DJ JS-1 – No One Cares

Int. Rap

Obwohl DJ JS-1 mehr als die Hälfte des Jahres irgendwo auf der Welt die Scheiben rotieren lässt, oder Rahzel bei seinen Auftritten unterstützt, findet der New Yorker stets die Zeit für andere Projekte. Vergangenes Jahr veröffentlichte er mit „Ground Original 2: No Sell Out“ ein Album, dass wohl jeden Fan von klassischem Boom Bap zu Freudensprüngen animiert hat. Sein nächster Streich „No One Cares“ ist bereits in den Startlöchern und wird wie gewohnt eine beeindruckende Guestlist auffahren. Nebenher veröffentlicht das Mitglied der legendären Rock Steady Crew auch noch Battle-Breaks und Mixtapes und ist ein angesehener Graffiti-Writer. Nicht zuletzt ist er ein überaus angenehmer Gesprächspartner, der das Rap-Game und seine Rolle in diesem Spiel äusserst realistisch einzuschätzen weiss.

Möchtest du den Titel deines letzten Albums „Ground Original 2: No Sell Out“ auch als ein Statement zum Stand von HipHop verstanden wissen?
Zu der Zeit, als ich mit HipHop in Berührung kam, war „No Sell Out“ eine populäre Redewendung. Wenn du die Musik nur wegen des Geldes gemacht hast, komische Klamotten anhattest und rumgetanzt bist, warst du Sell Out. Heutzutage sind wir an einem Punkt, wo sich alle Künstler so benehmen, weil die Labels nichts anderes mehr unter Vertrag nehmen. Früher wurden Gruppen mit Inhalt, wie Gang Starr oder Brand Nubian, von Majorlabels promotet. Mittlerweilen will dich das Label nur noch, wenn du versuchst die letzte Hit-Single zu kopieren. Wenn du etwas nur machst wegen den Verkaufszahlen und nicht, weil du etwas Gutes erschaffen und die HipHop-Kultur unterstützen willst, dann ist das Sell Out. Ich mache guten, traditionellen HipHop, in der Tradition von Leuten wie DJ Premier, Pete Rock, Large Professor oder Diamond D, mit deren Musik ich aufgewachsen bin. Ich versuche diesen Vibe am Leben zu erhalten, auch wenn ich auf andere Weise mehr Geld verdienen könnte, wenn ich zum Beispiel für Lil Wayne produzieren würde. Aber ich verkaufe meinen Arsch nicht.


Deine Definition von Sell Out ist also, wenn man etwas nur des Geldes wegen macht. Du hast ja aber auch schon mit MTV gearbeitet und Rahzel ist in einem Pepsi Werbespot zu sehen.

Das ist schon richtig, es geht aber darum, wie wir es machen. Als ich mit MTV arbeitete, wollten sie mir vorschreiben, welche Klamotten ich zu tragen habe, was ich aber sofort ablehnte. Schlussendlich spielte ich am Silvester am Times Square und habe Public Enemy aufgelegt. Wenn ich mein Ding durchziehen kann und MTV sendet es, ist das cool. Schliesslich habe ich nicht Christina Aguilera aufgelegt und dazu getanzt. Dasselbe bei der Pepsi Werbung: Klar wurde Rahzel dafür bezahlt, aber schau dir den Clip an. Man sieht DJ Roc Raida, einer der besten DJ’s aller Zeiten und Rahzel, der sein Ding macht. Wenn sie von ihm verlangt hätten, dass er einen glitzernden Anzug trägt und einen Dancesong singt, hätte er es wohl auch nicht gemacht. Ich bin nicht dagegen, an grösseren kommerziellen Aktionen teilzunehmen und dadurch viele Leute zu erreichen, aber es geht darum, dass ich mich selber bleiben kann.

