Dendemann – Rap und Rock waren mal richtig dicke Kumpels

Int. Rap

Liebes Logbuch: Seine Rohheit Dendemann hat den Raumhafen HipHop vorübergehend verlassen. Aber mal Hand aufs Herz; hat man seine Entwicklung über die letzten Jahre aus der Vogelperspektive mitverfolgt, ist dies keine übermässige Überraschung. Der Lieblingsmensch aller Anhänger der gepflegten Wortjongliererei schlägt auf seinem erst zweiten Soloalbum „Vom Vintage verweht“ neue, rockigere Töne an. Einige werden nun wohl empört schreien: Sachmagehtsnoch! Für manche ist das Zu Laut, andere finden die Platte Sensationell und feiern Dönertella Versace jetzt schon als Mitarbeiter des Monats. Nach der überraschend heftigen Kritik an den Beats von „Die Pfütze des Eisbergs“, hat Dendemann nun wieder die Volle Kontrolle übernommen. Nach dem Motto Weniger ist mehr hat er mit drei Musikern ein Album aufgenommen, das so richtig Lärm macht und Gut und Gerne als Huldigung an die Achtziger verstanden werden darf. Doch keine Sorge: An den Feiertagen, wie zum Beispiel dem Vatertag, wird der erfahrene Nesthocker gerne zurückkehren, um allen ein Frohes Neues zu wünschen. So siehts aus!

Bei unserem letzten Interview sagtest du, dass es eine Initialzündung gebraucht hat, damit du richtig mit „Die Pfütze des Eisbergs“ beginnen konntest. Gab es bei der neuen Platte auch einen speziellen Auslösemoment?

Rückwirkend gar nicht. Die Richtung des Sounds schwebt mir schon seit etwa drei Jahren vor. Vor zwei Jahren habe ich mit dem gleichen Team den Song „Abersowasvon“ gemacht, der als Studio-Bonus-Track auf meinem Live-Album zu finden war. Der deutete ja schon an, in welche Richtung es geht. Bei der neuen Platte war es mir wichtig, einen roten Faden zu haben, ohne dass es jetzt zu konzeptionell sein soll. Ich hatte ja das Problem, dass ich auf Rap und Rock stehe und in den letzten Jahren hat diese Mischung zu Hunderten von misslungenen Versuchen geführt. Mir sind nur zwei gelungene Beispiele aus den Neunzigern eingefallen, nämlich Rage Against The Machine und der Judgement Night Soundtrack. Aber wie war es denn eigentlich zuvor? Mitte der Achtziger waren Rap und Rock richtig dicke Kumpels, hatten von Crossover noch nichts gehört und hielten dies wahrscheinlich für eine Graffiti-Vokabel. Ich hatte bislang nie eine Platte gemacht, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzt, sondern immer nur Neunziger-Reminiszenzen. Ausserdem finde ich diese Musik einfach wahnsinnig energetisch. Nicht weil sie gebrüllt ist, sondern einfach weil sie sehr energetisch vorgetragen wurde, egal ob jetzt von Public Enemy, Kool G Rap oder Run DMC. Dies schienen mir brauchbare Assoziationen für das, was ich machen möchte. So entwickelte es sich, dass ich richtig Lust darauf bekam, Krach zu machen und eine Platte den Achtzigern zu widmen. Zumindest für mich selbst – wie man das nun hört, sei dahingestellt. Ich wusste also, in welche Richtung die Musik gehen soll und habe dann im Prinzip zwanzig Plastik-Beats auf dem Schoss gemacht, mit Plastik-Gitarren und 808-Drums – also einfach so, wie man in dieser Zeit produziert hat, aber mit anderen, sehr viel schnelleren und vermeintlich rockigeren Rhythmiken. Ich liess dies dann von einer dreiköpfigen Band einspielen, habe mich daneben gestellt, nahm meine Raps live mit der Band auf und der beste Durchgang ist dann das Stück, das auf der Platte zu finden ist.


Du sagst, dass du den musikalischen Faden mit Einflüssen aus den Achtzigern schon länger im Kopf hast. Begleitet dich diese Musik auch schon länger, obwohl du eigentlich noch zu jung bist, um damit aufgewachsen zu sein?

