Brother Ali – Zu einem besseren Leben gerappt

Int. Rap

Als fast blinder Albino aus dem Mittleren Westen der USA ist man automatisch eine herausstechende Figur im Rap-Game. Brother Ali hätte die Aufmerksamkeit aber auch ohne diese Merkmale auf Sicher gehabt. Seine Stimme erkennt man aus Tausenden, sein Flow ist eingängig und mit seinem sehr persönlichen Songwriting versteht er es, den Hörer zu fesseln. Die passende Unterlage für seine eindrücklichen Raps liefert seit jeher Ant von Atmosphere, bei deren Label Rhymesayers Ali auch sein Zuhause gefunden hat. Ebenso wie seine Labelchefs hat Ali eine eigene Nische gefunden und neben regelmässigen Releases bedient er seine Fangemeinde auch mit unnachgiebigem Touren rund um den Globus. Ein Interview mit Brother Ali ist ähnlich, wie wenn man seine Musik hört: Man kann einfach mal zuhören und muss dabei keine der üblichen Platitüden befürchten.

„The Undisputed Truth“ war eine sehr persönliche Platte, während du auf deinem neuesten Album „Us“ vor allem Geschichten von Leuten aus deinem Umfeld erzählst. Was war das Konzept hinter „Us“ und wie kam es zu diesem Richtungswechsel?
Ich weiss nicht, ob man wirklich von einem Richtungswechsel sprechen kann. Von meinem ersten Album „Shadows on the Sun“ zu „The Undisputed Truth“ habe ich versucht, diesen persönlichen Stil des Songwritings zu perfektionieren. „The Undisputed Truth“ ist ein Album, das sehr autobiographisch und auf Stimmungen basierend ist. Danach war ich aber der Meinung, kein weiteres Album in diesem Stil machen zu können, da ich sonst nur meiner eigenen Formel folgen würde. Deshalb entschied ich mich, diese intime und gefühlsbetonte Art des Schreibens auf meine Beziehungen zu anderen Leuten anzuwenden. Es sind also nicht unbedingt Songs über andere Leute, sondern eher über meine Beziehung zu diesen Personen und somit immer noch sehr persönliche Geschichten. Es gäbe zwar immer noch genug über mich zu erzählen, ich wollte aber die Kamera auch auf andere richten und den Fokus erweitern.

Ist diese Platte auch eine Reflektion deines persönlichen Lebens? Konntest du eine gewisse Balance und Stabilität in dein Leben bringen und hast somit die Möglichkeit, dich auch mehr um die Probleme anderer zu kümmern?
Definitiv! Es ist wie im Flugzeug: Sie sagen dort immer, man solle zuerst sich selber die Sauerstoffmaske anziehen, bevor man anderen Personen hilft. Zu der Zeit von „Shadows on the Sun“ strebte ich nach einem besseren Leben, da ich in einer schlechten Situation war. Ich wollte nur meine Miete zahlen und etwas Anständiges zu Essen. Nach diesem Album ging es mir, was die alltäglichen Dinge betrifft, ein wenig besser. Auf „The Undisputed Truth“ kann man hören, wie ich darum kämpfe, eine friedlichere Person zu werden und mein eigenes Potential zu erkennen. Als dies eintraf, begann ich mich mehr auf die Leute, mit denen ich lebe und die ich liebe, zu konzentrieren. Ich hatte die Möglichkeit mich glücklich zu rappen und wünschte mir dasselbe für die Leute, die mein Leben verändert hatten. Meine Herangehensweise an die Musik ist diejenige des Blues. Wenn man diese Blues-Philosophie in sich trägt, hat man einen Hang zu Tragödien. Doch man hat auch die Möglichkeit, in diesen Tragödien sein Glück zu finden, in dem man Kunst aus dem Schmerz erschafft. Deshalb glaube ich wirklich, dass ich mich zu einem besseren Leben gerappt habe. Nun hoffe ich den Schmerz, den ich dadurch erlebt habe, weil ich andere Menschen liebe, in etwas Positives umkehren zu können und dass dies auch den Personen hilft, über die ich auf den Songs spreche. Es ist einen Versuche wert – zumindest besser, als gar nichts zu unternehmen.

