Kool Savas – „Ich könnte ohne schlechtes Gefühl gehen“

DE-Rap

John Bello 3 ist draussen und geht mit grossen Schritten auf die Charts zu. Kool Savas ist nicht nur der selbsternannte, sondern auch von der Szene gekürte „King of Rap“! Mit dem Abschluss der Trilogie setzt er nicht auf der Mixtape Ebene, sondern definitiv bei Album Level an und beweist, dass er auch im neuen Jahrzehnt das Mass aller Dinge ist. Dass aber auch ein König nur ein Mensch mit Zweifeln ist, und dass hinter dem Rapper Kool Savas eine äusserst interessante und tiefgründige Persönlichkeit steckt, kommt beim Gespräch mit dem Neu-Heidelberger zutage. Am besten ihr lest selbst!

Alles klar? Gut angekommen in der Schweiz?

Viel zu tun gehabt, daher noch etwas am Arsch.


Noch von der Fertigstellung von John Bello?

Ja vorgestern hatten wir noch Videodreh. Dann sind wir von Hannover nach Stuttgart, dann nach Konstanz uns jetzt hierher. Davor hatte ich auch no ne Promo-Woche, also ganz viel zu tun.

Für welchen Track war das Video?

Für „Immer wenn ich Rhyme“ mit Olli Banjo, Azad, Moe Mitchell.

Aber der war schon einmal auf Youtube?

Nicht als Video, einfach als Audio. Ja wir hatten die Premiere des Songs auf einem Berliner Radio und die Hörer haben es dann auch Youtube gestellt, aber das wird eh immer wieder runtergenommen. Jetzt wo man das Album kaufen kann, gehen sie auf iTunes wenn sie den Track haben wollen.

Du bist ja jetzt eigentlich der offiziell beste Rapper Deutschlands. Es gab ja dieses Juice-Voting. Da waren es ja nicht nur deine Fans die quasi das Voting gehackt und so oft gevotet haben, sondern es waren etwa 100 Leute aus er Szene dabei, die was verstehen von der Sache. Ist das vielleicht mehr wert als einfach ein gehyptes Voting?

Definitiv, das ist ja gar nicht vergleichbar. Das ist für mich die grösste Ehre die mir je zuteil wurde. Und ich habe ja schon Cometen und alles gewonnen und das ist nicht mal halb so viel wert für mich. Vor allem weil es von Leuten kommt, die sich seit Jahren in dieser Szene bewegen und sich auskennen, dann ist das wirklich für mich eine Sauehre, riesig.

Hast du denn auch von anderen Rappern Feedback gekriegt, auch von manchen wo du es gar nicht erwartet hättest.

Nein, eigentlich nicht. Feedback gabs nur aus meinem Umfeld, also die Leute, die das alles gefeiert haben.

Jetzt mit dem John Bello 3 geht so die „Tot oder Lebendig“-Phase Mal zu Ende. So als Resümee, unterm Strich, bist du zufrieden? Das Album wurde ja bevor es schon raus kam riesig gehypt und wurde auch bei den meisten Reviews und Rezensionen super gefeiert. War es für dich schlussendlich auch ein zufriedenstellendes Projekt?

Ich müsste jetzt den ganzen Zeitraum seit „Tot oder Lebendig“ mit John Bello 2 und Optik schliessen zusammen nehmen. Die letzten 2 Jahre waren sicher die anstrengendsten und herausforderndsten Jahre, auf der anderen Seite bin ich meiner Meinung nach voll daran gewachsen, weil ich mich selber immer mehr motiviert hab. Hey das musst du noch besser, noch geiler machen. Wir haben Rapfilm gemacht, das Video, wir haben den Futurama Remix gemacht, den Mammut Remix gemacht. Mir war in diesen 2 Jahren voll wichtig irgendwie diesen Grundspirit von Hiphop zurückzubringen und auch den Titel „King of Rap“, den ich für mich beansprucht habe, in irgendeiner Form zu rechtfertigen; vor mir, aber auch vor all den andern. Und wie gesagt, wir hatten so viele Releases. Wir hatten „Tot oder Lebendig“, dann John Bello 2, dann die Brainwash-Edition, wo neue Sachen drauf waren. Dann hatten wir die Juice-EP und jetzt John Bello 3. Ich habe wirklich keine Sekunde Pause gemacht und immer Tracks gemacht. Es ist auch schwieriger geworden mit den ganzen Downloads und gesunkenen Verkäufen. Man kann nicht mehr einfach ein Album machen, und dann kommt was rein und dann chillt man mal drei Jahre. Man muss wirklich immer am Ball sein und was bringen können. Aber nur fürs Geld würde ich das nicht mehr machen, da es einfach in keiner Relation mehr zueinander steht, was man an Aufwand und Arbeit in so ein Projekt hineinsteckt und was man dann daran verdient. Aber ich wollte halt wirklich immer wieder eine Marke setzte für mich in diesem Game auch. Das habe ich bis jetzt so durchgezogen und das fühlt sich auch gut an so.

