EPMD – Aus der Schule der Entertainer

Int. Rap

Erick und Parrish machen immer noch Dollars. Mittlerweile verdienen sie diese independent und sind mehr als zufrieden damit. Das Duo ist sich bis heute treu geblieben und bringt immer noch den unverwässerten EPMD Sound. Nur wenigen Rap-Legenden gelang es, sich so lange im Spiel zu halten. An den messerscharfen Rhymes von Parrish Smith und Erick Sermon hat sich nichts geändert und dass Erick Sermon immer für einen Beat erster Güteklasse im Stande ist, müsste eigentlich gar nicht erwähnt werden. Im Interview erfahren wir mehr über ihr letztes Album, ihre glorreiche Karriere, ihre Einstellung zu HipHop, wie ein geklauter Song zum Hit wurde und was Erick Sermon gelegentlich mit seiner Mutter bespricht.

Bei ihrer Show im Sommercasino in Basel verliess sich das Duo vor allem auf ihre alten Hits. Als sie „Listen Up“ vom neuen Album spielten, entschuldigten sie sich schon fast dafür. Dabei muss man sich für dieses Brett alles andere als rechtfertigen. Viele Songs schienen sie nicht im Gepäck zu haben; als Zugabe spielten sie nochmals drei Songs, welche bereits zuvor zu hören waren – darunter natürlich „Da Joint“. Leider blieben einige meiner Favoriten wie „Symphonie“ oder „K.I.M.“ auf der Strecke, dennoch bewiesen die beiden alten Hasen, dass sie es weiterhin verstehen, eine gute Rapshow zu rocken. Nach dem Konzert traf ich sie im Backstagebereich zum ausführlichen und interessanten Gespräch, bei dem vor allem Erick Sermon ausgiebig aus dem Nähkästchen plauderte.

„We Mean Business“ ist seit langer Zeit das erste Album, das ihr independent veröffentlicht habt. Seid ihr, ein halbes Jahr nach Veröffentlichung, immer noch zufrieden mit dieser Entscheidung?
Parrish: Definitiv. Man wächst stetig und will nach seinem eigenen Tempo arbeiten. Es gibt keine wirkliche Industrie mehr wegen den neuen Technologien. Wir können selber bestimmen, welche Singles wir auswählen, wie das Video auszusehen hat und wir sind immer noch im Aufbauprozess. Es ist definitiv ein grosser Unterschied zwischen einem Honorar beim Major und eine eigene Firma zu besitzen.
Erick: Heutzutage geht jeder independent, der die Möglichkeit dazu hat. So wie es Jay-Z macht würden es alle gerne machen. Man ist der Besitzer von dem, was man erschaffen hat, man muss keinem Label Geld abgeben und hat die totale Freiheit. Wir sind also definitiv in der richtigen Position.

Mit Ausnahme von Skyzoo habt ihr nur legendäre MCs auf dem Album. Hat sich dies einfach so ergeben oder soll es als Statement verstanden werden?
Parrish: Skyzoo ist einer der aufstrebenden Künstler, der sein Ding independent durchzieht. Wir arbeiten mit Leuten, mit denen wir uns verbunden fühlen.
Erick: Wir hätten mit jedem arbeiten können. Aber wir haben nur diejenigen angerufen, die genau zu der Platte gepasst haben. Wir sprachen mit Jadakiss und Styles P, wir hätten einen Song mit Nas haben können. Nas sagte zu uns: „Macht das Album nicht ohne mich fertig.“ Wir gehen nicht konform mit dem, was momentan im HipHop abgeht. Glücklicherweise haben wir Europa. Ohne Europa wäre HipHop sehr eintönig, vielleicht ändert sich dies nun nachdem Jay-Z „Death of Auto-Tune“ gemacht hat. Parrish lebt mittlerweile sogar in Deutschland.

Tatsächlich? Wo denn?
Parrish: In der Nähe von Stuttgart.

