Just Blaze – & Alchemist – Die nächste Generation macht die Beats vielleicht mit ihren Gedanken

Int. Rap

Seit über einem Jahrzehnt ist es für einen aufrechten Rap-Fan ein Ding der Unmöglichkeit den Beats von Just Blaze und Alchemist auszuweichen. Von den Rap-Heavyweights über Untergrundhelden bis zu gestandenen Pop-Grössen hat so ziemlich jeder auf die zumeist auf Samples basierenden Beatgranaten zurückgegriffen. Just Blaze erntete seine Lorbeeren als Hausproduzent von Roc-a-Fella. Im Moment hat er mit Jay Electronica’s „Exhibit C“ den Track der Stunde und man darf gespannt sein auf seine Arbeit am neuen Eminem Album „Recovery“. Alchemist’s Aufstieg begann im Dunstkreis von den Soul Assassins, Dilated Peoples und später Mobb Deep, die er alle bis heute mit dem richtigen Material versorgt. Voriges Jahr wirkte er an den von Kritikern gefeierten Alben von Raekwon, Slaughterhouse und La Coka Nostra mit. Auch nach so vielen Jahren im Game und unzähligen veröffentlichten Beats macht es nicht den Anschein, als ob ihre Relevanz demnächst nachlassen würde. Im Rahmen ihrer Soundclash Tour hatten wir die Möglichkeit, sie über ihre Arbeit als Produzenten und ihre anstehenden Projekte auszufragen.

Wie kam es zu der Idee dieser Soundclash Tour?
Alchemist: Ich habe Glückskekse gekauft und auf dem Zettel standen die Buchstaben „JB“. Da musste ich an Just Blaze denken.
Just Blaze: Er hat mir daraufhin eine telepathische Nachricht geschickt. Nun sind wir hier in Europa.


Sehr schön. Das erste Mal habt ihr diesen Soundclash im Rahmen des Red Bull Big Tune in Atlanta durchgeführt. Danach gab es einige kritische Stimmen, die bemängelten, dass Just Blaze die kompletten Tracks spielte, während Alchemist nur auf die Instrumentals zurückgriff. Habt ihr für diese Tour das Konzept angepasst?

Just Blaze: Diese Leute haben nicht verstanden, um was es geht. Wir müssen das Konzept nicht ändern. Wir spielen aber bei jeder Show ein anderes Set und versuchen einfach, unseren Spass zu haben. Man darf diese Veranstaltung auch nicht als Battle verstehen. Wir machen beide grossartige Musik und zusammen legen wir eine tolle Show hin. Es gibt keine Eifersucht – das ist etwas für Mädchen.

Für die Tracks „Soon You’ll Understand“ von Jay-Z und „Hold You Down“ habt ihr beide ein Sample des Songs „Love Theme“ von Al Kooper verwendet. Wer hat es besser geflippt?
Just Blaze: Es geht gar nicht darum, wer daraus den besseren Beat gemacht hat.
Alchemist: Ich erzähl dir, wer es am besten geflippt hat: Al Kooper. Er hat es besser geflippt als wir beide zusammen. Big up Al Kooper!
Just Blaze: Weisst du auch wieso? Weil er das ganze Geld verdient.

Mit dem ersten „Blueprint“ Album kamen die Samples meiner Meinung nach zurück in den Mainstream, was sich nun wieder verändert hat. Was denkt ihr ist nötig, dass samplebasierte Tracks wieder vermehrt eine Rolle spielen?
Just Blaze: Es gibt immer noch viele Songs im Radio, die auf Samples basieren. Im Gegensatz zu früher verwenden wir nicht einfach James Brown, sondern samplen alles mögliche.
Alchemist: „Best I Ever Had“ von Drake war ein sehr grosser Song und er basiert auf einem Sample. Es werden noch immer sehr viele Samples verwendet, jedoch auf ganze andere Art und Weise verarbeitet. Im Prinzip hat sich gar nicht viel verändert.
Just Blaze: „Live Your Life“ von T.I. war ein grosser Hit und er basiert auf einem Sample.
Alchemist: Ein Sample ist nichts anderes als eine Inspiration. Es ist unglaublich, wenn man sich überlegt, wo Just dieses Sample für „Live Your Life“ her hat und was er daraus gemacht hat. Niemand sonst hätte das so machen können. Die Songs die wir hören und von denen wir Samples verwenden, sind im Grunde genommen einfach eine Inspiration für uns.
Just Blaze: „A Millie“ von Lil Wayne basiert auf einem A Tribe Called Quest Sample und Bangladesh hat den Beat gekillt. Die Samples werden heutzutage einfach anders verwendet.
Alchemist: Mal ehrlich: James Brown kann sich bei Eric B. & Rakim bedanken, dass sie mit „I Know You Got Soul“ rauskamen. Rap-Musik bringt alten R&B wieder zurück.
Just Blaze: Absolut richtig. Würden wir das nicht tun, würden die Leute vergessen.

