Die Atzen – Die Musik dieser Generation

DE-Rap

Es hätten wohl nur die wenigsten für möglich gehalten, dass die Berliner Untergrundhelden Frauenarzt und Manny Marc plötzlich mit ihrer Atzen-Musik richtig durchstarten. Früher mussten sie sich mit Indizierungen und Gerichtsterminen herumschlagen, heute kann man Hits wie „Das Geht Ab“ oder „Disco Pogo“ kaum noch ausweichen. Für die einen gehören die Atzen auf den Ballermann verbannt, für andere ist es wohl ein Zeichen dafür, dass HipHop eben doch Spass machen kann. Seit zwei Jahren touren sie pausenlos durch den deutschsprachigen Raum mit regelmässigen Abstechern nach Mallorca, immer mit der Mission, gute Laune zu verbreiten. Für die Atzen bedeutet das aber nicht nur Party ohne Ende, sondern ist vor allem auch mit viel Arbeit verbunden. Wir trafen die Berliner Atzen vor ihrer Show am Touch the Lake.

Hier in der Schweiz ist der Begriff Atze noch nicht so verbreitet. Erklärt doch zuerst Mal die genaue Bedeutung.

Manny Marc
: Atze war früher ein Wort in Berlin, das für Bruder stand. Wir haben es dann irgendwann dazu benutzt, Kumpels und Freunde so zu nennen, anstatt Homie oder Brother. Heutzutage sagen alle in Deutschland, meiner Meinung nach auch in der Schweiz und Österreich, teilweise gar in der Türkei, Atze zu ihren Freunden.

Ihr gehört zu den Pionieren im Berliner Untergrund. Bis zum kommerziellen Durchbruch dauerte es aber über ein Jahrzehnt. Gab es Momente, in denen ihr die Musik als Job in Frage gestellt habt?

Frauenarzt
: Es gab schon eine Phase, wo es bei unserem Label gar nicht mehr gut lief. Jedoch nicht nur bei uns, die ganze Musikindustrie ging bergab. Unsere Art der Vermarktung hat zu diesem Zeitpunkt nicht mehr funktioniert und es kamen schon Existenzängste auf. Man fragte sich, ob man etwas Anderes machen müsste, wenn man sich mit der Firma nicht mehr über Wasser halten kann. Wenn es einem schlecht geht macht man aber scheinbar um so fröhlichere Musik. Womöglich ging es der ganzen Gesellschaft so und deshalb hat es dann auch gefruchtet.

Wie ich gelesen habe waren die Indizierungen und Bussen auch etwas, das euch sehr zugesetzt hat.

Frauenarzt
: Durch die Indizierung kamen Retourkosten, was bedeutet, dass man sehr viel bezahlt für die CD’s, die aus den Läden genommen werden. Dazu kam der Umbruch der Musikindustrie: Die Leute kauften plötzlich kaum mehr CD’s und bezogen nur noch Downloads. Wir waren zu dieser Zeit aber gar nicht etabliert in diesem Download-Bereich. Dann kam der Kontakt zu Kontor Musik zustande und sie übernahmen das Projekt Atzen Musik genau so, wie wir es geplant hatten. Das hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt sind.

Ihr seid nicht nur mehrfach auf dem Index gelandet, sondern es gab auch eine 8’400 Euro Busse vor Gericht, was sogar bedeutet, dass ihr wegen der Musik vorbestraft seid. Frauenarzt, du hast mal gesagt, dies sei ein ähnlicher Eingriff, wie wenn man Bücher verbrennen würde. Wo seht ihr den richtigen Lösungsansatz oder anders gefragt; braucht es ein Eingreifen von Staat und Justiz überhaupt?

Frauenarzt
: Das Thema ist eigentlich schon ein alter Hut und betrifft uns kaum mehr. Hier in der Schweiz oder in Österreich gibt es das Thema noch gar nicht. Im Prinzip würde eine Alterbeschränkung, wie bei Filmen, reichen. Es ist schon komisch, dass es beim Visuellen leichter ist als bei der Musik, wo man nur den Ton hat. Wenn ich unter die Musik also Videos legen und es als DVD ab 18 Jahren verkaufen würde, könnte ich dafür nicht bestraft werden. Das Unverständliche an der ganzen Geschichte ist eigentlich die Bestrafung. Man wird behandelt, als ob man eine kriminelle Tat begangen hätte, obwohl man nur Musik gemacht und sich künstlerisch betätigt hat, genau wie wenn man ein Buch schreibt oder Bilder malt. Zum Glück haben wir diese Probleme nicht mehr. Ich habe meine Strafe bekommen und mittlerweile machen wir genau das, worauf wir Bock haben und geniessen Ansehen von allen Seiten. Ich denke die Leute nehmen uns als Künstler auch mehr wahr als vorher.

