Cypress Hill – Muggs hat uns das Vertrauen geschenkt

Int. Rap

Geht es um Rap von der Westcoast, so denkt man je nach Geschmack an den kommerziell erfolgreichen Gangsta-Rap oder die zahlreichen Untergrund-Kollektive. Cypress Hill haben weder die eine noch die andere Richtung eingeschlagen und sind trotzdem, oder genau deswegen, eine der wichtigsten Rap-Formationen an der Westküste. Mit ihrem unverwechselbaren Sound, geprägt durch die Stimmen von B-Real und Sen Dog, sowie die Beats von Muggs, eroberten sie nicht nur die Herzen der HipHop-Fans, sondern konnten auch einige Rockhörer und natürlich die Sportzigarettenfraktion abholen. Zu Beginn der Neunziger gehörten sie zu den relevantesten Rap-Crews und besonders am Anfang ihrer Karriere münzte sich dies auch in hervorragende Verkaufszahlen um. Auch wenn sie unterdessen nicht mehr Gold- oder Platinscheiben abstauben, haben sie von ihrer Relevanz kaum etwas eingebüsst. Nach „Till Death Do Us Part“ nahmen sie sich eine längere Auszeit, die im Zeichen von diversen Soloprojekten stand. Mit dem neuen Werk „Rise Up“ kamen sie dank Snoop Dogg bei Priority unter und der Einstand beim neuen Label darf als Erfolg gewertet werden. Besonders hierzulande schien der Hunger nach neuer Musik vom Zypressenhügel gross zu sein, enterten sie die Hitparade doch gleich auf Rang 3. Ihre Relevanz untermauerten sie auch mit ihrer Show am Touch the Lake-Festival, wo sie eine starke Performance ablieferten und neben den meisten ihrer Hits auch nicht vergassen, die neuen Tracks dem Publikum vorzustellen. Der äusserst sympathische B-Real hatte sich ausserdem vor der Show Zeit genommen, um über ihr neues Werk zu plaudern.

Ihr konntet mit „Rise Up“ eine sehr erfolgreiche Rückkehr feiern. So hoch in den Charts wie in der Schweiz, wo ihr auf Platz 3 eingestiegen seid, wart ihr aber nirgends. Denkst du, dass es einen speziellen Grund gibt, dass ihr hier in der Schweiz eine solch starke Fanbase habt?
Auf Platz 3, tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Verrückt! Ich habe keine Ahnung, aber ich mag die Schweiz sehr. HipHop ist definitiv am Leben hier. Seit unserer ersten Show 1993 oder 1994 erhalten wir immer eine unglaubliche Reaktion vom Publikum. Das ist nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen anderen Acts so. Das ist nicht überall der Fall und wir wissen das zu schätzen. Gerade als wir die ersten Male hier waren und alles noch völlig neu für uns war. Man sieht wie sich die Szene entwickelt hat und gewachsen ist und trotzdem erhalten wir immer noch dieselbe Unterstützung. Das ist nicht selbstverständlich, besonders nachdem die Fans so lange auf ein neues Album warten mussten.

Wie gesagt war es eine erfolgreiche Rückkehr, jedoch habt ihr in der Vergangenheit Platin und Mehrfachplatin abgeräumt. Musstet ihr die Erwartungen für die neue Platte ändern?
Absolut! Aber ich denke das geht den meisten so, da nur noch eine handvoll Künstler Platin erreichen. Hätten wir uns für „Till Death Do Us Part“ nicht so viel Zeit genommen und wäre die Promotion von Sony besser gewesen, hätten wir eine Chance gehabt, nahe an diese Marke heranzukommen. Aber heutzutage setze ich mich gar nicht mehr mit so etwas auseinander. Es ist grossartig, wenn man Platin erreicht, aber das haben wir alles schon gemacht und wir wissen, dass es sich toll anfühlt. Je mehr Leute die neue Platte mögen, desto besser. Wir wissen aber, dass unsere langjährige Fangemeinde wieder zu den Shows kommen wird. Wir haben folgende Theorie: Wenn unsere treuen Fans gut auf die neuen Songs reagieren, wissen wir, dass es ein gutes Album geworden ist. Wenn die Leute nur bei den Klassikern durchdrehen, ist das Album wohl beschissen. Diese Platte haben wir mit dem Gedanken gemacht, dass wir wieder live spielen, uns wieder mit den Fans verbinden können und ihnen zeigen, dass wir immer noch guten HipHop und auch Rock machen. Alle wollen viel verkaufen, aber wir wissen, dass das in diesen Zeiten enorm schwierig ist, vor allem, wenn man kein Popalbum gemacht hat. Da das bei uns nie der Fall sein wird, muss man die Erwartungen ändern, aber trotzdem dieselbe Energie in die Musik legen und dann auf Tour gehen, um so mit den Leuten zu connecten.