Richtig konkret habe 1988 angefangen HipHop zu hören. Die Hits wie „Walk This Way“ oder „No Sleep Till Brooklyn“ hat man natürlich mitgekriegt und später dann nachgeholt und verstanden, im Gegensatz zu vielen Platten, die man später verschlafen hat. Es gibt viele Platten von Anfang der Neunziger, die ich nicht auf dem Zettel habe und die ich nicht mehr nachholen kann. Bei den Achtziger Sachen war es anders; das war eine völlig neue Musikrichtung, was die Welt ja auch so gesehen hat. Ich fand es hinsichtlich meiner grossen Live-Stärke und meiner vermeintlichen Studio-Schwäche eine gute Idee, mich einfach ins kalte Wasser zu schmeissen. Ich hatte bei den Studiosessions nicht unendlich viele Versuche und wenn die Band tight war und man selber verkackt, ärgert man sich halt richtig. Es gibt dann kein Zurückspulen. In dieser Ernstsituation kamen wir dann auf dieses Energielevel.

Für mich ist die Platte nach dem ersten Mal hören eher gewöhnungsbedürftig und ich kann mir vorstellen, dass es vielen deiner Fans so geht. Nimmst du es in Kauf, dass du deine Fans ein bisschen vor den Kopf stösst, du dafür aber die Möglichkeit hast, viele neue Hörer dazuzugewinnen?

Ich stosse meine Fans doch jedes Mal vor den Kopf. Ich konnte durch meine Festival-Präsenz in den letzten Jahren ganz viele neue Fans dazugewinnen. Seit Jahren ist es für mich einfacher, einen guten Slot bei einem Rockfestival zu kriegen, als bei einem HipHop-Festival. Ich denke die Veranstalter erkennen, dass, wenn sie mich für ihren „Urban-Bereich“ buchen, ich noch viel mehr damit abdecken kann. So entwickelt es sich halt, dass ich bei diesen Festivals nicht mehr im Zelt, sondern auf der zweiten Bühne spiele. Auch bei meinen Support-Geschichten für die Beatsteaks oder Grönemeyer wurde mir wieder bewusst, dass ich schon immer Fans aus ganz vielen anderen Lagern hatte. Es kam einfach das Bewusstsein, dass ich diese nicht nur als schöne Begleiterscheinung meiner HipHop-Fans ansehe, sondern auch als ganz wichtige Basis, für jemanden der deutschsprachige Musik macht. Ich habe aber generell überhaupt nicht das Gefühl, dass ich mit der neuen Platte irgendeinen HipHopper vor den Kopf stossen könnte. Denn je nachdem wieviel Erfahrung man auf dem Buckel hat, ist das eine unglaublich hiphoppige Platte. Für mich war es einfach an der Zeit, noch konsequenter zu zeigen, dass ich genau weiss, was ich will. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass ich mir im Rahmen der Promotion für das neue Album oft anhören musste: Was war zuerst da, der Style und die Frisur oder die neue Platte? Da kriegst du natürlich die Krise. Mein Gott, ich bin auch nur ein Mensch und man entwickelt sich. Man kauft eine Jacke, die einem besser gefällt als die alte und trägt sie.

Dir hat es aber nicht nur die Musik, sondern auch die ganze Ästhetik der Achtziger sehr angetan!

Es hat sich alles einfach so ergeben. Angefangen hat es eigentlich mit dem Cover. Vor zwei Jahren erzählte ich meinem Grafiker von der Idee für das neue Cover. Ich wollte das Reimbuch in die Digitale bringen, es auf die Seite drehen und so aussehen lassen wie ein MacBook, das man aufklappen kann. Irgendwann machte es aber keinen Spass mehr, nur auf der Apple-Sache rumzureiten und ich wollte Widersprüche reinbringen. So fing es an, sich mit Commodore zu mischen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass Vintage ein wahnsinnig abgedroschenes Wort ist. Jedoch ignoriert dieses Wort ein ganz wichtiges Missverständnis komplett, nämlich die Definition: Ist das nun antik, oder fake-antik? Beides! Obwohl das eigentlich nicht geht und dies zwei Sachen sind, die vom Kunstanspruch her komplett gegeneinander wirken. Normalerweise ist etwas alt und noch gut erhalten, oder man hat etwas absichtlich auf alt gemacht. Alles was im Rahmen dieser Platte passiert, funktioniert auf dieser Basis. Deshalb kann ich die Platte auch analog aufnehmen und überhaupt keinen Widerspruch darin sehen, sie digital zu mischen. Unter der Vintage-Flagge war eigentlich alles erlaubt.