In den Liner Notes deines Albums schreibst du, dass du deine Beats öfters älter klingen lässt, als sie eigentlich sind. Was stört dich an den aktuellen Produktionen?
Erstmals mag ich Samples. Wenn man das Radio einschaltet, hört man nur selten Samples, oder dann nur sehr bekannte, wie wenn Kanye Curtis Mayfield verwendet und dafür eine Menge Geld hinblättert. Ich bin nicht mit diesen Keyboard-Club-Beats aufgewachsen und mag auch nur einige davon. Das ist nicht, was ich machen will. Wenn ich mit Künstlern arbeite, wollen sie immer den besten Beat und wenn ich ihnen dann einige vorspiele, picken sie denjenigen, der sich am ehesten wie die letzte Jay-Z Single anhört. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie ich Musik machen will. Wenn ich Large Professor auf meiner Platte haben kann, soll es sich anhören, wie ein Song, den Large Pro 1992 aufgenommen hat. Dann verwende ich einen alten Drumloop, den auch Large Pro heute verwenden würde. Ich muss nicht einen Beat machen, der Jay-Z gefallen würde – diese Fanbase will ich nicht erreichen. Wenn du Sadat X magst, bist du ein Fan von einer gewissen Ära und dann willst du Brand Nubian nicht auf einem Pharrell Beat hören. Ich mache einfach die Musik, die ich mag für Leute, denen derselbe Sound gefällt. Damit werde ich zwar nie so viel verkaufen, dafür haben wir Musik die neu ist, sich aber anhört wie die Ära, in der wir aufgewachsen sind. Wenn ich in einer Rockband wäre, würden sich meine Songs auch nach Led Zeppelin oder Black Sabbath anhören und nicht wie Nickelback oder die Jonas Brothers.

Wenn wir von den Beats sprechen: Früher hast du zumeist gemeinsam mit Dub-L produziert, auf der neuen Scheibe sind nun alle Beats von dir.
Unterdessen produziere ich hauptsächlich alleine. Dub-L hat einige kommerzielle Platten gemacht und geht einen anderen Weg, aber es ist alles cool. Es bieten sich ihm so mehr Möglichkeiten, Geld zu verdienen, denn es ist sehr hart, in diesem Bereich Cash zu machen. Ich verdiene mein Geld auf Tour. Er hingegen ist ein Studio-Dude und verdient nur vernünftig, wenn er grosse Songs produzieren kann. Da ich konstant auf Tour bin, ist es mir ziemlich egal, wie viele Male sich meine Platten verkaufen. Natürlich sähe ich es gerne, wenn viele Leute sich das Album holen, damit mehr Leute die Musik zu hören bekommen.

Die CD ist eigentlich wie ein Flyer.
Leute wie du und ich sollen wissen, dass es immer noch solche Musik gibt. Viele Leute beklagen sich, dass es keine gute Musik mehr gibt. Das stimmt überhaupt nicht, es gibt wahnsinnig viele Bands, die ich liebe – man muss einfach nur nach ihnen suchen!

Dub-L hat nun mit J-Lo und Jessica Simpson gearbeitet. Würdest du ihn auch als einen der Sell Out Typen bezeichnen?
Er hat einige seltsame Sachen gemacht. Aber ich würde ihn nicht als Sell Out bezeichnen, denn bereits als ich ihn vor vielen Jahren kennenlernte, hat er solche Musik gefeiert. Er arbeitete schon immer mit Keyboard-Sounds und mochte auch den 80er-Sound. Gleichzeitig hat er aber mit Aesop Rock grossartige Tracks produziert. Ich denke, er wollte das schon immer und deshalb macht das auch Sinn. Natürlich kann ich mit dieser Musik persönlich nichts anfangen – ich hasse den Sound von J-Lo und Jessica Simpson. Es gibt einige kommerzielle Songs die ich mag. Wenn ich aber solche Musik produzieren müsste, würde mich das nicht glücklich machen und ich würde mir eher einen regulären Job suchen.

