Matisyahu – „Mein kindliches Ich sagt mir: Alles ist möglich“

Int. Rap

Der chasidisch-jüdische Sänger, Toaster und Rapper Matisyahu ist ohne Zweifel ein Ausnahmetalent. Aufgewachsen in New York ging er in seiner Jugend durch eine Hippie-Phase, wurde stark von der Hip Hop Szene der 90er geprägt und fand schließlich in Israel zum jüdischen Glauben. Der 30-jährige Vater von zwei Kindern tourt seit Jahren durch die Welt und findet spätestens seit seiner Single „King Without A Crown“ weltweite Beachtung. Wir sprachen mit Matisyahu zu Beginn einer 2-monatigen Tour über sein neues Album „Light“, Rap – Einflüsse und den Koflikt zwischen Hoffnung und Realität.

Deine Tour zu dem neuen Album „Light“ hat begonnen und du bist 2 Monate non-stop unterwegs, ist das richtig? Wie schaffst du es, jeden Abend von neuem alles zu geben und woher schöpfst du die Kraft?
Ich habe die letzten 5 Jahre gebraucht, um einen Weg dafür zu finden. Das hat auch viel mit den Musikern zu tun, mit denen ich spiele. Sie sind sehr kreativ, sehr offen und bereit, die Musik jeden Abend neu zu erfinden. Wir spielen die Songs nicht jeden Abend gleich, das braucht viel Geduld, man muss einander zuhören können.

Ist es nicht auch körperlich sehr anstrengend, so viel zu performen?
Das ist merkwürdig bei mir – ich kann völlig erschlagen im Backstage rumhängen oder vor der Show sogar schlafen, sobald ich auf die Bühne komme, bin ich hellwach und voller Energie. Ich werde sozusagen von der Musik angeschaltet.

Wenn man sich Videoaufnahmen deiner Konzerte ansieht, fällt einem eine sehr positive Stimmung auf, das ist man von vielen Rapkonzerten nicht wirklich gewohnt. Viele Künstler sagen, dass es ihnen schwer fällt, nach einer Show wieder auf den Boden zu kommen. Kennst du das Problem?
Ja, das ist schon schwierig. Du kommst von der Bühne, bist völlig aufgeputscht und musst in einer Schlange am Flughafen stehen, wenn du eigentlich nur entspannen willst. Das führt bei mir zu Stimmungsschwankungen und solchen Sachen.
Man muss akzeptieren: Das Leben besteht aus Hochs und Tiefs, das ist bei der Musik nicht groß anders. Es sind genau die Leute, die versuchen, jeden Moment in ein Hoch zu verwandeln, die völlig ausgebrannt enden.

Ist es am Ende einer so langen Tour besonders schwierig, den Absprung zu schaffen?
Nein, man freut sich eigentlich auch auf die Ruhe. Man kann sich wieder der kreativen Phase widmen, das gefällt mir sehr. Klar muss ich dann auch wieder Windeln wechseln und so was aber: Auch das gehört zum Leben.

Du hast 2 Kinder, richtig? Ich habe gehört, dass deine Familie mit dir auf Tour geht, wenn ihr in den Staaten seid, ist es nicht kompliziert, den Familienvater mit der Rolle eines Künstlers auf der Bühne zu vereinbaren?
Auf jeden Fall, es ist verdammt schwierig, Kinder inmitten von all dem Trubel großzuziehen. Aber die Alternative dazu ist eben, sie überhaupt nicht zu sehen. Manchmal machen wir da einen Kompromiss und sie kommen nur, wenn wir uns wirklich vermissen.

Deine Kinder sind 4 und 3 Jahre alt. Realisieren sie, dass ihr Vater ein berühmter Künstler ist?
Das fängt gerade erst an, sie sehen einen Flyer oder ein Plakat und rufen „Hey, das bist ja du“ und so was.

Bist du besorgt darüber, wie sie das verarbeiten werden?
Nein, ich denke, es ist gut – es wird gut. Sie leben in einer ziemlich religiösen Gemeinschaft, erleben aber trotzdem die kreative Seite der Welt. Verschiedene Perspektiven sind das größte Geschenk, das du deinen Kindern machen kannst. Je mehr Perspektiven ein Mensch kennt, desto freier ist er in seinen eigenen Entscheidungen.

Deine Kinder wachsen also religiös auf, während deine Eltern sich für eine absolut sakuläre Erziehung entschieden haben. Wieso hast du dich für einen anderen Weg entschieden?
Ich habe mich einfach irgendwann dafür interessiert, was die jüdische Religion mit mir zu tun hat, wie das mit meiner Herkunft zusammenhängt. So habe ich meinen Weg gefunden und es ist ja nur normal, den Kindern weiterzugeben, woran man glaubt.