Ich habe auf eurem Atzenstyle-Shop gesehen, dass ihr nur die neuen CD’s anbietet. Betrachtet ihr die Ära von Atzen Musik als eine zweite Karriere?

Frauenarzt
: Die alten CD’s sind nicht bei diesem Label erschienen, wir haben nun mit Kontor Records fusioniert und einen Joint-Venture-Vertrag mit ihnen. Andererseits sind diese CD’s auch indiziert, wir dürfen sie also gar nicht verkaufen. Wir haben praktisch mit jedem Label wieder von vorne begonnen: Sei es mit Mehr Kohle Records oder Bassboxxx. Das neue Label ist nun Atzen Musik, wo wir mit dem Labelsampler „Atzen Musik Vol. 1“ angefangen und dann den zweiten Teil nachgelegt haben. Nun werden wir die einzelnen Künstleralben rauszubringen, nachdem wir mit den Singles wirklich Erfolg hatten.

Frauenarzt, du hast mitten im kommerziellen Erfolg mit Blokkmonsta das Album „Untergrund“ veröffentlicht und im Juice Interview habt ihr auch betont, dass ihr euch weiterhin als Teil der HipHop-Szene seht. Ist es nicht ein schwieriger Spagat zwischen Ballermann und Untergrund?

Manny Marc
: Eigentlich nicht, denn wir haben ja schon immer Partymusik gemacht und auf Electrobeats gerappt. Wir waren eigentlich auch die ersten, die dieses Miami Bass und Electro-Ding in die Musik einfliessen liessen, da wir früher eigentlich DJ’s waren. Man sollte sich nicht zu sehr einschränken und einfach das machen, worauf man Bock hat. Wir könnten jetzt auch Rock machen, wenn wir wollten. Man sollte das nicht zu eng sehen – Atzen Musik ist einfach alles.

Viele eurer neuen Fans kennen eure alten Sachen nicht und wollen von euch vor allem diese Mitgröl-Party-Songs. Stört euch das nicht, dass viele euch nur auf das reduzieren?

Frauenarzt
: Man sollte auch nicht zu sehr darauf achten, was die Leute wollen. Wenn es einem selber gefällt, wird es auch irgend jemand Anderem gefallen.

Jeder Rapper spricht davon ein Movement loszutreten, ihr habt aber tatsächlich eine enorm treue Gefolgschaft und damit so etwas wie ein Movement ausgelöst. Woher denkt ihr kommt es, dass ihr so enorm treue Atzen und Atzinnen habt?

Manny Marc
: Weil wir einfach ehrliche Musik machen, die aus dem Herzen kommt. Wir sind keine erfundene Band, die sich von der Major-Industrie vorschreiben lässt, was sie zu tun hat. Wir machen fröhliche Partymusik, die auch manchmal etwas provoziert, aber das ist genau, was die Leute haben wollen und der Gesellschaft gefehlt hat. Diese Atzen-Authenz feiern die Leute. Wenn die Fans uns auf der Bühne sehen und merken, dass wir mit Energie, Herz und Power dabei sind, wirkt das ansteckend und sie fühlen genau dasselbe wie wir.

Ihr nennt euch auch die Vertreter des einfachen Volkes. Besteht die Lösung für das einfache Volk also vor allem darin, vor den Problemen zu flüchten in dem sie richtig feiern gehen?

Manny Marc
: Nein, aber einfach mal abschalten ist sicher keine schlechte Lösung. So kann man seine Sorgen einfach wieder mal vergessen, Energie tanken und den Emotionen freien Lauf lassen. Besser als wenn man alles in sich reinfrisst und es nur noch schlimmer wird. Es ist vielleicht so was wie eine Medizin für die Leute – es hilft ihnen zumindest schon sehr. Wenn die Leute zur Arbeit fahren oder deprimiert zu Hause hocken, können sie unsere Musik reinschmeissen und zumindest für einen Moment lachen und gute Laune bekommen.
Frauenarzt: Wir haben auch öfters gesellschaftskritische Sachen, die man zwischen den Zeilen findet. „Alles kotzt uns an, aber heute lassen wir die Sau raus“ ist auch eine Message. Das ist einfach authentisch und viele Leute können sich damit identifizieren, was dann vermutlich auch wieder den Hype ausmacht.

