Afrob – Der letzte seiner Art?

DE-Rap

Das Reimemonster Afrob vom Kolchose-Mob aus Stuttgart ist in einer schwierigen Position. Sein Album „Made in Germany“ von 2001 und sein Engagement bei Brothers Keepers gaben ihm den Anstrich eines sozialkritischen und reflektierten Rappers. Gleichzeitig repräsentiert er auf seinen anderen Alben eher unkompliziertes Entertainment. So ist er letztendlich den einen zu bedeutungsschwanger, den anderen zu prollig oder oberflächlich. Auf seinem aktuellen Album „Der Letzte seiner Art“, das Anfang September 2009 erscheint, versucht er beides zusammen zu bringen.

Bianca: Mich interessiert vor allem der Titel deines Albums „Der letzte seiner Art“. Nach dem Hören des Albums hat sich für mich der Titel nicht erschlossen, da ist kein Konzept oder roter Faden. Warum der Titel und um welche „Art“ geht es da genau? Und wieso bist du der Letzte? Das scheint mir etwas unwahrscheinlich.
Man muss das Album vor dem Hintergrund der letzten drei Alben hören. Wenn man sich nicht mit mir auseinandergesetzt hat, ist das schon schwer nachzuvollziehen. Aber meine Tracks sind über privates, politisches oder gehen um Rap – das ist für mich einfach klassischer Rap. Ich idealisiere immer noch diesen 19 oder 20 jährigen Rapper der voller Enthusiasmus ins Studio geht und einfach das Zeug laced ohne drüber nachzudenken. Das klingt dann so frisch und frei – davon habe ich mir etwas ins Haus geholt. Das klassische Rap Ding ist ja, dass man über sich und seine Umgebung erzählt, ohne über andere Rapper herzuziehen. Oder zu erzählen, wie viele Nutten man gefickt hat. Ich denke da habe ich eine besondere Stellung inne. „Afrob – der Rapper“, das haftet immer noch an mir. Ich fühle mich als Lonely Ranger, weil es keiner mehr so macht wie er mal angefangen hat. Außer mir.

Bianca: Siehst du das tatsächlich so? Es gibt doch auch noch viele andere, was ist mit deinen Kollegen aus alten Tagen?
Ganz viele versuchen verkrampft einen Fuß in die Top 10 zu kriegen und dann auch featuremäßig komische Moves zu machen. Das ist nichts für mich. Als Rapper musst du klar deine Position definieren. Ich verurteile es nicht, wenn die anderen ein Gesangs- oder Elektroalbum machen, aber meine Sache ist es nicht.

Bianca: Ist der Titel dann also eine indirekte Kritik?
Nein, dabei geht es nur um mich. Ich fühle das genau so. Nach „Hammer“ war es sehr schwierig mich für ein neues Album zu motivieren; da es immer schwerer wird, da einen Fuß in die Tür zu kriegen. Ich hatte dann auch überlegt, ob ich so ein Cross-Over-Album machen soll, eben so wie alle anderen. Denn es gibt nix besseres für ein Label als wenn der Künstler kommt und sagt er will was Neues machen. Dann tanzen die auf dem Tisch und überlegen sich wie sie den Künstler neu erfinden können. Diese Phase hatte ich auch. Aber irgendetwas in mir hat sich so dagegen gewehrt, dass ich wieder zu dem klassischen Hardcore Rap Ding zurück gekommen bin. Ich hätte auch so Lalala-Tracks machen können.

Bianca: Das hast du doch aber. Es gibt auf dem Album auch diese Club-Tracks. Ist das Hardcore Rap? Und es gibt doch noch andere Rapper, die das klassisch-straighte Rap Ding favorisieren und performen. Wieso bist du der Letzte?
Es gibt doch nur zwei von diesen Club-Songs auf dem Album. Und ja: es gibt noch zwei oder drei Andere Rapper die das auch machen. Aber ich sag das eben für mich und stellvertretend für den Rest. Azad könnte sich diesen Titel zum Beispiel auch geben.

