Kid Cudi – Meine Mission ist es, die Musik zu verändern

Int. Rap

Besuch vom Mars: Kurz nach seinem viel versprechenden Auftritt am Open Air Frauenfeld, nahm sich Kanye-Schützling Scott Mescudi alias Kid Cudi kurz Zeit, um über sein musikalisches Konzept und sein Mitte September erscheinendes Debütalbum namens «Man On The Moon: The End Of Day» zu sprechen. Und dann breitete er noch schnell seinen ganzen Karriereplan aus.

Interview von Adrian Schräder & Fabian Merlo

Gratuliere zu deinem Auftritt vorhin! Zu deinem Hit «Day N Nite» sind die Leute dann noch mal voll durchgestartet. Besonders als dann dein DJ zum Electro-Remix der Crookers gewechselt hat.
Yeah, it’s intense man! Es ist jedes Mal wieder fantastisch zu sehen, wie die Kids zu diesem Song abgehen. Der Song erzielt immer die gleich Reaktion.

Wir sind hier in Frauenfeld an einem HipHop-Festival. Mit einigen Ausnahmen spielen hier praktisch nur Rapgruppen. Jetzt flippen die Leute aus bei einem Electro-Remix – das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Siehst du das auch als Teil deiner Aufgabe, die Leute aus ihrer Engstirnigkeit zu befreien?
Auf jeden Fall, ja! Ich betrachte es als meine Aufgabe, verschiedene Musikgenres zu verbinden und es den Leuten schwer zu machen meine Musik zu kategorisieren. Meine Mission ist es, die Musik zu verändern. Ich betrachte die verschiedenen Genres als verschiedene Ethnien. HipHop ist eine davon, Rock eine andere, Electro auch. Wenn man sie miteinander verbindet, stoppt man die Ab- und Ausgrenzung und schafft etwas Grösseres, etwas Vereinendes.

Du bist in Cleveland, Ohio aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?
Ich würde die Gegend, in der ich aufwuchs, als Mittelklasse-Vorort bezeichnen. Ich hatte eine ziemlich normale Kindheit, habe gerne Dummheiten gemacht und war stets der Klassenclown. Schon früh war Kunst sehr wichtig für mich; ich habe viel gezeichnet und als ich 15 Jahre alt war wollte ich Cartoon-Zeichner werden. Etwa zur selben Zeit begann ich mit einigen Freunden Musik zu machen. Da ich derjenige mit der meisten Leidenschaft war, bin ich unterdessen auch der Einzige, der darauf hängengeblieben ist. Richtige Songs begann ich erst mit 18 zu machen, während meiner Zeit am College in Ohio. Während dieser Zeit merkte ich, dass ich ein Jahr Pause einlegen und Ohio verlassen muss. Zur Auswahl standen New York oder Los Angeles und ich entschied mich schliesslich für New York, da ich nicht zu weit von meiner Familie weg sein wollte. Ich kam in die Situation, dass ich sehr schnell erwachsen werden musste. Ich verzichtete auf die Sicherheit, um meine Freiheit zu haben. Ich musste mir einen Job suchen, lebte aber zu dieser Zeit noch bei meinem Onkel. Irgendwie konnte ich mich durschlagen und der Rest ist Geschichte. Innert kürzester Zeit konnte ich mit vielen guten Künstlern arbeiten und ich traf viele Leute, die an meinen Sound und an mich glaubten. Hier sind wir nun.

Bist du selber schon früh auf andere Musikstile gestossen?
Ja, sehr früh. Und trotzdem hab ich eigentlich immer HipHop gemacht. Erst als ich von Cleveland nach New York gezogen bin, hab ich mich entschieden meinen Sound zu ändern, alle möglichen Stile mit einzubeziehen und meinen Flow mit Melodien anzureichern. Ganz einfach, weil es die Musik und die Raps viel interessanter und viel energetischer macht. Wenn du nicht wirklich der Metaphern-Schleuderer bist und deine Stimme beim Rappen immer im gleichen Tonfall bleibt, dann wird das Ganze irgendwann ziemlich langweilig. Ich dachte einfach, es könnte spannender sein, wenn ich mir meine Beats und Melodien aus ganz verschiedenen Einflüssen zusammensetze.

Wo kommt denn der Electro-Einfluss in deiner Musik her?
A-Trak hat mich in diese Szene eingeführt. Es war seine Idee «Day N Nite» von den Crookers remixen zu lassen. Ich hatte noch nie von ihnen gehört und kannte ihre Musik nicht. A-Trak hat sie also gleich angefragt und ihnen die Spuren geschickt. Ein paar Wochen später war der Remix fertig. Als ich ihn zum ersten Mal gehört hatte, dachte ich gleich: Oh my god, this shit will take off now! Ich hab gleich realisiert, dass dieser Remix meinen Song in die Clubs tragen und damit aufs nächste Level bringen wird.

