Curse – Mein nächstes Album wird alle vor den Kopf stossen

DE-Rap

Zehn Jahre ist es nun schon her, seit mit „Feuerwasser“ das erste Curse Album erschienen ist. Egal ob in der Zwischenzeit
Spass-, Jiggy- oder Gangstarap in Mode war, Curse hat immer an seinem Soundentwurf festgehalten und diesen über die Jahre und fünf Alben hinweg verfeinert. Wenn er seinen Sound schlicht als Curse-Musik betitelt, wirkt das nicht vermessen,
sondern ist ein Zeichen dafür, dass er seine ganz eigene Nische erschaffen hat. So erscheint es auch nicht widersprüchlich, wenn er sich mit Silbermond im
Stadionpop versucht und andererseits mit Kool Savas locker ein paar Bars spittet. Auf seinem neuen Album, das komplett mit dem schwedischen Produzenten Jimmy Ledrac entstanden ist, will er nun in eine völlig neue Richtung gehen.

Die Juice bezeichnete dein Album „Freiheit“ als
das mutigste deutsche Rap-Album seit Jahren. Hat es auch Mut gebraucht, ein solches Album zu machen?

(überlegt) Natürlich
braucht es Mut. Immer wenn man etwas macht, das nicht in aktuelle Sachen
reinpasst, muss man eine gewisse Portion Eier haben. Aber es war nicht so, dass
ich zuhause vor den Spiegel stand und allen Mut zusammengenommen habe. Ich traf
diese Entscheidung, hatte bock darauf und es war mir scheissegal, was sonst
gerade passiert im deutschen HipHop. Ich wollte mich nicht an anderen Alben,
anderem Sound oder sonstigen Vorkommnissen orientieren, sondern einfach das
machen, was ich will. Dabei ist dieses Album herausgekommen.

War es für dich auch einfacher, diesen Schritt
zu wagen, mit dem Wissen, dass die Leute auch bereits Songs wie „Und was ist
jetzt“ sehr gut aufgenommen haben?

Eigentlich ist dies
schon seit dem ersten Album klar, wo ja auch Songs wie „Wahre Liebe“ drauf
waren. Auf „Von Innen nach Aussen“ gab es Tracks wie „Viel Leichter“ oder „Wüstenblume“, welche die Leute besonders gefeiert haben. Von daher hatte ich
gar keine Angst. Natürlich ist es mit jedem Album wieder neu und die Leute, die
„Und was ist jetzt“ feierten, mögen vielleicht „Bis zum Schluss“ nicht. Aber
ich mache mir nicht allzu viele Gedanken, wer was gut findet. Sobald man damit
beginnt, macht man keine Musik mehr für sich selbst, sondern dafür, dass andere
Leute es vielleicht gut finden. Dabei entsteht meistens nur Scheisse.

Du hast mal sinngemäss gesagt, dass du das
Bindeglied zwischen der HipHop-Szene und dem normalen Musikkonsumenten bist,
der einfach nur gute Musik hören will ohne sich irgendeiner Szene verschreiben
zu müssen.

Habe ich das Mal
gesagt? Ich denke, ich habe gesagt, dass ich mich über jeden bei meinen
Konzerten freue, egal was er sonst für Platten hört. Ich gehöre nicht zu denen,
die keine Leute bei den Shows wollen, die Rockmusik hören. Ich freue mich über
jeden, der Curse-Musik hören will.

Denkst du es ist trotzdem möglich, dass Rap-Musik ein fester Teil der Gesellschaft wird, wie man es z.B. aus Frankreich
kennt?

Das ist doch in
Deutschland längst der Fall. Jetzt nicht unbedingt wegen mir, sondern hauptsächlich
wegen Bushido und Sido. Die sind ja beide sehr viel mainstreamiger als ich, da
sie mit ihrer Art die Medien viel mehr ansprechen. Bei mir kann man nicht nur
die Musik anhören, sondern man muss auch immer noch bock haben, sich über ein
paar Texte Gedanken zu machen. Natürlich kann man auch nur die Musik geniessen
– wenn man sich aber einfach nur berieseln lassen will, dann ist eine Curse Platte wohl nicht das richtige. Bushido oder Sido, um jetzt nur die
prominentesten Beispiele zu nennen, sind hingegen viel zugänglicher für viele
Leute. Auch durch Acts wie die Fanta 4 oder Fettes Brot hat sich HipHop total
in der Gesellschaftsmitte verankert. Beim Kölner Karneval gab’s zum Beispiel
eine Kapelle, die „Was geht ab“ von Frauenarzt gespielt hat. Man merkt schon,
dass HipHop angekommen ist, wenn es auf Mallorca oder auf dem Zeltfest läuft.
Das war einfach eine Entwicklung der letzten zehn Jahre.

