Danger Mouse – „Ich möchte nichts Fröhliches machen“

Int. Rap

Brian Burton alias DJ Danger Mouse ist einer der gefragtesten Musikproduzenten der Jetztzeit. Nachdem er gemeinsam mit Rapper Jemini erste Zeichen im HipHop-Kontext setzte und später die Beatles mit Jay-Z kreuzte, war es vor allem das gemeinsam mit Goodie Mobs Cee-Lo Green realisierte Projekt Gnarls Barkley, das ihm weltweiten Ruhm und Erfolg bescherte. Seither haut der 33-jährige Multiintrumentalist ein spannendes Projekt nach dem anderen raus: Tracks mit MF Doom und Sparklehorse, Platten mit den Gorillaz, The Rapture, Beck, Martina Topley-Bird, The Black Keys und vielen mehr. Das letzte Jahr war dann vor allem seiner neuen Band Broken Bells gewidmet. Gemeinsam mit Sänger James Mercer von der amerikanischen Rockband The Shins kombiniert er dafür Indierock, Britpop, Psychedelik, schwarze Musik, Melancholie und viel Geschmack. Let’s talk.

Brian, lass uns gleich in medias res einsteigen: Das Stück „Mongrel Heart“ nimmt nach ziemlich genau zweieinhalb Minuten eine seltsame Wendung. Es klingt, als hätte Ennio Morricone plötzlich seine Finger im Spiel und wir wären irgendwo in der Nähe der Grenze zwischen den USA und Mexiko und würden in der staubigen Steppe mit irgendwelchen Pistoleros herumreiten. Was war die Inspiration dazu?

(lacht) Eigentlich all das, was Du gerade erwähnt hast! Ich war schon immer von alten italienischen Soundtracks und Spaghettiwestern begeistert. Als wir an diesem Album arbeiteten, hatten wir kein konkretes, kein hundertprozentiges Ziel vor Augen. Wir wollten einfach umsetzen, was uns gerade in den Sinn kam. Die Sequenz, die du angesprochen hast, widerspiegelt vor allem meinen Geschmack, aber James gefällt sie natürlich auch. Wir haben diesen Schlenker in Richtung Morricone ganz spontan eingebaut, und irgendwie fügte er sich super ein. Wie Du ja gehört hast, haben wir auf der Platte noch einige solcher kleinen Schlenker gemacht. Dies ist sicher der Offensichtlichste.


Mit diesem Album verfolgst Du einen etwas anderen Ansatz als sonst. Einige haben kritisiert, dass die Drums nicht so druckvoll sind diesmal. Sonst erkennt man Dein Klangbild – die stoischen, ratternden Sixties-Drums und den dumpfen Bass im Hintergrund – sofort. Wieso hast Du die Rezeptur verändert?

Das ist gar nicht unbedingt absichtlich passiert. Ich hab einfach Beats gewählt, die den Songs entsprechen. Ausserdem habe ich diesmal sehr viel selbst Schlagzeug gespielt. Über Erwartungen der Leute, mache ich mir keine Gedanken. Obwohl es mich natürlich freut, wenn das was ich gemacht habe gut ankommt.

War es eine Art Reaktion auf James’ Stimme?

Nicht wirklich, nein. Viele der Beats waren schon fertig, bevor er überhaupt dazu gesungen hat.

Was für mich nicht nur bei diesem Projekt interessant war, sondern vor allem auch bei Gnarls Barkley, ist die Tatsache, dass die Songs sehr melancholisch sind, aber die Leute oft sehr euphorisch und freudvoll darauf reagieren. Ist dieses Spiel von Aktion und Reaktion Absicht?

Eigentlich nicht. Es generell schwierig, grossartige Songs zu finden, die nicht auf irgendeine Weise melancholisch sind. Die Leute tanzen ständig zu traurigen oder melancholischen Songs. Ich möchte jedenfalls nichts Fröhliches machen. Eine melancholische Grundstimmung ist immer da. Das war schon immer so. Ich glaube auch, dass die Leute sich viel mehr gewohnt sind, solche Elemente in Songs zu hören als man meint. Hör dir nur mal „Crazy“ an: Die Leute singen mit und tanzen dazu, dabei ist es ein durch und durch düsterer Song.

Was mich an dem Stück immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass der Beat sich eigentlich jeglichem Groove verweigert. Und trotzdem tanzen die Leute dazu.

