DJ Revolution – Ich tarne DJ-Platten als HipHop-Alben

Int. Rap

Hört man die Scratches von DJ Revolution, könnte man denken, dass im Studio noch nachgeholfen wurde. Doch der „King of the Decks“ brauchte keine Tricks, wie er bei seinen Live-Auftritten eindrücklich beweist. Zweifellos ist er einer der wichtigsten Vertreter der DJ-Zunft und zudem seit einigen Jahren bekannt für amtliche Beats. Vor seiner Show in der Roten Fabrik sprachen wir mit dem Kalifornier über sein letztes Album, das DJ-Game und seine kommenden Projekte.

Vor etwas mehr als einem Jahr hast du das „King of the Decks“ Album veröffentlicht. Denkst du, dass du damit auch Leute ausserhalb deiner üblichen Zielgruppe erreichen konntest?
Ich konnte definitiv die regulären Rap-Fans abholen, wegen den Künstlern, mit denen ich für die Platte gearbeitet habe. Ich habe z.B. Royce da 5’9″, Crooked I und Joell Ortiz auf dem Album und konnte somit die Slaughterhouse Fans in meine Welt holen. Deshalb arbeite ich immer mit solchen Künstlern zusammen – um meine Kunst voranzubringen, muss ich den durchschnittlichen HipHop-Konsumenten erreichen können. Es reicht nicht, wenn ich nur die DJ’s erreiche. HipHop besteht nicht nur aus DJs oder MCs, es geht um Musik. Jimi Hendrix hat seine Musik nicht für Gitarristen gemacht, sein Sound war für alle. Das ist es, was ich versuche: Musik für jedermann zu machen.

Es ist also definitiv ein Ziel von dir, das DJing dem durchschnittlichen Konsumenten näherzubringen?
Ich versuche ihnen nicht nur die Skills zu zeigen, sondern auch das Leben, das ich führe. Alle Aspekte vom Scratchen über das Touren, die Zusammenarbeit mit Künstlern bis hin zum Produzieren. Den Leuten soll klar werden, dass wir immer noch relevant und keine dieser bullshit erzählenden Hollywood-Prominenten-DJs sind.

Obwohl du einige DJ-Tracks auf dem Album hast, lag der Fokus meiner Meinung nach mehr auf deiner Rolle als Beatproduzent. Ist dies generell deine primäre Ausrichtung?
Ja, denn ich versuche den Leuten wirklich zu zeigen, was ich mache. Auf dem „In 12Inches You Can Trust“ Album legte ich den Fokus mehr aufs DJing, was die Fans dieser Kunstform sehr geschätzt haben. Aber für den durchschnittlichen Konsumenten war das viel zu komplex. Im Jahr 2009 ist der DJ noch viel weniger wichtig als damals vor acht Jahren. Deshalb musste ich einen anderen Zugang finden. Es ist, wie wenn du deine Kinder dazu bringen willst, Gemüse zu essen. Du musst ihnen erzählen, es sei Eiscreme und sie so austricksen. Jay-Z macht Popmusik, aber im Grunde genommen ist es HipHop Musik, die als Pop getarnt ist. Was ich mache, ist DJ-Platten als normale HipHop-Alben zu tarnen.

Auf dem Song „Casualties of Tour“ hört man dich sogar am Mic. Hegst du da Ambitionen?
Nein, ich habe eigentlich keine Ambitionen in diese Richtung. Sollte es wieder passieren, dann nur, wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas mitzuteilen habe. Ich plane aber nicht ein Album zu machen, eigentlich nicht mal weitere Songs.

Wirst du also nicht zum „Best DJ on the Mic“?
Das ist definitiv nicht geplant, aber sollte mich die Musik in diese Richtung leiten, dann ist es so. Ich hatte die Idee für diesen Song schon seit Jahren, denn niemand kann mein Leben besser ausdrücken, als ich selber. Das war der einzige Grund, wieso es gemacht habe. Gleichzeitig brauchte es jemanden an meiner Seite, der tausend Mal besser ist am Mikrofon, um die Balance wieder herzustellen. Deshalb habe ich Rakaa dazugeholt, der ebenfalls mein Leben als Künstler, der ständig auf Tour ist, lebt und gleichzeitig ein echter MC ist. Es wäre nicht möglich gewesen, dass ich ganz alleine auf dem Song rappe.

Dein Album erschien bei Duck Down. In den letzten Jahren haben zahlreiche Künstler dort sehr gute Alben veröffentlicht. Denkst du, dass Duck Down so etwas wie das neue Qualtitätslabel ist, vergleichbar mit Rawkus vor einigen Jahren?
Ich denke, der einzige Unterschied liegt darin, dass Duck Down keine Zeit darin investiert, Künstler aufzubauen. Sie nehmen keine neuen Künstler unter Vertrag.

