Sido – Gott hat kein Problem, hab ich mich zuerst um mich gekümmert!

DE-Rap

Anlässlich seines aktuellen Albums „Aggro Berlin“ traf Aightgenossen.ch den deutschen Rapstar zum Interview. Es gab viele interessante Themen zu besprechen: Die Schliessung seines Labels und Titelgebers Aggro Berlin. Und da war ja noch die Figur sido, die sich wieder enorm gewandelt hat. Genug Gesprächsstoff!

Ich habe gelesen, du willst in den Himmel kommen. Wie willst du das anstellen?
Ja das stimmt, ich will in den Himmel kommen. Das ist ein grosses Anliegen von mir.

Ist da auch ein Wandel deiner Persönlichkeit mit Schuld daran, der dir ja nachgesagt wird; mit Brille, Bart, längerem Haar und ohne Maske?
Also dass ich in den Himmel kommen will, war schon immer mein Anspruch. Ich hatte einfach lange Zeit die Befürchtung, dass ich es nicht schaffe

Und was machst du jetzt dafür, dass du es trotzdem schaffen kannst?
Mittlerweile versuche ich auch mich um mein Umfeld zu kümmern. Und ich glaube auch, dass Gott kein Problem damit hat, dass ich mich zuerst um mich selbst gekümmert habe. Das Verständnis hat er glaub ich für jeden Menschen. Aber jetzt wo ich’s geschafft habe, muss ich mich wirklich um die Leute in meinem Umfeld kümmern, denen es nicht so gut geht.

Und wie machst du das konkret?
Ja meiner Familie geht es gut durch mich und meinem Sohn geht es gut durch mich. Ausserdem versuche ich meinen Freunden Jobs zu verschaffen. Also wenn es irgend etwas an mir zu verdienen gibt, dass auch sie auch davon profitieren können. Ich versuche sie in jeder Hinsicht zu unterstützen.

Spiegelt sich das auch in deiner Musik wieder? Dass du andere Themen ansprichst? Wie hat das dein Album beeinflusst?
Meine Musik ist immer von meinem Ich und meinem Tun beeinflusst, weil ich auch den Anspruch habe, dass meine Musik sehr authentisch ist. Also wenn ich mich entwickle, dann muss meine Musik sich mit mir entwickeln. Ich hoffe, dass man das auch irgendwie heraushört, wie ich mich gerade fühle und was ich gerade denke.

Ich habe gelesen, du hast dich wieder viel mehr auf deinen Flow konzentriert hast und dass du das letzte Album definitiv zu poppig gefunden hast. Wie kam es soweit? Und was hast du jetzt geändert, dass es wieder für dich stimmt?
Mein letztes Album habe ich nicht bewusst poppig gemacht, es ist einfach so raus gekommen, weil ich es in dem Moment so gefühlt habe und so wollte. Aber mittlerweile gefällt es mir nicht mehr. Aber das ist normal. Mir gefallen alle meine alten Alben nicht mehr. Ich habe immer am alten Album was auszusetzen, was aber zugleich auch eine grosse Motivation ist ein neues zu machen. Es wird einfach immer anders; meiner Meinung nach auch immer besser. Ich habe auch künstlerisch grosse Ansprüche an mich. Ich will mich immer weiterentwickeln und nie stehen bleiben.

Kannst du dich au Kunst konzentrieren bei der Kunstfigur Sido, die vielem gerecht werden muss?
Ob Sido jemandem gerecht werden muss, darüber mache ich mir gar keinen Kopf. Ich muss nicht jemandem nach der Nase reden. Ich versuche einfach immer Spass zu haben, an dem was ich mache und ich hoffe, das kriegt man auch mit.

