Blumentopf – Es wird keiner behaupten können, es sei kein HipHop-Album!

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Blumentopf müssen seit Jahren als Zielscheibe herhalten, wenn sogenannter Blümchen- oder Studentenrap ins Visier gerät. Doch die fünf Münchner können dies gelassen nehmen: In ihrer über zehnjährigen Karriere konnten sie sich eine mehr als solide Fanbase erspielen und soeben unterschrieben sie einen neuen Deal bei EMI. Nachdem die letzten drei Jahre seit „Musikmaschine“ vor allem im Zeichen von Soloprojekten standen, soll 2010 das sechste Album vom Topf erscheinen. Wir trafen Roger und Sepalot zum Gespräch vor dem Stopp ihrer Freestyle Tour in der Rampe Bubikon, wo sie erneut bewiesen, dass ihnen in Sachen Live-Shows im deutschsprachigen Raum nicht so schnell jemand das Wasser reichen kann.

Mit der aktuellen Freestyle Tour geht ihr zurück zur Essenz. Wie kam es zur Idee, vor dem neuen Album noch diese Tour zu absolvieren?
Sepalot: Wir wollten schon länger eine solche Freestyle Tour machen und auch wieder Mal in kleineren Clubs spielen. Wir haben sehr viele Festivals gespielt und unsere Touren waren immer ein riesiger Tross mit LKW, Nightliner, Musikern und Technikern. Es war der perfekte Zeitpunkt, dies zwischen zwei Alben umzusetzen. Es passt auch sehr gut in das Konzept der neuen Platte, da diese sehr von diesem Vibe geprägt sein wird, den wir auf die Bühne bringen.

Passiert es euch MCs manchmal, dass ihr auf der Bühne Raps kickt, die ihr am liebsten aufschreiben und für einen Text verwenden würdet?
Roger: Es sind schon ein bisschen zwei Welten. Beim Freestylen sucht man immer nach Reimen, die irgendwie im Zusammenhang stehen mit der Stadt, in der man gerade spielt. Aber es gibt schon Ideen oder Hooks, die wir danach von uns selber klauen werden. Das haben wir aber schon immer so gemacht.

Die letzten Jahre standen vorwiegend im Zeichen der Soloprojekte. Wie seit ihr zufrieden mit der Resonanz?
Roger: Ich habe heute schon wieder eine CD verkauft (lacht). Es ist klar, dass man das Soloprojekt nicht mit Blumentopf vergleichen kann. Ich hatte mir davor keine Gedanken gemacht und dafür ist es eigentlich ganz gut gelaufen, auch weil ich von coolen Leuten unterstützt wurde. Es ist aber nichts, wovon ich jetzt leben könnte. Das Beste daran ist sicherlich, dass ich es genau so gemacht habe, wie ich es machen wollte. Bei Blumentopf überlegen sich die Leute immer, wird es jetzt wie das dritte, zweite oder fünfte Album klingen. Bei einem Soloalbum fängt man fast wieder bei Null an, das ist schon ein gutes Gefühl, dass man nach so vielen Jahren wieder etwas Neues beginnen kann. Natürlich weiss jeder, dass das der Rapper vom Blumentopf ist, trotzdem hat man das Gefühl, dass man etwas Neues auf den Weg bringen konnte.
Sepalot: Für mich war es auch eine super Erfahrung. Der Schritt heraus aus der Gruppe war für mich natürlich viel einfacher, da ich nicht eine der Stimmen bin, sondern der DJ und vor allem Produzent. Das bietet die Möglichkeit, einen viel grösseren Schritt zu machen. Der Aktionsradius wurde viel grösser, da ich durch meine Label Compost einen weltweiten Vertrieb hatte. Ich erhielt von überall her Feedback auf das Album und auch sonst sind ganz lustige Dinge geschehen. So hat sich z.B. ein französischer Kinofilm einen der Songs als Titelmelodie gepickt, oder eine US-Fernsehserie hat den Trailer auf einen meiner Albumtracks geschnitten. Es ist schon toll zu sehen, wenn die Musik plötzlich so weite Kreise zieht. Das war auch etwas, was mich sehr daran gereizt hat und jetzt auch der grosse Erfolg für mich ist. Es geht nicht um die Verkaufszahlen, sondern darum, ganz andere Leute zu erreichen und in anderen Ländern präsent zu sein.

Hat sich dadurch noch mehr ergeben im internationalen Kontext?
Sepalot: Wie gesagt wurden einige Songs gepickt und ich konnte auch in Litauen oder in Moskau auflegen. Es ist nicht so, dass ich jetzt auf Welttournee gehen kann, aber es ist schon cool, eine solche Beachtung zu kriegen.

