Chali 2na – Die Kids kennen kein Leben ohne HipHop

Int. Rap

Als Guru seinen oft zitierten Satz: “It’s mostly the voice” vom Stapel liess, war Chali 2Na vermutlich noch irgendwo mit seinen Spraydosen unterwegs oder freestylte von der Öffentlichkeit unbemerkt im Good Life Café. Das Statement von Guru trifft den Nagel aber selten so auf den Kopf, wie bei dem Bariton, der schon bei Jurassic 5 immer herausstach. Bereits 2004 hatte Chali 2Na sein Mixtape „Fish Market“ veröffentlicht, zwei Jahre später erschien mit „Feedback“ das letzte Jurassic 5 Album. Nach der Trennung der populären Crew begann das Warten auf Chali’s Solodebüt. Nachdem er sich endlich aus den Fängen von Interscope befreit hatte, erschien 2009 schliesslich „Fish Outta Water“. Dieses Jahr doppelte er mit „Fish Market 2“ nach und wir wollten von dem grundsympathischen Riesen, der sich auf seiner Website selber als MC, Musician, Painter, Actor and Renaissance Man bezeichnet, wissen, wie es nun weitergeht.

Ursprünglich war es geplant, dass du hier am Royal Arena mit Breakestra auftrittst, nun hast du aber deine eigene Band House of Vibe im Schlepptau.
Der zweite Teil der Tour mit Breakestra konnte wegen unterschiedlichster Probleme nicht mehr durchgeführt werden. Es gab verschiedene interne Schwierigkeiten und bevor es noch zu weiteren Problemen kommen konnte, haben wir es lieber beendet. Nun bin ich hier mit House of Vibe, der Band, mit der ich normalerweise unterwegs bin. Ich spiele live so oft wie nur möglich mit Band, denn es gibt dem was ich tue eine völlig andere Dynamik.

Die Shows von Jurassic 5 lebten auch von der perfekten Harmonie unter euch MC’s. War es etwas vom Schwierigsten nach der Trennung plötzlich alleine auf der Bühne zu stehen?
Es war nicht unbedingt das Schwierigste, aber es ist definitiv anders. Ich werde aber auch immer andere Projekte wie Ozomatli verfolgen und Gastbeiträge bei diversen Künstlern machen. Beim Performen war es mir immer am wichtigsten, die Show zu perfektionieren, ob es nun in der Gruppe oder alleine ist.

Du sagtest, dass dich die Leute als Gruppenmitglied, aber nicht als Künstler kennen. Konntest du dies durch deine Soloveröffentlichungen ändern?
Ich hoffe es. Als Künstler erreicht man irgendwann den Punkt, wo man sich nicht immer um die Meinung der Öffentlichkeit kümmern kann. Die Musik ist mein Weg um mich auszudrücken. Die Kunst fliesst durch meinen Körper und kommt von Herzen, ob es die Leute immer mögen oder nicht. Realistischerweise tun sie das nicht. Manchmal mögen sie es, manchmal nicht – darauf muss man als Künstler vorbereitet sein. Aber am Ende des Tages mache ich einfach die Musik, die ich fühle und die ich zu diesem Zeitpunkt machen muss.

Ärgert es dich, wenn du immer noch als Chali 2Na von Jurassic 5 angekündigt wirst?
Nein, überhaupt nicht! Jurassic 5 ist was ich bin. Ich bin Teil einer Klicke, die einige coole Styles kreiert und die Herzen vieler Leute erreicht hat. Für das bin ich sehr dankbar und es gibt auch keinen Grund, dass sich das ändert.

Fühltest du dich manchmal als Künstler etwas eingeschränkt bei J5, auch weil ihr oft nur als Crew mit dem Old School Vibe abgetan wurdet?
Ich fühlte mich nie limitiert, da ich wusste, dass wir eigentlich alles machen könnten, wenn wir uns darauf fokussieren. Jeder von uns hatte verschiedene Talente und Spezialitäten. Wenn ich eine Idee hatte, die bei den Anderen auf wenig Interesse stiess, dann behielt ich sie einfach für mich und habe sie alleine weiterentwickelt. Denn ich mag es nicht, wenn Ideen unterdrückt werden. Man sollte aus seinen Einfällen immer versuchen, etwas zu erschaffen. Ich mag es zu arbeiten, schreibe ständig und so kommen auch immer wieder neue Ideen. Manche gefielen der ganzen Gruppe, andere setzte ich alleine oder mit anderen Leuten um. Es ist ein stetiger Prozess.

