Die Fantastischen Vier – HipHop ab 40 ist was Anderes

DE-Rap

Eigentlich haben Die Fantastischen Vier so ziemlich alles erreicht. Von der ersten deutschsprachigen Rap-Crew in den Charts, sind sie zu einer der erfolgreichsten und wichtigsten Bands in Deutschland gewachsen, die auf eine über 20-jährige Karriere zurückblicken kann. Auch wenn sie schon seit Jahren mit dem Gedanken des Rücktritts spielen, erscheint nun ihr 8. Studioalbum „Für Dich immer noch Fanta Sie“. Wie gross das Interesse an den Fanta’s auch heute noch ist, zeigte alleine der grosse Aufmarsch an Journalisten beim Promotag in Zürich. Wir nutzten deshalb die Fahrt von einer Interviewlocation zur Nächsten, um mit Smudo und And.Ypsilon ausführlich über ihr neues Album zu sprechen. Natürlich unterhielten wir uns mit den Headlinern des diesjährigen Openair Frauenfeld auch über ihre Meinung zu HipHop und mit zwei Herren über 40 darf man auch ein bisschen über das Karriereende philosophieren.

Trotz eures jahrelangen Erfolgs habt ihr, wenn eine neue Platte fertig ist, immer gewisse Zweifel. Wie ist im Moment der Gemütszustand?

Smudo: Gewisse Zweifel ist noch untertrieben.
And.Ypsilon: Eigentlich ganz gut. Ich persönlich habe ein gutes Gefühl und denke, dass die Platte uns zu neuen Höhen tragen wird. So wie wir das gemacht haben, ist es noch nie dagewesen.
Smudo: Jetzt ist der Gemütszustand sehr frei. Ganz am Anfang sitzt man vor dem weissen Blatt Papier und fragt sich: Was finden wir denn gut? Was ist frisch? Und eigentlich suckt Rap im Moment sowieso. Deshalb hab ich bei „ Kaputt“ am Anfang auch gar nicht gerappt, sondern nur gesprochen. Wir wollten das Gewohnte schon durchbrechen, denn in Sachen Rap-Musik gibt es, in Deutschland wie auch International, wenig, das mich richtig kickt. Obwohl ich nicht weiss, ob es daran liegt, dass ich so ein alter Schinken bin oder es wirklich so ist, dass diesem Genre die neuen Impulse fehlen. In den zwei Jahren, in denen wir an der Platte gearbeitet haben, sind aber sehr viele Ideen zusammengekommen und ich bin sehr zufrieden. Ich finde die Platte ist sehr vielschichtig und wir haben für uns etwas Neues gefunden. Jetzt sind die Hausaufgaben gemacht, die Platte ist fertig und ich fühle mich grossartig.


Im Promo-Video zum Album bezeichnet ihr „Für Dich immer noch Fanta Sie“ sogar als euer bislang bestes Werk. Das ist angesichts eurer auserlesenen Diskographie eine ziemlich mutige Ansage.

And.Ypsilon: Das habe ich quasi Mal so vorsichtig angedeutet. Ich würde sagen, dass die musikalische Dichte jetzt noch grösser geworden ist, was an der Vorgehensweise liegt. Wir haben rund 300 Demos von unserem Produzententeam geschickt bekommen. Das konnten nur Loops oder auch schon ein fertige Song sein. Aus dieser Masse haben wir dann nur das genommen, was uns auch wirklich inspiriert hat. Das geht als roter Faden durch die Platte und es gibt kein Stück, das mich nicht anspricht. Das ist in dieser Dichte noch nicht dagewesen.
Smudo: Ich finde die Informationsdichte bezüglich Musikalität, Texteinhalte oder auch dem Plattencover sehr, sehr hoch. Das ist schon ein funkelnder Edelstein. Aber natürlich ist diese Aussage sehr subjektiv eingefärbt, da das aktuelle Album immer das Geilste ist. Es ist eine Vermutung und in ein paar Jahren werden wir es dann mit Sicherheit sagen können. Bei „Fornika“ zum Beispiel waren wir auch sehr stolz und ich hätte nicht gedacht, dass die Platte mit der Dauer noch so eine Grösse bekommen würde. Ich habe das Gefühl, dass es bei der neuen Platte noch krasser sein wird.

