Chiddy Bang – Das Internet diktiert, was die Leute hören wollen

Int. Rap

Es wird gerne behauptet, im HipHop, oder in der Musik allgemein, sei es gar nicht mehr möglich, etwas noch nie Dagewesenes zu erschaffen. Chiddy Bang versuchen es zumindest. Das aus Chiddy (MC) und Xaphoon Jones (Producer) bestehende Duo lässt die alten Soul, Funk oder Jazz Platten im Brockenhaus verstauben und bedient sich unbekümmert an Musik jüngeren Datums – vorwiegend britischer Herkunft. Von Radiohead über MGMT bis zu den Gorillaz wird alles auf ihrem Laptop verwurstelt. Mit dieser Herangehensweise verwischen die beiden Jungtalente, die nach Amerikanischem Recht noch nicht Mal Alkohol trinken dürften, gekonnt die feine Linie zwischen Sampling und Remix. Mit Erfolg: Nur zwei Monate nach ihrem ersten Mixtape „The Swelly Express“ hatten sie bereits einen Major-Deal mit Parlophone, einem britischen Unterlabel von EMI, in der Tasche. Die Europäer haben Chiddy Bang also zuerst entdeckt, doch in ihrer Heimat beginnt man ebenfalls aufzuwachen. Auch in den Schweizer-Charts konnten sie mit ihrer Single „Opposite of Adults“ die Top 20 knacken. Dies mag alles nach einem Hype klingen, der schneller wieder geht, als er gekommen ist. Könnte sein – muss aber nicht. Die Beats von Xaphoon sorgen mit ihrer Unbekümmertheit für einen frischen Wind. Chiddy hat mehr auf dem Kasten als nur ein paar lockere Hipster-Reime über Kleidermarken und würde auch auf herkömmlichen Beats eine gute Figur abgeben. Die Chance ist gross, dass man von diesem Duo noch einiges hören wird. Das überschaubare Exil in Zürich haben sie bereits mühelos ausverkauft und es würde nicht weiter verwundern, wenn man sie nächstes Jahr plötzlich auf den Festivalbühnen wiedersehen würde.

Euer erstes Mixtape „The Swelly Express“ erzählt die Geschichte vom Versuch in New York einen Plattenvertrag zu ergattern. Hat sich das wirklich so abgespielt?

Chiddy
: True Story! Wir waren zu dieser Zeit auf dem College, haben aber die meiste Zeit damit verbracht, uns in Studios zu schleichen. Während die anderen in der Schule sassen oder Partys feierten, haben wir bis in die Morgenstunden aufgenommen. Wir waren auf unserem Grind. „The Swelly Express“ erzählt die Geschichte, wie wir zwischen Philadelphia und New York hin- und herpendelten und versuchten, in die Industrie zu gelangen. Wir hatten Meetings mit den Labels oder gingen mit den Typen von den Firmen essen – der ganze Scheiss. Schlussendlich verfolgten wir einfach das Ziel, einen Plattenvertrag zu erhalten.

Waren die A&R’s auch ungefähr so drauf wie dieser Mike Hoffmann auf eurem Tape?

Xaphoon
: Nein, so waren sie nicht ganz. Wir wollten uns einfach ein wenig über die ganze Industrie lustig machen. Denn zu Beginn mochten sie überhaupt nicht, was wir machten. Die Samples waren ein grosses Problem für sie: „Das können wir nicht clearen, macht lieber so etwas wie Lil Wayne mit Kevin Rudolf.“ Da haben wir dankend abgewinkt. Daraufhin haben wir uns den ganzen Sommer und Herbst freigenommen, verliessen die Schule und nahmen „The Swelly Express“ auf. Damit zeigten wir, worum es bei uns geht und was unsere Musik Wert ist. Als die Labels sahen, was dieses Mixtape bewirkte, wollten sie dann doch mit uns sprechen und uns auch nicht mehr verändern. Schlussendlich brachte das britische Label Parlophone unsere Single „Opposite of Adults“ heraus und da diese sehr gut lief, haben wir nun einen Deal.