Du hast den Track „Live Your Life“ erwähnt, der auf dem furchtbaren Hit „Dragostea Din Tei“ basiert. Wie bist du auf diesen Track gestossen?
Just Blaze: Wir sind DJ’s und Produzenten, wir kennen die Musik und setzen uns damit auseinander.
Alchemist: Was aussieht wie Ohren, ist eigentlich ein Radar.
Just Blaze: Und dieser Radar ist immer auf der Suche nach neuer Musik von überall auf der Welt.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass du einen solchen Track wirklich magst, wenn du ihn entdeckst. Merkst du sofort, dass du daraus einen dopen Beat machen kannst?
Just Blaze: Eigentlich mochte ich den Track. Er ist natürlich sehr cheesy, aber gut produziert und er hat gute Harmonien. Ohne diese Harmonien hätte ich den Hit für T.I. nicht produzieren können.
Alchemist: Der Chorus ist wahnsinnig eingängig. Der Song war nicht ohne Grund ein Hit.
Just Blaze: Du hasst diesen Song nur, weil du ihn millionenfach gehört hast. Aber als ich den Song zum ersten Mal hörte, merkte ich sofort, dass er wahnsinnig eingängig ist, auch wenn er nicht meinen Geschmack trifft.
Alchemist: Just hat den Teil des Songs verwendet, der ihn inspiriert hat und hat daraus einen rauen Track gemacht, zu dem wir alle abgehen können. Das zeigt doch, dass man alles samplen kann.
Just Blaze: Ich habe einen Song genommen, den viele hassen und habe daraus einen Track gemacht, den alle lieben. Das ist das Schöne an HipHop.

Es gibt Gerüchte, dass du zukünftig vermehrt House-Musik produzieren willst.
Just Blaze: Ich mache ein bisschen von Beidem. Heute rocke ich hier mit Alchemist und morgen hänge ich vielleicht mit A-Trak ab. Musik ist Musik und das Wichtigste ist, dass die Leute dabei eine gute Zeit haben. Von mir aus kann das auch Country Musik sein. Ich würde auch etwas mit Kenny Rogers machen, wenn dabei ein guter Song entstehen würde.

Gibt es eine Musikrichtung oder auch einen Künstler, den ihr nicht samplen würdet? Beispielsweise aus Respekt vor dem Künstler.
Just Blaze: Das Gegenteil ist der Fall: Ich sample jemanden, weil ich ihn respektiere. Solange es gut klingt, gibt es keine Grenzen.
Alchemist: Ich könnte dich jetzt aufnehmen, während du uns Fragen stellst und es in einen Beat integrieren. Man weiss es nie.

Was haltet ihr von der Entwicklung, dass HipHop immer elektronischer wird und sich in Richtung Club-Music bewegt?
Just Blaze: Wir benutzen alle den Computer oder die MPC, also ist doch eigentlich alles elektronische Musik. Kaum einer sitzt selbst ans Schlagzeug und spielt so die Drums ein. „Planet Rock“ war einer der wichtigsten Songs für HipHop und das ist ein sehr elektronischer Song.
Alchemist: Willst du wissen, wohin sich HipHop als Nächstes hinentwickeln wird? Wo immer wir es wollen! Das gilt für Just und mich, sowie für viele andere Künstler, die wir respektieren. Du fragst uns nur aus dem Grund nach irgendwelchen House-Loops, weil Just einen verwendet hat. Sonst würden wir nicht darüber sprechen. Das zeigt die Möglichkeiten, die wir besitzen. Für uns ist das keine Selbstverständlichkeit und wir werden diese Chance packen, um HipHop dahin zu bringen, wo wir es wollen.
Just Blaze: Nachdem wir die Richtung angegeben haben, werden neue Leute kommen, die das Spiel beeinflussen. Genauso, wie es vor uns Künstler gab, die der Musik ihren Stempel aufgedruckt haben.