Kobito: Auf der neuen Platte disst du sogar dein Album “Rolle mit Hip Hop“. Warum?
Ich hab mich einfach weiterentwickelt und finde die alten Sachen raptechnisch einfach nicht mehr gut. Vom Flavor und der Stimmung passt das schon alles für damalige Verhältnisse, ich habe mich aber einfach verbessert. „Rolle mit Hip Hop“ ist für mich bis auf ein paar Songs völlig unerträglich. Ich finde, jeder muss sich verändern dürfen, wieso soll ich krampfhaft versuchen, derselbe Mensch zu sein wie vor 10 Jahren?

Kobito: Welches ist deiner Meinung nach das beste Afrob-Album?
“Made in Germany“. Inhaltlich ist das einfach gut, raptechnisch ist mein neues Album besser.

Bianca: 2005 hast du in einem Interview zu deinem letzten Album „Hammer“ gesagt, dass du schon Beats & Texte fürs neue Album hast. Jetzt ist es 2009 und es stellt sich die Frage: Was hast du die letzten vier Jahre gemacht? Warum ist soviel Zeit vergangen?
Ich hatte Beats und vielleicht Ideen. Wenn ich das so gesagt habe, war es gelogen. Ich musste halt angeben. 2006 habe ich Lisis Album gemacht, 2007 hatte ich dann viel privaten Stress und war mit Freundeskreis auf Tour. Also konnte ich mich erst 2008 auf das Album konzentrieren. Label gründen, Vertrieb suchen – das hat eben seine Zeit gebraucht. Mein Album erscheint jetzt über Gilette Music, also bei mir selbst und Intergroove macht den Vertrieb.

Kobito: Du hast auch mal in einem Interview gesagt, dass die Zeit zwischen „Hammer“ und 2009 nicht leicht für dich war. Ohne jetzt nach intimen Details fragen zu wollen interessiert mich, wie dich diese Zeit verändert hat.
Die Haftgeschichte hat mich verändert, auch wenn es nur kurz und wegen einer dummen kleinen Geschichte war. Ich hatte vorher alle Freiheiten, konnte tun und lassen, was ich will und plötzlich bist du eingesperrt. Dabei war das noch nicht so schlimm, ich konnte ja die Tage zählen. Das ist natürlich anders, wenn du zwei oder drei Jahre warten musst. Ich habe in der Haft gelernt, mich nicht so wichtig zu nehmen. Die Hälfte der Leute da drin kannte ich sowieso, aber heutzutage weiß ich mein freies Leben viel mehr zu schätzen. Ich hab beim Haftantritt erfahren, dass ich Vater werde und wusste an dem Punkt, dass da was nicht stimmt. Mit 20 kann man so was machen, aber ich war damals fast 30 Jahre alt und wollte meinem Kind ein Vater sein.

Bianca: Du hast ja auch in dem Film „Leroy“ mitgespielt, war das für dich eine relevante Erfahrung oder ein Zeitfaktor?
Nein, gar nicht. Das habe ich nebenbei gemacht. Ich versteife mich auch nicht auf dieses Filmding, da habe ich keine Ambitionen.

Bianca: In diesem Interview von 2005 kritisierst du, dass Rapper kaum noch kritische Inhalte und Anliegen haben. Ich finde dafür sind auf deinem aktuellen Album doch relativ wenig Anliegen zu hören.
Ich bin Afrob, ich hab schon alles gemacht und alles getan. Und auf meinem Album sind diesmal sehr kritische Sachen. Zum Gift-Konjunkturpaket, der Finanzkrise oder zum Israel-Palästina Ding. Und bei „Was wollt ihr“ greife ich diese Geschichte mit dem 15jährigen der alle abgeballert hat auf, wo dann alle rumheulen und Hip Hop verantwortlich machen. Wenn du mein Album nimmst, ist es zwar inhaltlich schwach im Vergleich zu „Made in Germany“, aber es ist immer noch krass politisch.