Wie sehr hat dich eigentlich die Kritik an den Beats von „Die Pfütze des Eisbergs“ ins Grübeln gebracht?

(überlegt) Mehr als du wahrscheinlich denkst. Das war ja die erste Platte seit ich Musik veröffentliche, bei der ich mich aus der Produktion rausgehalten habe. Das Problem ist, dass ich auch heute noch ganz genau weiss, wieso ich die jeweiligen Beats gewählt habe. Wenn ich nochmals eine solche Platte machen würde, würde ich sehr wahrscheinlich wieder die gleiche Art Beats auswählen. Ich hatte auch damals eine ganz wichtige HipHop-Idee und zwar das Gefühl der Neunziger, bloss ohne Samples zu erzeugen. Ein Schlüsselbeat war sicherlich „Beautiful“ von Masta Ace, der einfach gezeigt hat, dass man auch so etwas wie Synthie-Soul machen kann. Ich dachte mir, dass ich damit wieder eine neue, interessante Sache anbieten könnte. Das ging aber komplett in die Hose, ich musste noch nie so viel Kritik für Beats einstecken.

Was ich ehrlich gesagt nicht verstehen kann.

Ich auch nicht. Fakt ist, dass wir aber gemerkt haben, dass die Beats live nicht genügend Druck haben. Der Platte fehlt irgendeine Frequenz, die sie auch wirklich livetauglich gemacht hätte. Mit der Zeit verschwanden dann immer mehr Beats und wurden durch Ami-Platten ausgetauscht.

An der neuen Platte hast du nun mit Moses Schneider gearbeitet, der sonst für Bands wie die Beatsteaks oder Tocotronic produziert. Wo liegt der krasse Unterschied zwischen der Arbeit mit ihm und der Zusammenarbeit mit einem HipHop-Producer?

Der erste Punkt liegt in der Definition des Produzenten. Denn der HipHop-Produzent ist zumeist einfach derjenige, der den Beat macht. Die Beats auf „Vom Vintage verweht“ habe aber ich gemacht. Moses hingegen ist wirklich genau das, was man unter einem Produzenten versteht. Deshalb ging ich auch vor eineinhalb Jahren zu ihm und habe ihn gebeten, für die neue Platte mein Rick Rubin zu sein. Ich hatte meine Vision und brauchte jemanden, der die Erfahrung mit der Aufnahme mitbringt. Bei der ersten Vorbesprechung fragte er mich, was mir für eine Instrumentalisierung vorschwebt. Ich wusste genau, dass ich drei Leute brauche: Einen Gitarristen, Drums und Klavier. Aber kein E-Piano oder sonst was, sondern ein richtiges Klavier, das per Mikrofon abgenommen wird. Dazu eine Kiste wie den Moog für die Dosenbässe. Ich wollte nur synthetische Bässe, verzerrte Gitarren und Drums. Die Drums sollten ausserdem einen Eigenhall wie bei AC/DC haben. Moses wusste daraufhin sofort, welche Musik er ins Studio holt. So haben wir die Platte in zwei Mal fünf Tagen durchgedroschen. Zwischendurch liessen wir dann trotzdem Mal meine 808-Drums drin und es wurde noch ein bisschen Keyboard eingespielt, aber sonst nahmen wir alles in der erwähnten Konstellation auf. Wegen meinem Wunsch mit dem Hall von den Snares nahmen wir in einem grossen Studio auf und Moses platzierte in jedem Winkel Mikrofone, die den Hall abnehmen. Auch sonst hat er einige spezielle Methoden bei der Aufnahme. Als ich einem befreundeten englischen Produzenten die Platte vorspielte, fragte dieser, ob Moses nicht der Typ sei, der die Bassdrum durch die Boombox jagt. Das ist tatsächlich so, auch wenn man es vorerst gar nicht merkt und man einfach eine riesige Box vor dem Schlagzeug rumstehen sieht. Irgendwann entdeckte ich dann, dass in der Mitte dieser Box ein Tapedeck drin steckt. Der Ghettoblaster steht vor der Bassdrum und daneben ein Mikrofon, das den Klang abnimmt. An den Aufnahmen mussten wir nur noch sehr wenig rumschrauben. Was man auf der Platte hört, ist ziemlich genau das, was wir im Studio aufgenommen haben.

