Alchemist – Ich nutze mein Album wie ein Beat Tape

Int. Rap

Einen auch nur halbwegs relevanten Rapper zu finden, der noch nie auf einem Alchemist Beat zu hören war, ist gar nicht Mal so einfach. Von Wortakrobaten, die kaum über die eigene Strassenecke wahrgenommen werden, bis zu den Topverdienern hat er für fast jeden einen dicken Beat aus dem Sampler katapultiert. Bereits 15 Jahre ist es her, seit Alchemist seine ersten Schritte im Dunstkreis von Cypress Hill gemacht hat. Um seine Relevanz musste er in dieser langen Zeit nie bangen, es schien sogar, als es ob es für ihn in langsamen Schritten immer weiter bergauf gehen würde. Trotz seines grossen Outputs, dauert es bei seinen eigenen Alben immer etwas länger. Fünf Jahre nach „1st Infantry“ hat er mit „Chemical Warfare“ einen vielseitigen und mit erwartungsgemäss namhaften Gästen gespickten Nachfolger veröffentlicht. Mehr als genügend Gründe, um bei Alchemist anzurufen, der sich bereits wieder im Studio befand. Entstanden ist ein äusserst lustiges, aber auch informatives Gespräch, bei dem man nicht alle Antworten für bare Münze nehmen darf.

Du befindest dich also bereits wieder im Studio. Gönnst du dir keinen Break, nachdem das Album nun endlich in den Läden steht?
Was meinst du mit Break? Ich kenne dieses Wort nicht, ist das Englisch? Ich schaue das im Wörterbuch nach und gebe dir dann eine Antwort.

Die Produktionen auf „Chemical Warfare“ sind meiner Meinung nach sehr vielseitig. War es dein Ziel, deine verschiedenen Seiten als Produzent zu zeigen?
Es ist ein Compilation-Album mit sehr vielen Rappern. Ich habe keine Kontrolle darüber, was Kool G Rap schreiben wird oder was Prodigy zu sagen hat. Ich kann ihnen Inputs geben zum Klang ihrer Stimme oder zur Delivery, aber auf die Message der Texte habe ich keinen grossen Einfluss. Anstatt das Album mit zu vielen mittelmässigen Alchemist Raps vollzustopfen, mache ich mein Ding mit den Beats und stelle sicher, dass ich durch diese repräsentiert werde. Wenn ich etwas vollständig kontrollieren kann, dann ist es der Sound der Platte.

Hattest du auch das Gefühl, dass dich viele Leute auf die roughen Streetbanger limitieren?
I feel like I’m such more a super dope amazing awesome super fresh beatmaker. Not really, I’m just kidding. Eigentlich wollte ich vor allem zeigen, auf welchem Stand ich mit meinen Beats bin. Ich nutze mein Album wie ein Beat Tape – so als ob ich ins Studio gehen würde, um Jay-Z zu treffen. Als ich noch Beat Tapes gemacht habe, packte ich auch immer sehr unterschiedliche Produktionen auf eine CD. So werde ich die Aufmerksamkeit der Leute auf irgendeine Weise bekommen. Manche mögen die gechoppten Sounds von „ALC Theme“ mit Kool G Rap, oder man mag „Smile“, welches eher soulful ist, vielleicht aber auch den Joint mit Three 6 Mafia. Die Platte sollte einfach vielseitig klingen.

Was waren denn die Kriterien, nach welchen du die Künstler ausgesucht hast?
Ich war eigentlich sehr egoistisch und gierig. Mir war egal, was eine bestimmte Fanbase oder die 12- bis 16-jährigen hören möchten, sondern ich fragte mich einfach, was ich gerne hören würde. Ich wollte Leute haben die dope sind. Plus bin ich an einem Punkt in meiner Karriere angelangt, an welchem ich nicht mehr über irgendwelche Manager gehe, um an einen Künstler zu gelangen. Ich habe durch meine Reisen genug Leute kennengelernt, dass ich die Künstler alle direkt anfragen kann. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch neue Künstler auf meinem Album haben, es sollte keine „1st Infantry 2“ werden. Die Gelegenheiten haben sich aber alle wie von alleine ergeben. KRS One habe ich z.B. eher zufällig kennengelernt. So haben sich auch alle Zusammenarbeiten mit Künstlern, mit denen ich zuvor noch nie gearbeitet habe, sehr natürlich ergeben. Und ich denke, dass ich mit Leuten wie KRS One, Kool G Rap, Talib Kweli, Blu, Evidence, Oh No, Crooked I, Jadakiss oder Lil Fame eine sehr gute Wahl getroffen habe. Das sind einige meiner Lieblingskünstler und ich war einfach gierig und packte sie alle aufs Album.