Ihr habt ja eigentlich schon längst nichts mehr zu beweisen. Trotzdem habe ich bei einigen Stellen auf der Platte das Gefühl, dass ihr nochmals auf euren Status und das Erreichte hinweisen wollt.

Smudo: Der dicke Schuh ist halt unsere Art, den „Wir sind die Grössten“-Rap zu kicken. Wir machen keinen auf „wir sind von der Strasse und down mit den Asi-Brüdern“, sondern fordern dann halt unseren Respekt ein.

Vor dem Album „Viel“ habt ihr euch nach Vorarlberg zurückgezogen. Hat es bei der neuen Produktion auch zuerst eine Phase gebraucht, in der ihr wieder als Band zueinander finden musstet?

And.Ypsilon: Wir gingen auch dieses Mal wieder nach Vorarlberg für den Startpunkt.
Smudo: Eigentlich war die Eifel von Thomas der Startpunkt.
And.Ypsilon: Genau und nach Vorarlberg sind wir dann gegangen, als die ersten Sachen so ein bisschen Gestalt annahmen.
Smudo: Bevor wir eine Platte machen, sind die Themen und Ideen für neue Songs nicht unsere alltäglichen Gedanken. Jeder macht das ein wenig für sich, aber man muss sich in diesen Themengebieten auch bandintern wieder kennenlernen. Wir reden dann wieder über bandrelevante Themen, über die man im Alltag sonst nicht spricht, da die Band dann halt nicht da ist. Es stellen sich grundlegende Fragen wie: Was wollen wir? Was gefällt uns überhaupt? Wir spielen uns dann gegenseitig unsere momentanen Lieblingshits vor. Der Eine entdeckt geraden den alten Ska, der Andere den Jazz oder Thomas hat plötzlich einen richtigen HipHop-Anfall bekommen und ist ständig mit neuen Sachen angekommen und hat auch ganz geile Reime geschrieben. Man muss zuerst wieder eine Sprache zueinander finden, ein paar Sachen besprechen und schliesslich eine gemeinsame Vision finden.

Sitzt da zu Beginn jeweils die Angst vor Wiederholungen im Nacken? Hat man das Gefühl, nach sieben Alben nichts Neues mehr erschaffen zu können?

And.Ypsilon: Genau das ist das Problem.
Smudo: Exakt, da gibt es gar nichts mehr hinzufügen. Vor 15 Jahren fand ich neun von zehn Ideen einfach brillant und eine doof. Schliesslich habe ich dann trotzdem alle genommen. (Gelächter) Heute habe ich zehn Ideen, bei acht habe ich das Gefühl, dass ich es schon Mal gemacht habe und die anderen beiden muss man noch verbessern. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass wir in dieser opulenten Informationsdichtheit einfach einen Kick gesehen haben. „Wenn du mich hasst, dann fick dich. Wenn du mich liebst, dann fick mich“ hätte ich mich selbst vor drei Jahren nicht getraut zu schreiben.

Die Entstehung von „Für Dich immer noch Fanta Sie“ hat zwei Jahre in Anspruch genommen. Wie kann man sich diesen Prozess und die Arbeitsteilung vorstellen?

And.Ypsilon: Jeder Song kriegt im Prinzip einfach das, was er braucht. Gewisse Tracks werden von den externen Produzenten bis zu Ende produziert. Manche Songs wurden von mir oder auch Thomilla weiterproduziert und ergänzt. Jeder Song ist also irgendwie anders entstanden, gemeinsam haben sie nur, dass am Schluss darunter steht: Produced by Die Fantastischen Vier. (Gelächter)
Smudo: Das ist das Einfachste, was man drunter schreiben kann, obwohl es nicht so ganz treffend ist.

Wie ist denn die Aufteilung unter euch Vieren, auch was die Entstehung der Texte angeht?