Ihr habt ja jetzt oft auf Mallorca gespielt. Habt ihr keine Angst, dass ihr in zehn Jahren immer noch am Ballermann spielt und die Leute immer nur die gleichen zwei, drei Hits hören wollen?

Manny Marc
: Die Leute wollen immer das komplette Programm hören und sehen, wie die Atzen auf der Bühne ausrasten. Dazu gehören dann natürlich „Das Geht Ab“, „Disco Pogo“ oder „Atzin“. Jeder Track wird übelst gefeiert, es gibt keinen Song der untergeht, weil eine richtige Partykultur zusammentrifft. Die Leute kommen von überall her und haben einfach gemeinsam eine geile Zeit.
Frauenarzt: Das, was du da ansprichst, ist ja nicht nur auf Mallorca so, sondern überall. Wenn Snoop Dogg hier auf dem Festival spielt, wollen die Leute auch seine alten Hits hören. Genau so wollen sie aber auch die neuen Sachen, man muss also eine Best-of-Auswahl treffen. Wenn man nur neue Songs spielt, welche die Leute noch gar nicht kennen, gehen die Fans mit unerfüllten Erwartungen wieder nach Hause. Es gibt schon Künstler die solche Shows spielen, aber wir wissen genau, was die Leute hören wollen und geben ihnen das auch. Songs wie „Das Geht Ab“ und „Disco Pogo“ sind Evergreens, die auch noch in zehn Jahren funktionieren werden – die Frage ist nur, auf was für eine Art und Weise. Mallorca ist aber auch gar nicht mehr viel anders als andere Urlaubsorte. Die Leute wollen einfach Strand, Sonne und Abends in die Disco gehen und eine geile Party machen. Wenn dann die Atzen auftreten ist das dann einfach die Musik dieser Generation.

Ich habe gehört, dass „Disco Pogo“ ursprünglich gar nicht von euch war, der Song aber fälschlicherweise euch zugeschrieben wurde, so dass ihr ihn dann trotzdem aufgenommen und veröffentlicht habt. Wie kam dieser Song genau zustande?

Frauenarzt
: Es ist eine ziemlich verwirrende Story, die schon ungefähr so war, wie du es gesagt hast, aber bis auf den Titel gibt es keinen Vergleich zu diesem anderen Song. Es war eine komische Story, die sich innerhalb von nur drei Tagen abgespielt hat. Wir haben uns selber extrem gewundert, wie dieser Song durch die Decke ging. Dieses ganze Marketing, das Leute, die wir gar nicht kannten, für uns betrieben haben, hat uns auf jeden Fall nur geholfen. Es gab uns auch wieder volle Motivation, denn wir waren zu dem Moment völlig auf einem anderen Film und hatten gar nicht daran gedacht, eine Single zu machen.
Manny Marc: „Disco Pogo“ ist extrem spontan, innerhalb von Stunden kann man sagen, entstanden. Wir haben aber unsere volle Energie reingesteckt. Der Text entstand zwar in fünf oder zehn Minuten, aber wir steckten so viel Liebe und Emotionen da rein, dass es die Leute einfach fühlen. Mein Text war noch nicht mal fertig als ich in die Gesangskabine ging – zum Schluss hab ich einfach nur noch improvisiert. Als der Song fertig war, haben wir ihn sofort ins Netz gestellt, weil wir den Leuten immer etwas Neues bieten wollen.
Frauenarzt: Daran sieht man auch, dass die Leute selber die Songs zu Hits machen. Wir sind kein von der Industrie konzipiertes Produkt. Wir haben den Song einfach auf unseren Youtube-Channel gestellt und die Leute haben den Song schliesslich zu einem Hit gemacht. Das ist das Geile daran, auch wenn viele Leute das vergessen.
Manny Marc: Diese Nachahmer die du angesprochen hast, wird es immer geben.
Frauenarzt: Oder solche, die ihre Songs unter unserem Namen ins Internet stellen.
Manny Marc: Da werden bestimmt noch Hunderte kommen, die behaupten, es sei ihre Idee gewesen und wir hätten sie geklaut. Nur, wieso haben sie es dann nicht selber gemacht?
Frauenarzt: Schlussendlich gibt es keine zweiten Atzen. Es gibt auch keinen zweiten Bushido. Alle die sich danach eine Lederjacke angezogen, einen Kurzhaarschnitt gemacht und behauptet haben, Bushido’s Texte geschrieben zu haben, sind doch nur Nachahmer.
Manny Marc: Die Storys werden halt so ausgeschmückt, dass die Journalisten uns dann immer wieder darauf ansprechen. Vermutlich stimmt von der Story die du gehört hast nur etwas 0.02 Prozent. Vielleicht hatte jemand dieselbe Idee zur selben Zeit und wollte sich daran hochziehen.
Frauenarzt: Die Leute hängen sich jeweils immer noch daran, wenn wir schon drei Schritte weiter sind. Wir sind in unserem Kopf schon beim nächsten Album und sie reden immer noch von „Disco Pogo“.