Eine sehr richtige Beobachtung! Ich habe „Crazy“ auch nie als Tanznummer betrachtet. Der Beat war eigentlich nur ein Platzhalter, den ich noch durch etwas Passenderes ersetzen wollte. Irgendwie habe ich mich dann daran gewöhnt und dachte: „Na ja, es geht ja nicht wirklich um den Beat, sondern viel mehr um die Akkorde, die Stimmung, den Gesang und den Text.“

Also machst du dir nie Gedanken darüber, was Deine Songs für Reaktionen auslösen könnten?

Manchmal denke ich schon daran, aber ich habe mittlerweile schon so viel gemacht, dass ich das gar nicht mehr voraussehen kann. Ausserdem kommt es normalerweise eh immer anders als man denkt. Wenn ich denke, dass etwas gross rauskommen wird, dann passiert meistens gar nichts! Und so mache ich dann eben einfach weiter. Ich sitze nicht rum und zerbreche mir lange den Kopf darüber.

Du bist sehr vielseitig und hüpfst von einem Projekt zum nächsten. Ist das die Antwort auf die Art und Weise wie das Musikgeschäft heute funktioniert? Oder ist es einfach Experimentierlust?

Es ist eher meine persönliche Art. Ich mache immer das, wonach mir der Sinn steht. Bei allem was ich bislang gemacht habe – bei allen Alben, allen Produktionsaufträgen, allen Kollaborationen –, habe ich einfach auf mein Gefühl vertraut. Ich hatte stets das Gefühl das jeweilige Projekt unbedingt durchziehen zu müssen. Ich mache das nicht in erster Linie meinetwegen. Es ist ein Reissen, das mich vorwärtstreibt. Zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. So war das die letzten sechs, sieben Jahre, und wer weiss wie lange noch.

War dies auch der Grund, warum Du das „Gnarls Barkley“ Projekt vorerst auf Eis gelegt hast? Weil etwas anderes plötzlich in den Vordergrund trat?

Nein, ich denke nicht. An Gnarls Barkley haben Cee-Lo und ich schon seit 2003 gearbeitet. Wir waren also während fünf Jahren konstant an der Arbeit. Danach wollte ich mich auf etwas Anderes konzentrieren. Und so ging es auch Cee-Lo. Er arbeitet ja jetzt an einem Soloalbum. Wir sind beide irgendwie in das reingedriftet, was wir jetzt machen.

Das zweite Gnarls Barkley Album „The Odd Couple“ ist massiv unterschätzt worden, finde ich. Für mich ist es viel stimmiger und subtiler als das Erste. Empfindest Du das auch so?

Für mich ist es in erster Linie eine Fortsetzung des ersten Albums. Aber ich kann nachvollziehen, was du meinst. Ich habe nach dem ersten Album einfach weiter gemacht . Es erschien mir als eine natürliche Weiterentwicklung unserer Musik. Es fasziniert mich, wenn andere Leute eine komplett andere Meinung davon haben. Das ist ein cooler Aspekt der Musik: Du weisst nie, wie etwas aufgenommen wird. Du machst etwas, von dem du denkst, dass es richtig cool ist und dann kommt es gross raus – oder es kommt überhaupt nicht an und du musst es noch mal machen.

Viele der Sachen, die Du gemacht hast – wie „The Grey Album“ oder „Crazy“, die erste Gnarls Barkley Single, nur als Download anzubieten – wirken wie eine clevere Business-Strategie. War das Absicht?

Nein. Business ist so ziemlich das Letzte, an das ich denke. Im Gegenteil: Zuerst kommt immer die Musik. Genau deswegen mache ich die Dinge auch immer gerne ein bisschen anders. Ich arbeite sehr viel und auf sehr unkonventionelle Art und Weise, und die Form, in der die Sachen schliesslich veröffentlicht werden, widerspiegelt das eben.

Gewisse Deiner Beats – speziell auf der ersten Gnarls Barkley Platte oder dem Album von Martina Topley-Bird – haben einen ziemlich elektronischen Klang. Hast Du Dir je überlegt stärker in diese Richtung zu gehen und vielleicht ein elektronisches Instrumentalalbum à la Flying Lotus aufzunehmen?