Smudo: Viele Ideen, welche die Einzelnen haben, sind ja nur einige Zeilen, ein grundsätzliches Thema, oder eine Melodie. Bei „Gebt uns ruhig die Schuld“ hatte zum Beispiel Thomas die Idee für den Refrain. Als er uns das so vorstammelte, entstand dann sehr schnell der Refrain. Dafür dauerte es ziemlich lange, bis der Text gesessen hat. Manchmal entstehen auch gemeinsam einige Zeilen, die nimmt dann jeder mit und schreibt alleine seinen Part zu Ende. Dieser wird dann dem Kollektiv vorgetragen und unter Umständen wieder gestrichen oder neu gemacht. In der Regel ist es so, dass wir gemeinsam die Ideen entwickeln, jeder einzeln seinen Part schreibt, dann das geschriebene Material nochmals in der Gruppe bearbeitet, diskutiert und wieder geändert wird. Meinen Part für „Danke“ habe ich drei Mal neu geschrieben und immer wieder aufgenommen. Die Herangehensweise ist eigentlich bandiger als es früher war. Ganz früher sind wir noch total bekifft vor dem Studio auf dem Bürgersteig gesessen und haben unsere Texte geschrieben. Total peinlich.
And.Ypsilon: Oder total jugendlich. Vieles schicken wir heutzutage auch via E-Mail hin und her. Wir haben also so ein bisschen in der Wolke gelebt.
Smudo: Cloud Computing war für uns eine sehr grosse Hilfe. Die Musik liegt auf irgendwelchen Servern verstreut und dank diesem tollen Telefon kann ich sie von überall her runterziehen. Ich bin dann in irgendeine Kneipe zum Texten, zieh mir die Musik vom Server runter und gleichzeitig bin ich auch noch mit meiner eigenen Musiksammlung verbunden. Das ist schon toll, wenn man überall darauf Zugriff hat. Die Texte schreibt man ins Google Documents rein, dann sitzt du im Studio und alle Anderen sind ebenfalls mit ihrem Laptop da und selbst wenn sie ein, zwei Räume weiter sind, kann ich ihre Änderungen sofort sehen.

Die Platte ist musikalisch sehr breitgefächert. War das eine bewusste Entscheidung, oder entstand dies einfach während der Produktion?

And.Ypsilon: Es war nichts geplant, wir haben schlicht ohne stilistische Vorgabe die Tracks gewählt, die uns am meisten inspiriert haben. Es waren auch ein paar Tracks dabei, wo ich mich zuerst daran gewöhnen und eine neue Sichtweise bekommen musste, um zu verstehen, was damit überhaupt gewollt wird. „Für immer zusammen“ und „Danke“ waren zwei Beispiele, die ich zuerst ganz schön weit draussen fand für mein Verständnis von Fanta4-Musik. Das macht aber nix, denn wir definieren immer wieder neu, was Fanta4-Musik ist. Schlussendlich bin ich nun auch sehr glücklich mit diesen Songs, da wir damit die Bandbreite aufs Neue verbreitert haben.

„Danke“ war für mich überraschend Rap-lastig. Hast du das als Rückschritt wahrgenommen?

And.Ypsilon: Mir war das Instrumental ein bisschen zu amerikanisch, zum Beispiel diese hochgepitchte Stimme musste meiner Meinung nach nicht unbedingt sein. Aber ich sah schon auch, dass der Track einfach was hat. Er ist eben doch speziell und nicht so gewöhnlich, wie ich es zuerst gedacht habe.

Ihr habt in Interviews schon des Öfteren laut über einen Rücktritt nachgedacht.

And.Ypsilon: Machen wir das nicht schon seit zehn Jahren?

Im Laufe eurer Karriere habt ihr schon sehr vieles richtig gemacht, es fehlt dann praktisch nur noch der perfekte Abgang. Habt ihr euch schon mal überlegt, wie der ideale Ausstieg aussehen würde?

Smudo: Es ist ähnlich philosophisch, wie wenn man über seinen eigenen Tod nachdenkt. Diese Gedanken machen wir uns schon ab und an. Weniger darüber, wie wir am Besten aufhören, sondern wie schrecklich es wäre, peinlich weiterzumachen. Sind wir überhaupt in der Lage zu erkennen, wann es peinlich wird, oder haben wir ein Team um uns, das uns gut und ehrlich berät? Dieser ständige Pessimismus den wir diesbezüglich haben – wir denken ja schon seit zehn Jahren, dass wir unser letztes Album machen – wird uns schlussendlich womöglich behilflich sein, es doch richtig zu machen und den richtigen Moment selber zu erkennen. Jetzt haben wir aber erst vor einigen Wochen eine neue Platte fertig gemacht. Ich bin sehr froh, dass das Ding im Kasten und so toll geworden ist, aber vorläufig haben wir überhaupt keinen Bock auf ein neues Album.
And.Ypsilon: Es ist nicht daran zu denken wie es in ein, zwei Jahren aussieht.