Kobito: OK – du hast dich ja immer schon politisch und inhaltlich positioniert, jetzt sagst du auf der neuen Platte „Meine Werte haben sich verschoben“. In wiefern?
Ich bin mir treu geblieben, aber ich kann heute auch über solche Porno-Sprüche lachen. Das habe ich immer verborgen und heute tu ich es eben nicht mehr.

Kobito: Du hast dich also nicht verändert, sondern nur die Hemmschwelle gesenkt für das, was du nach außen trägst?
Ja, genau.

Kobito: Der Israel-Palästina-Konflikt wird von dir auch stark thematisiert und deine Position wird klar. Warum hast du das nicht auf einem Track gebündelt, sondern nur deine Meinung gestreut?
In der einen Strophe von „Ich denke nach“ habe ich das sehr deutlich gemacht, da bin ich ziemlich stolz drauf. Ich habe mich schon zu dieser Unverhältnismäßigkeit dieses Konfliktes geäußert. Die Israelis haben auch eine Berechtigung, da zu leben, aber ich verurteile eben diese Verdrängung und die Unterdrückung der Palästinenser.

Kobito: Aber das Thema der Selbstmord-Anschläge gegen Israelis kommt genau zwei Zeilen von 16 zu Wort, findest du das nicht ein bisschen verkürzt?
Das werfen mir viele vor, dass ich meine Themen immer nur so streue. Dieses Thema hat nur sehr an mir genagt zu der Zeit, das musste raus. Die Seite der Palästinenser wird einfach selten beleuchtet und während Israel als Freund der Welt da steht, gilt Palästina als Arsch der Welt. Ich wollte Licht auf ihre Seite bringen, ohne zu sagen „Scheiß Israel“ oder gar „Scheiß Juden“, das hat damit nichts zu tun.

Bianca: Warum ist dir gerade dieses Thema ein Anliegen? An der Israel-Palästina Problematik will sich ja in Deutschland niemand die Finger verbrennen. Gerade in Bezug auf Antisemitismus.
Ich denke in Deutschland ist die Thematik schon gesund gewachsen. Man darf jetzt auch Israel kritisieren. Ich will vor allem die Jüngeren aufklären, darüber was da passiert ist. Der Konflikt fängt ja nicht mit der 2. Intifada an. Vor ein paar tausend Jahren haben die Israelis dort zwar auch gelebt, aber ebenso die Palästinenser. Es ist ungerecht, wenn man mit Hilfe der Solidarität der ganzen Welt da hinkommt und die Leute vertreibt. Die Existenz Israels stelle ich nicht infrage, aber ich frage mich, ob Israel jemals die Existenz Palästinas akzeptieren wird. Die Militäraktion im November 2008 hat für mich das Fass zum überlaufen gebracht. Das ist unverhältnismäßige Gewalt, wenn die einen Terroristen suchen und dabei haufenweise Zivilisten töten. Dieses Imperialistending mache ich nicht mit. Der Reichtum dieser Leute ist auf der Armut der anderen gebaut. Mit Blut haben sie es sich ergaunert und mit Blut müssen sie es jetzt verteidigen. Ich glaube, dass ich der einzige Rapper bin, der so etwas sagen kann, ohne dass man ihm Antisemitismus nachsagt. Ich sage ja auch: ich bin kein Antisemit, sondern kritisiere nur Israels Politik. Das muss einfach drin sein.

Bianca: Ich denke auch, dass Hip Hop zu solchen Thematiken Stellung beziehen sollte. B-Lash aus Berlin wollte konkret dazu bei Mixery Raw Deluxe eine Diskussion oder ähnliches anregen und Falk hat ihm nur geantwortet, dass Mixery ein Hip Hop Format ist, weshalb das nicht geht. Daraufhin musste B-Lash stattdessen ein Youtube Video posten, damit er darüber sprechen kann. Das ist doch ein Armutszeugnis für Hip Hop. Kann man denn überhaupt sagen, hier hört Rap auf, da fängt Politik an?
Für mich ist Rap immer ein Mittel um sich zu solchen Themen und Ereignissen zu äußern. Das ist grundlegend und prinzipiell.

