Sean Price – Mir reicht es, wenn meine Kinder lachen

Int. Rap

Die Karriere von Sean Price lässt sich etwas vereinfacht in zwei Epochen aufteilen: Die erste beginnt Mitte der Neunziger, als er noch als Ruck unterwegs ist und gemeinsam mit Rock Heltah Skeltah gründet. Als Teil der Boot Camp Clik und mit ihrem Debüt „Nocturnal“ (1996) gehört das Duo schnell zu den verheissungsvollsten Vertretern des dreckigen New York-Sounds. Die erste Epoche endet dann aber auch schon mit dem zweiten Heltah Skeltah-Album „Magnum Force“ (1998), das kommerziell nicht an den Erstling anschliessen kann, was zur Entlassung bei ihrem Label Priority führt. Sean Price verschwindet zwar nicht gänzlich vom Rap-Radar, muss sich seine Brötchen aber wieder auf der Strasse verdienen. Eingeläutet wird die zweite Epoche mit dem 2005 erschienenen ersten Soloalbum „Monkey Barz“. Für die arroganten Punchlines und die lyrische Echthalterei wird Sean Price hochgelobt und nicht wenige sprechen vom besten Independent-Album des Jahres. In schwindelerregende Verkaufszahlen münzt sich dies selbstredend nicht um, doch eine treue Gefolgschaft, die jeden neuen Freestyle oder Feature-Part feiert, hat er auf sicher. Davon liefert der „Brokest Rapper Alive“ auch mehr als genug: Seit seiner Rückkehr ist er in einen richtiggehenden Arbeitsrausch verfallen. Doch es sind nicht nur sein Arbeitseifer und die eindrücklichen Rap-Skills, die Sean Price zu einer herausstechenden Persönlichkeit im oft so gleichgeschalteten Rap-Game machen. Der Veteran aus Brooklyn zieht sein Ding mit solcher Konsequenz und sympathischer Überheblichkeit durch, dass man ihn eigentlich nur mögen kann. Wenn der einstige Strassenhustler seine erste Tochter dann auch noch Shaun Price tauft und im Interview durchblicken lässt, dass er viel lieber bei ihr wäre, als irgendwo auf der Welt ins Mic zu spucken, verdeutlicht das um so mehr, wieso ihn die Fans für seine ehrliche und direkte Art lieben.

Erstmals Gratulation zur Geburt deiner Tochter Shaun Price. Ist Sean Price nun ein veränderter Mann?
Und wie! Das war jetzt die vierte Show auf meiner Tour und morgen gehe ich wieder nach Hause. Seit der Geburt war ich nie so lange von ihr getrennt, deshalb vermisse ich sie täglich. Natürlich vermisse ich auch meine Frau, aber bei meiner Tochter ist es noch extremer. Zum Glück habe ich Skype auf meinem Computer, so dass ich sie zumindest jeden Tag sehen kann. Obwohl es sie etwas verwirrt, wenn sie ihren Daddy sieht, ihn aber nicht berühren kann. Ich liebe sie sehr – sie ist ein gutes Mädchen.

Es ist auch noch ein anderes Baby unterwegs: Dein neues Album „Mic Tyson“. Schliesst du damit an die ersten beiden Soloalben an?
Ehrlich gesagt will ich darüber gar nicht zu fest nachdenken. Ich mache das Album und lasse dann die Leute entscheiden, was es ist. Wenn man sich darüber zu viele Gedanken macht, setzt man sich nur selber unter Druck. Ich mache einfach was ich fühle und sobald ich einige Songs im Kasten habe, unterziehe ich das Material einer Prüfung. Ich überlege mir aber nicht, ob es besser ist als meine alten Sachen, sondern nur, ob es gut genug ist, um es rauszubringen. Nach der letzten Prüfung wird es dann erscheinen. Ab dann liegt es bei den Leuten zu entscheiden, ob es besser oder schlechter ist als „Monkey Barz“ und „Jesus Price Superstar“. Egal an welchem Projekt ich arbeite, ich bin einfach immer Sean Price; etwas Anderes kann ich auch gar nicht sein. Ich hoffe einfach, dass die Leute das Album lieben werden.

Auf den ersten beiden Alben hast du intensiv mit den Hall of Justus Produzenten, wie auch mit weniger bekannten Beatmakers, gearbeitet. Wer wird auf dem neuen Album vertreten sein?
Aus Cali habe ich Alchemist, Evidence und Sid Roams. 9th Wonder ist natürlich auch wieder dabei, er ist mein Bruder. Dann ein Dude aus London namens Beat Butcha, der auch den Song „Let Me Tell You“ produziert hat, zu dem ich soeben ein Video gedreht habe. Ausserdem noch V. Don aus Harlem, MTK, Frank Dukes und Tone Mason aus Kanada, der „Boom Bye Yeah“ auf „Monkey Barz“ gemacht hat. Ausserdem versuche ich noch einen Track mit M.O.P. für das Album aufzunehmen.