Früher brauchte man riesige Studios und viel Hardware Equipment. Heutzutage kann man fast alles auf seinem Laptop machen. Wie steht ihr zu dieser Entwicklung?
Just Blaze: Das ist einfach die Technologie, die sich weiterentwickelt. Es ist dasselbe wie damals zu der Zeit, als es noch keine Sampler gab und alles mit Instrumenten eingespielt wurde. Das gilt auch für die DJ’s, die früher 20 Plattenkisten rumschleppen mussten und heute verwenden sie einfach Serato und ihren Laptop. Es muss Fortschritt und Veränderung geben.
Alchemist: Man darf neue Technologien nicht bekämpfen, man muss sie zu nutzen wissen. Als jemand begann mit einem Plattenspieler zu scratchen, war das eine neue Technologie. Viele Leute konnten daraufhin von diesem Fortschritt profitieren. Just ist ein absoluter Tech-Master; er kann mit jeder Maschine umgehen. Wenn eine neue Technologie rauskommt, kannst du darauf wetten, dass er schon weiss, wie man damit umgeht. Ich brauche da immer etwas länger und benötige Zeit, um mich daran zu gewöhnen.
Just Blaze: Du musst bedenken, dass die ersten Plattenspieler keine 1200 waren, die kamen erst in den späten Siebzigern auf den Markt. Als dann die Direct-Drive-Plattenspieler rauskamen, haben die Leute sich diesen Fortschritt zu Nutzen gemacht. Genauso wie wenn wir heute mit Keyboards arbeiten. Die nächste Generation kann ihre Beats vielleicht mit Hilfe ihrer Gedanken machen. Sie schliessen ihr Gehirn ans Logic an und wenn sie an einen Beat denken, ist er auch schon produziert.

Welches ist denn eure bevorzugte Maschine im Studio?
Alchemist: Diese kleine Nische irgendwo hinten in meinem Gehirn, wo all der Weedsmoke hingelangt.
Just Blaze: Ich denke, das wichtigste Tool sind deine Ohren. Man kann mit Fruity Loops oder mit 20 MPC’s arbeiten, wenn deine Ohren nichts taugen, spielt das keine Rolle.
Alchemist: Es geht nicht um die Maschine, sondern darum, wer sie bedient.

Ihr seid beide auf die eine oder andere Art am neuen Eminem Album „Revovery“ beteiligt. Was könnt ihr uns über die Arbeit an dem Album verraten?
Alchemist: Ich habe es leider wieder nicht geschafft, einen Beat zu platzieren, aber irgendwann wird dieser Moment kommen.
Just Blaze: Aber dafür kannst du mit Eminem auf Tour gehen.
Alchemist: Genau, ich bin derjenige der Play drückt und die Beats von Just laufen lässt. Damit muss ich leben.
Just Blaze: Die Zusammenarbeit mit Eminem war gut, schnell und sehr einfach. Wir kamen zusammen, haben sieben Tracks aufgenommen, wovon er drei oder vier verwenden wird. Ich hatte eine gute Zeit mit einem tollen Künstler.

Wie ist der Stand der Dinge bei dem Gangrene- sowie dem Step Brothers-Album?
Alchemist: Ich habe mit Oh No sogar zwei Gangrene Alben aufgenommen. Das Erste sollte im Juli bei Decon erscheinen. Ich kann es kaum erwarten! Evidence wird zuerst sein Soloalbum „Cats and Dogs“ bei Rhymesayers veröffentlichen, das extrem dope geworden ist. Ich bin sehr stolz auf ihn. Nach der Veröffentlichung werde ich mit ihm unterwegs sein und am Step Brothers Album arbeiten.

