Raekwon – Ein Veteran erlebt seinen zweiten Frühling

Int. Rap

Stillstand ist Rückschritt. Mit jedem Album muss ein Künstler versuchen, sich neu zu erfinden. Dies beteuern Künstler und fordern Kritiker oftmals lauthals. Raekwon geht momentan in die genau entgegengesetzte Richtung und ausnahmsweise haben weder Fans noch Kritiker etwas daran auszusetzen. Nach zwei eher weniger beachteten Soloalben knüpft er mit seinem neusten Streich „Only Built 4 Cuban Linx Pt. II“ nahtlos an den Soundentwurf seines Debüts von 1995 an. Dies gelingt dem Wu-Tang Lyricist erstaunlich gut, was vor allem deshalb keine Selbstverständlichkeit ist, da „Only Built 4 Cuban Linx“ zweifellos zu den besten Rap-Alben aller Zeiten gehört. Um mehr über die Entstehung von „OB4CL2“, den Stand der Dinge beim Clan aus Shaolin und seine Zukunftspläne zu erfahren, trafen wir uns mit dem Chef nach dessen Tourstopp in Basel.

Dein Album stieg in die Top 5 der Charts ein und hat sich bereits mehr als 100’000 Mal verkauft. Hast du dies in Zeiten einbrechender Verkaufsahlen erwartet?
Ich habe daran geglaubt, dass es gut kommen wird. Aber wie du richtig sagst, sind Verkaufszahlen nicht vorhersehbar in diesen Zeiten. Wir haben 100’000 verkauft ohne wirklich eine Single zu haben, die überall zu hören war. Wenn man Independent geht, liefern sie immer weniger Platten aus, da sie einem keine höheren Verkäufe zutrauen. Ich denke, wir hätten also noch mehr verkauft, wenn mehr Scheiben ausgeliefert worden wären. Aber ich bin natürlich sehr dankbar, dass ich immer noch 100’000 innert zwei Wochen verkaufen kann nach all den Jahren, die ich im Game bin. Es fühlt sich gut an.

14 Jahre sind verstrichen seit Teil 1. Musikalisch hat sich in dieser Zeit viel verändert. Hat es diese lange Spanne gebraucht, um dieses Projekt überhaupt umzusetzen?
Es kommt daher, dass ich ein Veteran bin und mich schon seit Jahren mit meinen Reimen auseinandersetze. Ich bin sehr zufrieden mit der Art MC, die ich bin. Man muss wissen, wie man seine Reims im Rahmen seiner Formel einsetzt. Das ist alles was ich gemacht habe – ich bin mir selber treu geblieben. Die Produktion ist stärker als auf dem ersten Teil und inhaltlich ist es ein Flashback in die Zeiten des ersten Teils. Das ist alles was wir wollten und wir haben den Job richtig gemacht.

Du hast mit zahlreichen Produzenten an dem Album gearbeitet, darunter auch J Dilla, der drei Beats beigesteuert hat. Hast du mit ihm gearbeitet, als er noch unter uns weilte?
Busta Rhymes ist ein guter Freund von Dilla und er hat ihm erzählt, dass ich gerne mit ihm arbeiten würde. Leider hatte ich aber nie die Möglichkeit, ihn persönlich zu treffen oder mit ihm ins Studio zu gehen. Wir unterhielten uns aber am Telefon und er zeigte mir, dass er sehr interessiert ist, an dem Projekt mitzuwirken. Einige Monate später starb er leider. Ich bin sehr glücklich, dass ich einer der auserwählten bin, die mit ihm arbeiten konnten. Es war mir lange gar nicht bewusst, was für ein verrückter Produzent er war, bis Busta mich darauf aufmerksam machte. Es war auf jeden Fall ein Traum, mit ihm zu arbeiten. Ich konnte persönlich mit seiner Mutter sprechen, das fühlt sich gut an. Ich wünschte, er wäre noch hier und könnte sehen, wie die Leute seine Beats auf dem Album lieben.