A-Trak hat dir also quasi die Tür zu einer neuen Welt geöffnet?
Das war definitiv eine Welt, die mir nicht bekannt war und von der ich eigentlich gar nichts gewusst habe. Durch ihn wurde ich auf darauf aufmerksam, was ein Blog ist und was man damit alles anstellen kann. Die Musikwelt, die mir A-Trak zeigte, schlug wie in Blitz bei mir ein und der Funke sprang auch auf die Kreativität für mein Album über. Ihr werdet auf der Platte Uptempo- und Dancesongs zu hören bekommen, gleichzeitig will ich aber auch meinen Wurzeln treu zu bleiben. Ich möchte nicht, dass die Leute das Gefühl haben, dass ich verleugne, wo ich herkomme. Denn die Platte klingt sehr wie ein Indiealbum, wird aber in einem viel grösseren Rahmen präsentiert.

Du bist befreundet mit Kanye West und auch Teil seines kreativen Umfelds. Wie sieht eure Zusammenarbeit aus?
Kanye hat mich damals angefragt, ob ich ihm bei «The Blueprint 3» von Jay-Z helfen könnte. Daraus hat sich dann auch die Zusammenarbeit für «808’s & Heartbreak» entwickelt. Sein Arbeitsstil und seine Einstellung haben mich sehr stark inspiriert. Vor allem die Tatsache, dass er einfach auf seinen Bauch und seine Gefühle hört. Sein Credo: Verfolge das Projekt, das dir selber wichtig erscheint. Ganz egal, wie verrückt dein Plan klingt, wenn du dir sicher bist, dann mach zieh ihn durch. Auch wenn du die seltsame Idee hast ein Stück mit Michael Bolton zu machen oder so.

Seid ihr oft im gleichen Tross unterwegs?
Nein, momentan haben wir völlig verschiedene Tourneepläne. Vor ein paar Tagen sind wir allerdings zusammen an einem Festival in Irland aufgetreten. Das war richtig dope. Nur wir beide in einem ausverkauften Zelt voller Kids. Wir haben das Zelt fast zum Einstürzen gebracht. Auch wenn wir uns nicht sehen, sind wir immer in Kontakt. Das ist schon eine sehr familiäre, enge Beziehung, die wir da pflegen. Ich wohne seit einer Weile in New York, Kanye hat auch eine Wohnung in New York. Und manchmal treffen wir uns alle im Studio und hängen miteinander ab. Die Musik entsteht nebenbei.

Was bedeutet das?
Wir gehen nicht mit der Einstellung ins Studio, dass wir Arbeit verrichten müssen. Wir treffen uns einfach, um miteinander abzuhängen . Oft läuft da im Hintergrund dann auch irgendein Film. Egal was, Hauptsache es inspiriert uns irgendwie. Einmal haben wir «E.T.» geschaut, ein anderes Mal «Close Encounters Of A Third Kind», «American Psycho» oder «Stepbrothers».

Und während der Film läuft, sagt dann plötzlich jemand: «Halt, ich hab’s! Haltet den Film an, ich geh jetzt was aufnehmen»?
Nein, nicht ganz. Wir schauen die Filme immer ohne Ton. Der Film läuft im Hintergrund. Wir unterhalten uns, tauschen Ideen aus, schreiben uns vielleicht ein paar Textzeilen auf oder erfinden einen Refrain. Mit der Produktion der Musik habe ich nichts zu tun – ausser ich habe eine Melodie im Kopf, die man eventuell verwenden könnte. Aber ich produziere nicht.

Du redest davon, ein Marsbewohner oder ein Mann auf dem Mond zu sein. Als Zugabe hast du in Frauenfeld das ruhige, sehr persönliche Stück «Heaven At Nite» gespielt. Wieso?
Das sind wichtige Songs, die man so noch nicht gehört hat, finde ich. Ich glaube, ich nehme darin eine Position ein, die bislang im HipHop noch nicht wirklich besetzt gewesen ist. Ich gebe mich sehr verletzlich. Früher habe ich mich immer einsam gefühlt. Ich habe immer gedacht, ich sei mit meinen Gefühlen alleine. Ich hatte das Gefühl, niemand könnte mich verstehen. Erst mit dem Erfolg von «Day N Nite» habe ich langsam realisiert, dass sich viele Leute mit meiner Musik identifizieren können. Ich habe gemerkt, dass viele das Gleiche fühlen. Das hat mich dazu inspiriert noch intimere Lieder zu schreiben.