Du hast erwähnt, wie wichtig die Live-Shows für die Platte waren. Denkst du, dass es das Album so nicht geben würde, wenn du nicht die Möglichkeit gehabt hättest, grössere Shows zu spielen und auch vor anderem Publikum?

Die Grönemeyer Tour war die Initialzündung für meine Live-Shows. Bis dato hatte ich immer mit DJ’s gespielt. Bei dem Support für Grönemeyer war aber klar: Willst du es machen und wenn ja, willst du mit deinem DJ der Stadionsprecher sein oder mit einer Band als Support spielen? Für mich war das aber kein grosser Sprung, da mich die Musiker, mit denen ich unterwegs bin, schon vor vier, fünf Jahren als Gast-MC für ihre Konzerte gebucht hatten. Nach der ersten Show vor Grönemeyer war ich dann versaut. Denn wenn man ein bisschen rappen kann, ist ein guter Schlagzeuger schon ein Gedicht. Mit DJ bleibt es halt Halbplayback, der Pegel ist immer derselbe und man kennt das Arrangement in und auswendig. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich aus der MC-DJ-Geschichte alles herausgeholt habe.

Du hast ja auch den seltenen Schritt gewagt, ein Live-Album zu veröffentlichen. Hättest du dieses im Nachhinein lieber erst jetzt und mit Band veröffentlicht?

Nein gar nicht, das war doch eine Supersache. Ich denke Mal, dass ich auch wieder eines machen werde. Ich bin total froh, dass ich es gemacht habe und auch das Timing war toll, da ich genau rechtzeitig zur Tour mit Grönemeyer noch einen neuen Tonträger hatte. Es hat auch super Kritiken gekriegt.

Du sagst, dass du ein Feind von Wiederholungen bist und dass deine Platten sehr konzeptionell wirken, da du dich dann jeweils in einer bestimmten Phase befindest. Würdest du sagen, dass du ein Mensch, beziehungsweise Künstler bist, der sich sehr schnell in etwas hereinsteigert und dann aber auch ziemlich rasch wieder das Interesse daran verliert?

Kommt darauf an, was man unter schnell versteht. Meine Phasen dauern ja immer so drei bis vier Jahre. Wenn ich darüber spreche, kommt es mir immer viel plötzlicher vor, als es eigentlich ist. Das ist in Wirklichkeit ein ganz schleichender Prozess, der auch sehr langweilig zum Zukucken ist. Deshalb ist es wohl gut so, dass ich immer nur dann aus der Versenkung komme, wenn es wirklich was zu erzählen gibt.

Wenn ich mir anschaue, wie sich Künstler wie Jan Delay, Max Herre, Clueso oder auch du mit der neuen Platte weiterentwickelt haben, bekomme ich das Gefühl, dass in zehn Jahren viele der wichtigsten deutschen Musiker ihren Background im HipHop haben.

Das sehe ich ganz genau so! Es wird natürlich auch andere geben, doch auch die werden eine HipHop-Vergangenheit haben. Also auch eine Rockgruppe, die nie andere Musik gemacht hat, wird die Endneunziger, als sich die deutsche Sprache nochmals massiv veränderte und anders singbar wurde, mitgekriegt haben. Darauf hatte deutscher HipHop einfach einen nicht mehr wegzuradierenden Einfluss. Deshalb wird alles auch irgendwie damit zu tun haben, genau so wie es drüben in den Staaten auch ist.

Abschliessend die schon fast obligatorische Frage, wie es denn im Moment um deine immer etwas schwankende Beziehung zu HipHop bestellt ist?

Eigentlich so, wie im Eröffnungstrack „Nesthocker“ beschrieben. Ich bin ausgezogen aus dem Keller. Das nach viel zu langer Zeit, wie das bei Nesthockern halt so üblich ist. Aber ein wirklicher Nesthocker kommt sowieso an den Feiertagen wieder und meistens auch regelmässig mit seiner Schmutzwäsche, die er noch nicht selbst auf die Reihe kriegt. Wir werden uns also sehen, ich werde mich immer wieder blicken lassen und berichten aus meiner neuen Welt. Überwiegend aber an den Feiertagen, bei den ganzen Trauerspielen muss ich nicht unbedingt dabei sein.

Dann hoffe ich doch, dass heute Abend so ein Feiertag wird!

Auf jeden Fall! Heute ist die Live-Premiere vom neuen Album. Wir haben gestern noch bis halb Zehn geprobt. Und das war auch gut so!

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