Wie kommt es zu den teilweise sehr speziellen Kombinationen? Weisst du schon, wenn du den Beat produzierst, wer auf dem Song sein wird?
Ich gehe ohne grosses Konzept vor und nicht jeder meiner Beats ist auf jemanden massgeschneidert. Man kann ein Album am Reissbrett entwickeln, bei mir ist es aber eher wie eine Reise, bei welcher sich solche Sachen irgendwie ergeben.

So wie es aussieht war es eine ziemlich lange Reise. Als wir uns im Sommer vor zwei Jahren unterhielten, hattest du das Album für September oder Oktober 2007 angekündigt. Eine ziemlich lange Verzögerung…
Das habe ich wirklich gesagt? Ich bin ein Lügner, ich sollte öffentlich ausgepeitscht werden. I wanna be a brand you can trust. Kann ich das klarstellen?

Nur zu…
„Chemical Warfare“ ist mit 175 Prozentiger Sicherheit in den Läden. Ist das besser so?

Das klingt vernünftig!
Das Problem ist, dass ich nicht vollständig unabhängig arbeite. Wenn man mit einer Plattenfirma arbeitet, geht es um das Business und etwas vom Wichtigsten ist das Timing. Es hat dann einfach etwas länger gedauert, bis der richtige Zeitpunkt da war.

Ich gehe davon aus, dass du während dieser langen Produktionsphase einige Songs wieder verworfen hast. Erscheinen die noch über andere Kanäle?
Es ist, wie wenn man einen Film dreht; man filmt extrem viele Szenen, einige sieht man im Film und andere nicht. Einige landen aber auch bei den „Deleted Scenes“ auf der DVD. Meine Version davon sind die „Cutting Room Floor“ Mixtapes, die ich regelmässig veröffentliche. Nichts wird verschwendet, die Songs werden alle erscheinen, auch wenn vielleicht nur aus dem Zweck, dass man hören kann, wie wack sie waren.

Du hast deinen Produktionsstil leicht verändert auf dem neuen Album. Du verwendest nicht mehr so viele Samples wie früher – gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Wenn man Samples verwendet, wird man angeklagt und sie wollen dir all dein Geld und dein Haus wegnehmen. Schliesslich stecken sie dich noch in den Knast, nur weil man Musik macht. I’m pretty serious.

Hattest du also schon Probleme mit Sample Clearance?
Ach nein, denn ich sample ja nicht. I’m sample-free.

Aber natürlich…
Im Endeffekt sind Samples meiner Meinung nach eine Inspiration, um etwas zu kreieren. Seien es Lyrics oder auch einen Beat. Es ist nichts Anderes, als wenn man Bilder aus Zeitschriften ausschneidet und daraus eine Collage erstellt. Vielleicht verklagt dich jemand, der eines der Bilder gemacht hat.

Sprechen wir über dich als Rapper. Du machst ja immer Witze darüber, dass du ein schlechter Rapper seist..
(unterbricht) Entsetzlich sogar!

Aber gewisse Ambitionen scheinst du ja trotzdem zu haben, da man dich vermehrt auch am Mikrofon antrifft!
Ich sage dir, ich verstehe es selber nicht. Ich weiss, dass ich schlecht bin und trotzdem kann ich einfach nicht aufhören zu rappen. Keine Ahnung was los ist.

Auch wenn man dich auf dem Album öfters als Rapper hört, warst du nicht mutig genug, um auf demselben Song wie Eminem zu rappen…
Oh nein, wenn ich in der Nähe von Marshall Matters bin, halte ich mich fern von Stift und Papier. Man muss wissen, was man wirklich kann. Ich spiele ihm gerne einen Beat vor, aber wenn du willst, dass ich seiner Gegenwart einen Stift in die Hand nehme, musst du verrückt sein.

Hat die Zusammenarbeit mit Eminem deine Produktionen irgendwie beeinflusst?
Seit ich mit Eminem abhänge, sind meine Beats viel doper.