Wie hat sich diese Erkenntnis auf dein demnächst erscheinendes Album „Man on the Moon: the End of Day“ ausgewirkt?
The album is the full length motion picture, you know what I mean? Es ist eine zusammenhängende Geschichte. Ein langer Traum, unterteilt in mehrere Akte und Szenen. Jeder Song stellt eine Szene dar. Es wird den Leuten einen tieferen, düsteren Einblick in den Künstler Kid Cudi geben. Das Album erzählt die Geschichte von einem Abend. Die Story beginnt mit dem Einschlafen und wie ich zu träumen beginne. Zu Beginn hört man meine Titelmusik „The Dream Dance“, die eine gewisse Benommenheit versprüht, aber eigentlich nur als Einstieg ins Album, und zu dem, was man erleben wird, dient. Danach geht es direkt weiter zum nächsten Songs, welcher der Einstieg zu dem ist, was man auf dem Rest des Albums zu hören bekommt.

Es ist also ein richtiges Konzeptalbum?
Absolut und es geht von Beginn weg richtig zur Sache. Es ist wie einer dieser Filme, bei denen von Anfang an etwas läuft. Wenn man sich den dritten Song anhört, denkt man sich: „Damn, das ist erst der dritte Track, wie wird sich dann der achte Track anhören?“ Es werden 16 oder 17 Songs auf dem Album sein, aufgeteilt in fünf Akte, welche je drei Szenen enthalten. Es soll sein, als ob man ein Drehbuch liest, deshalb habe ich mir viel Mühe gegeben bei der Reihenfolge der Songs.

Man kann es also nicht mit dem Material vergleichen, welches man von deinen Mixtapes kennt?
Nein, es ist ein völlig anderes Level. Die Mixtapes waren die TV-Serie und dies ist nun der Film.

Das klingt ziemlich ausgeklügelt. Als ich 2003 vor dem Erscheinen von «College Dropout» das erste Interview mit Kanye West gemacht habe, hatte er schon einen fixfertigen Karriereplan in der Tasche und kannte bereits die Namen seiner nächsten vier Alben. Hast du auch schon so weit geplant?
Ja, ich hab mir da auch schon so meine Gedanken gemacht. Ich arbeite an einer Trilogie. Ähnlich wie Star Wars. Alle ersten drei Alben werden den Titel «Man On The Moon» tragen. Das erste wird «Man On The Moon: The End Of Day» heissen, das zweite «Man On The Moon: The Ghosts And The Maschine» und das dritte wahrscheinlich «Man On The Moon: The Return Of The Knighters». It’s gonna be intense. Each one is very dark and very witty. Zuletzt erscheint dann eventuell noch die Vorgeschichte, quasi der Epilog. Wenn ich diese Geschichte mal erzählt habe und diese drei oder vier Alben erschienen sind, dann ist es vorbei. Dann mache ich keine Soloalben mehr.

Du hast also schon ein paar Jahre vorausgeplant.
Ja, und ich freu mich schon auf das zweite Album. Auf «The Ghosts And The Maschine» wird es um meine inneren Dämonen und den Zustand des Gefangen seins als Berühmtheit gehen. Und wie ich dann zum Workaholic wurde und Scott Mescudi verloren habe.

Fühlst du dich denn jetzt schon gefangen in diesem Leben?
Sie haben zumindest versucht mich gefangen zu nehmen. Und es hätte fast geklappt. Aber irgendwie bin ich noch mal entkommen. Ich bin oft und gerne alleine und habe nur ein paar grosse Stars als Freunde. Kanye, Common und Snoop Dogg. Das ist auch wichtig, denn sie geben mir gutes Feedback. Aber ich verbringe wirklich nur Zeit mit Leuten, zu denen ich eine echte, tiefe Verbindung habe.

Gehst du trotzdem in verschiedene musikalische Richtungen, auch wenn du dich an einem Konzept festhältst?
Auf jeden Fall. Emile hat einen Grossteil der Platte produziert und gemeinsam mit mir den Klang des Albums definiert. Kanye und Common sind natürlich dabei, zudem habe ich Produktionen von Ratatat, MGMT, Dot da Genius, Mike Jean-Baptiste und meinem Manager Plain Pat. Das Album ist sehr interessant und in Sachen Kreativität wird es einiges verändern.

Zuletzt noch eine Frage: Was begleitet dich für Musik durch diese hektischen Zeiten? Was läuft derzeit am meisten auf deinem iPod?
Das aktuelle Album der Kings of Leon, immer und immer wieder. Ich bin ein grosser Fan. Mir gefallen die Stimme des Sängers und die ehrlichen, emotionalen Texte.

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