R.A. The Rugged Man – Mein Hauptziel ist es, jeden MC zu zerstören

Int. Rap

Über R.A. the Rugged Man sind so einige Schauergeschichten im Umlauf und wohl nicht alles ist dabei nur der Gerüchteküche entsprungen. Zwischen Skandalen und Labelproblemen geht jedoch gerne vergessen, dass wir es hier mit einem der versiertesten MC’s zu tun haben, die das Rap-Game je hervorgebracht hat. Sechs Jahre nach seinem ersten offiziellen Album „Die, Rugged Man, Die“ wird im Laufe dieses Jahres endlich der Nachfolger in die Läden kommen. Mit „Legendary Classics Vol. 1“, einer Ansammlung nie veröffentlichter, rarer und neuer Tracks, hat er vergangenes Jahr seinen Status als Untergrund-Ikone untermauert. Darauf zu finden sind unverzichtbare Tracks wie „Every Record Label Sucks Dick“ oder „Stanley Kubrick“ sowie Kollaborationen mit Notorious B.I.G. (zu Lebzeiten wohlverstanden), Kool G Rap, Sadat X, Mobb Deep und Jedi Mind Tricks. Als weiteres Ventil für seine Fantasien und Gedanken hat er den Film entdeckt, was dann zum Beispiel zu einem schrägen Sex-Horrorfilm wie „Bad Biology“ führt. Im Interview präsentiert sich der New Yorker jedoch als sehr umgänglich und man merkt im Laufe des Gesprächs, dass er trotz vieler Rückschläge seinen Weg und seinen Frieden gefunden zu haben scheint.

Sechs Jahre nach „Die, Rugged Man, Die“ soll dieses Jahr endlich ein neues Album von dir erscheinen.
Erstmal ärgert es mich, wenn die Leute „Legendary Classics Vol. 1“ nicht als ein richtiges Album ansehen. Es sind Songs, die zuvor niemand gehört hat, alles ist neu gemastert und die DVD enthält Clips, die noch nie jemand gesehen hat. Im Booklet findet ihr Informationen zur Entstehung jedes Songs, über die Studiosessions und die Produzenten. Holt euch das Album also nicht einfach bei iTunes, sondern kauft das Gesamtpaket. Es ist eine der besten Arbeiten meiner Karriere und besser als die verdammten Alben all der anderen Künstler. Ich bin sehr stolz darauf. Wer es nicht als richtiges Album betrachtet: suck my dick! Mit dem neuen Studioalbum bin ich schon ziemlich weit, will aber noch fünf oder sechs zusätzliche Tracks aufnehmen. Ich musste das Album verschieben, da mein Vater starb, was mich einige Monate meines Lebens gekostet hat. Ich bin über diese Verschiebung aber überhaupt nicht traurig, denn nun werde ich härter denn je zurückkehren!


Weisst du schon, in welche Richtung du mit der Platte gehen wirst?

Es wird in eine sehr lyrische Richtung gehen, womit ich wiederum beweisen werde, dass ich besser bin als all diese MC’s da draussen. Das ist immer mein Ziel. Ich überlege mir nicht im Voraus über welche Themen ich auf einem Album sprechen will. Wenn ich ins Studio gehe, möchte ich einfach jeden MC’s zerstören. Das ist auch mein Hauptziel bei dieser Platte.

Der Albumtitel „Legendary Classics Vol. 1“ deutet darauf hin, dass irgendwo noch mehr unveröffentlichtes Material schlummert?
Irgendwann wird bestimmt ein zweiter Teil folgen. Sobald mein neues Studioalbum veröffentlicht ist, werde ich mich einer Fortsetzung widmen, die wieder voller Klassiker sein wird. Alles was ich mache sind Underground-Classics.

Dein nächstes Album wird erneut bei Nature Sounds erscheinen, womit du bereits sechs Jahre beim selben Label bist. Hättest du jemals gedacht, dass du es so lange bei einer Plattenfirma aushältst, nachdem du vor allem in den Neunzigern viele schlechte Erfahrungen gemacht hast?
Das liegt daran, dass sie mir die Freiheit geben zu tun, was immer ich will. Andererseits gibt es manchmal schon interne Probleme, wo ich sie gerne in den Arsch treten würde. Mit der Freiheit kommen andere Schwierigkeiten und ich muss genau acht geben, dass sie sich richtig um mein Album kümmern, da es eine tadellose Platte ist und ich nicht will, dass sie es mit halbpatziger Arbeit versauen. Sie sollen dafür sorgen, dass mein Album da ankommt, wo es hingehört.

Glaubst du, dass ohne grosse Maschinerie im Hintergrund die Leute das Album auch wahrnehmen werden?
Das kommt darauf an, welche Leute man ansprechen will. Die Heads werden es erkennen – die Schwuchteln nicht.

Du gibst dich also damit zufrieden, dein bisheriges Zielpublikum anzusprechen?
I don’t care if the trend followers, dick swollowers give a fuck about me. Natürlich würde ich meine Fanbase gerne etwas erweitern, so dass jeder verdammte HipHop-Head auf dem Planeten davon Kenntnis nimmt. Aber ich muss kein Teil sein von diesem halbherzigen Rap-Shit, den man im Fernsehen zu sehen bekommt.