Sie haben aber z.B. auch Skyzoo.
Ich betrachte ihn nicht unbedingt als neuen Künstler, er hat schon einen ordentlichen Buzz in New York. Er ist sicherlich eher ein neuer Künstler, aber schau dir mal an, was für eine Horde von bekannten Produzenten auf seinem Album sind: 9th Wonder, Nottz, Marco Polo u.s.w. Sie balancieren es aus, dass vielleicht noch zu wenig Leute den Namen Skyzoo kennen. Ich sah aber auch keine grosse Werbung für sein Album. Duck Down nimmt zumeist Künstler unter Vertrag, die bereits einen Namen haben. Das ist cool, schliesslich geht’s auch ums Business. Aber was Rawkus gemacht hat, war Leute von der Strassenecke zu nehmen und Superstars aus ihnen zu machen.

Dies liegt womöglich auch an der Veränderungen in der Musikindustrie, es war damals einfacher, einen Künstler aufzubauen.
Es ist immer noch möglich, nur will es niemand machen. Es ist anders heutzutage und auch ein bisschen schwieriger, aber es ist immer noch möglich, einfach auf eine andere Weise. Aber natürlich hatte Rawkus auch die Möglichkeit, da viel Geld dahinter steckte und sie somit machen konnten, was sie wollten. Dies ist bei Duck Down definitiv nicht der Fall. Ich verstehe, den Weg den sie gehen und respektiere sie dafür. Aber man kann sie nicht mit Rawkus vergleichen, solange sie nicht auch neue Künstler aufbauen.

Duck Down ist aber durchaus zu einem Brand geworden, den man mit guten Veröffentlichungen in Verbindung bringt.
Das auf jeden Fall, möglicherweise ist dies auch ihr langfristiges Ziel. Aber je mehr sie mit Leuten nur einen Deal für ein Album machen, wie sie dies bei mir, Kidz in the Hall, B-Real, Skyzoo und Marco Polo gemacht haben, bauen sie keine Künstler auf. Rawkus hatte Mos Def, Kweli oder High & Mighty und haben diese aufgebaut. Duck Down ist aber sicherlich ein Brand, bei welchem die Leute nicht enttäuscht werden. Das ist etwas, was nur wenige Label vorweisen können und sie sollten diese Power nutzen, um neue Künstler aufzubauen – eine neue Generation von New Yorker HipHop. Wie auch immer, ich mag die Leute bei Duck Down und hatte Spass, mit ihnen mein Projekt auf die Beine zu stellen. Jedes Label und jeder Künstler hat bessere und schlechtere Phasen. Ich denke am Ende des Tages waren wir Erfolgreich mit dem Album und ich bin seitdem mehrmals um den Globus gereist.

Als wir uns das letzte Mal unterhielten, hast du erwähnt, dass du ein Album mit DJs und Artists aus verschiedenen Teilen der Welt aufnehmen willst. Ich habe gesehen, dass es ein Mixtape gibt, auf welchem aber keine exklusiven Tracks drauf sind. Planst du dieses Album immer noch?
Das Mixtape ist bereits 1,5 Jahre alt. Ich habe immer noch vor, dieses Album zu machen. Aber dafür brauche ich Leute, die mich dabei unterstützen. Ich will nicht mit irgendwelchen Künstlern aus Zürich oder Paris arbeiten. Zuerst will ich mit Leuten aus den jeweiligen Ländern zusammensitzen und herausfinden, wer die heissen, neuen Künstler sind. In Frankreich muss ich z.B. eine neue Bezugsperson finden, da ein guter Freund von mir, der dort lebte, dieses Jahr verstorben ist. Er hat mir sehr dabei geholfen, die richtigen Leute in Frankreich zu finden. Ich muss sehr viel recherchieren, denn ich kann nicht irgendwelche Rapper auswählen. Niemand würde mich mehr respektieren, wenn ich die falschen Leute auswähle. Ich will es tun, aber nur, wenn ich es richtig machen kann.

Ein anderes Projekt, an dem du arbeitest, ist das Album deiner neuen Crew Malcolm & Martin. Was kannst du mir darüber berichten?
Malcolm & Martin setzt sich aus zwei unglaublich talentierten MCs von den entgegengesetzen Küsten des Landes zusammen. Einer stammt aus L.A. (Styliztik Jones), der andere aus Queens, New York (KB iMean). Nun leben aber beide in L.A. Es gibt momentan niemanden, der soviel Talent und lyrische Fähigkeiten vereint, wie diese beiden Typen. Für mich ist es der Beginn eines wichtigen Movements, deshalb haben wir das erste Mixtape auch „Movement Music“ getauft. Das Album sollte Februar oder März nächstes Jahr erscheinen. Es geht darum, Intelligenz, Spass und Soul zurück in die HipHop-Musik zu bringen. Alles ist so hart und grimey. Ich mag zwar die Energie diese Musik, aber es fehlt einfach an der Balance. Wo sind Künstler wie Brand Nubian, Naughty by Nature oder De La Soul? Wo sind Ying und Yang? Im Moment existiert nur das Yang. De La Soul konnten witzig und hart gleichzeitig sein, nur kann das heutzutage niemand mehr. Ich denke, das es wichtig ist was wir machen und ich hoffe, wir erreichen damit die Leute um den Globus.