Bianca: Denkst du es ist an der Zeit, sich im Hip Hop zu solchen Themen zu äußern und Stellung zu beziehen?
Ja, das habe ich ja schon bei „Made in Germany“ gesagt. Aber die Anderen sind eben nicht so. Die deutsche Hip Hop Szene ist nicht an Ploitik oder dem Leid anderer Leute interessiert. Hier und da gibt es Rapper die sich äußern, aber das sind nicht die, die in der Öffentlichkeit stehen. Das Interesse an sozialen Themen ist im Hip Hop sehr, sehr gering. Das frustriert mich und auch deshalb fühle ich mich diesbezüglich alleine.

Bianca: Ist Brothers Keepers noch aktuell? Gibt es euch noch?
Das ist mein Dilemma! (Afrob tobt) Was soll ich bloß dagegen machen? Immer dieses Brothers Keepers Ding… Vor Adé Bantu, dem Kopf von Brothers Keepers, habe ich größten Respekt. Die Sache an sich finde ich super, aber Intern gibt es Dinge mit denen ich nicht ganz einverstanden bin. Brothers Keepers wird immer mit meinem Album „Made in Germany“ in einen Topf geworfen. Aber so ist es nicht. Das nervt mich. Die sind an mich herangetreten, da war „Made in Germany“ schon fast fertig. Das ist nicht eine Sache, sondern mein Ding und das muss man mir auch zugestehen, denn für mich ist „Made in Germany“ eine sehr wichtige Platte, die unabhängig von Brothers Keepers entstanden ist. Aber wenn es etwas Interessantes gibt, würde ich auch jederzeit wieder bei Brothers Keepers mitmachen. Vor allem so etwas wie die Schultour, die wir damals gemacht haben.

Bianca: In Hamburg war ich vor ein paar Jahren auf einem Konzert von dir und wir mussten da leider vorzeitig gehen, weil wir uns tierisch über dich aufgeregt haben, denn du hast einen Song anmoderiert und deine Moderation ist dahin abgedriftet, dass alle im Saal bekunden sollten wie sehr sie auf Frauen stehen und das ganze ist dann zu einem extrem homophoben Statement geworden. Mich persönlich nervt diese Schiene ungemein: Laut gegen Rassismus, aber dann gleichzeitig sexistisch oder schwulenfeindlich abgehen… Du hat das Publikum mehrmals gefragt, ob auch allen anwesenden auf Frauen stehen und zwar so, als wäre es das Einzige was überhaupt infrage kommen darf…
Ich glaube du meinst den Track „Stossen mit den Jungs an“ – das kündige ich immer groß an, mit Frauen undso. Das ist eben ein Song nur für die Jungs und das ist nicht homophob, sondern einfach Testosteron. Da fordere ich wieder die Rechte für Männer ein. Da habe ich eben eine andere Sicht der Dinge auf Familie. Für mich ist es nicht negativ, wenn die Frau zuhause ist. In Mitteleuropa ist es ein Schimpfwort, wenn man Hausfrau sagt, aber die Hausfrau ist der Mittelpunkt der Familie, sie ist der Chef und ist auch da, um den Kindern Werte zu vermitteln.

Bianca: Und sind die Väter nicht dazu da, um den Kindern Werte zu vermitteln? Ist die Abwesenheit der Väter nicht vielmehr ein Problem, vor allem in der Unterschicht? Ist es nicht viel wichtiger die Jungs mal zu fragen, warum sie ihre Verantwortung nicht übernehmen?
Natürlich sollen auch die Väter Werte vermitteln. Ich lasse jetzt mal den Schwarzen raushängen: In der schwarzen Community ist das die größte Tragödie, dass die Väter nicht bei ihren Kindern bleiben. Neben Drogen und Waffen ist dies, das größte Problem: Ich kenne kein einzigen Schwarzen, der mit seinem Vater aufgewachsen ist! Deshalb ist für uns Rap auch so wichtig, denn uns haben Chuck D und KRS-One Werte vermittelt. Wir brauchen in Deutschland mehr Unterstützung für die alleinerziehenden Mütter.