Du sollst bereits ein neues Album namens „No One Cares“ in der Pipeline haben.
Es ist doch einfach so, no one cares! Die Leute fragen immer, wie viele Platten irgendwelche Künstler verkauft haben – aber niemanden interessiert es und es spielt auch keine Rolle. Viele Leute denken sich, dass ihr Album ein Masterpiece wird, das sich wie ein Dr. Dre Album verkauft. Aber sie werden nur ein paar Tausend verkaufen – no one cares. Vieles wird einfach zu ernst genommen – besonders von den Underground-Leuten. Viele versuchen zum Beispiel wie DJ Premier zu klingen und sie basteln die ganze Nacht an einem Beat, aber er wird sich trotzdem nie wie ein Premier-Beat anhören. Viele Künstler sind total fokussiert auf ihr Album und nehmen sich enorm viel Zeit dafür. Aber so wie die Welt heute funktioniert, muss man ständig mit etwas Neuem kommen. Wenn eine Website mein Album ankündet, ist es am nächsten Tag wieder vergessen, da neue Nachrichten kommen. Es gibt viel zu viele Informationen, welche die Leute via Twitter, Facebook, Myspace, per E-Mail und Telefon zudecken. Ich allein kriege schon 300 Songs pro Tag zugeschickt und natürlich hören sich die DJ’s die Songs irgendwann nicht mehr an – es ist einfach zu viel, no one cares. Dies ist aber generell im Leben so. Ich bin in New York aufgewachsen, wo jeder einfach sein eigenes Leben lebt. Ich denke mittlerweile ist dies an den meisten Orten so. Wenn eine Katastrophe wie jetzt in Haiti geschieht, rücken die Menschen etwas näher zusammen, ansonsten interessiert man sich aber vor allem für sich selber. Meiner Meinung nach existiert einfach ein Informationsüberfluss, mit dem die Leute nicht umgehen können und weshalb sie öfters einen Schritt zurücktreten. 1994 erschienen vielleicht 10 bis 15 wirklich gute Alben und die Leute haben sich diese gekauft. In der heutigen Zeit gibt es kaum noch Plattenläden, die Leute können sich die Musik kostenlos im Netz holen – no one cares. Wenn ich einen Song mit M.O.P. machen will, tue ich das einfach, auch wenn es niemanden interessiert und sie lieber einen Song von Rihanna hören würden.

Es gibt weltweit aber noch sehr viele Leute, die sich für solche Musik interessieren.
Natürlich, es ist auch ein wenig als Witz gemeint. Es gibt vielleicht fünf Millionen Menschen auf dieser Welt, die den gleichen Shit mögen wie wir. Das Problem ist aber, dass sie überall nur den David Guetta Song mit Akon vorgesetzt bekommen. Gute Musik kommt nicht zu ihnen – sie müssen sie finden. Dadurch verringern sich diese fünf Millionen auf ein paar Hunderttausend und dann stellt sich die Frage, wer von denen dann deine Platte auch wirklich kauft.

Was kannst du uns schon über die beteiligten Künstler verraten?
Es wird ziemlich vielseitig. Ich habe mit Black Thought von The Roots gearbeitet, natürlich wird auch Rahzel dabei sein. Es gibt Tracks mit M.O.P., Ras Kass, KRS One, O.C., A.G., Immortal Technique, Sick Jacken von Psycho Realm und noch ganz vielen mehr. Es sind wieder um die 40 Künstler, ich kann mich gar nicht an alle erinnern. Es wird auf jeden Fall sehr vielseitig und danach geht es weiter mit dem nächsten Projekt. Wie gesagt, die Leute nehmen alles zu ernst und denken, dass sich die Welt wegen ihrem Album aufhört zu drehen. Aber nein: Du veröffentlichst dein Album, no one cares und du machst das nächste. (Gelächter)