Du siehst deine Musik also in der Tradition von Blues oder Gospel?
Im Grund genommen stammt jede amerikanische Musik vom Geist der Sklaven ab. Zu dieser Zeit ging es in zwei Richtungen: Die einen sangen am Sonntag in der Kirche den Gospel, während die anderen schon Freitag- und Samstagabends den Blues sangen. Es war aber eigentlich dieselbe Musik. Aus Blues wurde Jazz, aus Jazz entstand R&B, daraus wurde Soul, aus Soul entstand Funk und daraus schliesslich HipHop.

Im Booklet deiner CD schreibst du, deine Hörer würden sich mit deiner Musik identifizieren, obwohl fast alle einen ganz anderen Background mitbringen. Wo siehst du die Gründe dafür?
Ich denke die Leute können sich einfach mit dem Feeling der Songs identifizieren. Alle meine Songs basieren auf einem Gefühl, mit dem ich eine Situation beschreibe. Die Leute haben dieselben Gefühle, einfach in anderen Situationen. Jeder kennt Schmerz, das ist etwas Menschliches und Universelles. Ich entblösse mich sehr mit meinen Texten, dabei muss ich mich nicht cool anhören. Es muss einfach hart und ehrlich sein.

Ist es auch wichtig für dich, ständig auf Tour zu sein und so mit deinen Fans zu connecten, so dass sie sich noch mehr mit dir verbunden fühlen?
Das Touren macht wirklich die Hälfte unserer Arbeit aus. Wir lieben es, Songs zu schreiben und Alben zu machen, aber die Platten würden nicht gehört werden, wenn wir nicht auf Tour gingen. Das Touren ist unser wichtigstes Marketing-Tool. Wir haben keine Millionen, die garantieren, dass uns die grossen Radios spielen. Was wir haben ist unsere Liebe zur Musik und unsere Liveshows. Jedes Mal wenn ich ein Album veröffentliche, gehe ich neun oder zehn Monate auf Tour und im Jahr danach nochmals sechs oder sieben Monate. Sobald ein neues Album erscheint, geht es wieder von vorne los.

Ich habe gehört, dass ihr auch immer versucht in kleineren Orten aufzutreten.
Mit diesem Album haben wir in den USA 52 Shows ins 60 Tagen gespielt. Das waren alles Städte, in denen wir bereits zuvor gespielt hatten. Danach ging es nach Europa und als wir zurück in den Staaten waren, spielten wir eine weitere Tour durch Städte, in denen wir zuvor noch nie waren. Einfach um zu sehen, wie es dort abgeht. Anschliessend kam Kanada, nun sind wir zurück in Europa und danach kommt noch Australien. Nicht zu vergessen die Festivals wie Rock the Bells in den USA, die noch anstehen.

Chuck D spricht das Intro auf „Us“. Siehst du dich in der Tradition von Gruppen wie Public Enemy?
Absolut! Meine drei grössten Inspirationen sind Chuck D, KRS One und Rakim. Als ich 13 war, hat mich nichts anderes interessiert, als Raps zu schreiben. Die Schule habe ich deswegen völlig vernachlässigt. Neben Rap hat mich nur noch interessiert, vom Islam zu lernen und selbst das war inspiriert durch diese drei. (Er zeigt mir ein Bild auf dem Display seines Handys). Das ist ein Bild von mir und KRS One. Das war 1990 und ich war 13 Jahre alt. Ich hatte das Bild lange Zeit nicht mehr und nun hat es mir jemand vor zwei Tagen wieder geschickt. KRS hielt damals eine Vorlesung an einem College ganz in meiner Nähe. Ihn dort zu treffen hat mein Leben verändert. Chuck D und ich sind Freunde geworden. Wir schreiben uns regelmässig, unsere Frauen hängen zusammen ab – es ist grossartig sagen zu können, dass wir Freunde sind. Mit Rakim konnte ich zwei Mal auf Tour gehen, ich lernte seine Familie kennen und hing in seinem Haus ab. Das ist unglaublich. Hoffentlich kann ich während der Rock the Bells Tour auch mit KRS in Kontakt kommen. Dann muss ich ihm auf jeden Fall dieses Bild zeigen.

