Xavier Naidoo – Ich habe den perfekten Beat geträumt!

Int. Rap

Xavier Naidoo ist einer dieser Künstler, der die deutschsprachige Musik die letzten zehn Jahre am nachhaltigsten geprägt hat. Seine Musik ist immer verbunden mit viel Inhalt und Botschaft. Mit „Alles kann besser werden“ hat er gleich ein Dreifach Album veröffentlicht, auf welchem er zum Teil sehr konkret zu politischen Themen Stellung nimmt. Wir haben den Mannheimer in Zürich anlässlich seines Konzertes im Hallenstadion zum Interview getroffen und mit ihm über den perfekten Beat und die Zukunft Mannheims gesprochen.

Dein vorletztes Album hiess „Alles für den Herrn“ und das jetzige heisst „Alles kann besser werden“. Bist du so der All in-Typ? Glaubst du das? Bist du so ein Gross-Denker?
Irgendwie finde ich das Wort geil. Man muss schon gross denken, sonst kommt gar nichts ins Rollen. Und zuerst auch mal aussprechen, was man will.

Ich habe gelesen, du hast über dein neues Album gesagt, es sei das, was man von dir kennt. Sonst hört man von Künstlern immer, dass ihr neues Album ganz was Neues und anders. Untertreibst du?
Ich glaube, die Leute können schon wieder erkennen, dass es von mir ist. Ich lege den Fokus sehr auf Beats. Das ist mir sehr wichtig. Ich versuche auch dem Beat entsprechend zu phrasieren. Auch habe ich mich nicht vom Hip Hop entfernt und versuche auch mit jungen Talenten was zu machen. Ein paar neue Produzenten sind dazugekommen, aber das heisst ja nicht, dass man das Genre gewechselt hat. Vielleicht eher erweitert, verfeinert und perfektioniert.

Wie seid ihr an das neue Album herangegangen, gab es da ein Konzept oder wie ist das gelaufen?
Nein wir hatten kein Konzept. Die Songs entstanden erst im Studio beim gemeinsamen Musik machen. Michael Herberger (Produzent) spielte was am Klavier in der Kabine und mir viel ein Text dazu ein oder ich hatte schon ein Beat im Kopf, den ich dazu programmierte. So führte eines zum anderen. Und bei den anderen holte ich mir halt Playbacks und habe dazu geschrieben. So habe ich jetzt gesammelt und gesammelt ohne mich jetzt auf ein Thema zu fokussieren.

Zu Michael: Das ist jetzt auch nicht dein erstes Xavier-Album, das du mitproduzierst. Entwickelt man da eine gesunde Routine oder ist man immer wieder neu geflasht?
Ja das ist mein drittes Album. Aber würde ich nicht mehr geflasht sein von dem was ich mache, dann müsste ich damit aufhören. Denn man würde es der Musik anhören. Man muss emotional so ergriffen sein von der Nummer, die man da gerade produziert, dass auch wirklich das Beste dabei herauskommt. Sonst ist es sinnlos. Das ist auch Live genau so. in diesem Fall war es für mich wirklich was Neues. Weil von den 11 Titeln die wir zusammen gemacht haben auf dem 3-fach Album, sind 8 Tracks erst in den letzten 3 – 4 Wochen entstanden. Die gab es vorher noch gar nicht. Also ich musste in den letzten 3 Wochen 8 Titel „from the scratch“ fertig machen. Das war jetzt auch mal was anderes (lacht). Wir hatten auch gar nicht so viel Zeit, da wir noch die Söhne-Platte, die vorher noch produziert werden musste, fertig machen mussten. Wir haben dann jeden Slot, der sich aufgetan hat, genutzt um noch ein paar Songs zu schreiben. Da mal 2 Stunden oder da mal eine halbe Stunde. Aber wir hatten vorher einfach nicht die Möglichkeit und Zeit dazu. Aber ich bin sehr froh, dass es trotzdem funktioniert hat. Und würde sich ein Song nicht gut anhören, dann wäre er sicher nicht auf der Platte.

Es kommt immer wieder das Statement: „Auf der Such nach dem geilsten Beat“. Was macht den geilsten Beat aus?
Man wird immer wieder überrascht woher der geilste Beat kommt. Florian, der Keyboarder der Söhne sieht zum Beispiel nicht wie der typische Beatbastler aus. Trotzdem kommt er immer Mal wieder mit einem sehr tiefen geilen Beat um die Ecke. Keine Ahnung wie er das macht.
Oder manchmal bekommst du ein Beat mit einem Sample, wo du niemals gedacht hast, dass da draus was entstehen kann.
Ich habe auch Mal den perfekten Beat geträumt. Ich war so geflasht im Studio in diesem Traum,ich bin ausgeflippt. Und dann wachst du auf und er ist weg. Aber ich denke, das ist für jeden individuell. Das wird wahrscheinlich was mit deinem Herzschlag zu tun haben und ist abhängig von deiner Tagesform und wo man gerade ist auf der Welt. Die Suche wird wahrscheinlich nie zu Ende sein, aber sie macht halt extrem viel Spass.