Nur sehr wenige Künstler sehen das so realistisch.
Das Independent-Ding hat vielen den Kopf verdreht. Sie denken, dass sie 30’000 Exemplare verkaufen können, pro verkauftes Album fünf bis sechs Euro erhalten und damit auf einen Schlag 200’000 Euro reicher sind. Nein! Du wirst 1’200 CD’s verkaufen und das Label wird dir plötzlich mitteilen, dass du keine fünf Euro pro CD erhältst, da sie noch das Presswerk bezahlt haben und so weiter. Am Schluss hast du vielleicht einige Tausend Euros verdient – no one cares! Sei einfach glücklich damit und mach weiter. Ich würde mich nur über tiefe Verkäufe ärgern, wenn ich einen richtig grossen Song mit Britney Spears oder Jay-Z produziert hätte. Diese Platten müssen sich verkaufen. Meine Alben hingegen verkaufen das, was zu erwarten ist. Wenn ich zwischen 10’000 und 20’000 absetze bin ich zufrieden, denn das ist realistisch. Seien wir ehrlich, wer kauft sich heute ein Album mit M.O.P. und Ras Kass? Wenn ich einen Track mit Pharoahe Monch mache, kennen die Leute ihn vielleicht noch von „Simon Says“, realisieren aber nicht, dass dies einer der besten Lyricists ist und hören sich dann doch lieber David Guetta und Akon an.

Ausserdem soll eine DVD namens „What the fuck did u do?“ kommen..
Die DVD ist bereits seit drei Jahren fertig und das Material darauf ist noch älter. Es gibt viele Aufnahmen von den Shows mit Razhel, man sieht viele Bilder aus meiner Graffiti-Zeit und ich spreche ein wenig über das DJing. Zu dieser Zeit war ich in einer meiner wütenden Phasen und der Meinung, dass alles suckt. Daher auch der Titel „What the fuck did u do?“. Ich lande oft auf Myspace-Seiten von DJ’s, die sich als „International Club King“ abfeiern. Ich reise seit zehn Jahren um die Welt, habe an riesigen Festivals gespielt und in dieser Zeit nie ihren Namen gelesen. Der nächste DJ behauptet, er hätte an einem Festival die Vorgruppe für Rage Against The Machine gespielt. Eigentlich hat er aber in einem kleinen Zelt am Sonntagmorgen um 11:00 Uhr aufgelegt, während Rage Against The Machine die Headliner am Freitagabend waren. Da stellt sich mir die Frage, was diese Typen wirklich gemacht haben. Es macht mich wütend, dass ich das Gefühl habe, mich immer selber erklären zu müssen. Dann sehe ich diese anderen Typen, die sich letzte Woche Serato gekauft haben und sich schon wie die Könige fühlen.

Du willst die DVD aber trotzdem noch veröffentlichen?
Ich werde sie noch rausbringen. Ausserdem habe ich ein Instrumentalalbum, das nicht gemixt ist, sondern einfach aus einer Zusammenstellung von Beats besteht, über die nie jemand gerappt hat. Ein weiteres Album mit Tracks, die ich bislang nie veröffentlicht habe, ist ebenfalls fertig. Ich habe auch einige Tracks mit Rahzel gemacht. Er hat eigentlich zwei fertige Alben, die er nicht rausbringen will – fragt mich nicht wieso. Ich bin immer an neuen Sachen dran, mein Hauptding ist aber das Touren – ich bin ständig on the road.

Auf deinen Alben haltest du es sehr roh. Wie verhält es sich, wenn du im Club auflegst? Fährst du da auch deine Schiene, oder gehst du gewisse Kompromisse ein?
Meistens kann ich spielen, was ich will, da ich in coolen Locations gebucht werde oder mit Rahzel unterwegs bin. Die Leute wissen, was sie erwartet. Manchmal werden wir aber auch in irgendwelche Tanzschuppen gebucht. An einer solchen Party kann ich natürlich nicht nur meine harten Sachen und die Breaks bringen. Wie gesagt gibt es einige kommerzielle Songs, die ich mag und die spiele ich dann auch, mache daraus aber coole Mixes und scratche dazu. Aber ich spiele immer gute Sachen, ohne Ausnahme!