Gibt es für dich eine Verbindung zwischen Religion und Musik? Oder stellst du diese Verbindung erst her?
Religion heißt für mich, einen Weg zu wählen und zu versuchen, das Richtige zu tun. Musik bedeutet Ausdruck und Gefühl für mich. Ich füge der Musik religiöse Aspekte hinzu, da ich mein Leben beschreibe und dieses nun mal der Religion gewidmet ist.

Deine Biographie liest sich nicht sehr gradlinig, es scheint viele Zufälle zu geben, die dich dazu gebracht haben, jetzt als Matisyahu hier zu sitzen. Glaubst du an Schicksal?
Ja, ich glaube an eine Bestimmung. Ich denke aber nicht, dass mein Weg vorgeschrieben ist, sondern eher, dass es eine bestimmte Richtung gibt, die sich einfach richtig anfühlt – vielleicht findet Gott das dann auch richtig. Es ist paradox, denn einerseits geht das Judentum davon aus, dass Gott immer und überall involviert ist, er alles sieht und registriert. Andererseits hat man einen freien Willen und kann entscheiden, wie das eigene Leben verläuft. Aber an dieser Stelle gibt es wirklich keine rationale Erklärung.

In deiner neuen Single „One Day“ singst du über den Tag, an dem alle auf Erden Frieden finden. Glaubst du, dass dieser Tag jemals kommen wird?
Mein kindliches Ich sagt mir „Alles ist möglich“. Aber ich weiß andererseits auch, dass der Weltfrieden unter den jetzigen Umständen nicht möglich ist, rational gesehen. Es geht um Hoffnung in dem Song.

Was hat dich inspiriert, den Song zu schreiben?
Mein kindliches Ich. Dieser Platz, den man einfach braucht, um sich zurückziehen zu können, wenn einem alles zu viel wird. Ich wollte mit „One Day“ der Hoffnung ein Denkmal setzen und betonen, dass sie ihren Zweck erfüllt und niemals aufgegeben werden sollte.

Engagierst du dich denn politisch, um diesen „One Day“ herbeizuführen?
Um ehrlich zu sein, kaum. Aber ich denke, dass meine Musik und all die Energie, die ich in meine Projekte stecke, Menschen zusammenbringen. Menschen unterschiedlicher Herkunft, die meine CD hören oder auf einem Konzert sind. Das ist meiner Meinung nach viel sinnvoller, als sich an irgendwelche politischen Bewegungen zu klammern.

Du warst in deiner Jugend in Israel und hast dort deinen Glauben gefunden. Hast du dort auch schon gespielt? Bist du schon mal in Palästina aufgetreten?
Ich komme sogar gerade aus Israel und habe dort in Jerusalem zwei große Konzerte gespielt. In Palästina würde ich gerne auftreten, aber da macht mir die Realität einen Strich durch die Rechnung. Ich weiß zwar, dass es Araber gibt, die meine Musik hören und mögen, viele Menschen dort sind aber so voller Hass für die Juden, dass ich dort nicht hin kann.

Wenn man diesen Gedanken wiederum auf „One Day“ bezieht, findest du es nicht sehr schade, dass man noch nicht mal an jedem Ort der Erde spielen kann?
Ja, aber dafür gibt es zumindest das Internet.

Zurück zu deiner musikalischen Laufbahn. Als du anfingst zu rappen, was waren die Gruppen, die dich beeinflusst haben? War Hip Hop wichtig in deiner Entwicklung?
Ich bin in den 90ern aufgewachsen und Hip Hop infiltrierte damals einfach alles. Ich habe viel Sizzla, Damion Marley und Capleton gehört, aber auch Nas, vor allem die ersten zwei Alben, Wu-Tang Clan, Outkast und Goodie Mob.

Gibt es einen Rapper oder eine Rapperin, mit dem oder der du unbedingt mal zusammenarbeiten willst?
Ich würde sehr gerne mit Eminem oder Outkast aufnehmen. Ich habe auch schon ein paar Hip Hop Größen wie Jay-Z kennen gelernt, wir haben gerade etwas mit Akon gemacht. Mal sehen, was daraus noch wird.

Du beatboxt auch, fließt das in den Entstehungsprozess deiner Songs ein?
Oft schreibe ich Texte, während jemand anderes Gitarre spielt. Dann setze ich irgendwann ein und mache ein Beatbox, die wir dann aufnehmen und im Studio nachprogrammieren oder laden Musiker ein, um es nachzuspielen. Wenn wir live spielen, baue ich das auch ein und hole dann lokale MCs auf die Bühne, die mit mir freestylen. Das alles ist sehr kreativ und um einiges ruffer als die Platten. Live hört man den Einfluss von Hip Hop deutlicher durch, darauf lege ich auch großen Wert.

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