Du hast Busta Rhymes erwähnt. Er ist ja nicht nur als Gast auf „OB4CL2“ zu hören, sondern er war auch der Executive Producer. Wie würdest du seinen Einfluss auf die Platte beschreiben?
He was just like a good head coach brother. Er hat sehr engagiert bei dem Projekt mitgewirkt und verschiedene Strategien eingebracht. Er war dabei, als ich die Songs aufnahm, er schrieb bei einigen Hooks mit und half bei der Auswahl der Produktionen – Busta hat einfach ein gutes Ohr für Musik. Es hat nur schon sehr geholfen, wenn ich im Studio war und seine Energie gespürt habe. Er ist wie ein Boxtrainer, der einem immer wieder motiviert. Da er immer da war, um mich bei dem Projekt zu unterstützen, wollte ich ihn als Executive Producer haben. Es war eine Ehre.

Er war ja über lange Zeit an deiner Seite, schon auf dem „Vatikan Mixtape 1“ war er zu hören.
Busta Rhymes ist definitiv der grösste Raekwon Fan und natürlich bin ich auch ein Fan von ihm. Es fühlt sich einfach sehr gut an, die Unterstützung von jemandem zu erhalten, der schon so lange im Game ist. Ich meine, ich wuchs mit der Musik von Leaders of the New School auf. Wenn er noch immer dabei ist nach 20 Jahren, wieso sollte ich nach 15 Jahren nicht mehr am Start sein? Ich versuche, genau so relevant zu bleiben, wie er das immer noch ist.

Es scheint, als ob du sehr eng mit Busta gearbeitet hast. Wie intensiv war denn die Zusammenarbeit mit RZA?
RZA ist sehr beschäftigt mit seinen Filmen. Shout out an RZA, aber bei diesem Projekt hatte ich nicht die Möglichkeit, sehr eng mit ihm zu arbeiten. Er war auf der anderen Seite der Welt und ich habe einfach mein Ding gemacht Alles was ich von ihm wollte, war die Unterstützung bei einigen Songs und bei der Zusammenstellung des Albums. Er hat mir definitiv bei dem Entwerfen des Projekts geholfen. RZA hat an mich geglaubt und gemerkt, dass ich genau weiss, was ich tue. Er meinte, dass er gar nicht mehr viel hinzuzufügen braucht, da ich das Rezept kenne. Ich habe mich von einem MC zu einem Geschäftsmann, Künstler, Producer und Executive Producer entwickelt. Aber RZA hat mich auf jeden Fall dabei unterstützt.

Als ich vor einigen Monaten mit RZA sprach meinte er, dass du definitiv genügend Songs hättest für einen Klassiker, dass du nun nur die richtigen auswählen musst. War es also schwierig für dich, die richtigen Tracks zu picken?
Wir hatten tatsächlich sehr viele Songs, da sieht man nur schon daran, dass ich den Leuten mehr als 20 Songs auf dem Album gebe. Es war gar nicht möglich, alle Songs auf die Platte zu packen, die wir wollten. Es wäre ein Doppelalbum geworden und somit eine Überdosis. Wir wollten den Leuten aber genügend Tracks geben, damit sie merken, dass es Wert war, darauf zu warten.

Du hast eine unverkennbare Stimme, trotzdem habe ich noch nie einen Song gehört, auf welchem du deplaziert gewirkt hast. Wie stellst du das an?
Ich denke, dass ich einfach genau darauf achte, was zu meiner Stimme passt. Versteh mich nicht falsch, natürlich muss mir der Song auch sonst zusagen. Selbst wenn du meine alten Alben anhörst, findest du darauf vielleicht nicht die verrücktesten Beats, die es zu dieser Zeit gegeben hat, aber ich passe einfach immer perfekt dazu. Ich denke, das kommt von der Erfahrung und die nutze ich nicht nur für mich selber. Bei vielen Tracks von „OB4CL2“ habe ich mir überlegt, welche MCs am besten auf die jeweiligen Beats passen würden. So habe ich dann Deck oder Ghostface auf die passenden Tracks geholt. Ich denke, dass dies mitunter ein Grund ist, wieso das Album nun so erfolgreich ist, da ich genau weiss, welchen MC ich auf welchem Track einsetze.