Bianca: Das von Testosteron geprägte Männerbild im Hip Hop und Homophobie funktionieren gut zusammen. Oder anders gesagt: Pro-Homo und Testosteron kommen im Hip Hop nur selten zusammen. Ist das nicht auch problematisch? Ich fühle mich unwohl in einer Szene, die Heterosexualität ganz oben auf der Werteskala hat. Ich glaube nicht, dass alle Rapper oder Hip Hop Aktiven heterosexuell sind, aber wie im Fussball ist das auch im Hip Hop ein Tabu.
Wenn du als Rapper zugibst, dass du schwul bist, dann sag ich nicht game over, aber dann hast du meinen Respekt. Zum Glück bin ich nicht schwul, denn das ist für mich keine Art zu leben. Wenn ich sehe, wie die sich da nackt beim CSD präsentieren und alles dreht sich um Sex, wie sollen die denn jemals in der Gesellschaft ankommen. Das ist doch gar nicht vermittelbar. Wenn man akzeptiert werden will, dann muss man auch bestimmte Normen einhalten und nicht nur immer demonstrativ anti sein. Ich habe in erster Linie nichts gegen Schwule, aber so wie beim CSD – bei dieser Repräsentation – kann man nicht erwarten, dass 50jährige dafür Verständnis haben.

Bianca: Aber es gibt doch etliche Subkultur-Events, wo sich die Mitglieder provokativ feiern. Hip Hop ist doch auch total sexualisiert und es wird nur vom rumficken geredet…
Ich habe gelernt, dass ich den Deutschen nicht dieses Akzeptiert-Uns-Ding überstülpen kann. Ich musste viele Angleichungsspiele mitmachen. Und war da auch relativ erfolgreich. Ich musste akzeptieren, dass man der Gesellschaft vielmehr entgegen kommen muss und das müssen die Schwulen genauso. By the way: ich wohne in einem Schwulenviertel.

Kobito: Auf dem neuen Release ist mir folgender Satz negativ aufgefallen: „Ist ne Frau eine Schlampe, hat die Mutter sie verzogen / weiß sie was sie will, hat sie dich mit mir betrogen“. Meinst du nicht, dass solche Dinger deine „alten“ Fans enttäuschen?
Ja, komm…ich red da bisschen übers poppen, es gibt viel schlimmere Künstler da draußen! Ich find Sex kool, ich will darüber reden dürfen und hab eben meine eigene Meinung. Deswegen jetzt das Gesamtprodukt nicht mehr gut zu finden, ist falsch.

Kobito: Ich vergleiche dich aber nicht mit irgendwelchen Porno-Rappern da draußen, sondern messe dich mit deinen vergangenen Releases, deshalb spreche ich dich auch drauf an.
Weißt du, früher hab ich mir über so was heftige Gedanken gemacht. Dieses Mal hab ich drauf geschissen, damit müssen die Leute klarkommen. Ich geh gern raus, trink gern mal was, mache auch unmoralische Sachen. Am nächsten Morgen schäme ich mich aber, weißt du? Wie alle anderen auch.

Bianca: An einer Stelle auf dem neuen Album rappst du, dass du mit Brecht schläfst, wie hat man sich das vorzustellen? Was genau interessiert dich an Brecht, was kennst du von ihm, was kannst du weiterempfehlen?
Ich kann nichts weiterempfehlen. Bei dieser Sache hast du Glück. Das mit Brecht hab ich von Max. Ich hatte mir das mal angeschaut und fand der schreibt wie ein Rapper. Das Bild fand ich geil: „Ich schlafe nicht schlecht, denn ich schlafe mit Brecht“. Und es ist nicht abwegig, dass ich ein Brecht-Buch zu hause habe. Und selbst wenn ich keins habe: so what? Ich habe mir jedenfalls die Bibel gekauft. Und sie sogar fast ganz gelesen. Ein Haushalt muss doch eine Bibel haben.