Nebenher arbeitest du auch noch an verschiedenen anderen Projekten, vor allem dem Random Axe-Album mit Black Milk und Guilty Simpson. Es ist schon lange angekündigt, wann können wir mit der Veröffentlichung rechnen?
Als meine Frau schwanger wurde, habe ich alle Projekte gestoppt, da es eine Hochrisikoschwangerschaft war. Dies hat viele Projekte gebremst, was mir aber egal war, da es um meine Frau und mein Baby ging. Ich habe also quasi einen Mutterschaftsurlaub gemacht, nun bin ich aber wieder zurück. Sobald ich wieder in den Staaten bin, werde ich nach Detroit fliegen und das Random Axe-Album vollenden. Es sollte also hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen.

Slaughterhouse waren sehr erfolgreich mit ihrem Album. Denkst du, dass solche Supergroups eine gute Möglichkeit sind, ein grösseres Publikum anzusprechen?
Wir gründeten Random Axe schon vor Slaughterhouse, sie haben nur ihr Album vor uns veröffentlicht. Das ist schwierig zu beantworten. Ich will einfach dieses Album machen, dann sehen wir was geschieht und ich bin dann bereits wieder an meinem nächsten Projekt.

Ist es auch immer noch geplant, die Projekte mit Ill Bill (The Pill) und Statik Selektah (Andrew Price Clay) zu realisieren?
Auf jeden Fall! Mit Ill Bill habe ich bislang vier Tracks aufgenommen. Das Projekt mit Statik Selektah wird eher ein Mixtape. Das ist möglicherweise mein letztes Projekt. Wir haben es nach dem Comedian Andrew Dice Clay benannt, der extrem respektlos ist, was ja ganz gut zu mir passt. Deshalb kann ich auf meinem letzen Projekt allen nochmals verkünden: „Fuck everybody! Good night“ (lacht).

Da willst du also noch arroganter abgehen als sonst schon?
Noch respektloser und arroganter als je zuvor.

In der Vergangenheit hattest du nicht sehr viele Releases, in den letzten Jahren hast du aber eine enorme Arbeitsmoral an den Tag gelegt. Gibt es dafür einen spezifischen Grund?
Ich würde sagen, dass ich ein Spätzünder bin. Das ist eigentlich der einzige Grund. Der Arbeitseifer ist auch der Grund, wieso „Mic Tyson“ immer noch nicht erschienen ist. Immer wenn ich einen neuen Verse schreibe, denke ich mir, dass ich den auch als Freestyle rausbringen könnte. Seit ich das „Kimbo Price“ Mixtape veröffentlicht habe, kommt ein Freestyle nach dem Anderen: „Figure Four“, „Shut the Fuck Up“ oder „Sean Legend“. Wenn sich etwas gut anfühlt, will ich es gleich veröffentlichen. Dru Ha (Anmerkung: Besitzer von Duck Down Records) sagt mir immer, ich solle die Verses behalten, da wir ein Album rausbringen müssen. Eigentlich hat er ja recht.

Du hast zuvor erwähnt, das Projekt mit Statik Selektah könnte dein Letztes sein. In einem Interview hast du auch gesagt, du wollest ein Timeout nehmen, um dich mehr um dein Privatleben zu kümmern.
Man muss die Dinge ins rechte Licht rücken. Zuerst kommt Gott, dann die Familie und erst dann die Musik. Bei mir ging es lange nur um Musik, Musik und nochmals Musik. Aber ich bin definitiv ein Familienmensch und will mehr Zeit mit ihr verbringen. Deshalb möchte ich mir eine Auszeit gönnen und die Zeit mit meiner Familie geniessen.

Hast du dir denn auch schon überlegt, was du machen würdest, wenn du ganz mit der Musik abschliessen würdest?
Mir einen Job suchen.

Und du denkst, dass du damit glücklich werden könntest? Das Leben als Musiker ist sicherlich nicht das Schlechteste.
Ich bin glücklich, wenn meine Kinder lachen. Das reicht mir schon. Es geht nicht mehr um mich. Es macht mich glücklich, wenn ich den ganzen Tag bei meiner Tochter sein kann. Es macht Spass auf die Bühne zu gehen, aber es macht keinen Spass meine Tochter zurückzulassen. Es wäre mir also egal, wenn ich am Würstchenstand um die Ecke arbeiten müsste. Meine Tochter ist das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe – scheiss auf meine Platten! Ich habe auch noch einen Sohn, der 15 Jahre ist. Er ist ein guter Junge und geht jetzt dann auf die High School. Aber meine Tochter hat mich richtig erwischt. Ich denke die ganze Zeit an sie und selbst wenn ich schlafe, träume ich von ihr. Deshalb ist es das Wichtigste bei ihr zu sein.