Du versuchst die Leute also auch ein Stück weit zu teachen?
Immer! Ausserdem kommuniziere ich mit den Leuten. Wenn ich in einem Danceclub auflege, packe ich mir das Mic und sage dem Publikum, dass der House-DJ zuvor furchtbar war. Alles was er gemacht hat, ist seine Frisur und zwei CD’s zusammenzumixen, indem er den Bass rausnimmt. Fuck that guy! Niemand traut sich so was zu sagen. Es gibt Festivals, die 60’000 Dollar für einen DJ ausgeben, der nur gut aussieht und mit zwei vorgemixten CD’s auflegt. Das Publikum ist auf Pillen und merkt es nicht mal. Ich sage den Leuten, sie sollen diesen DJ’s mal auf die Finger schauen und vergleichen, was ich ihnen biete. Viele verstehen gar nicht, was ich mit den Turntables anstelle, deshalb muss ich es ihnen erklären. Als ich bei einem grossen Festival vor 15’000 Kids, die meisten Dancefans, ein Sample-Set gespielt habe, habe ich die Crowd getestet: Ich fragte, wer J Dilla kennt und einige wenige haben sich gemeldet. Wer kennt Gang Starr? Drei Typen meldeten sich. Natürlich habe ich dann Gang Starr gespielt und der Veranstalter hielt mich bereits für total verrückt. Das wäre ich auch, wenn ich nicht mit den Leuten kommunizieren würde. Ich habe ihnen erklärt, dass ich zuerst die Originalplatte spiele und dann den Track, der diesen Song gesamplet hat. So haben es die Leute begriffen und sie konnten meinem Set folgen. Ich habe den Kids viel erzählt und habe damit vielleicht einem DJ geholfen, der nächstes Mal dort ist und gutes Zeug spielen will und nicht nur Shakira.

Du hast als Erster eine Battle-Breaks-Platte komplett als MP3 veröffentlicht. Auch auf „Ground Original 2: No Sell Out“ hast du alle Tracks, Instrumentals und A-Cappellas in Serato-tauglicher Form beigelegt. Bist du ein Befürworter der Entwicklung von Vinyl zu digitaler Technologie?
Ja absolut, ich habe aber auch gleichzeitig sehr viel Geld ausgegeben, um mein Album als Doppel-Vinyl zu veröffentlichen. Ich versuche beides zu vereinen, weshalb ich die CD mit den Serato-Files dem Vinyl beigelegt habe. So kann man wahlweise mit dem Vinyl auflegen oder sich die Files problemlos von der CD ins Serato ziehen. So funktioniert es heutzutage: Jeder arbeitet mit Serato und zieht sich die MP3’s aus dem Netz. Ich muss nicht vor dieser Entwicklung davonrennen. Viele haben nicht verstanden, weshalb ich die Instrumentals und A-Cappellas kostenlos dazu gegeben habe. Aber wieso soll ich sie für mich behalten? Es ist mir egal, wenn irgendein junger Produzent mein komplettes Album remixt. Schliesslich wissen die Leute, dass es mein Album ist und vielleicht erreichen die Songs dadurch noch mehr Leute, was gut für uns alle ist.

Obwohl Serato viele neue Möglichkeiten bietet, ist das Mixtape-Game ziemlich festgefahren. Was als Mixtape verkauft wird, ist häufig nicht gemixt, sondern eher eine Ansammlung von exklusiven Tracks. Siehst du da überhaupt noch Raum für Mixtapes im klassischen Sinne?
Das Mixtape-Game ist lächerlich. Ich höre nur noch Gunshots und schreiende DJ’s, die sich irgendwie alle gleich anhören. Meiner Meinung nach hören sich diese DJ’s einfach gerne selber reden und sie trainieren mit den Mixtapes ihre Stimme. Das eine Problem ist, dass es viele furchtbare DJ’s gibt, die nicht einmal ein gutes Mixtape machen könnten, wenn sie es wollten. Ein weiteres Problem ist, dass viele DJ’s berühmt werden wollen und deshalb packen sie nur die populären Tracks und exklusiven Songs auf ihre Mixtapes. Sie interessieren sich nicht für neue Mixes oder spannende Breaks und so hören sich alle gleich an. Ich versuche rare Songs in meinen Mixes unterzubringen – die meisten DJ’s wollen aber nur cool sein. Sie würden nie in einem verschwitzten T-Shirt hinter den Turntables stehen, sondern müssen im schicken Shirt mit einer fetten Golduhr auflegen. Ich frage mich, wie die mit ihren dicken Uhren und Ketten an den Armen überhaupt noch auflegen können. Sie wollen nice aussehen und haben länger für ihr Haar, als die Chicks im Publikum. Viele machen es also nur, um im Rampenlicht zu stehen, was verrückt ist. Mein Ziel ist es, einfach gute Musik zu spielen für Leute, die dies zu schätzen wissen.

