Jan Delay – Ein Handy voller Ideen

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Die Vision noch konkreter umsetzen: Auch auf seinem neuen Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ widmet sich Jan Eissfeldt alias Jan Delay der funky Tanzmusik. Gruppen wie Chic, Sister Sledge oder auch The Eagles, Tina Turner und Johnny „Guitar“ Watson dienten mit ihren Stücken als Referenz. Im Gespräch geht er auf die Entstehung der Platte, auf maximal reduzierte Powertracks, Selbstzweifel und seinen guten Kumpel Udo ein.

Jan, dein neues Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ klingt ähnlich wie dein letztes. Wieso?
Weil ich die Vision, die ich damals hatte, noch konkreter umsetzen wollte. Und das konnte ich erst mit einer super eingespielten Band und mehr Erfahrung tun. Nach fast zwei Jahren auf Tour, war das dann möglich.

Hattest du ein klangliches Vorbild?
Wir wollten funky Tanzmusik machen und haben uns dabei an den Popklassikern von Ende der Siebziger Jahre inspiriert. Musik von Gruppen wie Chic, Sister Sledge oder Johnny „Guitar“ Watson oder auch die Produktionen, die Quincy Jones für Michael Jackson gemacht hat.

Bei der Entstehung der letzten Platte gab es einen Punkt, an dem du alles hinschmeissen wolltest. Wie war das diesmal?
Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich werde nie wieder etwas ganz alleine machen. Dazu bin ich ein zu grosser Zweifler.

Hattest du diesmal einen richtigen Arbeitsalltag?
Ja, mein Koproduzent Tropf und ich haben während anderthalb Jahre praktisch jeden Tag an der Platte gearbeitet. Die letzten drei Monate, für das Abmischen des Albums, waren wir dann zu dritt.

Mit festen Arbeitszeiten, von neun bis fünf?
Ja, aber eher von 17 Uhr Nachmittags bis 5 Uhr Morgens.

Wie seid ihr vorgegangen?
Wir haben uns diesmal gesagt, wir wollen zwei, drei Stücke haben, die wirklich so klingen wie damals. Auch was die Tonqualität anbelangt. Und das bedeutet, du musst das mit der Rhythmusgruppe zusammen machen. Eine knackige Basis, die man dann am Computer editieren und mit weiteren Livepassagen anreichern kann. Ich hatte eine Art Einkaufszettel in meinem Notizbuch, denn ich bei den Sessions mit der Band abgearbeitet habe. Und ein Handy voll mit Melodien und Bassläufen, die ich verwenden wollte.

Was stand da zum Beispiel auf diesem Zettel?
Da stand zum Beispiel „ein Uptempo-Clap-Beat“. Die passenden Harmonien für den Refrain hatte ich auch schon. Daraus ist dann irgendwann die Single „Oh Jonny“ entstanden. Ausserdem hatte ich viele Referenz-Songs gesammelt. Zum Beispiel wollte ich unbedingt einen Song machen, der nach der Gruppe Chic klingt. Zum Glück ist mein Keyboarder der grösste Chic und Sister Sledge Fan, den es gibt. Auch auf dem Zettel stand eine Ballade, die vom Schlagzeugsound her so klingt wie „Hotel California“ von den Eagles.

Im Song „Hoffnung“ nennst du Stevie Wonder und Prince als Hoffnungsspender. Sind diese Künstler deine ständigen Inspirationsquellen?
Klar, ja. Aber hat in dem Lied vor allem mit dem Reim zu tun. Da darf jeder seine eigenen Lieblingskünstler einfügen. Es ist jetzt nicht so gemeint, dass Prince und Stevie Wonder das Heilmittel für jegliche Form von Leiden sind, garantiert nicht. Andere Leute haben dieses Gefühl vielleicht wenn sie Gotthard hören. Ich bin das nicht, aber andere vielleicht. (lacht)

Udo Lindenberg hat sich nach der Zusammenarbeit für dein letzte Platte „Mercedes Dance“ gewünscht, dass sie ein ganzes Album für ihn produzieren.
Ja, das hätte ich mir auch gewünscht, aber dafür ist einfach keine Zeit. Man muss sich da schon entscheiden, ob man lieber Produzent oder Künstler ist.