Beide Cuban Linx Alben klingen anders, als das, was zur jeweiligen Zeit gerade angesagt ist. Was veranlasst dich, jeweils gegen den Strom zu schwimmen?
Ich denke, dass ich dem echten HipHop immer treu geblieben bin, denn damit bin ich aufgewachsen. Das Wichtigste war für mich immer, ein guter Performer und ein guter, talentierter MC zu sein. Ich nehme mir Zeit beim Schreiben. Heute kann ich unglaubliche Geschichten schreiben, weil ich so viel Zeit über all die Jahre darin investiert habe. Ausserdem ist es sehr wichtig, dass man nie den Glauben an sich selber verliert; es wird nie passieren, dass ich nicht an mich glaube. In der letzten Zeit hat es sich für mich angefühlt, als ob Muhammed Ali oder Mike Tyson zurück wären. So habe ich mich gefühlt und wenn es eine Herausforderung als MC gab, habe ich sie angenommen. Das kommt von der inneren Stärke, Tai Chi you know.

Du wusstest, dass die Fans schon lange einen zweiten Teil von „OB4CL“ wollen. War es für dich wichtiger, den Wünschen der Fans zu entsprechen, als deiner eigenen Vision als Künstler zu folgen?
Es ist definitiv beides. Man muss auf seine Fans hören, aber natürlich auch auf sich selber als Künstler. Die Fans sind immer ehrlich zu dir und sagen, was sie von dir erwarten und was sie am meisten lieben. Als Künstler will man natürlich immer wachsen und neue Dinge ausprobieren – das ist normal. So sollte ein Künstler funktionieren, aber ohne die Fans kommt man nicht weiter. Die Die-Hard-Fans merken auch sofort, wenn ein Künstler faul wird. Ich habe an den Reaktionen gespürt, dass meine Fans merken, dass ich hart arbeite, sie mit Mixtapes versorge und mich um mein Business kümmere. Ich höre auf meine Fans; ich lese ihre Beiträge, ich höre, was auf der Strasse geredet wird und lerne daraus. Ich wusste, dass es erst mein viertes Album ist. Ich habe zwar bei vielen anderen Projekten mitgewirkt, aber als Solokünstler ist es erst mein viertes Werk. Ich wusste also, dass ich noch mehr Einfluss nehmen kann und es noch viel zu tun gibt.

Hast du denn nun das Gefühl, dass du mit deinem nächsten Album in eine andere Richtung gehen wirst oder willst du den Leuten weiterhin dieses 90er-Feeling geben?
Es bleibt auf jeden Fall roher HipHop, egal was kommt. Ich habe der Welt soeben bewiesen, dass ich die Fortsetzung eines Klassikers machen kann und dieser ein neuer Klassiker wird. Das nächste Album soll genau die gleiche Energie haben und ich will das MC-Level hochhalten. Ich lege weiterhin Wert auf die Inhalte und der Sound bleibt Hardcore. Es geht aber vor allem darum, dass ich es echt halte. Selbst wenn ich 99 Jahre alt bin, werde ich noch einen Reim in der Hinterhand haben. (Gelächter) Für mich ist es wie ein Sport, ich gebe mein Bestes und ich merke, dass ich Momentan in Höchstform bin. Ich bin ein bisschen älter, stärker und weiser. Es wird noch viel kommen, seid bereit dafür!

Was ist dran an dem Gerücht, dass du noch einen dritten „OB4CL“ Teil machen willst?
Das ist ein Gerücht, es ist noch überhaupt nichts in Stein gemeisselt. Aber man weiss nie, was passieren wird. Ihr seid aber sicherlich die ersten, die erfahren werden, was in der Zukunft gehen wird. Im Moment geht es aber um „OB4CL2“, das härteste Album, welches im Moment draussen ist. Ich will, dass sich die Fans dieses Album reinziehen und es unterstützen.