Wie fast auf jedem Album habt ihr einige Rocksongs. Meiner Meinung nach habt ihr aber auch versucht, bei den restlichen Songs eine ähnliche Energie wie bei den Rocknummern zu erzeugen.
Das war ganz genau unser Ziel. Wir haben zuerst an den HipHop-Tracks gearbeitet und bei den Songs, die ich produzierte, habe ich darauf geachtet, dass sie eher uptempo sind. Denn bei unseren letzten Alben waren die meisten Songs eher im mittleren Tempobereich. Nach sechs Jahren Pause hatte ich aber das Gefühl, dass wir nicht mit ruhigen Tracks zurückkehren können. Ich wollte aggressive Songs – raw and gritty! Wir versuchten aber auch, vielseitige Tracks zu machen von schnellen bis langsamen Nummern. Als wir die meisten der HipHop-Tracks im Kasten hatten, widmeten wir uns den Rocksongs. Schlussendlich kam es so heraus, das die HipHop-Tracks genau so energetisch waren wie die Rocksongs, was natürlich grossartig ist.

Wie eben erwähnt, hast du bei den meisten Songs zumindest mitproduziert. So weit ich weiss bist du erst auf deinen Soloprojekten als Produzent in Erscheinung getreten. Wieso hast du dir so lange Zeit genommen, bis du damit an die Öffentlichkeit gingst?
Vor meinem Soloalbum habe ich nur einige kleinere Sachen produziert, zum Beispiel einen Song auf dem letzten Album von Proof. Das war der Track „High Rollers“ mit Redman und Method Man. Ausserdem einen Track für die Kottonmouth Kings, viele der Songs auf meinen Mixtapes sowie auf dem Mixtape von Young De. Ich machte also einige Sachen, fühlte mich aber noch nicht dazu bereit, auch für Cypress zu produzieren. Muggs ist unser Hauptproduzent und einem Vergleich mit ihm konnte ich nicht gerecht werden, denn er ist der Master. Dass ich nun trotzdem die Chance bekommen habe, liegt einzig daran, dass er mir die Möglichkeit dazu gab, da er selber mit so vielen anderen Projekten beschäftigt war. Er hat zwei Tracks produziert und uns sonst das Vertrauen geschenkt. Glücklicherweise fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt auch bereit dazu. Während ich an meinem Soloalbum arbeitete, produzierte ich einige Beats bei denen ich fand, dass sie zu Cypress Hill passen würden und die ich dann zur Seite legte. Schlussendlich sind daraus Songs geworden, die bei den Liveshows gefeiert werden, als ob es einer unserer alten Hits wäre. Das ist genau das Ziel; dass die Leute die neuen Songs genau so mögen, auch wenn sie sie noch nicht so gut kennen. Ich habe fast alles von Muggs gelernt indem ich ihm zugehört und über die Schulter geschaut habe. Diesen Einfluss konnte ich nun dazu nutzen meine Version des Cypress Hill-Sounds zu produzieren. Muggs war dafür eine riesige Inspiration und er ist definitiv einer der meist übergangenen HipHop-Produzenten überhaupt.

Auch wenn Muggs wie erwähnt nur zwei Tracks produziert hat, sind viele Leute der Meinung, dass man auf „Rise Up“ den originalen Cypress Hill Sound zu hören bekommt. Haben die Produzenten speziell Beats angefertigt, die nach eurem Sound klingen?
Die ersten Tracks entstanden alle in meinem Studio. Als wir dann die anderen Producer anfragten, kamen sie zuerst bei uns vorbei und haben sich angehört, was wir bereits aufgenommen hatten. Wir sagten ihnen, sie sollen etwas machen, was ihrer Meinung nach zu uns passt, aber es war uns auch wichtig, dass sie hörten, in welche Richtung es geht. Wir wollten kein chaotisches Album, bei dem jeder Track in eine andere Richtung geht. Es sollte eine geschlossene Platte werden. Genau so hat es auch Muggs immer gemacht: Er hat dafür gesorgt, dass es sich nach einem zusammenhängenden Werk und nicht nach einer Ansammlung von Songs anhörte. Ich denke dieses Ziel konnten wir wieder erreichen, weil wir den Producern zuerst die Richtung aufgezeigten.