Wann wird das für dich zur Option?
Wenn ich keinen Bock mehr hab, auf der Bühne zu stehen. Aber vielleicht schreib ich dann auch ein Buch oder ziehe Hasen bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren. (lacht)

Könnte man das nicht mal zwischendurch in Angriff nehmen?
Ja, aber dann wäre man momentan ganz schön doof. Wenn man in einer Zeit jetzt, in der man zugucken kann, wie das Musikgeschäft Woche für Woche näher auf eine Betonwand zurast, nur eine Woche auf der faulen Haut liegt, dann hat man sehr schnell nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern auch so komische Existenzängste.

Siehst du denn die Mauer schon?
Ja, definitiv. Andere haben sie schon viel früher gesehen und mir davon erzählt (schmunzelt). Oder ich hab gesehen, wie sie dagegen gefahren sind.

Inwieweit ist der Künstler Jan Delay von der nahenden Mauer betroffen?
Insofern, als meine Gruppe, die Beginner, vor sechs Jahren das erste Mal auf Platz 1 der Charts standen, sich derbe gefreut haben und dann nachgeschaut haben, wie viele Platten sie dafür in einer Woche verkauft haben. Es waren 18’000 Einheiten. Fünf Jahre vorher waren es für die gleiche Platzierung noch 180’000 Einheiten gewesen. So, und nun haben wir 2009. Wenn ich nicht durch die letzte Platte und die darauffolgende Tournee dieses Polster der Gewissheit hätte, dass die Leute zu meinen Konzerten kommen werden, dann wäre ich jetzt niemals so ein Projekt angegangen wie dieses. Eigentlich ist es extrem dumm in der heutigen Zeit so viel Geld, Arbeit und Aufwand in eine Platte zu investieren.

Dein Album ist zwar sehr detailreich und abgerundet, aber doch sehr gradlinig produziert. Warst du nie versucht aus deiner Popvision auszubrechen?
Ich nicht, aber meine Musiker. Die kamen oft mit fünfstimmigen Bläsersätzen und komplexen Rhythmuswechseln an. Da haben denen immer gesagt: „Ey Leute, bitte runterkochen. Alles unisono. Das hat viel mehr Power!“ Mit der Zeit merkt man einfach, dass die geilen Dinger immer die einfachen sind.

Darf man den Song „Kommando Bauchladen“ als Anti-Starbucks-Song verstehen?
Im Prinzip ja. Wahlweise kann man da auch H&M einfügen oder jeglichen anderen Filialen- und Kettenkonzern.

Entziehst du dich deren Anziehungskraft erfolgreich?
Nein. Das ist auch gar nicht möglich. Genau darum geht es im Song „Oh Jonny“. Jede Gutmenschenregel einzuhalten, würde bedeuten ein komplett spassfreies Leben zu führen. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass man Scheisse baut und am Ende des Tages noch ein Gewissen hat. Vielleicht können wir uns ja dann irgendwann darauf einigen, wenigstens ein Signal zu setzen und diesen Konsum mal kollektiv für einen Tag zu verweigern.

Bei dem höchst erfolgreichen Deutschreggae-Album „Searching for the Jan Soul Rebels“ hast du Themen wie Spiritualität behandelt, die sich im Reggae-Kontext verarbeiten lassen. Wie war das diesmal?
Ich versuche die Themen immer dem Musikkontext anzupassen. Textideen sammle ich ständig, aber nicht alle lassen sich dann gleich beim aktuellen Projekt verbraten. Diesmal hab ich im Funk- und Tanzsee gefischt, und da lässt sich Spiritualität nicht so gut abhandeln. Dafür aber ein Thema wie Showbusiness. Weil man weiss: Okay, da geht’s um Glitzer und Glamour und das stört beim Tanzen nicht.

Wann hast du deinen letzten Rapvers geschrieben?
Das war für diese Platte. Ich hab ihn dann allerdings weggeschmissen (lacht). Weil der da (zeigt auf seinen Manager Matthias Arfmann) gemeckert hat. Mit gutem Grund. Ich hab sogar zweimal einen geschrieben. Einmal für einen Song, aus dem dann „Fremdscham“ geworden ist, und dann wollt ich fürs Intro noch einen schreiben. Beides wurde abgelehnt. Und beide Male zu Recht, weil Rap da einfach nichts zu suchen hatte. Das wäre einfach viel zu viel Information und letztendlich belanglos gewesen.