Im Juice-Interview hast du gesagt, man muss auch manchmal Dinge tun, die man nicht gerne macht, um viele Alben zu verkaufen. Kannst du dir trotzdem den Spass an der Sache bewahren?
Was ich zum Beispiel nicht so gerne mache sind Fotoshootings, Interviews und alles was so mit Promo zu tun hat. Zum Glück muss ich heute nicht in eine Fernsehsendung gehen, auf die ich keinen Bock habe. Früher habe ich das noch mehr gemacht, einfach weil ich dachte, ich brauche die Promo. Heute ist das zum Glück anders. Aber wie gesagt, ohne dir nahetreten zu wollen, ich finde Shootings und Interviews geben die anstrengendsten Teile meines Jobs. Aber sie sind halt nötig um Platten zu verkaufen und dem Vorschuss den ich gekriegt habe gerecht zu werden.

Du sagst, es ist nicht mehr nötig. Musstest du nicht mehr kämpfen um die Verkäufe? Oder musst du immer mehr kämpfen?
Man muss natürlich kämpfen um Verkäufe. Universal wird das jetzt nicht gerne hören, aber mir es mittlerweile gar nicht mehr so wichtig wie viel ich verkaufe. Mittlerweile geht’s mir nur noch darum, dass ich ein gutes Album mache und die Leute es als gute Musik verstehen, egal ob sie es dann mögen oder nicht. Aber dass sie es als gute Musik ernst nehmen, das ist mir wichtig. Wie viel ich dann verkaufe am Ende kann mir mittlerweile wirklich egal sein.

Was bezeichnest du als gute Musik?
Gute Musik ist ein guter Song. Ein Lied, das einen guten Beat hat und von A bis Z durchkoordiniert ist; also Spannungskurve, erste, zweite, dritte Strophe, vielleicht noch ein C-Part, die Hook muss gut sein und was du sagst, muss komprimiert sein. Ich finde nicht einmal, dass ein guter Song eingängig sein muss. Für mich ist auch der Inhalt sehr wichtig, da liegt für mich das Hauptaugenmerk. Ein guter Text macht eigentlich den Song.

Hast du dir das Recht eingeholt das Album „Aggro Berlin“ zu nennen oder hast du es dir einfach genommen?
Ich hab’s mir einfach genommen.

Und hast du schon ein Feedback gekriegt von genau den Jungs?
Ja sie haben sich gemeldet und wir waren ein Zeit lang nicht sicher ob wir es so nennen dürfen. Aber das wurde geklärt.

Wie gehst du um mit den Aggro-Jungs? Ich könnte mir vorstellen, dass da eine innere Zerrissenheit vorhanden ist. Einerseits haben sie dich von der Strasse geholt und zu dem gemacht was du bist, auf der anderen Seite haben sie dich auch genau ausgenutzt oder vorangestellt für ihre Interessen. Du warst halt Number One, der alles tun musste was sie sagten. Wie ist das für dich so rückblickend?
Ich sehe das tatsächlich genau so 50 zu 50, darum kann ich dir sagen wie ich es finde. Ich bin noch nicht so weit, dass ich das so sehr verarbeitet habe; auch mit dem Album noch nicht. Ich habe mir zwar viel von de Seele geschrieben, aber noch nicht alles verarbeitet. Ich sehe das wirklich mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Es war eine krasse Zeit, die wir erlebt haben. Wir haben Dinge erreicht, die hat ein Independent-Label noch nie erreicht hat. Wir wurden zu einer Institution, zu einer Marke, das war schon krass. Aber die Art und Weise wie’s geendet hat war nicht so schön.
Deshalb auch das lachende Auge. Ich werde bei Universal super behandelt und habe alle Freiheiten, die man sich wünschen kann als Künstler. Auf der anderen Seite bin ich traurig, dass die gute Zeit mit Aggro zu Ende ist. Das waren 8 Jahre, das geht nicht spurlos an einem vorbei.

Im Album erwähnst du Leute wie Kollegah, Detlef D. Soost, aber auch Stefanie Heinzmann. Wie kommt das?
Über die Leute, die ich erwähne, habe ich in der Zeit, in der ich die Texte schrieb, viel nachgedacht.
Stefanie Heinzmann kenne ich persönlich.