Ein anderes Gerücht betrifft Diddy. Er hat ja deine Plattentaufe gehosted und ich habe gehört, dass er an dir und Ghostface interessiert sein soll.
Diddy war vor längerer Zeit an uns interessiert, aber in letzter Zeit habe ich davon nichts gehört. Aber wenn es heute passieren würde, wäre ich sicherlich nicht abgeneigt. Wenn er einen Deal machen will: Puff holla at me! Man wird sehen was passiert.

Ich bin ehrlich gesagt etwas verwirrt wegen dem Album von dir, Ghostface und Method Man. Alle haben es bestätigt, doch nun habe ich gelesen, dass du nicht wirklich glücklich darüber bist, dass die Platte bei Def Jam erscheinen soll.
Wir werden das Album machen, egal bei welchem Label es erscheinen wird. Ich denke, das Wichtigste ist, dass die Leute sehen, dass der Wu-Tang Clan noch immer sein Ding macht. Ich habe mich nie gegen das Projekt ausgesprochen, ich bin einfach der Meinung, dass wir die Rechte daran besitzen sollten. Am Ende des Tages unterstütze ich das Album und ich bin überzeugt, dass es eine grossartige Scheibe wird. Wir tun alles dafür, dass das Motto „Wu-Tang Forever“ bestehen bleibt.

Stichwort Wu-Tang Clan: Beim letzten Album waren besonders Ghostface und du nicht sehr zufrieden mit dem Endresultat. Was muss sich bei dem nächsten Wu-Tang Album ändern, damit am Schluss alle Mitglieder zufrieden sind?
Wir müssen wieder wie ein Team zusammensitzen und gemeinsam den Plan entwerfen. Jeder muss sein Gehirn einschalten, wenn es darum geht, die nächste Platte zu machen. Wenn man eine Truppe mit 8, 9 Leuten hat, ist es nicht einfach. Einige sind auf die Lyrics spezialisiert und andere sind für die Beats zuständig. Wir müssen alle zusammen sehr konzentriert und fokussiert an ein nächstes Wu-Album herangehen. Ich denke RZA wird die richtigen Sachen auftischen, denn er weiss nun genau, wie wir das sehen.

Abschlussfrage: Wenn du etwas aus der Vergangenheit in die Gegenwart bringen könntest und umgekehrt, was wäre es?
Aus der Vergangenheit würde ich die ersten Jahre von HipHop nehmen. Zu der Zeit, sagen wir 1984, waren die Beats crazy. Diese Produktionen von damals würde ich gerne heute hören. Damals ging es wirklich um die Musik und man hat nicht versucht, jemand anders zu sein. Es ging um den Spass, denn HipHop sollte Spass machen. Ich würde die Freude an den Tracks und die Konzerte mit den vielen Menschen gerne in der Gegenwart sehen. Ich war damals dabei und wenn man dies erlebt hat, wird man es nicht wieder vergessen. Aus der Gegenwart (überlegt). Das ist schwierig. Ich würde die Möglichkeit, Geld mit der Musik zu verdienen, zurück in die Vergangenheit nehmen. Damit alle diese Leute, die den Weg für HipHop geebnet haben, auch anständig bezahlt würden. Es wäre schön zu sehen, wenn die Platten von damals genau so supportet würden, wie die heutigen Scheiben. Damals gab es noch nicht dieses Schema mit 16 Bars und dann kommt die Hook. Damals hatte man mindestens 32 oder 40 Bars, es gab noch keine Regeln. Es wurde einfach 3, 4 Minuten am Stück durchgerappt. Viele Leute nehmen das nicht wahr, aber für mich war das einfach viel authentischer, es ging nur um das Feeling. Also ich würde mir das Feeling von damals in der Gegenwart wünschen und dafür das Geld von heute, in der vergangenen Zeit.

Foto: lukasmaeder.ch

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