Das zweite Heltah Skeltah-Album war nicht so erfolgreich wie euer Debüt, woraufhin Priority euch gedroppt haben. Danach musstest du zurück auf die Strasse um dein Geld zu verdienen. Wie würdest du die Zeit zwischen „Magnum Force“ und „Monkey Barz“ beschreiben?
Eigentlich erzähle ich auf „Monkey Barz“ die ganze Wahrheit. Zu 90 Prozent entspricht das Album dem, was ich erlebt habe: Das Handeln mit Drogen, die Scheisse mit Waffen, Drogen konsumieren und verkaufen. Das alles ist wahr. Der einzige Song auf „Monkey Barz“ der nicht der Wahrheit entspricht, ist „I Love You (Bitch)“.

Wenn wir von den Strassen sprechen: Was ist eigentlich der Stand der Dinge bei der Anklage gegen Rock wegen versuchten Mordes?
Ich möchte nicht darüber reden. Wenn die Verhandlungen beginnen werden sie ihn hoffentlich freisprechen, mehr möchte ich dazu aber nicht sagen.

Arbeitet ihr trotz der schwierigen Situation noch an gemeinsamen Songs?
Rock arbeitet ebenfalls an seinen Solosachen, wir sind aber trotzdem noch Partner. Ich würde gerne ein weiteres Heltah Skeltah-Album machen, das Problem ist nur, dass es so verdammt lange dauert. Wenn ich einen Beat mag, gefällt ihm ein Anderer. Wir sitzen im Studio und diskutieren die ganze Zeit. Manchmal kann es auch richtig laut werden. Schlussendlich brauchen wir drei Sessions, um einen einzigen Beat zu picken. Aber er ist und bleibt mein Bruder – würde es ihn nicht geben, wäre ich nicht im Game, sondern würde irgendwo in einer Kleinstadt in Delaware Drogen verkaufen. Ich hätte nie daran gedacht, Rap zu meinem Beruf zu machen. Alles was ich in meinem Leben gemacht hatte, war Drogen verkaufen und Leute ausrauben – er zeigte mir einen anderen Weg. Dafür bin ich ihm für immer dankbar.

Du hast ein Movement namens „Grown Man Rap“ ins Leben gerufen. Was versteckt sich dahinter?
Das ist einfach Rap für Erwachsene. Neben mir sind noch Roc Marciano und Meyhem Lauren dabei. Ich habe auch mit Freddie Foxxx gesprochen, mit dem ich soeben einen Song gemacht habe. Er steht definitiv für „Grown Man Rap“ und ich hoffe, dass er auch dabei sein wird. Es reicht aber nicht, ein gewisses Alter erreicht zu haben. Man muss älter und nice sein. Ich bin also gerade dabei, eine Crew zusammenzustellen.

Willst du dich damit auch vom aktuellen Rap-Geschehen abgrenzen oder würdest du sogar soweit gehen, erwachsenen Rap als ein eigenes Genre zu bezeichnen?
Wer weiss, vielleicht wird es ein eigenes Genre, aber es ist vor allem ein Weg für Rapper in meinem Alter. Ich respektiere die jungen Artists, aber viele von denen zeigen uns keinen Respekt. Doch ich muss ihnen sagen, dass sie sich vom Alter nicht täuschen lassen sollen: I bust your ass on the microphone! Wir sind hier, um zu beweisen, dass das Alter nichts als eine Zahl ist. Viele der bekanntesten jungen Rapper biten meinen Flow. Aber ich muss sie nicht darauf ansprechen, ich beweise ihnen einfach weiterhin, dass ich besser bin.

Du bist bekannt für deinen Flow und deine ignoranten Punchlines. Guru sagte: „It’s mostly the voice“. Könntest du dieselbe Musik mit einer anderen Stimme machen?
Ich habe mir noch nie zu viele Gedanken über meine Stimme gemacht. Mein Partner Rock ist derjenige mit der unglaublichen Stimme. Wir nennen ihn deswegen Lurch, wie der Butler aus der Adams Family. Wenn man einen Partner wie ihn hat, zieht man es gar nicht in Erwägung, über seine eigene Stimme nachzudenken.

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