Carlos Leal (Sens Unik) – „Carlos der Rapper ist schon länger tot“

Int. Rap

Er hat die Jugend vieler hiesiger HipHop-Fans geprägt: Mittlerweile ist Sens Unik Frontmann Carlos Leal 40 Jahre alt und mehr Schauspieler als Rapper. Und auch das mit Erfolg. Anlässlich seiner kurzen Rückkehr auf die Konzertbühnen, sprachen Aightgenossen mit dem Lausanner mit spanischen Wurzeln über die vielen verschiedenen Rollen, die er in seinem Leben spielt.

Carlos, anlässlich des 20-jährigen Bandjubiläums stehst Du seit kurzem wieder mit Sens Unik auf der Bühne. Wie unterscheidet sich Dein Leben von vor 20 Jahren von Deinem heutigen?

Nun ja, vor 20 Jahren hatte ich all diese Träume… Aber eigentlich habe ich die auch heute noch! (lacht) Und sie sind nach wie vor verdammt gross. Trotzdem hat sich viel geändert. Heute kreist nicht mehr alles um mich. Ich habe eine Familie. Die steht nun im Zentrum. Früher war ich manchmal wohl auch zu anmassend, wollte im Mittelpunkt stehen. Und sonst? Weniger Haare, weniger Energie – aber ein bisschen ist mir geblieben!

Hast Du die Bühne in den letzten Jahren vermisst?

Nein, überhaupt nicht. Als ich aufhörte damals, war ich sicher, ich würde deswegen zugrunde gehen. Aber wissen Sie was? Ich hab die Auftritte überhaupt nicht vermisst. Was mir fehlte, war die kreative Arbeit im Studio, die Zusammenarbeit mit den Anderen. Du gehst ins Studio und startest mit nichts ausser einem Sample oder einer Idee, einem Wort, einer Melodie. Und plötzlich fügt sich alles zusammen! Es ist wie in der Küche. Du mischst alle Zutaten zusammen und plötzlich entsteht ein leckeres Gericht. Das finde ich grossartig. Das habe ich wirklich vermisst.


Wieso hat Dir die Bühne nicht gefehlt?

Ich weiss es nicht. Vielleicht weil mir die Schauspielerei soviel Freude bereitet und ich meine ganze Energie da reinstecke. Der Start in meine Schauspielkarriere war ähnlich wie damals das Eintauchen in den HipHop: Alles war neu. Mit jeder neuen Rolle begann ich mehr zu verstehen, mehr zu lernen. Vielleicht habe ich deswegen die Bühne nicht vermisst.

Die Rückkehr scheint Dir trotzdem wenig Probleme bereitet zu haben. Du wirkst noch immer sehr charismatisch und weisst mit dem Publikum umzugehen.

Danke! Ich denke, das verlernt man nie ganz. Aber wir haben trotzdem ein paar Tage gebraucht, um uns wieder mit den Mechanismen des Bühnenlebens vertraut zu machen. Dazu gehört auch, richtig mit dem Publikum zu kommunizieren und sich ständig um die Zuschauer zu kümmern. Das ist sehr wichtig. Vor allem in der Deutschschweiz, wo das Publikum nicht alle unsere Texte versteht.

Sens Unik war der Wegbereiter für Rapper wie Stress und Bligg.

Ja. Und es ist eine Freude zu sehen, wie erfolgreich sie heute sind. Ich freue mich für sie – und auch für die Musik.

Hattet Ihr damals eigentlich auch finanziell Erfolg?

Uns ging es gut, ja. Aber es war natürlich nicht so lukrativ wie einige Jahre später. Stress kam in einer Zeit ins Geschäft, in der man mit HipHop viel erreichen und viel verkaufen konnte. Das gleiche gilt natürlich auch für Bligg.

Das ist doch sehr positiv!

Oh ja, ich freue mich sehr darüber! Ich erinnere mich auch noch daran, wie verblüfft wir waren, als unsere Platten „Chromatic“ und „Panorama“ plötzlich reissenden Absatz fanden. Das hätten wir nie erwartet. Als wir damals mit HipHop anfingen, war die Kultur noch völlig unbekannt. Und es wurde auch nirgends Rap gespielt. Heute ist unsere Musik überall.