Können wir Saigon’s “Greatest Story Never Told” auch bald erwarten, da er nun endlich frei ist von Atlantic?
Just Blaze: Hoffentlich. Ich muss unbedingt ein Meeting mit ihm abhalten, sobald ich zurück von der Tour bin. Er hat einige Angebote von Labels auf dem Tisch und wir müssen die Details klären. Nun da er frei ist, kann er die Platte endlich veröffentlichen und damit auf Tour gehen.

Was hat das Vertragsende mit Atlantic für einen Einfluss auf dein Label Fort Knux?
Just Blaze: Keinen, da ich keinen exklusiven Deal mit Atlantic abgeschlossen hatte. Ich kann also tun was ich will und wann immer ich es will.

Du gehörst zu den ersten, die mit Jay Electronica gearbeitet haben. Würdest du Parallelen zu der engen Zusammenarbeit mit Saigon ziehen?
Just Blaze: Absolut, das kann man sehr gut miteinander vergleichen. Beide sind wie meine Brüder. Ich kenne Sai seit sechs, sieben Jahren und Jay Electronica auch schon seit etwa fünf Jahren. Mit beiden Künstlern habe ich sehr eng gearbeitet. Im Moment arbeite ich intensiv an Jay’s Album, das wir independent bei Decon rausbringen werden. Ich werde einer der Executive Producer der Platte sein.

Alchemist, was macht Jay Electronica deiner Meinung nach zu einem der verheissungsvollsten Künstler?
Alchemist: Ich würde ihn nicht Mal als Rapper bezeichnen, er ist einfach nur verwirrend. Er ist wie ein Geist; seine Musik hat Seele und ist einfach einzigartig. Just und Jay haben etwas Magisches zusammen erschaffen. Dass genau „Exhibit C“ ein so grosser Song wurde, liegt einzig daran, dass Just sich entschieden hat, diesen Song eines Abends im Radio zu spielen. Aber jeder andere Track, den die Beiden zusammen gemacht haben, hat ebenfalls das Potential dazu, durch die Decke zu gehen. Jay Electronica ist einfach etwas Spezielles.

Ist auch schon eine Zusammenarbeit geplant?
Alchemist: Ich hoffe, dass Jay Electronica und Just Blaze zusammen ein Album in der klassischen MC-Producer-Konstellation aufnehmen. Sie gehören beide zur Familie, aber ich bin auch ein Fan und will so ein Album hören! Ich rede regelmässig mit Jay und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden wir sicherlich etwas zusammen machen. Aber zuerst warte ich auf das Projekt von Jay und Just. Ich denke das wird etwas Legendäres, das Rap braucht. Man hat ja gesehen, was geschah, als „Exhibit C“ rauskam. Es zeigt, dass die Welt diese Art Musik will. Dass ein solcher Track in New York ein Radio-Hit werden kann, hat meinen Kopf richtiggehend gefickt. Das hat mich an früher erinnert. Just kann diesen Song bei Shade 45 spielen, er verbreitet sich wie ein Waldbrand und nun sitze ich in Europa und rede über diesen Track.

Just Blaze du hast verkündet, dass du an den kommenden Alben von T.I., Rick Ross und Jeezy beteiligt sein wirst. Ihr habt beide schon mit Künstlern aus dem Süden gearbeitet. Ist das eine spezielle Herausforderung für euch?
Just Blaze: Ich arbeite am Album von T.I. und mit Jeezy habe ich einen Track gemacht. Rick Ross muss ich zuerst noch einige Beats schicken, da ich nun hier auf Tour bin, kam ich noch nicht dazu. Die Arbeit mit Künstlern aus den Südstaaten ist keine spezielle Herausforderung für mich. Es geht, wie gesagt, einfach nur um die Musik. Musik ist etwas Universelles. Im Moment bin ich mitten in Europa und lege für die Menschen hier auf. Ich kann in Japan einen Song spielen, keiner versteht den Text und trotzdem feiern alle dazu. So muss das sein.

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