Seit dem Durchbruch habt ihr so viele Anfragen für Konzerte, dass ihr euch sogar aufteilen müsst. Diesen Party-Lifestyle kann man bei so vielen Gigs wohl kaum durchziehen und neben Trinkfestigkeit braucht es auch viel Disziplin.

Frauenarzt
: Wir sind seit rund zwei Jahren fast nonstop am Touren und spielen fünf Tage die Woche. Natürlich kann man ab und zu was trinken, aber wenn man sich jeden Abend die Birne zusäuft, geht das natürlich nicht. Wir sind jedoch generell nicht so die Säufer.

Was man aber durchaus meinen könnte.

Frauenarzt
: Man könnte es so denken. Aber wenn Xavier Naidoo einen Song über Gott macht, ist er deswegen auch nicht die ganze Zeit am Beten. Wir machen einfach Musik für den Moment und die Leute.

Apropos Disziplin: Ihr hattet schon immer sehr viele Releases und jetzt auch auf dem „Atzen Musik Sampler“ hat es wieder über 60 Tracks drauf. Wie viele Songs entstehen bei euch täglich?

Manny Marc
: Das kann eigentlich fast bis ins Unendliche gehen.
Frauenarzt: Wenn wir die Zeit dazu haben.
Manny Marc: Im Moment fehlt tatsächlich die Zeit, aber die wird wieder kommen und die Leute können sich beim nächsten Album auf etwas gefasst machen. Denn unser Output ist eigentlich fast unendlich und wir haben schon wieder so viele geile Ideen, dass sich die Leute wirklich anschnallen müssen.

Bei dieser Arbeitsmoral kann man davon ausgehen, dass auch schon weitere Projekte anstehen. Wird es einen dritten Sampler geben oder sind Soloprojekte geplant?

Manny Marc
: Jetzt kommt noch die Maxi „Rock die Scheisse fett“ raus, dazu wird es auch ein Video geben. Dann arbeiten wir am „Die Atzen“ Album.
Frauenarzt: Ein „Atzen Musik Vol. 3“ ist vorerst nicht geplant, da der zweite Teil noch immer extrem gut am Laufen ist. Zuerst sollen sich die Leute an den 64 Songs auf dieser CD satthören. Wir sind voll zufrieden, haben Gold für unsere Single erhalten und alles was jetzt noch kommt, ist nur noch für uns zum Spass. Wir haben extrem aufgerüstet im Studio und freuen uns schon sehr, wieder neue Songs zu produzieren. Auch alle unsere Produzenten sind heiss und ich denke nächstes Jahr wird dann wieder etwas Neues von uns kommen.

Plant ihr auch noch Projekte, mit denen ihr vor allem die alte Fangemeinde bedient?

Manny Marc
: Die sind schon bedient! Unsere Hardcore-Fans feiern unsere Sachen genau so wie die neuen Fans. Man sieht ganz viele auf den Konzerten, die noch die alten Shirts tragen und das voll abfeiern. Von 100 Fans, alt und neu, sind vielleicht zwei dabei, welche die alten Sachen besser fanden.
Frauenarzt: Einen kleinen Prozentsatz gibt es immer, aber wenn sie so etwas wie früher hören wollen, dann sollen sie sich die alten Alben anhören, immerhin habe ich 14 davon gemacht. Man hat nicht immer Lust dasselbe zu machen. Aber man weiss nie wie es kommt. Du hast zuvor das „Untergrund“ Album angesprochen und vielleicht entsteht wieder so was, wenn man sich ins Studio setzt und die Zeit dafür hat. Es hat uns noch nie so viel Spass gemacht Musik zu machen wie jetzt, was man den Lieder glaube ich auch anhört und das Geheimnis des Erfolgs ist.

Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?

Frauenarzt
: Ich tippe immer mehr auf Deutschland.
Manny Marc: Ich denke ebenfalls Deutschland, obwohl die Niederlande auch stark sind.

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