Du hast es schon angesprochen. Die Verkaufszahlen gehen zurück und auch die Hiphop-Szene wird nicht grösser von ihrer Fanbase. Kommt es da mal vor, dass sich Kool Savas am Abend im Zimmer überlegt: „Fuck, was mach ich in 10 Jahren?“ Oder so: Wie lange werde ich das alles weiterziehen können?“ Gibt es diese Zweifelmomente?

Ich glaube es gibt kein Mensch, der nicht diese Momente hat, egal was er macht oder seine Profession ist. Ich habe mich einfach damit abgefunden, dass ich das alles nicht für den kommerziellen Erfolg mache. Klar, als ich den ersten grossen Deal hatte, war das Feeling schon cool und ich dachte, geil jetzt verdiene ich mein Geld mit Rap und lebe davon. Das ist das wovon ich immer geträumt habe. Und klar wird man da auch selber business-orientierter, aber für mich unterm Strich ist es so, dass ich sage, ich weiss sowieso nicht, was dann kommt. Und ich habe Dinge erreicht, die ich früher für unmöglich hielt. Zu dieser Thematik gibt’s auch ein Song auf der Platte. „Weck mich nicht auf“ mit Curse. Da geht es genau darum, dass es uns manchmal wie ein Traum vorkommt, wenn wir daran denken, was wir schon alles gemacht und erreicht haben, und wir nicht daraus aufwachen wollen. Und wenn man das jetzt mal so Status- oder Fame-mässig anschaut, worum es ja im Hiphop oft geht, da habe ich in der deutschen Szene schon so meinen Namen eingebrannt, dass ich, egal was noch kommt oder ich noch machen werde, locker aufhören könnte und es wäre gut so und völlig ok für mich. Ich könnte ohne schlechtes Gefühl gehen und die Leute würden mich in guter Erinnerung behalten.
Aber eben, es gibt natürlich diese Momente wo man zweifelt und denkt, dass es schon sehr viel Action ist, die man da hat. Eben gerade, weil es nicht nur Musik machen ist. Wenn es nur Musik machen wäre und man zufällig dabei noch Geld verdient, dann wäre das super für mich. Dann würde ich sagen, ey ich rap bis 70. Das Ding ist eben, es gibt so viele Extra-Sachen, die mich enorm stören in meinem Leben. Zum Beispiel „berühmt“ zu sein und immer erkannt zu werden und dass Leute dich belästigen. Das klingt jetzt so harmlos, aber wenn das andauernd ist, kann das schon sehr nerven und einen einschränken. Das ist so wie ein Schuljunge, der jeden Tag Angst haben muss, dass er Schläge bekommt, weil die schlimmen Jungs ihn hassen. Und es ist wirklich so, dass wenn wir in die Stadt gehen, meine Freunde um mich herum gehen, weil ich kein Bock habe immer dieselben Fragen beantworten zu müssen, mich mit den Leuten über den gleichen Mist auseinanderzusetzen; nicht mal auf eine negative Art und Weise. Die Leute denken einfach, dass dein Leben für sie wie ein offenes Buch sein soll. Du stehst ihnen Rede und Antwort und musst dich rechtfertigen für alles was du tust und das ist schon sehr energieraubend. Und das ist ja auch in der Szene so. Ich glaube an so Sachen wie negative Energie. Also auch wenn nur 10 Rapper mich nicht mögen und nur Scheisse über mich erzählen, dass merke ich, dass das an mir nagt, das ist mir unangenehm.
Vor allem weil ich eben ein Mensch bin, der auf Sachen steht wie Natur, Ruhe, Familie, Chillen. Ich mag so was. Ich würde gerne mal an einem Sonntag nur mit Freunden chillen, hängen und grillen.

Und das geht so nicht?