Ist Musik mit den Jahren weniger wichtig geworden für Dich?

Musik war und ist sehr wichtig in meinem Leben. Mit den Jahren jedoch immer mehr nur als Konsument. Musik ist mein bester Freund, jeden Tag. Aber in der Schauspielerei habe ich Freiheit gefunden. Freiheit, die ich in der Musik nicht mehr hatte. Ich war der MC von Sens Unik. Fertig. Die Leute stecken dich in diese Rolle und dann kannst du nichts mehr machen…

Du warst der Rapper von Sens Unik und der Secondo vom Dienst.

Ja, genau. Ich war der Secondo. Und das war auch okay so. Aber ich finde, HipHop ist manchmal nicht sehr tolerant. Hin und wieder war HipHop einfach nur anstrengend und viel zu dogmatisch. Deshalb brauchte ich eine Veränderung in meinem Leben. In der Schauspielerei fand ich viele neue Freiheiten. Ich habe zum Beispiel einen deutschen Film namens „Tarragona“ gedreht. Darin spiele ich einen Schwulen mit langen Haaren und Tanga. Und ich musste mit einem Typen rummachen! – Das ist ziemlich weit weg vom HipHop. Aber es war cool! Nicht wegen dem Rummachen, sondern wegen der Erfahrung. Beim Schauspielern kannst du dich immer wieder in eine andere Person hineinversetzen. Das macht mir wahnsinnig Spass!

Und trotzdem: Schauspieler zu sein bedeutet ja nicht jeden Tag bei einem James Bond Streifen mitzuwirken…

Stimmt. Aber die James-Bond-Sache war nicht spannend, tut mir leid. Ich meine, das war natürlich ein Highlight für mich. Aber meine Aufgabe war es, mit meinem Schnurrbart dazustehen und zu sagen: „Ok, now one million dollars!“ – Natürlich brachte es mich damals weiter, denn in meinem Lebenslauf stand danach: „Rolle in ‚Casino Royale'“. Aber viel spannender für mich war es „Snow White“ oder „Sennentuntschi“ zu drehen. Das waren wirkliche Herausforderungen.

Wie läuft das ab, wenn man solche kleinen Gastauftritte hat?

Das ist eine Sache von höchstens einem Tag. Für meinen kurzen Auftritt im Almodòvar-Streifen „Los Abrazos Rotos“ war ich fünf Stunden am Set, that’s it.

Du bist nicht nur Rapper und Schauspieler, sondern auch eine gefragte Werbefigur. Wie ist das für Dich?

Schwierig! Wenn du ein Schauspieler bist, hast du sozusagen zwei verschiedene Leben. Einerseits das Künstlerleben und andererseits dann diese Verpflichtungen, die mit dem Berühmt sein dazukommen. Man muss da verdammt vorsichtig sein. Dieses andere Leben kann dich völlig einnehmen. Und plötzlich bist du dann kein Schauspieler mehr, sondern nur noch der Verwalter eines Image. Eine Kunstfigur. Man muss diese beiden Leben im Gleichgewicht halten können. Glücklicherweise bin ich nicht blöd und habe nicht die übelsten Werbeverträge: Ich bin z.B. Botschafter für Feldschlösschen Premium Bier. Das geht völlig in Ordnung, weil ich schon immer sehr gerne Bier mochte. Das geht also völlig in Ordnung für mich. Aber ich vergesse nie das Wesentliche, nämlich die Kunst.

Du versuchst dir Zeit auszusparen, die der Kunst und nur der Kunst gewidmet ist?

Ja, mit aller Vehemenz. Der Fokus liegt auf meinem Job. Ich bin keine Marionette, die alles mit sich machen lässt und jeden Tag nur an Partys abhängt. Ich weiss, ich wäre die perfekte Person dafür: Ich bin ein netter, geselliger Typ, ich tanze gerne, ich unterhalte mich gerne. Aber glaub mir: Ich arbeite verdammt hart! Auch wenn ich an solche Anlässe gehen muss, stehe ich am nächsten Morgen als Erster wieder auf der Matte.