Wird Xavier Naidoo immer beatig bleiben? Es würde sich auch anbieten die Live-Instrumentierung weiter auszubauen. Oder ist das den Söhnen vorbehalten?
Nein ich würde nicht sagen, dass irgendwas irgendwem vorbehalten ist, wir halten uns da alle Türen offen. Du hast schon Recht. Aber dafür müsste ich auch anders arbeiten, weil ich fast nie ohne das Phrasieren arbeiten kann, ohne rhythmisch zu singen. Da müsste sich schon noch eine Tür öffnen. Das ist wahrscheinlich mein HipHop-Herz, das nie aufhört zu schlagen. (lacht)

Du hast dich immer wieder zu politischen, sozialen und auch Glaubens-Themen geäussert und wurdest deshalb auch oft darauf angesprochen. Gibt es Sachen, wo du denkst, dass du sie besser nicht oder anders gesagt hättest oder wo du jetzt auch andres darüber denkst?
Mittlerweile hat man als Künstler schon das Gefühl, dass es gar nicht viel bringt sich oder einen Song zu erklären. Es lässt sich auch vieles nicht so einfach erklären, weil es einfach nicht möglich ist in so kurzer Zeit. Man kann es auch oft gar nicht erklären, man muss es fühlen. Aber ich habe mittlerweile auch eine innere Ruhe darüber und dann geht man auch anders dran.
Manchmal wird in Rezensionen einfach ein Satz aus einem Song herausgenommen und gesagt er sie plump oder was weiss ich. Aber man kann nicht einfach ein Satz aus dem Zusammenhang reissen und von der Musik trennen. Ich würde diesen Satz auch nicht einfach so schreiben, aber mit der Musik passt das und bekommt Gefühl oder Leben oder Liebe.

Zweifelst du manchmal an dir, deiner Musik, deinem Glauben, an dem was du machst? Weil ja deine Musik immer sehr gehaltvoll und manchmal auch fordernd ist. Denkst du nicht manchmal, „Ach komm scheisse, hat eh keinen Sinn, ich mach nur noch Party-Mucke.“?
Wie gesagt ich habe immer noch das Kämpferherz. Aber natürlich habe ich manchmal auch schwache Momente. Man hat ein Unternehmen, man kann sich schlecht entscheiden und man kann falsch liegen. Natürlich hinterfragt man das. Auch seine Beziehungen zu Menschen und wie man agiert und all diese Dinge. Da gibt es immer Grund zu zweifeln. Aber das macht es gerade aus. Man darf nicht anhalten vor lauter Zweifel. In gewissen Dingen muss man halt Form und Fassung bewahren. Bei einem anderen Job wäre es vielleicht wichtiger, sich zu hinterfragen. Aber die Dinge die ich fordere, die fordere ich von mir selbst. Ich schreibe die Lieder in erster Linie für mich selber. Die Dinge muss man halt sich von der Seele reden, deshalb mach man ja Soul Musik. Und das bedingt halt, dass du die Hosen runter lässt und von dem singst, was dich bewegt, sonst kannst du es nicht mit voller Inbrunst singen.

Hat man in eurem Stadium noch Träume und Visionen? Etwas, dass ihr erreichen möchtet? Vielleicht mit der Musik oder auch etwas, dass über die Musik hinaus geht? Ich meine, ihr spielt vor Tausenden von Leuten, euer Album geht ab. Es ist ja heute nicht mehr selbstverständlich, dass man mit solcher Musik Massen reissen kann. Was geht noch mehr?
Ich glaube, dass es erst dann richtig aufgehen wird, was wir machen, auch für uns, wenn Deutschland wieder einen Halt bekommen hat. Deutschland ist ja völlig haltlos in vielerlei Dingen. Die Leute haben keinen Glauben und auch nicht so ein starkes Wir-Gefühl.

Deine Vision ist also eine Vision für dein Land?
Ja oder für Europa. Deutschland ist halt ein starker Teil von Europa und wenn Deutschland faul wird, dann kann Europa nicht gelingen. Für mich ist einfach wichtig zu wissen, wir haben unser Bestes gegeben. Und wir müssen uns nicht einmal von unseren Enkeln sagen lassen, wir hätten nichts gemacht oder es nicht kommen sehen. Das will ich nicht erleben. Oder ich will nicht mal denken, scheisse, das wäre dein Thema gewesen, das hättest du aussprechen müssen. Das versuchen wir umzusetzen. Und wenn man sieht wie Dinge wegbrechen und die Menschen sehen, dass sie sich auf die Leute, die sie gewählt haben, gar nicht verlassen können und sie auch die Religion verraten hat, dann brauchen die Leute etwas, dass ihnen Halt gibt. Und wenn ein Teil davon unsere Musik ist und der andere Teil die Einstellung der Generation von der wir kommen, dann hat man etwas, dass einem Hilft nicht gleich den Boden unter den Füssen zu verlieren. Man hat eine gemeinsame Sprache, die wir wieder entdecken müssen. Und da führen uns die Lieder hin. Die Lieder sind ja eigentlich die Ideale, denen wir auch zu entsprechen versuchen.

Letzte Frage: Wie sieht Mannheim aus in 20 Jahren?
Ich hoffe, dass wir eine wichtige Rolle in der Stadt übernehmen. Nicht weil wir das müssen oder aus unseren Egos heraus wollen, sondern weil Mannheim noch was reissen könnte, wenn wir es in die richtigen Bahnen lenken. Dann könnte es auch ein Modell für ganz Deutschland oder die Schweiz sein.

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