Naja, bis zu einem gewissen Mass. Man gerät in so einen Strudel von Arbeit, weil man ja selbstständig ist und nicht nur für sich Geld verdient, sondern ist auch für andere verantwortlich. Jeder von uns hat zum Beispiel auch Beziehungsprobleme aufgrund des Jobs. Die Leute denken jetzt, das ist rumheulen auf hohem Niveau, aber am Ende des Tages ist das wie eine Arbeit, die dich überansprucht. Du machst dauernd Überstunden, aber verdienst nicht mehr. Dann fragst du dich manchmal, hey warum geb’ ich mir das? Manchmal denke ich wenn ich das alles nur als Hobby machen würde und einen normalen Job daneben hätte, wäre ich wenige schnell gealtert.

Gibt es für dich schon einen Plan B?

Nein leider noch nicht. Ich habe viele Wünsche, aber gerade in Deutschland ist es so schwierig sich einen positiven Plan für die Zukunft zu machen, wenn man sieht wie die Wirtschaft so abgeht. Wenn wir im Aufbau wären und alles wäre geil, dann könnte man sagen, vielleicht mache ich dies oder das. Ich hab ja ein Label gemacht. Das war damals mein Plan B. Ich wollte damals 2 Jahre kein Album machen, dafür andere Künstler produzieren. Das mache ich immer noch, aber es ist viel schwieriger. Man muss immer das Geld im Hinterkopf haben und kann weniger offenherzig an die Sache rangehen und das ist schon eine grosse Demotivation.

Aber trotzdem hast du dieses John Bello 3 jetzt genagelt, mit Essah-Edition und jenen Features. Gibt es für dich noch einen Unterschied zwischen einem Album und einem Mixtape?

Das ist definitiv kein Mixtape. Ich denke, ich hab in meinem Leben 3 Mixtapes gemacht. Das war „Kool Savas goes Hollywood“. Da hab ich auf Amy-Beats gerappt, immer ein Part. Dann hab ich „Euer bester Freund“ gemacht, was auch Mischmasch war und ein par Exclusives. Und John Bello 1. Danach, das war alles schon kein Mixtape mehr, sondern alles Alben. Mixtape ist Left-Overs, ein paar Exclusives, von einem DJ zusammengecuttet. Und alles andere ist eine Bezeichnung für ein Album, wo man nicht so viel Arbeit reingesteckt hat. John Bello 3 ist definitiv ein Album, der letzte Teil war auch ein Album. Für mich gilts eh nicht als Mixtape, aber es ist halt eine Reihe, deshalb wird es so bezeichnet.

Und Essah ist ja nicht ein Label, aber irgendwie doch der Nachfolger von Optik.

Nein, Optik war richtig eine Philosophie und eine Crew mit dem Ziel meinem Umfeld eine Möglichkeit zu geben, wo sie releasen und alles machen können auch wir wollten auch unser kleiner Imperium aufbauen. Aber Essah hat nicht mehr viel mit einem Label zu tun, wo man nach Talenten sucht und diese signt. Essah ist einfach eine Struktur, dass wir unsre Rechnungen schreiben können. Ausserdem braucht es eine Website und Ansprechpartner, das ist Essah. Einfach so der Dachverband.

Trotzdem hat’s dir Spass gemacht wieder mit so vielen spannenden Künstlern zu arbeiten?

Ja super.

Was ja bezeichnend ist, obwohl die Beziehung zerbrochen ist, ist die Zusammenarbeit mit Melbeatz. Das ist ja since day one. Man baut sich dann ja eine Geschichte und ein Vermächtnis auf.

Und das würde ich auch nicht missen wollen. Wir sind durch dick und dünn gegangen. Klar, wir hatten natürlich unsere Phasen, wo wir uns gestritten haben. Und ich denke, für die ist die momentane Position auch nicht die leichteste. Weil sie war da, als gar nichts ging, als wir null Pfennig verdient haben und nur gechillt haben. Und sie hat dann aber auch mitbekommen wie’s immer grösser und dann supergross wurde, also für unserer Verhältnisse. Aber sie war halt immer ein wenig limitiert oder einfach ein wenig davon abhängig was ich mache. Sie hat natürlich auch ihre eigenen Moves gemacht, sie hat viele Artist mit denen sie arbeitet. Aber einfach durch das Standing und durch das was ich für die Leute verkörpere ist sie Business-mässig mehr abhängig von mir als ich von ihr. Wobei das aber so künstlerisch überhaupt nicht der Fall ist. Weil das für mich wichtig ist, dass sie dabei ist und mich das auch extrem motiviert und kreativ beflügelt.
Sie ist auch eine treibende Kraft. Und dann kann ich auch mal sagen, hey ich kann nicht mehr, jetzt sag du mal wo es lang geht. Viele Sachen die sie sagt, haben auch grossen Einfluss auf das was ich tue. Auf dem Album gibt es den Song „John Bello 3“, da geht es um mein Leben. Den hätte ich nie gemacht, wenn sie mich nicht dazu motiviert hätte. Sie sagte, hey du musst was von deinem Leben erzählen, du musst ein, zwei persönliche Tracks haben. Die Leute hören sich seit 10 Jahren, die sind mit dir aufgewachsen, durch die Pubertät gegangen. Und ich hab das immer bewusst abgeblockt, weil ich dachte, ich rappe, aber mein Privatleben hat da nichts darin verloren. Ja das sind so die Geschichten, sie hat einen riesen Einfluss.