Du legst heute mit DJ Premier auf, welcher auch auf deinem Album vertreten ist. Ist er für dich eher von den Produktionen her eine Inspiration oder auch als DJ?
Eigentlich mehr von ihm als DJ, denn es ist offensichtlich, dass jeder von seinen Produktionen beeinflusst wurde. Natürlich haben mich seine Beats auch beeinflusst, aber als DJ war er nach Jazzy Jeff mein wichtigster Einfluss. Premo hat sicherlich den Weg für die Scratches, die auf den Platten von diversen Künstlern gemacht habe, geebnet. Er hat das erfunden. Wörter zusammenzuscratchen für einen Hook hat zuvor niemand gemacht. Es ist eine unglaubliche Ehre, dass ich mit ihm auflegen und ihn als einen Freund bezeichnen kann.

Kürzlich verstarb DJ Roc Raida. Wie war sein Einfluss auf dich?
Er war ein grosser Einfluss, auch wenn er nicht viel älter ist als ich. Ich habe verfolgt, wie er nach oben kam und habe seine Scratches studiert. Wir lernten uns auch kennen, spielten Shows und wurden Freunde. Wir hingen zusammen ab und haben viel gelacht. Es schmerzt, dass er nicht mehr unter uns ist. Ich habe seinen Namen sogar auf meinem Arm tätowiert, als Teil einer Denkschrift für drei Freunde, die ich dieses Jahr verloren habe. Er war ein riesiger Einfluss und dies nicht nur für das DJ-Game, sondern für HipHop im Allgemeinen. Zudem einfach ein sehr guter Mensch. Du hast gesagt, dass dich Mixtapes nicht mehr interessieren, da alle DJs den selben Shit drauf haben. Hat sich an dieser Einstellung etwas geändert, seit du dieses Statement gemacht hast?
Nicht wirklich. Es ist eigentlich immer noch dasselbe, die meisten DJs machen nichts Innovatives. Manchmal wird auch eine Ansammlung von neuen Songs Mixtape genannt, obwohl es eigentlich ein Album ist. Ich bin cool damit, aber man sollte es nicht Mixtape nennen, eher „Unreleased Original Material“. Ich erwarte von den DJs etwas Innovatives, etwas, das ein Konzept hat.

Was denkst du über die Entwicklung, dass vor allem in den Clubs HipHop und elektronische Musik immer mehr zusammenwächst?
Zuerst war ich nicht sonderlich glücklich darüber, dabei geht es mir aber weniger um die Musik, es sind mehr zwei Styles die kollidieren. Vom Stil und von der Kultur her haben diese beiden Welten nichts miteinander zu tun. Diese Electro-Kids haben keine Ahnung, was wir tun. Wenn wir zu deren Events gehen, haben wir keine Ahnung, was sie machen. Wenn man diese Leute nun zusammen in einen Raum stellt, hat man eine Ansammlung von Leuten, die keine Ahnung haben, was vor sich geht im Club. Mit der Zeit werden vielleicht beide Seiten die andere Kultur besser kennenlernen. Von der Musik her finde ich einiges Müll und einige Sachen gut, so wie bei allen anderen Musikgenres. Zudem gibt es DJs, welche die guten Sachen auflegen und solche, die Trash auflegen. Das Problem ist, dass viele Leute, die in die Clubs gehen den Unterschied nicht kennen. Ich sehe das als meinen Job, den Leuten dies beizubringen.

Obwohl die Wake Up Show sehr erfolgreich ist, hast du gesagt, dass ihr immer am Kämpfen seit, da die Industriemenschen nicht verstehen, was ihr macht. Hat sich an dieser Situation etwas verändert?
Im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Jedes Mal, wenn du mich siehst wird es schlimmer sein, das kann ich dir garantieren. Ich will gar nicht mit der Station in Verbindung gebracht werden, auf welcher wir senden – ich will nicht Mal deren Namen erwähnen. Dieser Sender spielt keinen HipHop, sie leben HipHop nicht und sind wie ein Krebsgeschwür für HipHop. Am liebsten hätte ich gar nichts mehr mit ihnen zu tun, aber leider läuft die Show immer noch dort, also bleibt mir nichts anderes übrig und es bleibt ein Kampf.

Letzte Frage: Was macht DJing zum besten Job der Welt?
Das Geld und die Bitches. Nein im Ernst – es geht darum, für Leute aufzulegen, die gute Musik hören wollen. Natürlich macht das Reisen spass und ich kann mich auf eine Art ausdrücken, die einzigartig ist durch mein Können an den Turntables.

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