Du hast eine sehr persönliche Beziehung mit deinen früheren Idolen und auch die Beziehung zu den Leuten bei deinem Label Rhymesayers beschreibst du sehr familiär. Ihr sollt sogar gemeinsam in den Urlaub fahren. Bist du eine Person, die diese Harmonie auch beim Geschäftlichen braucht?
Ich brauche unbedingt eine enge Beziehung zu den Leuten, mit denen ich arbeite. Denn meine Arbeit ist mein Leben. Ich gehe nicht zur Arbeit und hänge dann abends mit meinen Freunden ab. Die Arbeit ist alles was ich tue. Es ist kein Job, keine Karriere und kein Hobby – ich folge dem Ruf meiner Seele. Seit ich zehn Jahre alt bin folge ich diesem Ruf und seither habe ich nichts anderes mehr gemacht. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind auch diejenigen, mit denen ich mein ganzes Leben verbringe und deshalb müssen es Menschen sein, die ich liebe. Abgesehen von ein paar Angestellten, die ich nicht so gut kenne, gehören die Leute bei Rhymesayers zur Familie. Auch andere Leute im Rap, mit denen ich gearbeitet habe oder mit ihnen getourt bin, sind für mich wie Familienmitglieder. Leute wie Murs, Blueprint, Slug, Ant, Evidence, Sage Francis oder The Grouch. Das sind Leute, die ich wirklich als enge Freunde bezeichne.

Du produzierst selber auch Beats, auf all deinen bisherigen Releases hat aber Ant von Atmosphere die komplette Produktion übernommen. Was machen seine Beats zur perfekten Unterlage für dich als MC?
Ant versteht mich auf eine Art, auf die ich mich manchmal selber nicht verstehe. Er macht Musik, die mir die Möglichkeit gibt, mich selber zu sein und mich auch ermutigt, verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit aufzuzeigen. Wenn du als Lyricist einen Beat wie „You Say (Puppy Love)“ bekommst, kannst du nicht einfach darüber rappen, ein guter MC zu sein. Solche Musik zwingt dich förmlich dazu, dich zu entblössen und deine Seele nach aussen zu kehren. Niemand sonst kann das in mir auslösen.

Also auch du selbst nicht?
Nein, meine Beats können das nicht. Die Produktionen von Ant sind immer eine Herausforderung. Sie können wunderschön, hässlich oder angsteinflössend sein. Wenn ich seine Beats höre, kommt immer die Frage auf, wie ich der Musik entsprechen und sie auf ein neues Level bringen kann. Wir pushen uns gegenseitig. Ich mache aber auch mit anderen Leuten Musik. Zum Beispiel mit meinem Freund Jake One, dessen Beats eine andere Art der Herausforderung sind, da sie eher im traditionellen HipHop angesiedelt sind. Damit will ich nicht sagen, dass sie altmodisch oder Old School sind. Es sind einfach Beats, auf denen jeder gerne rappen würde. Wenn Jake mir einen seiner Beats gibt, erwartet er von mir, dass ich etwas mache, was andere Rapper nicht könnten. Glücklicherweise gibt mir Jake immer alle Beats, die ich gerne hätte. Die Beats von Ant bereiten den Rappern hingegen richtiggehend Probleme. Sie haben Angst davor, das zu tun, was Ant’s Beats von einem MC verlangen. Slug und ich sind die Ausnahme. Die meisten Rapper sind aber gar nicht erst an seinen Beats interessiert.

Um so besser für dich eigentlich.
Vielleicht erhalten sie auch keine Chance, ich weiss es nicht. Aber der durchschnittliche Rapper hat nicht das Zeugs dazu, so zu rappen, wie es ein Ant Beat verlangt. Es ist wunderbar mit solchen Produzenten arbeiten zu dürfen. Meine eigenen Beats sind ganz okay. Eigentlich begann ich nur mit dem Produzieren, weil ich schon mit 12, 13 Jahren Alben machen wollte, aber niemanden kannte, der Beats macht. Deshalb machte ich das selber und habe bis heute meinen Spass daran. Ich bin einfach völlig süchtig danach, Sachen zu kreieren. Manchmal schreibe ich auch kleine Geschichten. Oder wenn ich gerade keine Idee für einen Text habe, mache ich einen Beat und lasse mich davon inspirieren. Ich finde es faszinierend, etwas zu erschaffen, das nur deswegen existiert, weil man es selber gemacht hat. Egal ob es wahnsinnig gut ist oder nicht. Ich mache auch Cartoons, nur so zum Spass. Einfach weil ich es liebe, etwas zu kreieren.