In den Staaten gibt es die „Rock the Bells“ Tour. Habt ihr trotzdem das Gefühl, dass diese Art von Rap nicht mehr wirklich gefragt ist.
Erick: HipHop ist sehr lebendig. Aber ohne „Rock the Bells“ wäre die HipHop-Szene noch viel mainstreamorientierter. Wir brauchen diese Tour für die Staaten, ohne sie wären wir einiges weniger gross. Es gibt wie in Europa Kids, die diese Musik hören wollen, ohne „Rock the Bells“ hätten sie aber keine Möglichkeit dazu. Wir wissen, dass wir grösser als der Mainstream sind, aber in den USA wird nur die eine Seite gezeigt. Es gibt mehr von uns, doch das Radio lässt es so aussehen, als ob es nur Mainstream-Rapper geben würde. Aber unser Weg macht einfach viel mehr Spass: die Beats, die Rhymes, das Sampling, die Kultur. Dieser Vibe ist einfach viel besser.

Wie beurteilt ihr denn die Newcomer? Ihr habt Künstler wie Redman, Keith Murray oder Das Efx ins Game gebracht. Haltet ihr immer noch Ausschau nach neuen Talenten?
Erick: Wir haben neue Künstler. Dieses Album haben wir veröffentlicht, damit die HipHop-Kultur folgt. Es ging uns nicht um den Erfolg. Wir können auch ohne ein Album auf Tour gehen. Leute wie KRS One, Rakim oder wir brauchen keine Platten mehr. Wir wollten zeigen, dass man keine Angst haben muss. Wenn man immer noch Platten machen kann, dann soll man es auch tun. Die HipHop-Kultur ist richtiggehend ängstlich, da der Mainstream sie eingeschüchtert hat. Aber wir kennen keine Angst. Genau so wenig Q-Tip, der ein grossartiges Album gemacht, das nur leider niemand gehört hat. Redman und Method Man kamen zurück, De La Soul werden wieder kommen. Wir haben das gemacht, damit die Newcomer nachziehen können. Ich habe ein Kid namens Tre und einen namens Vic. Das ist die New School des HipHop. Die 80ies Babys wie The Cool Kids werden gehört. Wir wollen das Game nicht verändern, aber wir wollen für eine Balance sorgen.

Wie wollt ihr das machen? Ganz alleine könnt ihr dies ja nicht bewerkstelligen!
Erick: Es verändert sich bereits jetzt. Jay-Z hat diesen Deal unterzeichnet und auch sein „Death of Auto-Tune“ Song war sehr wichtig. Es werden sich deswegen nicht alle verändern, aber einige werden es mit Sicherheit.

Auf „Listen Up“ verwendet ihr das den Vocoder. Habt ihr dies auch gemacht um den Kids zu zeigen, dass es noch andere Effekte gibt als Auto-Tune?
Parrish: The real shit!
Erick: Es gibt nur wenige Leute neben Teddy Riley, die wirklich damit umgehen können wie Peter Frampton, Roger Troutman, und DJ Quik.

Ich denke, dass die Leute überrascht waren, dass ihr vier andere Produzenten auf dem Album habt. Wieso habt ihr euch entschieden, dass andere Leute ihren Stil zum EPMD Sound hinzufügen können?
Parrish: Wir hatten immer einen oder zwei andere Produzenten auf unseren Alben.
Erick und Parrish diskutieren, wie der Produzente hiess, der den Song „Hit Squad Heist“ produziert hat.
Erick: Wir haben einfach das gemacht, was sich gut für HipHop angefühlt hat. Es gab einige Beats, bei denen wir nicht wiederstehen konnten. Parrish traf 9th Wonder in North Carolina und ganz ehrlich – wer hätte nicht gerne einen Beat von ihm? DJ Honda zählt eigentlich nicht, da er zur Crew gehört. Ty Fiffe ist schon sehr lange dabei und hat schon mit 50 Cent, DMX und vielen anderen gearbeitet.

