weiter. Er hatte viele Schranken niedergerissen und den Weg geebnet für Künstler wie mich, Joell Ortiz oder Tru Life.

Wie beurteilst du die Veränderung von Fat Joe, der seit einigen Jahren immer wieder Singles für die Radios produziert?
Ich finde es smart, dass er diese Radiosongs hat, mit denen er Geld verdient. Wenn man aber seine Alben hört, ist er Street! Auf seinem letzten Album hatte er einen Premier Beat, den Song mit KRS One auf einem Alchemist Beat oder das ruffe „300 Brolic“. Ich finde nichts falsch daran, sondern sehe es als schlaue Formel.

Könntest du dir das auch für dich vorstellen?
Wieso nicht, solange dein Herz am rechten Fleck sitzt und die Musik immer noch gut ist, sehe ich kein Problem. Es ist nichts falsch daran, einige Songs für die Ladies zu machen. Einige übertreiben es einfach und ändern über Nacht ihren kompletten Stil.

Du hattest DJ Premier an einem Gang Starr Video Shoot getroffen, wo du ihm dein Demo gegeben hast. Unterdessen habt ihr mehrfach zusammengearbeitet. Würdest du sagen, dass er die Person ist, die deine Karriere am meisten nach vorne gebracht hat?
Definitiv. Seine Unterstützung hat meiner Karriere so viel gebracht und ich kann ihm nicht genug dafür danken. Ich habe das Glück, dass ich bereits sieben Songs mit ihm machen konnte. Vor fünf Jahren hätte ich meinen linken Arm für nur einen Premier Beat gegeben. Es ist unglaublich, dass ich ihn nun als Freund bezeichnen darf und er mir regelmässig schreibt oder mich anruft. Als ich das J Dilla Mixtape gemacht habe, rief er mich an und gab mir Props. Das bedeutet mir unglaublich viel. Ich werde nun sogar im Juli mit ihm eine Show in Spanien spielen. Er und Statik Selektah haben mir unglaublich geholfen.

Auf „So Amazing“ empfiehlst du dich Leuten wie Jay-Z, Dr. Dre, Puffy oder Eminem. Hat einer auf den Song reagiert?
Nein, es hat leider nicht funktioniert. Sieht so aus, als ob ich einen zweiten Teil machen müsste. (Gelächter)

Vor deinem ersten Album hast du viele Mixtapes und Features gemacht. War dies, weil du dich noch nicht bereit gefühlt hast für ein Album oder eher wegen der damaligen Situation?
Mixtapes waren Übung, es war für die Strassen und die Fans. Bevor ich 21 Jahre alt war hatte ich bereits vier furchtbare Deals. Ich entschied mich schliesslich mein eigenes Label S.T. Records zu gründen und wir veröffentlichten „Hood Politics 1“. Mittlerweile sind bereits fünf Teile davon erschienen und deshalb hiess das Album auch „Politics as Usual“.

Du würdest also sagen, dass die Mixtapes wichtig waren für deine Karriere?
Die „Hood Politics“ Mixtapes waren auf jeden Fall sehr wichtig. Ich werde nun auch einen sechsten Teil machen. Zuerst wollte ich es eigentlich beenden, aber da 2008 kein „Hood Politics“ Mixtape erschien wegen meinem Album, lasse ich nun dieses Jahr noch eines raus.

Du hast mit Lil Fame von M.O.P. ein komplettes Album aufgenommen. Wann können wir damit rechnen?
Wir haben noch kein genaues Datum. Zuerst erscheint nun das M.O.P. Album und dann legen wir mit diesem Album nach. Fame hat den Grossteil der Beats produziert und er rappt auch auf den meisten Songs. Wir haben Solotracks und viele gemeinsame Songs.

Ausserdem arbeitest du mit Statik Selektah an einem Album namens „1982“. Ist dieses vergleichbar mit den Songs, die man bislang von euch zweien kennt, oder geht ihr in eine neue Richtung?
Die Songs werden verrückt! Statik ist ein unglaublicher Produzent, der sich kreativ immer pusht, nie stehen bleibt und stetig neue Sounds ausprobiert. Es hat einige ausgefallene Songs, aber auch Tracks, wie man sie von uns erwartet. Die Platte ist aber noch nicht ganz fertig, ich hatte mich zuerst auf das Album mit Fame konzentriert, welches nun zu 95 Prozent fertig ist. „1982“ ist zu rund 50 Prozent im Kasten, die Beats habe ich fast alle gepickt, nun muss ich die Vocals schreiben. Statik hat seinen Job gemacht, ich war bislang noch etwas lasch, aber das hole ich nun nach.

Besten Dank für das Gespräch! Hast du den Lesern hier in der Schweiz noch etwas mitzuteilen?
Ich möchte mich bedanken bei den Leuten, ich hatte ein tolle Zeit und alle Leute sind sehr cool. Besucht mich auf termanologymusic.com!

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