Zurück zur Musik: Sens Unik hat von Anfang an sehr eingängigen Sound gemacht. Das war nie Underground-Musik und nie stur auf ein Genre beschränkt. Woher dieser Mut?

Mit Mut hatte das gar nicht viel zu tun. Die Sängerin Déborah war halt von Anfang an dabei und wir haben immer gerne mit der Musik experimentiert. Deshalb ist automatisch Pop entstanden. Aber wir hatten ganz verschiedene Phasen: Mal haben wir auf den Putz gehauen und waren explosiv, mal waren wir eher düster, mal fröhlich, mal sehr melancholisch. Wir haben immer versucht, unsere Stimmungen umzusetzen und gleichzeitig Sens Unik zu bleiben.

Ich kann mich an alle eure Konzerte in Zürich erinnern. Ihr habt jedes Mal eine spezielle Show geboten. Ist das nun vorbei?

Ja, dieses Jahr ist es vorbei. Dieses Jahr ist das 20-jährige Jubiläum von Sens Unik und dies ist der perfekte Moment, um sich mit einer ausgedehnten Tour von den Leuten zu verabschieden.

An Weihnachten werdet Ihr nochmals in Zürich auftreten, habe ich gehört?

Ja. Aber danach ist es vorbei.

Dann ist Carlos der Rapper tot?

Ich glaube schon. Ich glaube, Carlos der Rapper ist schon länger tot. Ich bin nur der Typ von Sens Unik, der die Songs singt, die wir gemacht haben.

Aber Deine Zunge ist immer noch ziemlich schnell!

Danke! Diese Konzerte machen auch durchaus Spass. Ich respektiere die ganze HipHop Kultur immer noch sehr, denn sie war mein bester Lehrer. Aber Rap ist für die jungen Leute und ich überlasse ihnen gerne meinen Posten, denn es gibt wirklich gute junge Rapper heute und ich will ihnen diesen Platz nicht noch mal streitig machen. Wir sind Sens Unik, wir gehören nicht mehr zum Rap dazu.

Verfolgst die Entwicklung von Rap noch heute?

Nein, mach ich nicht.

Warum nicht?

Ich bin ein Workaholic. Mir bleibt dafür wenig Zeit. Der Fokus liegt heute auf der Schauspielerei. Hin und wieder höre ich mich noch einen Rapsongs an. Von Könnern wie Jay-Z zum Beispiel.

Kann Dich ein guter Rapper immer noch beeindrucken?

Ja, natürlich. Aber ich habe eine Menge Rap gehört. Ich habe bereits mit 12 Rapmusik gehört, jetzt bin ich 40. Das sind 28 Jahre, das ist eine Menge Zeit. Ich höre nach wie vor gerne Rap, aber ich interessiere mich für ganz verschiedene Arten von Musik.

Was ist die wichtigste Lektion, die Du vom HipHop gelernt hast?

Als ich jung war, war Afrika Bambaataa der King für mich. Er brachte den jungen Leuten bei, all ihre negative Energie zu nehmen und in etwas Positives zu verwandeln.

Hattest Du eine Menge negativer Energie?

Um mich herum nicht, nein.

Aber Du selbst?

Ich selbst hätte viele Gründe dazu gehabt, ja. Ich meine, ich bin in Renens aufgewachsen. Das sind nicht die Vororte von Marseille oder Paris, das ist nicht die Bronx. Aber viele meiner Freunde sind wegen Drogen gestorben, viele waren im Gefängnis, weil sie Drogen verkauft haben und wäre HipHop nicht für mich dagewesen, hätte ich auch etwas Schlimmes tun können. Deshalb: Verwandle deine negative Energie in etwas Positives.

Wozu tanzt Du im Moment?

Ich reite noch immer auf dieser neuen Rock-Welle mit. Mir gefällt die Vermischung von Rock und Electro. Ausserdem habe ich hier in Zürich vor kurzem Sarah Blasko entdeckt. Eine fantastische Stimme! Sie ist die neue Björk. Ansonsten höre ich noch immer gerne Klassiker wie Jacques Brel.

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