Der Hype startete allerdings nicht mit dem Deal, sondern als gewisse Blogs begannen, eure Musik zu posten. Gewisse Leute sagen, eure Karriere sei charakteristisch für die heutige Musikindustrie. Denkt ihr auch, dass der Erfolg heutzutage über das Internet führt?

Xaphoon
: Definitiv! Das Internet, die Blogs und die Mund-zu-Mund-Propaganda diktieren, was die Leute hören wollen. Früher brauchte man einen Plattenvertrag und ein teures Aufnahmestudio, damit die Musik gehört wurde. Heutzutage sind die Tools für jeden erhältlich. Wenn jeder die Möglichkeit hat Musik rauszubringen, entscheiden die Leute, welche gespielt wird. Der Ort, an welchem die meisten Leute zusammenkommen und diese Entscheidung fällen, ist das Internet.

Schlussendlich habt ihr euch aber trotzdem für die klassische Variante des Plattenvertrags entschieden.

Chiddy
: Jeder nimmt einen anderen Weg um erfolgreich zu sein. Am Anfang wollten wir unbedingt zu einem Label. Als uns dann niemand ein vernünftiges Angebot unterbreitete, machten wir uns nicht viel draus, zogen es mit den Mixtapes durch und bauten unser eigenes Ding auf. Daraufhin kamen die Labels und klopften bei uns an.
Xaphoon: Du hast aber recht, dass es ein wenig seltsam ist, wenn wir sagen, alles gehe auch ohne Label und dann unterschreiben wir trotzdem einen Vertrag. Unsere Perspektive ist aber folgende: Chiddy ist erst 19 Jahre alt, ich bin 20 und wir sind noch brandneu in der Musikindustrie. Alles was wir wollen, ist andere Künstler treffen, Musik schreiben und für andere Artists produzieren. Wir wollen in das Musikgeschäft eintauchen und uns erschien es die beste Möglichkeit, dies mit Hilfe eines Labels zu tun. Alleine durch die Plattenfirma lernen wir andere Künstler kennen, können Shows spielen und erreichen so unser Ziel, von der Musik zu leben.

Du hast zuvor erwähnt, dass die Labels Mühe mit der Samplewahl hatten, was ich durchaus verstehen kann. Auf den Mixtapes kann man ja machen, was man will. Bei einem offiziellen Release könnten diese Samples aber tatsächlich eine ziemlich kostspielige Angelegenheit werden!

Xaphoon
: Es ist tatsächlich etwas knifflig, eine gute Balance zu finden. Unser Album ist so gut wie fertig und bislang basiert rund die Hälfte der Songs auf Samples und bei den anderen haben wir selber eingespielt. Es ist wichtig, die richtigen Samples auszusuchen und diese dann zur richtigen Zeit zu clearen. Als wir für „Opposite of Adults“ das Sample des MGMT Songs „Kids“ clearten, war der Song noch kein Hit, wodurch wir das Sample für einen sehr geringen Betrag clearen konnten. Unterdessen ist „Kids“ zu einem Welthit geworden. Für uns heisst das also, dass wir Songs samplen müssen, die nicht so bekannt sind oder sie schon zu clearen, bevor sie richtig gross werden. Wir haben einen ganz anderen Weg eingeschlagen, als man es von normalerem Sampling kennt. Nun müssen wir noch einen Schritt weiter gehen und uns kleinere Songs suchen.

Ihr verwendet Samples von Radiohead bis zu den Gorillaz, zumeist britische Gruppen. Ist dies die Musik, die ihr euch auch privat anhört, oder habt ihr einfach nach etwas gesucht, das sonst niemand als Sample verwendet?