Es gibt da so ein Gerücht, dass ihr ein Def Squad / Hit Squad Doppelalbum plant?
Erick: Wir versuchen das im Moment auf die Beine zu stellen. Redman ist immer sehr beschäftigt und ich arbeite momentan an dem Album von Keith Murray und Canibus. Wir haben einige Male mit Das Efx gesprochen. Sobald diese Projekte durch sind, werden wir uns dran machen. Ich glaub PMD hat es gar noch nicht mitbekommen, aber ich war zuvor am Telefon mit einem Promoter, der dabei ist, eine Hit Squad Tour auf die Beine zu stellen. Es wird also möglichweise bald passieren, dass EPMD, Redman, K-Solo und Das Efx in eure Stadt kommen.

Man konnte hören, dass es mit K-Solo einige Probleme gab..
Erick: Ja, die gab es. Aber kürzlich haben wir im B.B. Kings in New York gespielt und wir brachten K-Solo auf die Bühne. Es war crazy! Wir haben den Song nie mehr gespielt seit 1992 und jetzt vor drei Monaten erstmals wieder.

Wie man soeben auf der Bühne sehen konnte, stimmt die Chemie bei euch auch immer noch.
Erick: Das haben wir von Run DMC gelernt.
Parrish: Und es wird immer besser, da wir wieder vermehrt unterwegs sind.
Erick: Wir kommen von der Schule der Entertainer. Wir kamen ins Game als Run DMC, Slick Rick, Doug E. Fresh, Big Daddy Kane, Rakim oder Biz Markie gross waren. Die heutigen Artists wissen nicht mehr, was eine gute Performance ist.
Parrish: Wir bringen die Essenz von dem was wir gelernt haben zurück.

In einem Interview habt ihr gesagt, dass ihr keine Rapmusik, sondern HipHop-Musik macht. Wie definiert ihr den Unterschied?
Erick: Rap ist nur ein Element von HipHop. Es gibt Rapping, Breakdancing, Graffiti und DJing. Wir leben die HipHop-Kultur. Jeder kann rappen. Mein Sohn kann rappen, das macht ihn aber noch nicht zu einem MC.

Seht ihr also die neuen Artists im Game nur als Rapper?
Erick: Ja, aber das sagen sie auch selber. Sie sagen, dass sie ins Game wegen des Geldes gekommen sind. Sie kümmern sich nicht um die Kultur, ihnen geht es nur um das, was das Business aus ihnen gemacht hat.

Eigentlich habt ihr dieses Business Ding im HipHop gestartet.
Erick: Wir wussten nichts vom Business zu dieser Zeit. Wir hatten kein Management oder einen Agenten, die uns wirklich vorwärts gebracht hätten. Wir lernten erst viel später, wie das Business funktioniert. Ich wünschte, wir hätten damals schon mehr davon gewusst und unseren Deal selber eingefädelt.

Ihr hättet also rückblickend mit dem heutigen Wissen einiges anders gemacht?
Erick: Zu dieser Zeit war es ziemlich corny, wie MC Hammer und Konsorten, in Werbespots oder Ähnlichem aufzutreten. Das galt damals als Kommerz. Niemand hat uns gesagt, dass dies das grosse Geld bringt. Heutzutage sind es Dinge wie Sponsoring, womit mal Geld verdienen kann. Hätten wir es früher gewusst, hätten wir es sicherlich auch damals schon gemacht.

Wie haben denn die Leute damals darauf reagiert, dass ihr diese Business-Linie gefahren seid?
Parrish: Sehr gut. Wir konnten sofort für Run DMC als Vorgruppe auftreten und gingen mit Public Enemy, Jazzy Jeff & The Fresh Prince, für diejenigen, die es nicht wissen, das ist Will Smith, auf Tour. Wir spielten also schon früh in unserer Karriere in grossen Hallen.

Erick, in deiner Biographie steht das Zitat: „Hip-hop kids know me, now it’s time for pop music fans to know me.“ Das widerspricht deinen Aussagen und dem, was ihr mit EPMD praktiziert, eigentlich völlig.
Erick: Ich habe schon von diesem Statement gehört. Wer immer das geschrieben hat, muss mich falsch verstanden haben, denn das würde ich nie sagen.

Dann müsstest du dringend deine Myspace Page ändern, das Zitat habe ich dort gelesen.
Erick: Ich kümmere mich nicht um Myspace. Wir sind HipHop aber gleichzeitig sind wir auch längst Pop. Musik wurde zu Crossover, das ist schon so, seit Rap gestartet hat.