Ein Song, der trotzdem aus dem Rahmen fällt, ist „Armada Latina“ mit Marc Anthony und Pitbull, zwei Künstlern, die man nicht auf einem Cypress Hill Album erwartet hätte. Wollt ihr damit auch zeigen, dass es eine starke Latino-Connection in der Musikindustrie gibt?
Ich hätte im Vorfeld auch nicht mit einem solchen Song gerechnet, doch es ist einfach passiert. Wir haben fast auf jedem Album einen Latino-Song: Auf unserem Debüt „Latin Lingo“, später gab es Tracks wie „Latin Thugs“ oder „Tequila Sunrise“ und nun diesen. Schlussendlich ist der Track eher zufällig entstanden. Wir arbeiteten mit Jim Jonsin, der ja ein sehr grosser Produzent ist momentan. Wir waren erst ein wenig skeptisch, da wir noch nie mit einem Producer gearbeitet hatten, der so viele grosse Hits gemacht hat. Wir nahmen mit ihm den Track „Get It Anyway“ auf und danach meinte er, dass er noch einen anderen Beat für uns hätte. Ich hörte den Beat und dachte als erstes daran, wie schwierig oder sehr teuer es werden würde, das Sample von Crosby, Stills & Nash zu clearen. Ich war also wieder skeptisch, vor allem auch, weil der Beat nicht so hart war, wie die anderen Tracks auf dem Album. Sen Dog und ich hatten uns aber vorgenommen, dass wir ohne Vorurteile an dieses Projekt rangehen und auch Neues ausprobieren wollen. Deshalb gaben wir dem Beat eine Chance und haben den Song geschrieben. Jim Jonsin mochte den Track und brachte den Vorschlag, Pitbull zu fragen, da dieser einige Tage später in der Stadt war. Das war für uns kein Thema, er ist ein Homie von uns. Nachdem er seinen Verse aufgenommen hatte, gefiel uns der Track immer besser und wir begannen uns Gedanken über den Chorus zu machen. Niemand hatte jedoch einen Vorschlag, der allen gefiel. Jim Jonsin, Pitbull und Sen Dog hatten dann die Idee, Marc Anthony zu fragen. Jim kannte Marc, da er bereits für Jennifer Lopez produziert hatte. Er rief ihn also an, ich glaubte aber ehrlich gesagt nicht, dass er zusagen würde. Aber er war dabei und entstanden ist ein sehr cooler Song, der viele überrascht hat. Viele unserer Hardcore-Fans mögen den Track natürlich nicht. Aber wir waren schon immer eine Crew, die ihre Chancen wahrgenommen hat, egal was die Leute dachten. Einige Leute können das jeweils nicht nachvollziehen, aber damit kann ich leben. Wir sind Künstler und versuchen immer etwas anderes zu machen. Dieser Song spricht unsere Latino-Fangemeinde an und repräsentiert unsere Herkunft. Gleichzeitig konnten wir mit zwei der erfolgreichsten Latino-Artists arbeiten. Ich war zuerst selber skeptisch, aber nun bin ich sehr glücklich mit dem Track.

Da die Interviewzeit leider schon zu Ende ist noch die letzte Frage: Was können wir von deinen anderen Gruppen „Serial Killaz“ (mit Xzibit und Young De) und dem „Kannabis Kartel“ erwarten?
Das Serial Killaz-Album dürfte anfangs des nächsten Jahres erscheinen und danach folgt möglicherweise ein neues Psycho Realm-Album. Dann soll aber auch schon bald eine weitere Cypress Hill-Platte folgen. Wir haben noch immer sehr viel Musik in uns, die darauf wartet, veröffentlicht zu werden. Wir lieben es, Musik zu machen und es spielt keine Rolle, wie viele Jahre wir schon dabei sind. Es geht nur um die Musik, die man veröffentlicht.
Wir verkaufen vielleicht nicht jedes Mal eine Million Platten, aber es kann zumindest niemand behaupten, wir hätten jemals ein schlechtes Album veröffentlicht.

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