Bei „Die, Rugged Man, Die“ hast du jeweils nur Tracks aufgenommen, wenn du ein Budget vom Label hattest. Sie haben dir schrittweise Geld überwiesen, bis sie irgendwann genug Songs hatten, um ein Album zu veröffentlichen. War die Herangehensweise dieses Mal ähnlich, oder hast du versucht mit einem Konzept ranzugehen?
„Die, Rugged Man, Die“ war tatsächlich eher eine Ansammlung von Songs. Eigentlich wollte ich zwei EP’s veröffentlichen, das Label dachte aber, das sei zu verwirrend für die Leute. Ich bin nicht der Meinung, dass ein Album ein Konzept haben muss wie beispielsweise „Prince Among Thieves“ von Prince Paul. Wenn jeder Song auf dem Album ein Banger ist und in seiner eigenen kleinen Welt stattfindet, kann das auch ein Konzept sein. Auf dem neuen Album mache ich einfach, was ich fühle. Ich mag keine Alben, bei denen jeder Song ein ähnliches Gefühl vermittelt und alles gleich klingt. Auf Alben wie „Unfinished Business“ von EPMD, „Whut? Thee Album“ von Redman oder „It’s a Big Daddy Thing“ von Big Daddy Kane klingt jeder Song ein wenig anders. Das einzige Problem bei solchen Alben ist, dass die Hörer länger brauchen, um sie zu verstehen. Wenn alle Tracks ähnlich klingen, weiss der Hörer nach spätestens drei Songs, was ihn erwartet. Aber das interessiert mich nicht, ich will ein Album mindestens zehn Jahre hören können.

Arbeitest du deshalb auch mit unterschiedlichen Produzenten, um diese Vielfalt zu erlangen?
Auf jeden Fall. Bei meinem Debüt, das ich für Jive aufnahm, habe ich fast ausschliesslich mit meinem alten Freund Niles gearbeitet. Er war mein Produzent seit ich 16 Jahre alt war und als ich den Deal bekam, liess ich ihn rund zehn Tracks des Albums produzieren. Zusätzlich hatte ich je einen Beat von Erick Sermon, Buckwild und den Trackmasters. „Night Of The Bloody Apes“ war ein dopes Album, ich merkte aber mit der Zeit, dass ich es mochte, wenn nach einem Niles Beat plötzlich einer von Buckwild kommt. Seither hole ich mir unterschiedliche Sounds von verschiedenen Produzenten, denn dies ist auch eine Herausforderung für mich und meinen Rap-Style. Wenn man immer mit demselben Produzenten arbeitetet, besteht die Gefahr, dass man in einer musikalischen Welt gefangen bleibt.

Du hast enorm viel Credit für deinen Verse auf „Uncommon Valor: A Vietnam Story“ bekommen, wo du die Geschichte deines Vaters erzählst. Hat dich dieses Feedback irgendwie beeinflusst, dass du nun noch mehr in diese Storyteller Richtung gehen wirst?
Ich mache einfach mein Ding und bin darin der Beste. Ich muss dafür nicht in eine bestimmte Richtung gehen. Der Part auf „Uncommon Valor“ ist grossartig, aber ich schreibe schon die letzten zwanzig Jahre meines Lebens grossartige Verses. Von dem her ist es mir ziemlich egal, was die Leute denken.

Hat es dich überrascht, dass genau diese Strophe für so viel Aufsehen gesorgt hat?
Es hat mich sehr gefreut, dass den Leuten dieser Verse so sehr gefallen hat, da es die wahre Geschichte eines legendären Mannes erzählt. Mein Vater ist ein grosser amerikanischer Held und eine Person, die ich verehre, idealisiere und geliebt habe. Er war einer der grössten Einflüsse in meinem Leben, deshalb bin ich froh über diese Anerkennung. Rest in Peace Staff Seargeant John A. Thorburn. Er wird für immer durch mich weiterleben.

Würdest du dich als einen Patrioten bezeichnen?
Ohne Zweifel – ich liebe die USA. Ich mag die Regierung nicht immer, aber das trübt die Liebe zu meinem Land nicht.

Du planst nun zusätzlich einen Film namens „God Take, God Give“ über das Leben deines Vaters und deine Familiengeschichte.
Ich wollte noch viele Aufnahmen machen und hatte noch sehr viele Ideen für den Film. Aber wie bei meinem Album, hat sich auch bei dem Film alles verzögert durch den Tod meines Vaters. Ich muss nun herausfinden, wie ich die Lücken füllen und den Film fertigstellen kann, obwohl die Hauptperson mitten in der Produktion gestorben ist. Aber ich will den Film unbedingt fertig drehen und die Geschichte meines Vaters erzählen. Er wird der nächste Jesse James – der Film soll ihn unsterblich machen.