Ich hab mir das vor einer Zeit mal überlegt, aber im Moment interessiert mich das nicht. Dafür gefällt mir Gesang momentan viel zu sehr. Wenn ich etwas Instrumentales produzieren würde, dann für einen Film oder ein Game.

Du hast also kein Projekt im Bereich der elektronischen Musik?

Nein. Das entspricht auch überhaupt nicht meiner Arbeitsweise. Ich programmiere kaum Beats und nutze den Computer nur zum Aufnehmen und Editieren. Wenn ich im Studio bin, spiele ich Instrumente ein und schreibe meine Songs auf Papier.

Also setzt die MPC langsam Staub an?

Ich habe noch nie mit einer MPC gearbeitet…

Mit welchem Equipment hast Du denn angefangen?

Ganz am Anfang hatte ich ein Keyboard, eine Gitarre und ein 4-Spur-Gerät. Dann habe ich mir einen Sampler geholt, von dem ich schon gar nicht mehr weiss, wie er hiess. Später dann einen dieser Keyboard-Sampler, einen Emax. Irgendwann hab ich dann angefangen auf Computern aufzunehmen. Ich habe eigentlich nie gross Beats gemacht. Ich war immer schon mehr der Song-Typ, bei allem das ich gemacht habe. Klar war HipHop ein Einflussfaktor für mich, aber eben nur einer von vielen.

Musst Du eigentlich gleich gepolt sein wie die Leute, mit denen Du zusammenarbeitest?

Ich denke sicher nie genau gleich wie die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Aber wir konnten uns immer irgendwie arrangieren. Wir reden viel, quatschen über Musik, über das Leben und die Songs, an denen wir gerade arbeiten. Dabei hilft es natürlich, wenn eine gute Kameradschaft herrscht.

Ich meine mehr die Denkweise, um die Stimmung eines Songs zu erfassen. Um den Text und den Gesang mit dem Song in Einklang zu bringen.

Das kommt immer auf die jeweilige Situation an. Bei Broken Bells sassen wir die meiste Zeit zusammen im Studio und werkelten gemeinsam an den Songs. Wir haben im Laufe des letzten Jahres viel Zeit zusammen verbracht. Die Gesangsmelodien kamen dabei mehrheitlich von James, die Akkorde von mir. Eigentlich war es ziemlich durchgehend ein gemeinsamer kreativer Prozess. Wir bewegten uns dabei immer wieder vor und zurück, um zu schauen, wo wir noch etwas verbessern könnten. Es lief völlig anders als bei all den anderen Projekten, in die ich bislang involviert war. Als Produzent feilt man an Songs, die jemand anderes geschrieben hat und versucht sie noch besser zur Geltung zu bringen, hier noch etwas zu addieren, da noch etwas Störendes zu entfernen.

Das Broken Bells Album ist sehr dicht. Auch nach vielmaligem Hören entdeckt man neue Elemente oder kann sich vom Songverlauf überraschen lassen. Ausserdem hat es diesen Soundtrack-Charakter. War das alles beabsichtigt?

Ja, auf jeden Fall! Ich muss allerdings auch dazu sagen, dass ich ein bisschen wahnhaft bin und immer denke, dass alle jedes kleinste Detail raushören und grossartig finden, nur weil es mir gut gefällt. Und wenn dann alles fertig ist, fange ich erst an mir alles richtig anzuhören. Wir haben wirklich sehr viel Zeit in die Platte gesteckt und mehrere Ebenen eingefügt. Gerade weil wir zu zweit sind und mit einer Liveband aufgenommen haben, fliessen schon zu Beginn verschiedene Ebenen ein. Jeder Vers, jeder Refrain, jede Bridge, jedes Intro, hat eine wichtige Funktion, ist unverzichtbar.

Ich habe immer noch keine klare Vorstellung von gewissen Songs auf der Platte. Ich erinnere mich an einige Sequenzen, aber jeweils nicht an den ganzen Song. Die Songs wirken seltsam ungreifbar.

Ziel erreicht! Die Melodien sind da und auch das Gefühl von klassischen Songs – aber gleichzeitig haben wir etwas Neues gewagt und eigentümliche Wendungen und Transformationen eingebaut. Wir haben mit der Tradition gebrochen. Und wir hoffen, dass die Platte dadurch zu etwas geworden ist, das fortdauert und viele anspricht. Etwas, das die Aufmerksamkeit der Leute weckt. Wir sind jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

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