Du bist als Teenager zum Islam konvertiert. In der Schweiz gibt es unterdessen das Minarett-Verbot, in vielen europäischen Ländern wird darüber diskutiert die Burka zu verbieten. Was sind deiner Meinung nach die Gründe für diese kulturellen oder religiösen Unstimmigkeiten?
Ich habe von diesem Minarett-Verbot gehört, das ist sehr traurig. Ich bin keiner dieser Verschwörungstheoretiker, aber für mich ist es klar, dass es ein elitäres Machtgefüge gibt, das global operiert. Damit meine ich nicht eine Regierung, die in einem bestimmten Land gewählt wurde. Für diese Elite ist es wichtig, der westlichen Welt einen Feind zu präsentieren. Ein Schreckgespenst vor dem die Leute Angst haben sollen. Jemand der über Ressourcen verfügt, welche diese Leute ausbeuten wollen. Es dient aber auch als Ablenkung, um von eigentlichen Problemen abzulenken und andere als Sündenbock hinzustellen. In Amerika gehören 51 Prozent des gesamten Vermögens einem Prozent der Bevölkerung. Nur einem Prozent gehört also die halbe Welt. Man sollte sich eher Gedanken machen, wieso diese Leute all das Geld besitzen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Statt dessen werden die mexikanischen Immigranten als das Problem dargestellt und auch die schwarze Bevölkerung wird immer noch nicht gleichwertig behandelt. Ausserdem lügt man den Leuten vor, dass die Muslime sie töten wollen. Die Muslime wollen aber niemanden töten. Es gibt Muslime die verrückt sind, doch das gibt es überall. Es gibt verrückte HipHop-Fans oder durchgeknallte Leute im Buchclub. Extremismus und Fundamentalismus sind eine eigene Religion. Aber es ist ihnen gelungen, den Leuten einzureden, die Muslime seien der Feind. So viele machtlose Menschen glauben daran, weil sie es nicht besser wissen. Es ist ein Prozess im Gang, der für eine Kluft auf der Welt sorgt und dazu führt, dass wir nicht aufeinander zugehen und miteinander sprechen. So entstehen Lügen und man bringt die Leute gegeneinander auf. In der Realität sind 90 Prozent aller Muslime sehr ruhige, bescheidene Menschen, die ein normales Leben führen, ihre Kinder lieben und ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen wollen. Es sind glückliche und stolze Menschen, auch wenn einige patriotische Gefühle gegenüber ihrem Land haben. Es ist traurig, dass diese Gehirnwäsche bei den Leuten so einfach funktioniert. Die Muslime sind keine Bedrohung für das Leben der Leute. Die fundamentalen Christen behaupten auch, die Homosexuellen seien eine Bedrohung für die Ehe. Würde man ihnen erlauben zu heiraten, ruiniere das die Familien. Doch das entspricht überhaupt nicht der Wahrheit. Egal wie man dazu steht, man muss akzeptieren, dass es keine Bedrohung ist. Dass diese Kluft entsteht, macht mich sehr traurig, da ich meine Religion sehr liebe. Als HipHop-Fan ärgert man sich doch auch, wenn die Leute nur die 10 Prozent der Rapmusik kennen, die im Radio läuft. Dadurch glaubt die breite Masse, dass es bei HipHop nur um Goldketten, Drogen verkaufen und Stripperinnen geht. Damit will ich nichts gegen diese Art von HipHop sagen. Ich mag es sogar, wenn es gut gemacht ist. Aber es ist nur ein kleiner Teil davon, was HipHop wirklich ausmacht. Als Rapfan ist man enttäuscht, wenn andere denken, Rap sei nur auf diese Klischees beschränkt. Genau so fühle ich mich als Muslim, der seine Community liebt. Natürlich bin ich nicht immer derselben Meinung wie meine Community, aber ich liebe sie trotzdem.

Leider müssen wir das Interview jetzt beenden. Kannst du uns zum Schluss noch etwas über deine kommenden Projekte verraten?
Ich arbeite mit Jake One an Songs – wozu es schlussendlich kommen wird, weiss ich jetzt noch nicht. Irgend etwas von uns Beiden wird aber sicherlich erscheinen.

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