Die hat sich ja eine Textzeile von dir tätowiert.
In meiner Handschrift sogar.

Da muss ja einmal ein Song kommen!
Der kommt ganz bestimmt.

Und findest du nicht dem Soost darf man gar keine Plattform mehr bieten?
Ja, doch doch. Ich musste mir die Sache einfach von der Seele reden, so bin ich nun mal. Detlef D. Soost hat fast ein halbes Jahr lang zu meinem Leben gehört, das ganze Popstars Ding war schon intensiv.

Sind für dich jetzt auch die ganzen Casting-Sendungen, wie Popstars oder DSDS entmystifiziert?
Ja ich halte DSDS schon für das bessere Konzept, bei Popstars geht es mehr um die Gefühle.

Aber hat dir das Doreen nicht schon im vornherein sagen können?
Nein, die wusste das nicht. Die kannte das nur von der anderen Seite.

Das heisst, man bekommt das als Teilnehmer gar nicht mit?
Also in meiner Staffel kamen viele Mädchen, die genau wusste, was sie tun und das geplant und gespielt hatten.
Aber bei Doreens Staffel glaubten die noch wirklich, dass das alles genau so ist und sie Popstars werden. Die Popstars-Leute geben sich auch alle Mühe dieses Bild aufrechtzuerhalten.

Du hast auf deinem neuen Album ein Featuring mit Samy Deluxe, was viele erstaunen mag, und so viel ich weiss 3 Jahre dafür gekämpft.
Nein, sogar seit 3 Alben.

Das ist ja noch länger. Was fasziniert dich so an Samy? Warum musste er drauf und nicht Savas?
Savas habe ich auch gefragt, den hätte ich auch gern drauf gehabt. Am liebsten hätte ich beide auf einem Song gehabt. Das wäre schön gewesen.
Ich halte sowohl Samy als auch Savas für sehr versierte Rapper. Samy, Savas und ich sind die drei besten Rapper die Deutschland zu bieten hat.

Bist du dann so de Connnector, der findet, komm lass uns was zusammen machen? Das würde man eigentlich gar nicht von dir erwarten. Vielleicht eher von Samy.
Ja doch, ich denke man kann es am ehesten von mir erwarten, da ich doch lockerer bin als die anderen. Die beiden sind doch schon sehr eingefahren in ihrem Denken. Ich sehe das alles ein wenig lockerer und denke nicht nur in der HipHop Kategorie, sondern bin offener.

Wie hast du ihn schlussendlich überzeugt, dass er mitmacht?
Er war ja nie abgeneigt. Er hat nie nein gesagt. Er hätte auch schon vor drei Alben dabei sein können, nur hat da es zeitlich nicht geklappt. Beim Album danach hat ihm der Beat irgendwie nicht gefallen und dann hat ihm die nächste Idee nicht gefallen. Es hat einfach gedauert bis wir auf einen Nenner kamen. Und auch bei diesem Album war es zuerst schwierig und sah so aus, dass ich es nicht schaffe. Es war ein hin und her. Ich habe ihm Beats geschickt, doch er konnte gar keine Emails abrufen, weil er kein Internet hatte. Dann mietete ich ein Studio in Hamburg, weil ich noch ein paar Songs machen wollte, ich hatte noch ein paar Ideen. Dann dachte ich mir, ich hol den Samy einfach. Der wohnt ja in Hamburg. Und wenn ich schon in seiner Stadt im Studio bin, kann er gar nicht nein sagen. Dann ist er wirklich gekommen und hat gar nicht lange rumdiskutiert.