Wann erscheint eigentlich dein erster Film „Bad Biology“?
Er lief an vielen dieser schrägen, kleinen Horrorfestivals, kam dort sehr gut an und räumte einige Awards ab. Daraufhin erhielt ich einige Angebote und seit Februar ist der Film in den Staaten auf DVD erhältlich und verkauft sich sehr gut. Er lief auch beim „European Film Market“ in Berlin und kürzlich konnte ich ihn nach Deutschland verkaufen. In den nächsten Monaten sollte er also auch bei euch auf DVD erhältlich sein. Es ist ein verrückter Sex-Horror-Film, den wir für wenig Geld gemacht haben. Er ist auf 35mm gedreht und sieht sehr schön aus. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass dieser Film nicht für jedermann geeignet ist.

Wir warten auch mit Spannung auf den dazugehörigen Soundtrack.
Ich bin im Moment dabei, diesen zusammenzustellen. Die Veröffentlichung ist für August geplant. Darauf zu hören sind Kool G Rap, Slug von Atmosphere, Jedi Mind Tricks, Ras Kass, Smooth da Hustler, ich selbst und noch einige mehr.

Prince Paul soll für den Grossteil des Soundtracks verantwortlich sein.
Er hat die Filmmusik gemeinsam mit Josh Glazer gemacht.

Ich habe ein Gerücht gehört, dass du an einem Projekt mit Prince Paul und Freddie Foxxx arbeitest.
(lacht) Diese Gerüchte können zur Zeit nicht bestätigt werden. Aber ich arbeite definitiv an einem Projekt mit Paul.

Du schreibst und produzierst Filme, führst Regie und planst auch ein Buchprojekt. Brauchst du neben der Musik noch weitere Kanäle, um deiner Kreativität Ausdruck zu verleihen?
Ehrlich gesagt sind diese anderen Kanäle gar nicht wirklich wichtig für mich. Musik ist das einzige, das mich interessiert. Andere Rapper rauchen Blunts, spielen Videogames und verschwenden damit ihr Scheissleben. Ich fülle meine freie Zeit mit kreativen Sachen. Es sind Spielereien – aber die Musik ist mein Leben.

Du bist berühmt-berüchtigt für deine „I don’t give a fuck“-Mentalität. Gibt es trotzdem Dinge in deiner Karriere, die du rückblickend gerne ändern würdest?
Nicht eine einzige Sache. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere und glücklich über die Wege, die sie genommen hat.

Es stört dich also auch nicht, dass du weitgehend unterschätzt wirst, obwohl dich nicht wenige als einen der besten MC’s aller Zeiten bezeichnen? 
Es stellt sich die Frage, wie unterbewertet ich tatsächlich bin. Ich sehe viele wacke Rapper, die mehr Aufmerksamkeit in gewissen Bereichen erhalten, aber nicht in denen, in welchen ich sein will. Ich bin zufrieden mit meiner Position. Schau dir andere unterbewertete Künstler an: Kool G Rap – ich glaube ich erwähne ihn in jedem Interview – oder Tragedy Khadafi. Das sind zwei der besten Rapper aller Zeiten und wer erwähnt sie in ihren Top10 Listen? Viele meinen, dass Kool G Rap nur in den Achtzigern dope war, dabei ist er auch der beste Rapper der letzten zehn Jahre. Es gibt grossartige Lyricists wie Sean Price, Killah Priest, Timbo King oder Hell Razah die von vielen ignoriert werden, während schlechte Rapper Erfolge feiern. Aber das ist immer Teil der Kultur. Bei einer Kultur geht es nicht um Marketing. Ist „Avatar“ der beste Film aller Zeiten? Nein! Aber derjenige, der am meisten Aufmerksamkeit bekommt.

In einem Interview hast du gesagt, HipHop sei dazu da, dass arme Leute sich ausdrücken können und nicht, um reiche Menschen glücklich zu machen. Würdest du also sagen, dass HipHop nicht für jedermann ist?
Jeder kann sich Rap-Musik anhören. Es ist völlig in Ordnung, wenn sich reiche Leute HipHop-Alben kaufen. Mir ging es darum, dass man die reichen Leute nicht bedienen soll, also die Musik so anpasst, dass sie es mögen. Ich kann es nicht akzeptieren, wenn man seine eigenen Leute verleugnet, nur um andere glücklich zu machen. Mich stört es auch nicht, wenn Jay-Z davon spricht, wie er die Korken knallen lässt – denn er lebt dieses Leben. Mich stört es, wenn die Kunst verwässert und vereinfacht wird. HipHop und Partymusik gehören seit jeher zusammen, aber nicht auf Kindergarten-Niveau.

Es wird viel über deine Skandale und deinen geistigen Zustand geredet. Stört dich das oder akzeptierst du es einfach als dein Image?
Es ist nicht wirklich ein Image, denn alles basiert auf der Realität und auf den harten Zeiten, die ich in meinem Kopf durchlebt habe. Ich will auch nie mehr zu dieser Zeit und den Gedanken zurück. Meine psychische Verfassung war in den letzten zehn Jahren sehr stabil und deshalb war das auch eine sehr glückliche Zeit für mich. Ich konnte einen Teil dieses Images abschütteln. Wenn du mich heute anschaust, sehe ich jünger und gesünder aus als vor zehn Jahren, da sich meine Verfassung extrem verbessert hat.

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