Xaphoon
: Eigentlich beides. Im Grunde genommen sucht Chiddy die Samples aus, denn ich choppe einfach alles, was mir in die Finger kommt. Ich spiele ihm alle Beats vor und er sucht aus. Ich versuche immer neue Sachen zu finden.
Chiddy: Er verwendet wirklich alles. Als er mir den Beat zu „Opposite of Adults“ vorspielte, wusste ich überhaupt nicht, wer MGMT sind. Mir gefiel einfach der Beat und ich habe darauf gerappt.

Ihr seid bei einem britischen Label, habt in UK auch schon viele Shows gespielt und seid in vielen europäischen Ländern in den Charts. Wie sieht es aber in den Staaten aus?
Chiddy
: Es geht langsam los. Wir haben viel Promo in den Radios gemacht und auf iTunes haben wir auch schon rund 100’000 verkauft.
Xaphoon: Es verhält sich noch ziemlich gegensätzlich zu Europa. Hier laufen wir bereits im Radio, während es in den USA noch eher auf dem Mixtape-Level geschieht. Nun liegt der Job bei uns, es auch in den USA auf dasselbe Level zu bringen.

Auf dem ersten Mixtape hattet ihr Black Thought von The Roots als Gast. Wie seid ihr allgemein mit der Szene in Philly vernetzt?
Xaphoon
: Ich bin in Philly aufgewachsen und habe schon ab meinem 14. Lebensjahr für verschiedene Künstler dort produzieren. Den Kontakt zu Black Thought konnte aber Chiddy herstellen.
Chiddy: Das war verrückt! Wir spielten eine Show etwas ausserhalb von Philly. Eigentlich war es eine unserer ersten Shows und die erste, bei der die Kids die Songs kannten und mitsangen. Wir waren auf dem Heimweg und um 5 Uhr Morgens sah ich Black Thought am Bahnhof in Philly. Zu diesem Zeitpunkt war ich ehrlich gesagt noch gar nicht so vertraut mit der Musik von The Roots.
Xaphoon: Ich hingegen bin mit ihrer Musik aufgewachsen.
Chiddy: Trotzdem erkannte ich ihn und rief einfach seinen Namen. Er drehte sich um und kam zu uns rüber. Ich erzählte ihm von unserer Crew, dass wir soeben unsere erste grössere Show hatten und dass er ein grosser Held für uns sei. Dummerweise hatte ich aber überhaupt keine Musik von uns dabei, die ich ihm hätte geben können. Das ist natürlich das Dümmste, wenn man jemanden wie Black Thought trifft und ihm keine CD geben kann. Wenig später ging ich auf Myspace und habe dort mit ihm Kontakt aufgenommen. Er schrieb noch am selben Tag zurück und gab mir seine Nummer. Ihm hat es gefallen, dass wir Sachen wie MGMT samplen. Seither sind wir in Kontakt und wir konnten auch mit ihnen an der „Roots Jam Session“ im Highline Ballroom auftreten. Black Thought ist zu unserem Mentor geworden, was grossartig ist, da The Roots den Weg für viele Crews aus Philly geebnet haben. Er ist natürlich immer extrem busy und trotzdem versuchten wir, ihn auf „The Swelly Express“ zu bekommen. Er kam dann bei uns im Studio vorbei, hat seinen Part geschrieben und es gekillt.

Ihr sollt auch schon mit Pharrell gearbeitet haben.
Xaphoon
: Das stimmt, wir haben für unser Album zusammengearbeitet. Das war grossartig, denn er ist eines meiner Produzentenvorbilder. Obwohl er ein so grosser Name ist, war es für ihn kein Problem, mit einem anderen Produzenten zu arbeiten. Er hat einige Keyboards eingespielt und gewisse Teile der Drums. Das war eine grossartige und leerreiche Erfahrung für uns.