Er habe ja den Song nicht aufgeschrieben. Warum macht er das?
Ich glaube der Typ steht einfach schon drüber, der weiss einfach genau, was er da macht und muss es nicht aufschreiben. Er hat alles im Kopf und könnte es in einem Take durchziehen. Er war auch im Studio auch sehr konzentriert und fokussiert, man konnte ihn eigentlich gar nicht ansprechen. Wenn du 5 Stunden nur an eine Sache denkst, dann musst du’s vielleicht wirklich nicht aufschreiben. Ich könnte nicht so konzentriert sein. Auch wenn ich Texte schreibe, sitze ich vor meinem Laptop und zum Glück habe ich es mir aufgeschrieben. Da kommt jemand rein und schon habe ich den Satz vergessen.

Du hast gesagt, du hast manchmal Zweifel, ob es der richtige Weg war. Aber wenn ich dich so höre, habe ich das Gefühl, dass du voll am richtigen Ort bist, mit Rappen, in der Musikszene. Trotzdem kommen manchmal Zweifel, das verstehe ich nicht.
Da es jetzt an Sachen hapert, die früher einfach da waren, wie Freundschaft, Zusammenhalt und Privatsphäre. Ich habe das damals nicht so wichtig eingestuft für mein Leben. Das Geld und einfach dieses kein Hunger mehr haben war mir wichtiger. Aber mittlerweile merke ich doch, dass es doch wichtiger ist Privatsphäre zu haben, mal in den Club gehen zu können. Ich gehe nicht in den Club, weil ich wirklich nicht gern in der Öffentlichkeit stehe. Ich steh nicht so auf dieses Schulter klopfen. Wenn ich also nicht angequatscht werden will von den Leuten, muss ich in so eine komische VIP-Ecke im Club, kann dann da eh nicht raus und alle gaffen dich an und wollen Autogramme. Das ist doch keine Party mehr.

Aber schlussendlich überwiegt dann doch das Positive bei dem was du machst. Oder könntest du dir vorstellen, dass du dich in drei Jahren abmeldest, mit deine Freundin nach Island ziehst und eine Familie gründest?
Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen irgendwann wegzuziehen. Und ich will auch irgendwann nicht mehr selber Rap machen. Aber das Ding ist, ich kann nichts anderes als Musik. Deshalb wird es mich immer wieder dahin zurück ziehen. Ich glaube, ich könnte gar nicht leben ohne Musik zu machen. Aber ich möchte nicht mit 35 Jahren noch rappen.

Ich glaube das ist das Grundproblem von Rap. Das Älterwerden und wie sich der Künstler entwickelt. Man will sich künstlerisch weiterentwickeln, weiss aber nicht wohin. Hast du da für dich eine Lösung gefunden?
Ja ich hab’ ne Lösung

Kannst du singen?
Nein. Aber ich weiss was ich tun werde um wieder Spass an der Sache zu haben. Ich werde eine kleine Punk-Band gründen, da musst du ja nicht wirklich singen können. Aber soll schon harmonisch sein, ich nenne das Surfer-Punk, also man soll schon mitgehen können. Aber es soll klein sein und niemand soll wissen, dass ich das bin. Wenn mich jemand fragt, ob ich was damit zu tun habe, werde ich das verneinen. Das wird eine eigenständige Band und wir würden nur in kleinen Clubs spielen, wo nur wenige Leute kommen, da uns ja keiner kennt. So eine kleine geheime Band. Ich glaube das würde mir wieder sehr viel Spass machen.

Ich spüre immer in deine Interviews, dass du dankbar bist, dass du nicht mehr da bist, wo warst, aber irgendwann trägt das ja auch nicht mehr. Irgendwann muss es ja weitergehen, als dankbar zu sein, dass man jetzt Geld hat.
Ja wenn die Leute mich fragen, was ich mir zu Weihnachten wünsche, dann habe ich keine Antwort, weil ich habe schon alles. Ich sage dann immer, und zwar nicht als Floskel, sondern ernst gemeint, ich wünsche mir, dass du gesund bist und es dir gut geht.
Mir geht es jetzt wirklich darum auch andere zu unterstützen. Ich kenne viele, denen es nicht so gut geht und ihnen möchte ich helfen. Dass es wirklich meinen Nächsten gut geht. Und das sind schon ganz schön viele.

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