Im Ernst?
Nein, überhaupt nicht. (Gelächter)

Ich dachte, vielleicht gab es dir einen anderen Blickwinkel, als du mit Eminem in riesigen Hallen spielen konntest.
Das schon – plus kann ich viel mehr Frauen haben, seit ich Eminem kenne. Ich bekomme alle Frauen, die bei ihm übrig bleiben. Es macht Spass mit ihm unterwegs zu sein.

Sehr schön. Wechseln wir das Thema zu deinem nächsten Projekt: das Gangrene Album mit Oh No. Ich habe gehört, dass ihr euch gar nicht gut gekannt habt, als ihr mit dem Album begonnen habt. Ist dadurch auch eine Platte entstanden, die völlig anders ist, als deine bisherigen Releases?
Ich würde nicht sagen völlig anders, es hat einfach etwas sehr Frisches. Wir produzieren beide Beats und rappen auf dem Album und ich denke, die Leute werden es mögen. Wir haben das Rad nicht neu erfunden. Es muss auch niemand Ketchup neu erfinden, der schmeckt auch so schon gut. Es ist immer noch Rap-Musik: Snares, Kicks, Loops, Lyrics und solche Sachen. Wir haben noch kein Releasedate, aber die Platte ist fertig.

Ist es wie beim Jaylib Album, dass du auf seinen Beats rappst und umgekehrt?
Wir hatten keine strikten Regeln, sondern haben einfach das gemacht, worauf wir gerade Lust hatten. Wir haben auch unsere Crews und Freunde gefeatured; Roc C, M.E.D., Evidence, Big Twin und Guilty Simpson sind auf dem Album. We started a whole new machine known as Gangrene.

Klingt vielversprechend. Ein weiteres Projekt ist das Step Brothers Album mit deinem Jugendfreund Evidence. Du hast gesagt, dass es gar nicht einfach ist mit ihm zu arbeiten, da ihr euch fast zu gut kennt. Was können wir erwarten?
Es wird sehr gut werden. Besonders, da Evidence seit einigen Wochen seine Raps selber schreibt und ich das nicht übernehmen muss. Seitdem geht es aufwärts mit ihm und ich denke, er wird sich gut entwickeln, ich bin da sehr zuversichtlich. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer seine Texte zu schreiben.

Das ist verständlich. Ich denke auch, dass er ein guter Rapper werden könnte.
Kennst du den Song „Mr. Slow Flow“?

Natürlich
Das kam alles von mir.

Natürlich und auch die Dilated Lyrics waren von dir, nehme ich an?
Ja, das war Grossteils auch von mir. Ich mag Evidence, er ist ein netter Kerl, ich habe das gerne gemacht für ihn.

Für was sind schliesslich Freunde da!
Absolut. Da er nun seit vier oder fünf Tagen seine eigenen Raps schreibt, kann ich mich endlich vollständig auf die Beats fokussieren. Das Step Brothers Album kommt sehr bald und wird ein grosser Spass!

Ich habe gelesen, dass du Prodigy regelmässig Beat Tapes ins Gefängnis schickst. Wie geht es ihm?
He’s holding it down. Er ist im Knast, was natürlich nichts Tolles ist. Er macht eine Pause, ist aber stets am Reime schreiben, er kann damit nicht aufhören. Man kann P nicht stoppen und wir haben auch bereits Pläne für die Zeit nach seiner Freilassung.

Viele Produzenten haben ein paar Hits und sind dann wieder weg vom Fenster. Du bist seit 15 Jahren im Game..
Du willst wohl wissen, wie ich das mache.

Genau, was ist dein Geheimrezept?
Ich habe keine Ahnung. Ich lebe für den Moment, geniesse es und dieser Zustand hält nun schon seit 15 Jahren an. Ich hoffe, dass er noch ein Weile anhält.

Meistens bist du derjenige, der auf den grossen Alben die Streetbanger produziert – die Hitsingles besorgen meistens andere. Fühlst du dich immer noch wohl in dieser Position?
Ich versuche einfach den bestmöglichen Beat zu produzieren, habe aber keine Kontrolle darüber, was daraus wird. Ich mache nie Beats mit dem Hintergedanken, dass dies ein Track für die Strassen oder den Club sein könnte. Es gab Beats, welche ich als sehr harten Shit empfunden habe, plötzlich singt ein Girl auf dem Track und es wird zu einem R&B Song. Ich mache einfach gute Musik, die mich inspiriert, mein Blut in Wallung bringt und mir selber Spass macht. Mein Sound soll bei den Leuten genau das gleiche bewirken und ihre fünf Sinne ansprechen – bevorzugterweise das Gehör natürlich.