Befürwortest du denn diese Entwicklung?
Es ist mir ehrlich
gesagt scheissegal. Manche Sachen finde ich gut, andere nicht. Vor zwanzig
Jahren habe ich mich gefreut, wenn ich auf der Strasse noch jemanden in
Baggy-Pants gesehen habe, oder im Radio mal ein Rap-Song lief, selbst wenn es
nur die Fanta 4 waren. Heute schaltet man den Fernseher ein und kriegt die
ganze Zeit deutschen Rap um die Ohren. Das ist eigentlich genau das, wofür ich
und viele andere die letzten 20 Jahre Musik gemacht haben.

Dann müsstest du dich ja aber eigentlich
freuen!

Genau, jetzt ist es
passiert und alle regen sich darüber auf. Ich bin da halt kritisch und muss
nicht unbedingt mitmachen.

„Freiheit“ stand ja auch exemplarisch für dich
und deine Musik. Du wolltest loslassen und nicht mehr an irgendwelche
Erwartungen gebunden sein, die dir sogar etwas die Lust an der Musik genommen
haben. Mit etwas Abstand: Hast du dies erreicht?

Total! Ich habe
einfach das gemacht, worauf ich bock hatte und das fühlt sich immer noch sehr
gut an. Ich werde das auch weiterhin durchziehen. Das nächste Album wird
überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was die Leute von mir erwarten.

Trotzdem dürftest du nun mit neuen Erwartungen
konfrontiert werden, da dich durch den Song mit Silbermond eine neue Zielgruppe
auf dem Schirm hat.

Das denke ich nicht. In
der Popwelt wurde der Song mit Silbermond nur als One-Hit-Wonder angesehen. Es
wäre eine Illusion zu glauben, dass alle Silbermond-Fans nun sehnsüchtig auf
ein neues Curse Album warten. Die Single hat super funktioniert und war in den
Top 10, trotzdem habe ich nicht plötzlich wahnsinnige viele Silbermond- oder
Popfans bei meinen Konzerten. Viele denken auch, dass ich einfach ein Rapper bin,
der auf einem Silbermond-Stück mit drauf ist. Wenn ich mich wirklich in der
Popwelt hätte festsetzen wollen, hätte ich nach „Bis zum Schluss“ vielleicht
„Freiheit“ mit Westernhagen auskoppeln und dann noch eine Single mit Wir sind
Helden haben sollen.
Dann hätten es die
Leute vielleicht richtig wahrgenommen. Es geht aber nicht so einfach, dass man sich
mit einem Song in der Popwelt etablieren kann.

Mit einer solchen Singleauswahl wärst du wohl
in einer ganz falschen Schublade gelandet.
Ich bin in keiner
Schublade zuhause und jeder, der mich in eine reinstecken möchte, hat sowieso Unrecht.
Es könnte mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht weniger interessieren, was die Leute
von mir erwarten. Mein nächstes Album wird komplett alle Leute vor den Kopf
stossen.

Ich nehme an, dass du das noch nicht
konkretisieren kannst?

Dieses Jahr feiert
mein Debütalbum „Feuerwasser“ sein zehnjähriges Jubiläum. Anlässlich davon wird es ein Special in der Juice (Anm.: eine EP mit unveröffentlichtem Material) und
auch einen Event geben. In diesem Rahmen werden wir auch ein, zwei neue Sachen bekanntgeben. Am 16. April ist es soweit, checkt dann www.theachtungachtung.com.

Die neue Platte soll ein Gemeinschaftswerk mit
dem schwedischen Produzenten Jimmy Ledrac werden. Vielen dürfte der Name kein
Begriff sein, stelle ihn doch bitte unseren Lesern vor!

Jimmy Ledrac hat in
den frühen 2000ern ein paar Hits in Deutschland produziert. Was wir nun
zusammen machen, hat aber gar nichts mit dem zu tun, was er früher gemacht hat.
Die Platte hat nichts mit Curse und Jimmy Ledrac zu tun – andererseits aber doch wieder super viel.
Mehr sage ich nicht ohne meinen Anwalt.

Ende vergangenen Jahres standest du wieder mit
dem Prestige-Projekt auf der Bühne. Uns Schweizer interessiert es natürlich, ob
das nur eine einmalige Angelegenheit war, oder ob man vielleicht sogar
irgendwann ein zweites Album erwarten darf.

Wir haben bock drauf!
Eigentlich hatten wir uns bereits verabredet, doch die Jungs haben es platzen
lassen. Greis hatte es vergessen und war krank, Taz musste arbeiten und Claud
hatte was anderes vor. Der eine hat Zahnschmerzen, der andere muss mit dem Hund
Gassi gehen und so kommt halt immer etwas dazwischen. Im Endeffekt ist es so,
dass das erste Album entstand, weil wir alle miteinander gechillt haben und dabei
dann die Mucke entstanden ist. Wenn es ein zweites Album gibt, muss das wieder
genau so entstehen. Das passiert dann halt irgendwann, oder auch nicht. Wir
werden es sehen.