Die Texte entstehen bei dir also nicht generell auf Basis eines Rapverses?
Nee, aber ich geh an die Poptexte anders ran als normale Songschreiber, die nie gerappt haben. Weil ich dadurch, dass ich vom Rappen komme, mehr auf Flows achte, auf Sprachmelodie, auf Silben und Rhythmik. Wenn jemand wie Peter Fox oder ich Popmusik machen, dann wirst du automatisch merken, wo wir herkommen und dass wir auf solche Sachen achten. Weil das in der Popmusik sonst nicht von Belang ist.

In „Ein Leben lang“ singst du von der Liebe. Aus aktuellem Anlass?
Nein, gar nicht. Obwohl ich die Zeilen exakt so meine. Den Text hatte aber ich noch in einem ganz alten Rhymebook. Da sind Zeilen drin, die sind neun Jahre alt. Die hab ich halt nie verwendet, weil’s nie gepasst hat. Irgendwann war’s jetzt so weit. Und dann hab ich dieses alte Rhymebook original wieder rausgekramt – das war das, was ich angefangen hatte, als „Bambule“ fertig war. Das war die Zeit der „Styleliga“-Tracks und des ersten Jan Delay-Albums.

Ist es eigentlich Zufall, dass du und dein Beginner-Kumpel Denyo (Dennis Lisk „Suchen & Finden“) nun wie schon 2001 praktisch wieder gleichzeitig ein Album veröffentlichen?
Ja, es ist echt Zufall. Eigentlich wollten wir das auf jeden Fall vermeiden. Das war halt voll scheisse das letzte Mal. Letztendlich wollte er eigentlich viel früher kommen, aber wie das immer so ist, hatte er einige Verzögerungen.

Was hältst du von dem Weg, den er mit seiner gesungenen, folkig-poppigen Platte genommen hat?
Ich find das echt geil. Vor allem auch, weil es etwas ganz Anderes, Eigenständiges ist. Das hätte niemand erwartet.

Du bist bekannt als Ästhet, trägst stets farblich abgestimmte Markenkleider. Bist du aus eigener Sicht modisch schon mal falsch gelegen?
Definitiv, garantiert.

Wann zum Beispiel?
Zeig mir ein paar alte Fotos und ich finde sofort ganz vieles. Garantiert. Genauso wie ich mich für gewisse Texte vor „Bambule“ schäme, schäm ich mich auch für gewisse Outfits. Auch noch nach 1998.

Welches HipHop-Album hat dich in letzter Zeit beeindruckt?
Das letzte Ding, was mich wirklich krass weggeflasht hat und mir gesagt hat, dass HipHop lebt und dass endlich ein neuer Wind weht, war „Tha Carter III“ von Lil Wayne. Da feier ich jeden Song derbe. Der Typ hat ein unfassbares Talent. Das wär so ein Ding, das einem so viel Motivation vermitteln könnte, dass sich irgendwer – vielleicht ich – sagt: Ey, ich hab wieder Bock zu rappen, let’s do this. Hätte es im letzten Jahr was gegeben, was da rangekommen wäre, dann hätte ich das mitbekommen – auch wenn ich die ganze Zeit im Studio war. Aber da gab’s nichts.

Wohin wird die musikalische Reise als nächstes führen?
Wenn ich jetzt sofort ne neue Platte machen müsste, dann würde ich auf jeden Fall das genaue Gegenteil von dem machen, was ich jetzt gemacht habe. Das wäre dann was ganz Minimalistisches. Digitaler Punkrock mit ganz viel Energie und ganz wenig Text. Wenige Worte, die ausschliesslich geschrieen werden. Aber dazu bleibt wohl keine Zeit. Nach der Tour ist erstmal wieder Zeit für ein Rapalbum mit den Beginnern.

Jan Delay „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ ist soeben erschienen und kann bei hiphopstore.ch bestellt werden.

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