Du sagtest du seist als Erstes immer noch ein Writer und erst durch Graffiti zu HipHop und Rapmusik gekommen. Kann man es schon fast als Unfall bezeichnen, dass MCing zu deinem Beruf wurde?
Yes Sir (lacht). Ich schrieb zwar schon Gedichte, da ich das kreative Schreiben immer mochte, aber das Rappen nahm ich niemals so ernst wie das Malen. Es war meine Mission, alles zu zerstören. Zum Rappen kam ich eigentlich, weil ich vor einem Girl blamiert wurde. Ein Typ, der ebenfalls auf dieses Girl stand, konnte Rappen und hat mich dann vor ihr in einem Freestyle schlecht gemacht. Ich konnte mich aber nicht verteidigen. Deshalb ging ich nach Hause, schrieb einen Rap und hoffte auf meine Möglichkeit. Tatsächlich traf ich den Typen wieder und ich kickte den Text, als sei es ein Freestyle. Die guten Reaktionen darauf zeigten mir, dass dies etwas ist, was ich beherrsche.

Weiss dieses Girl, dass sie möglicherweise mitschuldig ist an deiner Karriere?
Ich weiss es nicht. Vielleicht hat sie die Story irgendwo in der Presse gelesen. Das ist aber auch schon sehr lange her.

Du bist nicht nur ein Writer, du malst auch Ölgemälde. Siehst du zwischen dem Malen eines Bildes und dem Schreiben eines Songs Parallelen?
Die grösste Gemeinsamkeit ist, dass beides Kunst ist, die dafür geschaffen wird, damit die Leute es geniessen können. Beides ist eine Art, um sich auszudrücken und es vereint Menschen, wenn auch vielleicht nur für einen Moment. Ob nun einige Leute vor einem meiner Bilder stehen, oder beim Konzert sind und die Hände in der Luft haben – es ist immer vereinend. Es gibt viele Gemeinsamkeiten. Ich versuche die Disziplin eines Malers zu nehmen und auch bei anderen Sachen die gleiche Geduld an den Tag zu legen.

Du sollst auch geplant haben eine mobile Galerie mit auf Tour zu nehmen, so dass du deine Musik mit deiner Kunst kombinieren kannst. Planst du das weiterhin?
Absolut. Ich habe im Moment zwölf Bilder beisammen, die ich wirklich mag. Wenn ich zwanzig Bilder beieinander habe, werde ich das machen.

Kürzlich hast du das Mixtape „Fish Market Part 2“ veröffentlicht. Du sagtest, du könnest darauf machen, was immer du möchtest. Auch Sachen, die du dich auf einem regulären Album nicht getrauen würdest?
Bei einem regulären Album ist man an ein Label und den ganzen Business-Aspekt gebunden. Man macht sich Gedanken über eine Single, die Promotion, Marketing, Street Teams und so weiter. Bei einem Mixtape geht es aber primär um den Spass. Ich muss dabei nicht an eine Single denken und die Leute können einfach neue Musik geniessen. Mixtapes sind eine grossartige Möglichkeit für einen Musiker in diesen Zeiten, wo das Musikbusiness am Boden ist.

Würdest du aber einen Song wie „Gadget Go Go“ auf ein Album nehmen?
Mir gefiel der Beat von Rusko vom ersten Moment an. Ich schrieb einen Text darüber und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Auch weil es ganz anders klingt, als was die Leute normalerweise von mir zu hören bekommen. Ich habe den Track dann einfach rausgehauen und geschaut, wie die Reaktionen sind. Die sind momentan aber noch eher gemischt.

