Big Boi – Sie sagten mir, mein Album sei zu artsyfartsy

Int. Rap

Der frischeste Wind weht noch immer in Atlanta: Mit seinem vor wenigen Wochen erschienenen, zweiten Soloalbum hat Outkast-Mitglied Antwan André Patton bewiesen, dass er den ehrgeizigen Nachwuchskräften noch immer locker das Wasser reichen kann. Aightgenossen sprach mit dem 35-jährigen Soundtüftler und begnadeten Rapper über seine Rolle als Koproduzent, clevere Arrangements und die lange Leidensstrecke, die seine Platte hinter sich hat.

Big Boi, Du hast nach „Speakerboxxx“ mit „Sir Lucious Leftfoot – The Son of Chico Dusty“ ja eigentlich schon Dein zweites Soloalbum vorgelegt. Bist Du anders an dieses Projekt herangegangen?

Nein, da gab es eigentlich keine grossen Unterschiede. Die Herangehensweise war mehr oder weniger die gleiche. Seit der Entstehung des Albums „Aquemini“ im Jahr 1998 schreiben und produzieren André und ich unsere Musik mehrheitlich selbst. Wir probieren viele Dinge aus und setzen unsere Visionen in Musik um. Ich sehe mich als Wissenschaftler im Dienste des Funk.


Für dieses Album hast Du mit verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet. Wie hast Du trotzdem diesen einheitlichen Vibe hinbekommen?

Indem ich selber alles ausgewählt und koproduziert habe. Ich habe bewusst verschiedene Produzenten mit unterschiedlichen Drumsounds eingesetzt. Die haben mir ihre rohen, rollenden Beats geschickt. Später hab ich dann selber noch das eine oder andere Element ergänzt und alles abgerundet.

Was bedeutet die Bezeichnung „Co-producer“ in Deinem Fall genau?

Das kann alles Mögliche bedeuten, je nach Stück. Mal hab ich noch eine Bläsergruppe ins Studio bestellt und sie etwas einspielen lassen, bei einem anderen Stück kam noch eine Gitarre oder eine Stimme dazu, mal hab ich selber mit Synthesizer etwas hinzugefügt. Ich habe also meistens noch ein paar Tonspuren zusätzlich aufgenommen und die Dramaturgie verändert.

Das hört man bei der aktuellen Single „Follow Us“ sehr gut: Der Song baut sich während seines Verlaufs immer mehr auf. Er fängt erst mit einem eher mageren Funkbreak an und wird dann immer mächtiger.

Richtig. Dieses Stück hat Salaam Remi produziert. Wir haben es gemeinsam in Miami aufgenommen. Später habe ich dann in Atlanta gemeinsam mit der Gruppe Vonnegut, die bei mir unter Vertrag steht, die Melodiepassagen hinzugefügt. Es ist absolut entscheidend, dass sich ein Stück während seines Verlaufs wandelt, damit er interessant bleibt. Dafür muss man meist ein bisschen rumpröbeln. Aber zuerst geht es immer darum, einen knackigen Beat und eine schöne Melodie zu finden.

Das Album klingt extrem leichtfüssig, aber da steckt eine Menge Arbeit dahinter, oder?

Ja, ich habe wirklich dreieinhalb Jahre an diesem Album herumgetüftelt. Das bedeutet tausende von Arbeitsstunden, viel Schweiss, viel Kopfzerbrechen – aber nur so kommt man ans Ziel.

Das Album war ja auch sonst eine Zangengeburt. Du musstest erst das Label wechseln, ehe es dann endlich veröffentlicht wurde.

Ja, das war eine ziemlich harzige Angelegenheit. Aber ich bin trotzdem froh, dass alles so verlaufen ist. Jetzt bin ich bei einem Label, das sich mit meiner Musik auskennt. Bei Def Jam arbeite ich wie früher mit LA Reid zusammen. Mit dem Typen, der unsere Karriere ins Rollen gebracht hat. Das ist mir extrem viel wert. Bei Jive haben sie meine Musik überhaupt nicht verstanden. Sie haben mir gesagt, mein Album sei zu artsyfartsy. Und sie wollten, dass ich Weichspülerscheisse fürs Radio produziere. Es ging so weit, dass sie von mir verlangten eine eigene Version von „Lollipop“ von Lil Wayne aufzunehmen. Natürlich hab ich mich geweigert.

Der Labelwechsel führte dann aber dazu, dass Du einige Lieder vom Album nehmen musstest, richtig?

Ja. Diejenigen mit André 3000. Jive wollte nicht, dass André auf dem Album ist. Solche Sachen hasse ich am Musikgeschäft. Ich finde, das war eine dicke Ohrfeige für alle Outkast-Fans. Aber die Tracks findet man mittlerweile beide im Netz. Sie heissen „Royal Flush“ und „Lookin’ 4 Ya“.

In den Stücken mischen sich die verschiedensten Einflüsse: Mal hört man da eine ganze Big Band, dann klingt es nach Opern und Arien, nach Marschmusik, nach Oldschool Funk. Woher kommen die Ideen?

Das ist einfach erklärt: Ich höre einfach alle möglichen Arten von Musik. Ich nehme Musik als Ganzes war. Genres existieren nicht. So bin ich aufgewachsen. Eines meiner Ziele beim Musikmachen ist es, nie den gleichen Song zwei Mal zu machen, auch von den Sounds her. Jeder Song, den ich veröffentliche, soll auf seine eigene Weise zeitlos sein.

Was dauert eigentlich länger: Den Beat richtig hinzubekommen oder den richtigen Flow zu finden?

Am Längsten dauert es meist den Text richtig hinzukriegen. Wenn man das schon so lange macht wie ich und so viele Texte geschrieben hat, dann ist es ziemlich schwierig sich da immer noch zu steigern. Man muss sich da richtig viel Zeit nehmen. Das ist eine richtige lyrische Operation, der man sich da unterziehen muss.

Wer hilft dir dabei? Wer leiht dir ein kritisches Ohr?

Normalerweise ist das mein Toningenieur. Ich arbeite schon eine ganze Weile mit ihm zusammen. Ich frage ihn dann jeweils: „Ist es das? Ist es das wirklich?“ – Und er sagt dann ja oder nein.

Auf Platte klingt es dann immer so, als wäre Rappen das Einfachste auf der Welt.

Ja, klar. Man muss ja cool rüberkommen. Aber glaub mir, es ist keineswegs einfach. Da stecken viele Überlegungen und viel Arbeit dahinter.

Du hast eben erwähnt, dass Du von ganz verschiedener Musik beeinflusst worden bist. Wie bist Du eigentlich auf Deine Lieblingskünstlerin Kate Bush gekommen?

Mein Onkel Russell hat mich darauf gebracht. Ich war damals in der sechsten Klasse. Ich hatte eine Kassette, die ich immer auf dem Weg zur Schule gehört habe. Ich mag all ihre Songs. Sie haben eine unglaubliche Tiefe. Sie und Bob Marley sind meine absoluten Lieblingskünstler.

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