The Graff Life – Kinder suchen auf der Strasse, was ihnen im Leben fehlt

Int. Rap

Nicht nur einmal kam es vor, dass sich Außenseiter an das Thema HipHop und Graffiti heran gewagt und den Anspruch der Dazugehörigkeit und Allwissenheit für sich erhoben haben. Anderseits gab es in der Vergangenheit aber auch Filme, bei denen Außenseiter und Akteure gemeinsam über eine Produktion entschieden haben. Solche Produktionen überzeugten durch Vollständigkeit und Langwertigkeit. Filme wie Wild Style, Style Wars oder Nico Raschik’s Here We Come fielen unter diese Kategorie. Der kalifornische Kameramann Randy de Vol präsentiert mit The Graff Life eine weitere hochqualitative Dokumentation wie sie nur selten zu finden sind.

Checkt das ausführliche Interview mit den Machern des Films nach dem Trailer.

Eine Frage, die sich beim Schauen deines Films recht schnell stellte war die, wie du Zugang zur Szene gefunden hast.
Mich hat auf Arbeit ein Writer angesprochen, mit ihm nachts loszuziehen, bevor ich mir eine vorgefertigte Meinung über Graffiti bilden konnte. Die Kunstprojekte meiner eigenen zwei Kinder an der Schule fielen dürftiger aus als das, was ich an Graffiti zu sehen bekam. Ich bekam also eine gute und eine schlechte Seite von Graffiti zu sehen. Die ersten Filmaufnahmen haben anschließend gezeigt, wie sich meine unkonventionelle Art zu filmen mit der unkonventionellen Art der Graffitiwriter deckte. Die Resonanz war positiv, und die Writer luden mich ein, den Facettenreichtum ihrer Welt näher zu betrachten.

Die Eröffnungsszene des Films erinnert ganz stark an Style Wars und lässt vermuten, du wolltest für Los Angeles etwas Ähnliches schaffen wie das, was Style Wars für New York City war.
Das ist richtig. Ich habe eine Menge Respekt dafür, wie Style Wars die Anfangstage des HipHop einfing. HipHop ist ständig in Bewegung, und ich bin froh darüber, auch einen kleinen Moment davon erfasst haben zu dürfen.

Gab es während der Dreharbeiten Konflikte mit dem Gesetz? Schließlich grinsen die Writer in die Kamera und lassen sich in Aktion filmen.
Nein, zumal es legal ist, sich friedlich zu versammeln, Beschwerden vorzutragen oder Barbecues und Crewtreffen abzuhalten. Das Hauptanliegen der Writer war, sich als Künstler und nicht als Verunstalter öffentlichen Eigentums darzustellen. Für mich war es interessant zu sehen, wie es moralische Schlüssel zu geben scheint, nur in Gegenden zu malen, welche als Graffiti-freundlich angesehen werden. Wir gingen also nicht in graffitifreie Gegenden und bombten sie wahllos zu. Die Gefahr, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, war daher gering.

Du zeigst unterschiedliche Charaktere im Film, von Angehörigen der Hells Angels über Gangster, Gefängnisinsassen zu alltäglichen Leuten. War der soziale Aspekt des Films gewollt oder Zufall?
Nein, da steckte keine Absicht hinter. Als Dokumentarfilmer war ich dazu privilegiert, mich mit der Graffitiwelt und ihrer enormen sozialen Vielfältigkeit auseinanderzusetzen. Graffiti entspringt allen sozialen Schichten. Die Charaktere haben ihre Eigenheiten und leben in ihrer eigenen Welt. Mir gelang es, diese Dynamik einzufangen.

War The Graff Life dein erster Film?
Das war mein erster ausführlicher Dokumentarfilm, und ich konnte neue Erfahrungen sammeln. Seit den frühen 90ern drehe ich Werbe- und Fernsehfilme.

Wie hast du mit The Graff Life Zugang zum New York International Independent Film & Video Festival gefunden, aus welchem du als Gewinner heraus gegangen bist?
Ich habe das NYIIFVF eher zufällig ausgesucht und war froh, als mein Film dort angenommen wurde. Das Festival mit dem Preis der „Best Urban Documentary“ wieder zu verlassen, war entgegen allen Erwartungen, und ich habe mich wahnsinnig über den Preis gefreut!