Ihr vergleicht das Ende der Band schon fast mit dem eigenen Tod. Herrscht da auch eine gewisse Angst vor dem Nichtstun nach dem Karriereende?

Smudo: Absolut! Das ist eine der Ängste, die bei diesem Gedanken hochkommt. Fettes Brot hatten vor ein paar Jahren Mal eine Krise und wollten die Band auflösen. Sie haben dann gefeiert, denn anders kann man so etwas auch gar nicht beenden. Schiffmeister von Fettes Brot ging danach nach Hause, stand am nächsten Tag auf, sass in seinem Zimmer und fragte sich, was er denn nun machen soll. Wir haben nach dem „Unplugged“ Album auch schon Mal getrunken und uns quasi verabschiedet. Obwohl das nun acht Jahre her ist und wir nochmals drei Alben veröffentlicht haben. Man fragt sich schon, was man nach der Karriere machen soll, denn Musik ist sehr identitätsstiftend. Wenn ich nicht mehr Smudo von den Fantas bin, was ich seit Ewigkeiten bin, was bin ich dann? Dann bin ich der Herr Schmidt, zweifacher Familienvater…. (holt tief Luft)

Man hört aber immer, dass du so viele Interessen hast und diese auch ständig wieder wechseln. Das klingt nicht unbedingt so, als ob es dir langweilig werden würde!

Smudo: Langeweile ist auch etwas Anderes.
And.Ypsilon: Es gibt einen Unterschied zwischen Unterhaltung und sinnstiftender Tätigkeit.
Smudo: Ich bin wirklich multiinteressiert und mein leicht entflammbares Interesse für neue Sachen hat mich ja auch mal zur Rapmusik gebracht und zum Wunsch, das mit deutschen Texten zu versuchen. Wir haben uns aber auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt, da hatten wir das gemeinsame Interesse an der Heimcomputerei. Ich bin sehr vielseitig interessiert und als Smudo habe ich die Möglichkeit, viele dieser Sachen auch verwirklichen zu können. Aber ich weiss nicht, ob der pure Hedonismus etwas für mich ist.
And.Ypsilon: Das langweilt doch bestimmt auch.

Ich höre von Künstlern oftmals, dass sie ihre Karriere fortsetzen oder ein Album in eine bestimmte Richtung machen, weil es die Fans so wünschen. Existieren die Fantas auch wegen ihrer noch immer immens grossen Fangemeinde weiter?

Smudo: Der Erfolg ist mit Sicherheit ein Motor für unseren ständigen Output. Ich denke, wenn wir zwei, drei Alben mit stetigem Misserfolg gemacht hätten, hätten wir auch keinen Bock mehr. Erfolg ist ein Top-Motivator. Wenn sich niemand bedankt oder sagt, dass man es gut gemacht hat, dann macht man es auch nicht mehr. Es ist aber nicht so, dass wir es speziell für die Fans machen – wir machen es für uns.
And.Ypsilon: Wir können es auch gar nicht für die Fans machen, denn wir sind nicht die Fans. Ich stecke nicht in ihnen drin und weiss auch gar nicht, was ihnen gefällt. Ich weiss im besten Falle, was mir gefällt.
Smudo: Wenn man ein Fanforum durchstöbert, findet man ganz verschiedene Meinungen. Es liegt völlig im Auge des Betrachters. Schlussendlich muss es uns gefallen. Diese enorme Masse an Fans ist ein Teil des Organismus Fanta4. Ich würde sagen sie sind ein Bein – aber ich könnte auch ohne dieses Bein leben.

Ihr seid neben Jay-Z und Eminem die Headliner am diesjährigen Openair Frauenfeld. Fühlt ihr euch an einem Openair mit fast ausschliesslich HipHop-Acts noch richtig aufgehoben?