Wie schwierig war es, nach den Soloprojekten, die in unterschiedliche Richtungen gingen, wieder als Band zusammenzufinden?
Roger: Die Band war im Grunde genommen nie auseinander. Es ist natürlich etwas anderes, wieder in der Band zu arbeiten, aber wir machen das ja nicht aus Zwang, sondern weil wir wieder Bock darauf haben. Es war auch jedem klar, dass nach den Solosachen wieder ein neues Blumentopf Album gibt. Die Zeit für die Soloprojekte war auch deshalb gut gewählt, weil Holunder zu dieser Zeit mit seiner Doktorarbeit beschäftigt war. Es ist schon geil, wieder mit der Band unterwegs zu sein. Jeder haut seine Ideen auf den Tisch, zu Beginn weisst du nicht, ob es auch wirklich klappt und ehe man sich versieht, ist man mittendrin und der Abgabetermin rückt näher. Man merkt fast nicht, wie das ganze von alleine wieder richtig ins Rollen gerät.
Sepalot: Wir arbeiten ja bereits seit Anfang des Jahres an der Platte und es ist sehr spannend zu beobachten, wie man durch verschiedene Phasen geht. Wenn wir damit beginnen, eine neue Platte aufzunehmen, probieren wir in alle Richtungen aus. Irgendwann kommen wir dann immer an einen Punkt, wo sich der Weg ganz deutlich herauskristallisiert. Da sich alle mit ihren Soloprojekten beschäftigt haben, fühlt es sich noch harmonischer an. Wir können nun sagen, dass dies unser Bandsound und das, was mir am allerbesten können, ist. Diese Karten spielen wir nun aus.

Könnt ihr denn schon etwas verraten darüber, welche Richtung sich herauskristallisiert hat?
Roger: Ich würde sagen, es geht in viele verschiedene Richtungen. Es wird auf jeden Fall ein HipHop-Album. Es wird keiner behaupten können, es sei keins.
Sepalot: Wir machen nicht plötzlich Singer/Songwriter Musik und es ist auch kein Electro auf der Platte. Das steht zu diesem Zeitpunkt der Produktion schon Mal fest. Roger: Aber wir machen auch keinen 90er Soulloop verliebten HipHop und sagen, das früher alles besser war.

Das habe ich alles auch nicht unbedingt vermutet. Bei der letzten Platte habt ihr ja sehr viele Instrumente selber eingespielt. Habt ihr diesen Weg weiterverfolgt?
Roger: Nein, das neue Album ist sehr viel samplelastiger als „Musikmaschine“. Es werden zwar schon einige Instrumente eingespielt werden, aber dafür holen wir uns Leute von unserer Band oder sonst jemanden, der es wirklich gut kann. Es gibt schon Kleinigkeiten wie gewisse Synthies, die wir selber einspielen, aber wenn wir etwas wirklich Geiles wollen, holen wir uns auch einen richtigen Profi. Jeder versucht wieder das zu machen, was er am Besten kann: Sepalot macht wieder einen Grossteil der Produktion, wir konzentrieren uns vor allem auf die Raps. Ich kann mich hinsetzen und auf 30 Spuren eine Gitarre einspielen, aber der Gitarrist unserer Band spielt das halt auf einer Spur viel geiler. Das letzte Album war für uns ein Lernprozess und daraus hat sich diese Herangehensweise entwickelt.

Ihr habt bei EMI einen neuen Deal unterschrieben. In letzter Zeit hat sich ja gezeigt, dass viele Independent-Labels nicht überlebensfähig sind. War dies mitunter ein Grund, dass ihr bei einem Major bleibt?
Sepalot: Bei einem Major bleiben ist richtig formuliert, denn Four Music ist ja eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Sony. Für uns hat es sich gut angefühlt, einen Wechsel zu vollziehen. Wir waren sehr lange bei Four Music, sie haben uns aufgebaut und wir haben mit Ausnahme der allerersten alle Platten bei ihnen rausgebracht. Sie haben uns sehr lange begleitet und das war supercool, aber irgendwann kamen wir an den Punkt, wo wir noch etwas anderes ausprobieren wollten mit einem neuen Team. Das fühlt sich sehr gut an.

Man sieht euch viel auf den Bühnen in der Schweiz und zukünftig wird man euch auch noch regelmässig hören können, da ihr einmal monatlich bei Radio Virus eine Show habt. Was dürfen wir erwarten?
Sepalot: Wir machen diese Radiosendung schon seit gut eineinhalb Jahren ein Mal pro Monat für zwei Stunden auf on3. Die Show wird direkt aus unserem Studio gesendet. Im Prinzip treffen wir uns und spielen uns die Sachen vor, die wir im vergangenen Monat so gehört haben. Dazu moderieren wir ziemlich konzeptlos, dafür mit sehr viel Herz. Es gibt kein striktes Konzept. Für den Hörer fühlt es sich eher so an, als ob er mit uns im Studio sitzen und Musik hören würde.

Passt ihr die Show nun ein wenig an und spielt vielleicht auch einige Schweizer Tracks?
Roger: Wir spielen ja nicht nur deutsche Songs, wenn die Show in Deutschland läuft. Wir spielen, was uns gefällt – das ist auch das einzige Konzept der Sendung. Wir haben völlig freie Hand und können erzählen und spielen, was uns passt.
Sepalot: Es ist wirklich alles dabei. Es können Deutschrapsongs sein, Soullieder oder auch Mal ein Electro-Song. Es ist eine Musiksendung von und für Musikliebhaber.

Gibt’s zum Schluss noch etwas anzukünden für unsere Leser in der Schweiz? Roger: Ich wollte Bescheid sagen, dass am 24. Weihnachten ist, das sollte man sich schon Mal in den Kalender eintragen. Ansonsten kommt nächstes Jahr die Blumentopf Platte. Haltet die Ohren steif – Keep it Real hätte man früher noch gesagt.
Sepalot: Unser nächster Termin in der Schweiz ist im März in Arosa, wo wir wieder eine unserer legendären Kitchen Club Shows spielen werden. Irgendwann kommt dann unsere Platte raus und danach werden viele Festivals gespielt, sicherlich auch einige in der Schweiz.

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