Der Film schenkt dem Unterschied zwischen HipHop- und Ganggraffiti Aufmerksamkeit. Erzähl etwas darüber!
Im Ganggraffiti geht es darum, sein Territorium zu markieren. Der künstlerische Aspekt spielt dabei kaum eine Rolle, während HipHop-Graffiti-Writer bemüht sind, so viele Territorien wie möglich abzudecken. Es ist allgemein bekannt, dass Graffitiwriter in gangorientierten Gegenden nicht willkommen sind. Ich bin kein Fachmann für Gangs, aber die wenigsten Leute trauen sich in ihre Nachbarschaften, weil dort Territorien eine Rolle spielen und Außenstehende nicht willkommen sind. Writer meiden solche Gegenden erst recht, da sie sich ansonsten in Lebensgefahr begeben würden. Ghost One beschreibt die Situation im Film übrigens ganz treffend. “Tag-banging” ist eine Mischung, welche beide, Gang- und HipHop-Graffiti, einbezieht und die Szene in vielerlei Hinsicht zerstört hat. Gangmentalität und Gewalt haben Einzug gehalten. Die Graffitiszene hat sich also rapide geändert, nachdem ich den Film fertig gestellt hatte, und ich bin froh, daß ich die Ära vor Einzug der Gangdominanz noch festhalten konnte.

Der Film wurde 2006 produziert, ist aber erst jetzt auf DVD erhältlich. Woran lag das?
Wie gesagt, als der Film fertig gedreht war, hat sich in der Welt der Writer in Los Angeles und in den Crews meines Films viel bewegt. Die einen gingen fort, andere malten weiter, und wieder andere starben. Der Film fängt einen Moment ein, in welchem Graffiti war, was es nie wieder sein wird. Die Writer und ich vereinbarten, dass ich zu ihrer eigenen Sicherheit auf ihre Freigabe warten werde. Ebenso ist Graffiti noch immer ein Tabuthema, weshalb ich das Projekt eigens finanzieren und abschließen musste.

Inwieweit waren die Writer, speziell Demon, in die Produktion involviert?
Alle Künstler waren in die Produktion involviert, indem sie mir freie Hand gaben und mich in ihrer Welt mit samt ihren Geheimnissen akzeptierten. Demon war ein toller Organisator und hatte die nötigen Kontakte. Er war in fast alles involviert, was meine Kamera einfing. Ich wäre froh gewesen, hätte er die Zeit nach den Aufnahmen noch erleben können.

Was passierte mit ihm?
Demon war auf einmal verschwunden, und ich habe bis heute nichts mehr von ihm gehört. Ich habe keine Ahnung, wo er steckt und hoffe inständig, dass es ihm gut geht.

Die Geschichte von The Graff Life wird von einer Mädchenstimme erzählt. Ist sie die kindliche Unschuld innerhalb einer Metrople, in welcher die Einwohner ums Überleben kämpfen?
Ich wollte nicht die typische Erzählerstimme im Film haben, sondern eine Stimme, welche die Sicht des Filmsubjekts wiedergibt, amerikanische Kinder mitsamt ihrer Freiheiten. Diese Kinder sind benachteiligt, was ihre Kunstausbildung anbelangt. In ihrem Namen spricht der Erzähler. Die Kinder suchen eine Ausdrucksform und gehen dabei auf die Straße, koste es, was es wolle.

In jedem Fall ziehst du eigene Vorteile aus der Produktion, entweder durch Aufmerksamkeit oder durch den Verkauf. Wie gibst du der Szene zurück, was ihr gebührt?
Das ergibt sich ganz einfach daraus, dass ich selbst ein Teil der Kultur bin. Ich gehöre der Klasse von 1986 an und bin das Produkt von Eltern, welche wiederum in den 60ern in musikalische Schräglage gerieten. Ich verkörpere die HipHop-Kultur und hoffe, sie in vollkommener Unversehrtheit präsentiert und gefördert zu haben.

Haben wir abschließend noch etwas vergessen?
Früher haben wir in der Schule Aschenbecher für unsere Eltern gebastelt.

Was meinst du damit?
Heute fehlt das Geld zum Basteln an den Schulen, und die Lehrer setzen ihr Privatvermögen ein, um die Schüler mit Arbeitsmaterial zu versorgen. Gleichzeitig wurden die Stunden für Kunst und Handwerk gestrichen. Vielleicht resultiert daraus die Fettsucht der Kinder, mit welcher wie uns heute konfrontiert sehen? Basteln heißt für einen Schüler heute, eine SMS an seine Freunde zu verschicken.

Mehr Infos zum Film findet ihr auf der offiziellen Website unter http://www.thegrafflife.com/.

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