And.Ypsilon: Früher spielten wir Festivals, wo nur Heavy Metal-Acts spielten, denn es gab nur solche Festivals. Da fühlten wir uns wesentlich deplazierter als heute bei den HipHop-Acts.
Smudo: Ich bin der Meinung, dass Jay-Z, Eminem, wir und die Festival-Besucher eine grosse Schnittmenge haben. Es ist ja nicht so, dass Bushido, Kurtis Blow und die Fantas spielen, das wäre glaub ich einiges schwieriger.
And.Ypsilon: Ich freue mich auch sehr darauf, Eminem und Jay-Z aus der Nähe erleben zu dürfen. Ich bin natürlich auch privilegiert, wenn ich mir das von der Seite aus neben der Bühne anschauen kann.

Ihr habt eure Wurzeln im HipHop und gehört unterdessen zu den wichtigsten deutschen Bands überhaupt. Eine ähnliche Entwicklung machen auch Künstler wie z.B. Jan Delay, Max Herre oder Clueso durch. Viele dieser Künstler sind oder waren bei Four Music unter Vertrag. Hattet ihr schon damals den Hintergedanken, Künstler zu signen, die dieses Potential mitbringen?

Smudo: Das war unser absoluter Wunsch und das Label war aufgrund der Deals, die wir mit den Künstlern gemacht haben, immer auf lange Dauer ausgelegt. Gerade weil es langfristige Künstler-Pflege und -aufzucht im, nennen wir es Black Music-Bereich, so nicht gab und viele Plattenfirmen in diesem Bereich nicht kompetent sind. Deshalb hatten wir auch immer gute Major-Partner, weil sie wussten, dass die sich dieses Wissen von uns kaufen können. Clueso ist sicher ein Wurf, auf den wir sehr stolz sind. Im kleineren Bereich auch Blumentopf, die eine super Band sind. Schade, dass es Freundeskreis von der internen Sozialaufstellung her nicht geschafft haben, länger etwas zusammen zu machen. Aber Max Herre ist ein toller Songwriter und wer hätte gedacht, dass Clueso und Max Herre Mal zusammenkommen. Das verfolgen wir dann schon mit lustigem Interesse.

Ihr habt aber schon von Beginn weg geahnt, dass diese Künstler irgendwann dem HipHop ein Stück weit entwachsen?

Smudo: Geahnt haben wir es bei Jedem, aber auch bei Vielen, wo es eben genau nicht passiert ist. Wir haben ja nun nur von den guten Beispielen gesprochen.
And.Ypsilon: Natürlich haben wir immer versucht, Künstler mit Potential zu signen und dieses drückt sich dann vielleicht auch durch eine Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit aus.
Smudo: Wenn man ein Demo von einem Künstler hört und ihn dann trifft, sieht man das dem Künstler nicht an und er weiss auch selbst noch nicht, ob er dieses Potential hat. Deswegen ist es auch ein Pferdewetten.

Ihr seht es aber auch so, dass in der Zukunft viele der wichtigen deutschen Künstler ihren Background im HipHop haben?

Smudo: Die elektronische Musik, und im speziellen der Rap, ist seit den Neunzigerjahren so salonfähig, dass es genau so sein wird. Ich sehe es als logische Fortführung des Zeitstrahls der Black Music, wo sich Elemente von Jazz, Funk und Blues immer wiederholen und so wird der Sprechgesang auch immer wieder auftauchen.

Im deutschen Rap hat sich in den letzten Jahren wieder einiges getan. Gangsta-Rap ist eher auf dem absteigenden Ast und viele Labels haben geschlossen. Wie seht ihr den Status Quo?

Smudo: Es stagniert alles ein bisschen. Ich finde es grundsätzlich schon mal gut, dass es einen gesellschaftlich berechtigten Gangsta-Rap in Deutschland gibt. Weil es einem unterpriviligierten Gesellschaftsanteil eine musikkulturelle Plattform gibt.

Ihr habt ja auch Aggro Berlin immer sehr gut gefunden.