Wie wird man eigentlich Mitglied der legendären Rock Steady Crew?
Ich denke nicht, dass es dafür spezielle Kriterien gibt. In meinem Fall ist es so, dass ich für sehr lange Zeit in New York aktiv war und immer zu den Rock Steady und Zulu Veranstaltungen ging. Ich habe mir meine Sporen abverdient, in dem ich immer vor Ort war, die Leute respektvoll behandelt habe und natürlich durch meine Arbeit als Graffiti-Künstler, DJ und mit Rahzel. Es passte perfekt zusammen, da ich diesen Vibe, den die Rock Steady Crew verkörpert, am Leben halte. Irgendwann fand Crazy Legs, ich wäre eine gute Ergänzung, da ich ständig um die Welt reise und somit die Rock Steady Crew überall repräsentieren kann. Darum geht es, denn wenn auch nur eine Person in der Crowd merkt, dass ich besser bin, als viele dieser Club-DJ’s, hat es schon etwas gebracht.

Man hört von der Anniversary die jedes Jahr stattfindet. Was macht die Rock Steady Crew sonst noch?
Die Anniversary ist schon der Hauptevent. Es finden aber auch wöchentlicher Unterricht und monatliche Battles statt, Crazy Legs arbeitet viel mit jungen B-Boys und hält viele Seminare. Der Hauptfokus liegt schon auf dem B-Boying und da geht sehr viel. Es geht ihnen auch darum, das Tanzen innerhalb des B-Boying am Leben zu erhalten und den Kids zu zeigen, dass es nicht nur um Powermoves geht. Grundsätzlich versuchen wir, diesen Vibe am Leben zu erhalten.

Existiert die Gruppe The Magnificents mit Supernatural, Rahzel und dir eigentlich noch?
Das ist mein absolutes Lieblingsprojekt. Es existiert noch, wir haben aber bislang nur 15 Shows gespielt. Supernatural lebt in Kalifornien, wir sind in New York und alle waren sehr beschäftigt. Nun haben wir uns aber wieder darüber unterhalten und vielleicht kann ich sie dazu überreden, dass wir sogar ins Studio gehen und ein Album aufnehmen. Der Grund, wieso ich dieses Projekt so liebe, ist, weil die ganze Show improvisiert ist.

Und du denkst trotzdem, dass dies auch auf Tonträger funktionieren kann?
Es kann nicht dieselbe Wirkung haben wie live, denn im Studio kann man nicht alles improvisieren. Man braucht neben den Freestyles auch einige reguläre Songs. Aber ich möchte vor allem, dass die beiden ins Studio gehen, ich das Mic zwischen ihnen aufstelle und sie dann einfach loslegen – wie bei den Shows. Es ist unglaublich, wie Supernatural die Dinge, die um ihn herum geschehen, in seine Freestyles einbeziehen kann. Bei einer Show sah er einen Zuschauer an Krücken. Supernatural wollte wissen, was passiert ist und hat daraufhin einen kompletten Song über einen Autounfall improvisiert. Wir müssen unbedingt wieder auf Tour!

Gibt es noch etwas, das du gerne loswerden würdest?
Die Leute sollten sich nicht nur mit dem zufrieden geben, womit die Medien sie füttern. Wenn du die Musik wirklich liebst, macht es keinen Sinn, wenn du nur das hörst, was MTV oder das Radio dir sagt, dass du es hören sollst. Mit dem Internet gibt es keine Entschuldigung mehr. Du kannst Sex mit deiner Frau haben und gleichzeitig mein Album finden. Geht ins Netz, nehmt euch Zeit und sucht nach guter Musik! Es gibt so viele gute Musik, auch hier aus Europa, die ihr ansonsten verpasst.

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