Ein weiteres internationales Projekt, an dem du
arbeitest, ist Diversidad. Da soll ja bald ein komplettes Album erscheinen.
Erzähl etwas mehr von diesem Projekt!

Die Idee kam von
einigen Franzosen, u.a. von Akhenaton von IAM. Sie wollten einen Song mit MCs
aus 15 verschiedenen europäischen Ländern machen und einige Festivals spielen.
Das haben wir vor zwei Jahren gemacht und es gefiel allen Beteiligten so gut,
dass man sich entschied, in die zweite Phase zu gehen. Nun wird es ein
komplettes Album und eine Tour geben, ausserdem wird eine Kunstausstellung die
Tour begleiten. Das alles wird 2011 und 2012 stattfinden. Wir waren soeben in
Belgien und haben tatsächlich mit rund 16 Künstlern aus ganz Europa in zehn
Tagen ein komplettes Album aufgenommen. Ich bin nicht nur als Rapper beteiligt,
sondern auch der Executive Producer der Platte. Das heisst ich habe die
kreative Koordination und Konzeptionierung übernommen.

Ich habe mir den Trailer des Projekts
angeschaut und Leute wie Akhenaton, Shurik’n oder Promoe, die anfangs dabei
waren, fehlen nun.

Wir wollten
absichtlich beim zweiten Mal auch andere Leute dabei haben. Akhenaton hätte
eigentlich mit mir und dem Produzenten Spike Miller als ausführender Produzent
dabei sein sollen. Akh ist aber wegen seinem Buch und den Shows mit IAM zu
beschäftigt.

Du hast gemeinsam mit Roey Marquis das
Instrumentalalbum „Zumo Breaks“ veröffentlicht, bei Diversidad bist du
ebenfalls hinter den Kulissen tätig. Willst du vermehrt auch diese Rolle
einnehmen?

Auf jeden Fall. Neben
der Diversidad Sache war ich auch bei dem Kinofilm „Bis aufs Blut“ der Co-Executive
Producer für den Soundtrack. Bei dem Album von Larissa Sirah, die oft mit mir
auf der Bühne stand, bin ich ebenfalls Executive Producer und mache das
Songwriting. Momentan mache ich auf Anfrage viel Songwriting für Rock- oder
Popacts. Ich warte eigentlich nur darauf, bis die Schlager-Heinis mal anfragen.
Das würde wohl richtig Spass machen, solche Schlager-Texte zu schreiben.

Texte auf diesem Niveau zu schreiben wäre wohl
ziemlich leicht.

Ehrlich gesagt ist
die ganz stumpfe Scheisse immer am schwierigsten. Man muss förmlich seine
niedrigsten Instinkte ausbuddeln. Zurück zum Thema: Ich habe schon vor ein paar
Jahren gemerkt, dass es mir Spass macht, im Hintergrund zu wirken. Als ich noch
mein eigenes Label hatte, war ich schon für die Alben von Italo Reno, Germany,
DJ GQ und Stress & Trauma als Executive Producer tätig. Nun ist aber
einfach der Punkt gekommen, wo ich dafür auch bezahlt werden will. Früher war
es einfach für den Spass an der Freude.

Alles Real Records existiert nicht mehr, wie
ziemlich alle von Rappern gegründeten Indie-Labels. Siehst du dies als Krise
oder eher als Gesundschrumpfen?

Die Jungs, die bei meinem
Label gesignt waren, sind mittlerweile Väter geworden, machen andere Sachen,
gehen arbeiten und ich konzentriere mich auf andere Dinge. Zudem arbeite ich
nicht mehr mit meinem damaligen Manager, mit dem ich das Label aufgebaut hatte
und Busy konzentriert sich vor allem aufs Mastering. Es wäre daher unnatürlich
gewesen, das Label künstlich am Leben zu halten. Ich sprach auch mit allen
Jungs und sie waren ebenfalls der Meinung, dass es keinen Sinn macht. Die
gesamte Entwicklung würde ich weder als Krise noch als Gesundschrumpfen
bezeichnen. Unter dem Strich spielt es keine Rolle. Savas macht trotzdem noch
mit seinen Leuten Musik. Alle Künstler, die bei Optik waren, sind auf „John
Bello 3″ drauf, mit dem einzigen Unterschied, dass er nun nicht mehr für sie
arbeitet. Ich sehe Italo Reno und Germany weiterhin regelmässig. Auch dass es Aggro
nicht mehr gibt, ist nicht weiter schlimm. Die Leute, die wirklich gut sind und
weiterhin Mucke machen, werden auch irgendwo anders unterkommen. Ich glaube
nicht, dass es den grossen Lauf der Geschichte sonderlich aus der Bahn werfen
wird.

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