Du bist vor allem auch für deine Produktionen bekannt. Wie hat sich dein Equipment oder generell die Herangehensweise verändert über die Jahre?
Erick: Parrish gab mir den Roland W-30 1991. Zuvor hatte unser Engineer Maschinen wie Linndrum und ich arbeitete einfach mit dem, was im Studio gerade zur Verfügung stand. Mit der W-30 habe ich von 1991 bis 2004 produziert. Niemand wusste es, aber ich habe über all die Jahre mit einer Maschine gearbeitet, mit der man gerade Mal 15 Sekunden samplen kann. Mittlerweile bin ich auf Motif und Logic umgestiegen.

Das Marvin Gaye Sample für „Music“ sollst du in einem Plattenladen in London gefunden haben?
Erick: Eine sehr gute Freundin hat mir „Midnight Lover“ von Marvin Gaye aus London mitgebracht. Ich fuhr 1,5 Stunden von Long Island nach Brooklyn, um mir die Scheibe abzuholen. Ich war spät Nachts zuhause und habe mit dem Beat begonnen und auch gleich meine Rhymes dazu geschrieben. Dazwischen rief ich immer wieder meine Freundin an und zeigte ihr meine Raps. Nach 1,5 Stunden hatte ich den Beat und die Rhymes fertig. Ich hatte aber nie vor, den Song zu veröffentlichen, ich machte ihn nur für mich. Eines Tages war meine Freundin bei mir, stahl die CD mit dem Song und nahm sie mit nach Kalifornien. Wenig später war ich ebenfalls in Cali und plötzlich sprach mich eine Lady auf den Song mit Marvin Gaye an. Ich war völlig verwirrt, denn niemand ausser mir hatte den Song. Zuerst war ich wütend auf meine Freundin, aber dadurch dass sie die CD geklaut hat, eröffnete sie mir eine völlig neue Karriere. Ansonsten hätte die Welt diesen Song nie gehört.

Wenn von legendären Produzenten gesprochen wird, fallen meistens Namen wie DJ Premier, Pete Rock, Large Professor oder auch Dilla. Dein Name fällt eher selten – fühlst du dich unterschätzt?
Erick: Alle sagen dies. Ich habe mal mit meiner Mutter darüber gesprochen. Ich sagte ihr: „Ich habe so viele Songs produziert aber mein Name wird nicht erwähnt“. Es gibt viele, die mich fragen, wieso mein Name nicht genannt wird – ich weiss es nicht.

Was sind eure Lieblingslieder von Michael Jackson?
Parrish: „Dirty Diana“
Erick: Das ganze „Off the Wall“ Album ist crazy. Es gibt einen Song den ich immer gehört habe.
Parrish: “Dancing Machine”?
Erick: Nein, es war keine Single, aber auf dem Album. “Ride With Me“ war verrückt!
Parrish: Oh my goodness.
Erick: „Smooth Criminal“ ist der Song, den ich gesucht habe.
Parrish: Natürlich Songs wie „Billy Jean“. Ich fand auch das „Dangerous“ Album mit Teddy Riley gut.

Ihr habt euch zwei Mal getrennt…
Erick: Wir haben uns nur ein Mal getrennt, 1992.

Ah okay, dann gab es danach einfach längere Pausen. Geht ihr nun den Weg als Gruppe weiter, oder fokussiert sich jeder wieder auf seine Solopläne?
Erick: Wir haben beide Soloalben in Arbeit.
Parrish: Wir müssen weitergehen, denn nun haben wir ein eigenes Label und müssen Soloprojekte, EPMD Alben und neue Gruppen veröffentlichen.
Erick: Ich plane mein Album für Oktober. Die erste Single sollte in den nächsten Wochen erscheinen. Das „Muddy Waters 2“ Album von Redman sollte auch im Oktober kommen. Wir veröffentlichen ungefähr zur gleichen Zeit und planen dann gemeinsam auf Tour zu gehen.

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