Smudo: Sido trifft meinen Geschmack. Ich bin ein ganz grosser K.I.Z. Fan, „Sexismus gegen Rechts“ finde ich unglaublich genial. Mit Bushido kann ich jetzt nicht so viel anfangen, habe aber seine Biographie aus Neugierde gelesen und verfolge das Genre mit Interesse. Ich finde es sehr interessant, wie die New School langsam auch alt wird und zum Beispiel die Alben von Dendemann oder Blumentopf finde ich sehr interessant. Genau wie vor dem Berliner Gangsta-Rap frage ich mich: Was kommt als Nächstes? Gibt es vermehrt eine Singer/Songwriter Komponente oder doch nicht? Gestern habe ich mir ein Demo von Megaloh aus Berlin angehört, was mir so mässig gefallen hat. Das Interessante war, dass die musikalischen Einflüsse wirklich sehr breitgefächert waren. Er hat super-hardcore-Tracks, dann auch Songs mit Patrice mit afrikanischem Flavour. Grundsätzlich wird sich also sicher etwas Neues ergeben. Kürzlich hat mich jemand gefragt, welche Rap-Alben der letzten Zeit ich gut fand. Ich habe dann „Idlewild“ von Outkast genannt, das ja auch schon alt ist. Aber ich habe noch ein Neueres genannt, das ich jetzt aber vergessen habe. Ist schon furchtbar in dieser Internet-MP3-Zeit hat man überhaupt kein Bild mehr im Kopf, nur noch Dateien. Lil Wayne fand ich gut, vor allem „Dr. Carter“ fand ich sehr lustig. Ich wünschte, ich könnte so cool reden wie er. Aber ich beschäftige mich auch einfach viel zu wenig damit. Ich dachte Lil Wayne sei Underground und plötzlich sehe ich, dass er einen Grammy gewonnen hat. HipHop ab 40 ist was Anderes.
And.Ypsilon: Mein liebstes Rap-Album im Moment ist der „Funky-Rap-Ordner“ von Smudo. Das ist aber natürlich eine schöne Sammlung von Old School Liedern. Von den aktuellen Sachen beeindruckt mich Jay-Z wirklich. Aber wir hatten auch nicht sehr viel Zeit, um andere Musik als die Eigene zu hören. Wenn ich Mal ganz locker Musik hören will, dann am liebsten Internetradio, wo ich die Sparten ganz einfach wechseln kann und selber mein DJ bin. Last.fm mit ihren assoziativen Datenbankverweisen ist mir auch sehr hilfreich und zeigt mir immer wieder neue Künstler, die ich sonst nie entdeckt hätte. Ich höre vorwiegend elektronische Musik; viel Ambient aber auch gerne in Richtung Deep House und Techno. Ich bin da aber nicht der Spezialist und deshalb auf gute Verweise angewiesen.

Wenn wir gerade von verschiedenen Musiksparten sprechen: Auf dem Tribute Album haben ja unterschiedlichste Künstler eure Musik gecovert. Habt ihr diese selbst ausgewählt?

Smudo: Bist du verrückt?! (lacht) Es ist ein nettes Geschenk, das unser Manager uns zum 20. Jubiläum gemacht hat und mir gefallen einige der Songs auch. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn man zu Weihnachten von Oma den Pullover geschenkt bekommt, den man dann höflicherweise auch Mal anzieht.
And.Ypsilon: Ein sehr schöner Vergleich. Es war viel Arbeit, alle diese Künstler für das Projekt zu gewinnen und alle Songs pünktlich beisammen zu haben.

Was sind denn eure Favoriten?

And.Ypsilon: Yeti Girls mit „YeahYeahYeah“ find ich ganz gut.
Smudo: Die Covers von „Geboren“ waren auch gut. Die Version von „Troy“ von Scooter war lustig, auch wenn es mir ein bisschen zu wenig Scooter war.
And.Ypsilon: Sie haben eigentlich einen Remix gemacht, es hätte aber mehr H.P. Baxxter sein müssen.

Was euch gar nicht gefällt, werdet ihr mir wohl kaum verraten…

Smudo: Das wäre gemein den Kollegen gegenüber, die das uns ja mit Respekt entgegengebracht haben. Das gehört sich nicht. Mir fällt dieses HipHop-Album einfach nicht mehr ein, ich krieg die Motten.

DE-Rap