Du sprichst es an. Du bist nicht bekannt geworden durch deine Messages im Rap. Wenn ich aber so mit dir spreche, habe ich das Gefühl, du bist ein sehr tiefgründiger Mensch und hättest auch eine Botschaft. Ist das auch etwas, dass du mit dem älter werden denkst, du willst den Leuten was mitgeben. Ich meine Samy Deluxe hat sich auch sehr stark auf das fokussiert. Machst du dir diese Gedanken, so „Lutsch meinen Schwanz“ wird es immer geben, aber ich möchte den Leuten auch Hoffnung weitergeben in dieser Zeit, ihnen eine Message weitergeben. Ich habe mit Xavier Naidoo gesprochen, der ist Vegetarier geworden wegen dir. Ich meine, du kannst ja was bewegen.

Ich steh oft an dem Punkt, wo ich genau darüber nachdenke. Aber ich glaube ich hab da so ein sehr eingefleischtes Gefühl. Ich glaube, dass für mich die Musik der falsche Ort ist um so was zu machen. Für mich ist es viel angenehmer, mich mit jemanden hin zu setzten und sich ein, zwei Stunden zu unterhalten, unabhängig von seinem Status, was er repräsentiert, ob er Geld hat oder nicht. Weil ich interessiere mich für den Menschen und möchte mich mit ihm austauschen. Ich kann auf Vorschläge und Ideen eingehen und kann darüber nachdenken. Aber in meiner Musik; ich glaube fast, dass ich dazu nicht wichtig genug nehme. Das wirkt auch so schnell billig und kitschig. Ich hab das schon ein, zwei Mal gemacht und ich finde auch einige Sachen kitschig von mir. Aber wenn man sich öffnet und es ehrlich meint, dann ist das schon ok und ich kann dahinter stehen.
Aber ich glaube man spürt in meiner Musik schon Sehnsucht, Liebe und Euphorie und so. Ich will das nicht noch in Worte packen müssen.

Aber ich finde es falsch wenn du sagst, dass du nicht genug wichtig bist.

Ja aber nur weil ich gut rappen kann, heisst das nicht, dass meine Meinung wichtiger ist als andere. Klar ich habe eine Plattform. Aber es gibt genug andere, die sich zu wichtig nehmen und ihr Plattform missbrauchen.

Was können die Leute von diesem Release erwarten, ausser den Features?

Ja die Features sind natürlich in einen Rahmen gesetzt, dass sie glänzen können und zur Geltung kommen. Und das Album an sich ist viel mehr Songwriting. Der rote Faden besteht eigentlich darin, dass die Songs für sich stehen. Und alle wurden mit einem Konzept gemacht. Also nicht einfach, dass jeder Rapper einen Part geschrieben hat und dann hat man noch einen Chorus gemacht und es im Studio zusammengeschnitten. Sondern man merkt, dass wir zusammen im Studio waren und an den Songs gearbeitet haben. So passt man sich auch gegenseitig an und inspiriert einander auch. Der Song „Weck mich nicht auf“ zum Beispiel hätte ich nie in der Form gemacht wenn Curse nicht gewesen wäre.
Es wird wirklich ein sehr rundes Album. Das ist das was mich am meisten freut. Denn heute sind die Alben viel weniger geworden. Es gibt natürlich Compilations mit 10 Beats von 10 verschiedenen Produzenten, die hin und hergeschickt wurden und dann hat man es zusammengewurstelt. Das ist nix, das vergisst man wieder. Ein gutes Album ist für mich wenn man es reinlegen und vom ersten bis zum letzten Track durchhören kann und man sich sogar mit den Tracks anfreunden, die nicht im eigenen Geschmack sind. So mit dem Album wachsen. Das wünsche ich mir auch für mein Album.

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