Du hast am Raekwon Album mitgearbeitet. Hast du ihm einfach eine Beat-CD gegeben, oder hast du dich vom ersten Teil inspirieren lassen und ihm etwas auf den Leib geschneidert?
Ich glaube keines von Beidem, das sind aber zwei gute Optionen. Muss ich eine davon auswählen?

Nein nicht zwingend, du kannst auch noch eine weitere hinzufügen.
Rae und ich hatten über die Jahre leider nie die Möglichkeit, zusammen Musik zu machen. Ich arbeitete zwar mit Ghostface und habe Sachen für Mobb Deep produziert, auf welchen er gefeatured war, aber zu mehr kam es nie. Nun hat es endlich geklappt, wie ich vorher Mal gesagt habe, das Timing ist das Wichtigste. Wir waren beide zur selben Zeit in L.A. und gingen ungefähr für eine Woche zusammen ins Studio und arbeiteten. Wir haben einige Sachen gemacht und beim einen Song hat er gesagt, dass er diesen für das „Only Built 4 Cuban Linx 2“ Album behalten will. Ich habe mich natürlich nicht dagegen gesträubt, es ist eine Ehre auf dem Album vertreten zu sein. Er ist ein unglaublicher Rapper und ich höre ihn gerne auf Beats – besonders auf meinen.

Kürzlich leakte der Track „I Know Your Name“ mit Lil Wayne. Wieso hast du dich dazu entschieden, den Song ins Netz zu stellen und nicht aufs Album zu nehmen?
Es war nicht meine Entscheidung, ihn ins Netz zu stellen. Aufs Album habe ich ihn nicht genommen, da ich das Gefühl hatte, dass er nicht reinpasst. Ich liebe den Song, aber meiner Meinung nach passte er nicht ins Konzept. Nun, wo ich die Reaktionen der Leute sehe, war dies vielleicht die falsche Entscheidung. Aber was soll’s, der Song ist im Netz und jeder, der ihn mag, kann ihn haben.

Du sagtest, dass du für den Beat auf dem Lil Wayne Album 350’000 Dollar bekommen hast. Wenig später hast du aber zugegeben, dass dies nur ein Witz war. Wie viel kostet denn nun ein Alchemist Beat tatsächlich?
Es kommt sehr darauf an. Bei meinen Beats ist es wie beim Hummer im Restaurant. Der hat nie einen fixen Preis, sondern es steht jeweils „Marktpreis“. Das ist mein Preis.

Als wir das letzte Mal sprachen, fragte ich dich nach Künstlern, mit denen du noch gerne arbeiten würdest. Die Antwort war Jay-Z und Alicia Keys. Sind dies immer noch die beiden Namen auf deiner Liste?
Nein, nun habe ich meine Meinung geändert und ich würde gerne mit Prince und REO Speedwagon arbeiten. Und wenn es mit REO Speedwagon nicht klappt, dann mit Lisa Lisa & Cult Jam.

Gibt es sonst noch Projekte oder Produktionen die zum Schluss noch mitteilen möchtest?
Evidence arbeitet an seinem neuen Album, bei welchem ich ihn unterstütze. Auf dem Fabolous Album habe ich einen Beat. Rapper Noyd arbeitet an neuen Sachen. Es gibt immer viel zu tun.

Hast du noch letzte Worte an die Leser hier in Europa?
Ich liebe Europa und ich bin nicht einer der Künstler, die das sagen und sobald sie wieder in Amerika sind, geben sie einen Scheiss drauf. Jedes Mal wenn ich Musik mache, denke ich auch an Europa, nicht nur an Queensbridge oder L.A.. Dank des Internets weiss ich nun, dass die ganze Welt zuhört, wenn ich etwas veröffentliche. Wir haben das hier in den USA teils gar nicht realisiert. Die Sachen wurden für die Staaten produziert und in Europa kam es dann irgendwann später raus. Mit dem Internet hat sich dies komplett verändert. Sobald ich ein Video poste, habe ich am nächsten Tag Feedbacks aus Kroatien oder Polen. Ich denke also bei meiner Musik an alle Märkte, die meine Musik zu schätzen wissen. Europa ist nicht einfach nur das Nachbeben, ich weiss, dass es ein globales Ding geworden ist. Big up to Europe!

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