Kobito: Am besten hat mir auf der Platte „Allein“ gefallen, „Babygirl“ fand ich auch gut, bis auf die Hook. Die beiden Songs sind meiner Meinung nach die ehrlichsten und konsequentesten Lieder auf dem Album, warum hast du die geschrieben? Du hast ja gesagt, dass das fiktive Geschichten sind…
Das ist eine Mischung aus Erfahrungen und Fiktion. Aber „Allein“ ist schon authentisch. Ich bin ein extremer Mensch, wie man vielleicht durchhört. Einerseits geht es einem halt gut und man feiert, andererseits sitzt man eben auch mal alleine zu hause und keiner ruft an.

Kobito: Welche Seite ist dir denn wichtiger? Ich finde, dass auf diesem Album die prollige und laut feiernde Art deutlich überwiegt.
Das ist schon demonstrativ. Die Leute haben mir gesagt: „warum tut er sich das an“, als es um das neue Album ging. Daher will ich zeigen, dass ich im Reinen mit mir bin, mir geht es gut, wo ich bin. Dieses Extreme in mir ist eine eritreische Eigenschaft, das haben wir alle.

Bianca: Auf deinem Album sind viele Features von Rapperinnen und Sängerinnen, das gefällt mir. Erzähl doch mal was du an den Damen schätzt, an Lisi oder Brixx?
Lisi ist eine der besten Rapperinnen die ich kenne. Dazu kommt, dass sie charakterlich sehr gefestigt ist, ein angenehmer Mensch und gute Freundin ist. Ich finde verschwendetes Talent eine traurige Sache. Rocky hatte damals die EP von Lisi und ich fand es richtig toll, denn sie hat krass gerappt für eine Frau. Das muss man ja leider immer noch so sagen. Dann habe ich sie bei Rocky angesprochen und wir haben zwei Tracks gemacht. Du wirst auch keinen anderen Rapper finden, der auf jedem Album eine Frau als Gast hat. Brixx kann auch super rappen, die kann sich leider nicht so richtig zwischen Deutschland und den USA entscheiden. Ich fand es immer bedauerlich, dass sie nicht auf Deutsch rappt. Ich kenne sie gut und die Zusammenarbeit hat sich dann ergeben.

Bianca: In dem Track mit Samy referiert ihr immer wieder auf euren Ursprung. Was ist damit gemeint? Es geht auch um Fehler die ihr gemacht habt. Was für Fehler hast du konkret gemacht und was daraus gelernt?
Ich mache extrem viele Fehler, weshalb ich es lieber zugebe anstatt es zu verheimlichen. Ich habe kein Problem damit einen Fehler zuzugeben. Ich möchte aber nicht konkret über meine Fehler reden, die waren eher privater Natur. Bei mir hat sich auch viel verändert, ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch als noch vor zehn Jahren. Vor allem bin ich sehr bescheiden, vielleicht zu bescheiden.

Bianca: In dem Track „Babygirl“ geht es ja auch um Lügen, das finde ich interessant. Ich finde auch nicht, dass Lügen unbedingt etwas negatives sein müssen. Nicht jeder hat ein Recht auf die Wahrheit. Wie stehst du zum Lügen? Welche Lügen sind legitim und welche sollte man überwinden?
Ich bin jemand der sich mit der Wahrheit übertrieben zurückhält. Bei schwerwiegenden Sachen mag die Wahrheit schon angebracht sein, aber bei Kleinigkeiten absolut unnötig… Wenn mich jemand fragt: wo bist du? dann sag ich was, aber bin eigentlich ganz woanders. Ist doch scheißegal. Wer hat schon ein Recht auf die Wahrheit. Ich lüge aber tendenziell immer weniger.

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