Was könnt ihr sonst schon über das Album verraten?
Xaphoon
: Es ist mit „The Swelly Express“ vergleichbar, da es ebenfalls eine Geschichte erzählt. Das Problem ist jetzt nur noch, dass ein Teil der Geschichte fehlt, wenn wir gewisse Songs nicht clearen können. Wir arbeiten daran während wir auf Tour sind und haben rund 80 Prozent im Kasten. Ich bin sehr stolz auf die bisherigen Tracks. Es baut auf dem Stil von „The Swelly Express“ auf und wird zusätzlich durch Pianos, Gitarren und Perkussion aufgepeppt. Ich denke das Album wird den Leuten das gesamte Bild davon vermitteln, wofür Chiddy Bang steht.

Ich habe gehört, ihr wollt nur ein Mini-Album mit neun Songs veröffentlichen, dafür soll es jedes halbe Jahr ein Mini-Album geben.
Xaphoon
: Das war eine Idee, aber das werden wir wohl nicht umsetzen. Es ist nicht möglich, auf nur acht oder neun Songs die ganze Geschichte zu erzählen. Die Leute sollen sagen: „The Swelly Express“ war toll, aber „The Swelly Life“ ist unglaublich! Ich hoffe das Album kommt im September.

Gerade in der Internet-Generation besteht die Gefahr, dass die Leute nicht das ganze Album anhören und sich nur zwei, drei Songs bei iTunes rauspicken.
Xaphoon
: Auch wenn es nun ein offizielles Album gibt, werden wir weiterhin gratis Mixtapes veröffentlichen, mit all den Songs, die wir nicht clearen konnten.
Chiddy: Wir werden den Leuten stetig neues Material liefern. Es hat alles mit den Mixtapes begonnen und wir werden diesen Weg auch weiterhin gehen. Das ist unser Tool, um bei den Leuten immer im Gespräch zu bleiben. Daran können uns weder unser Label noch die Industrie hindern. Die Mixtapes sind der direkteste Weg zu unserer Fanbase.

Auf dem Song „Dream Chasin“ habt ihr die Line: „ This thing called success is so strange / cause you could get notoriety and still ride the train”.
Xaphoon
: (unterbricht) Ich erzähle dir, wie es zu dieser Line kam. Während meiner Highschool-Zeit habe ich als Assistent für Diplo gearbeitet. Er wurde zu den Grammys eingeladen, da er den Song „Paper Planes“ von M.I.A. produziert hat und dieser nominiert war. Für die Rückfahrt nach Philly musste er aber trotzdem den Bus nehmen. Er sitzt also in seiner Grammy-Garderobe neben irgendwelchen Obdachlosen. Es ist schon verrückt: Man produziert einen riesigen Hit wie „Paper Planes“, wird für die Grammys nominiert und am Ende des Tages sitzt man aber trotzdem wieder im Bus.
Chiddy: Das ist „The Swelly Life“. Deshalb bin ich froh, dass wir auch noch eine Dokumentation drehen, die uns in verschiedenen Situationen zeigt. Heute sitze ich hier in der Schweiz, wenn ich aber wieder zu Hause bin, was wir jedoch seit vier Monaten nicht mehr waren, muss ich auch abwaschen oder mein Zimmer putzen. Es ist eine Balance.
Xaphoon: Aber wir haben dich gar nicht ausreden lassen.

Als aussenstehender Betrachter verlief eure Karriere im Schnellzugtempo. Wie geht ihr mit dem plötzlichen Erfolg um?
Xaphoon
: Darum wird sich das Album drehen: Wie schnell dieser Erfolg kam, ob das gut oder schlecht ist. Das ist die Geschichte der Platte.
Chiddy: Ich denke ich kann für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass wir schon einiges erreicht haben, aber noch viel mehr wollen. Wir reflektieren nicht zu sehr, was geschehen ist und wie schnell es ging. Wir wollen nun unser Album veröffentlichen und noch mehr Leute erreichen, besonders auch in den USA. Aber es läuft im Moment schon ganz gut – wir können uns nicht beschweren.

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