Spielst du ihn auch live?
Ehrlich gesagt bislang noch nie. Zu meinen Shows kommen die Hardcore-Fans, denn ich habe keine Songs, die im Radio laufen. Ich bin nicht wie Ludacris oder ähnliche Artists. Ich liebe zwar Luda und all diese Dudes, aber das ist einfach nicht was ich bin. Ich bin ein Künstler, der seit 17 Jahren ständig unterwegs ist und einfach den HipHop macht, den er hören will. Manchmal breche ich zwar aus, im Grunde genommen muss ich aber den Hardcore-Fans das geben, was sie von mir erwarten. Bislang habe ich mich noch nicht richtig getraut, „Gadget Go Go“ zu performen.

Du willst den Leuten bieten, was sie von dir erwarten. Grundsätzlich bist du aber von sehr vielen Musikrichtungen wie Salsa, Soul, Reggae und selbst House, beeinflusst. Willst du diese Einflüsse nicht auch auf deinen Alben reflektieren?
Doch. Alles was mich musikalisch während meines Lebens irgendwie beeinflusst hat, wirst du eines Tages auch von mir hören. Irgendwann (lacht). Ich habe viele karibische Einflüsse von meiner Familie und ich komme aus Chicago, wo House Musik geboren wurde. Diese Musik umgibt mich und hat mich geprägt. Irgendwann wird man das auch zu hören bekommen.

Was kannst du mir über das Dino 5 Projekt erzählen?
Grundsätzlich ist es Teil einer Serie, die für Kinder zum Lernen geschaffen wurde. Es gab zuerst „Baby Loves Jazz“, dann „Baby Loves Salsa“ und schliesslich wollten sie auch eine „Baby Loves HipHop“ Scheibe. Es sollte aber kein corny Album werden, deshalb haben sie Prince Paul involviert. Dieser hat dann die MC’s rekrutiert. Neben mir waren das noch Wordsworth, Lady Bug Mecca von Digable Planets, De La Soul, Scratch oder Ursula Rucker. Es ist ein gelungenes Projekt, das den Kids die Message vermittelt, dass es cool ist sich selber zu sein und man sich nicht verändern muss, um akzeptiert zu werden.

Würdest du sagen, dass die heutige Generation, auch dein Nachwuchs, mit HipHop aufwächst?
Definitiv. Mein Sohn wächst mit HipHop auf und kennt das Leben ohne HipHop gar nicht. Meiner Meinung nach sind viele Kids deswegen etwas zu verwöhnt. Da sie das Leben nicht mehr ohne HipHop kennen, können sie den Struggle, den wir durchmachten, nicht nachvollziehen. Dabei hat dieser dazu geführt, dass sie sich ein Leben ohne HipHop nicht mehr vorstellen können. Wir haben es damals schon etwas mehr zu schätzen gewusst. Es ist dasselbe mit den Leuten in Europa oder fast überall ausserhalb der USA, die unsere Musik und die Artform mehr schätzen, als wir das selber tun. Wir haben es kreiert und werden deshalb auch schneller gelangweilt und wollen das nächste Ding sehen.

Es gab mal Pläne für ein Projekt namens Room Service mit A.G., Casual und Dan the Automator.
Ich glaube nicht, dass das noch geschehen wird. Wir hatten es versucht, aber es war schwierig mit A.G. in Kontakt zu kommen und Dan the Automator war auch immer sehr busy. Als wir zusammen tourten war die Chemie einfach verrückt, deshalb würde ich das Album gerne auf die Beine stellen. Aber ich glaube nicht, dass es möglich ist.

Ich nehme an, „Fish Market 2“ ist ein Vorgeschmack auf dein nächstes Album, auf das wir hoffentlich nicht so lange warten müssen wie nach „Fish Market“ auf „Fish Outta Water“!
Es dauerte fünf Jahre bis „Fish Outta Water“ rauskam, weil ich kämpfen musste, um aus meinem alten Vertrag mit Interscope rauszukommen. Sobald ich raus war, veröffentlichte ich das Projekt sofort. Deshalb war es mir auch so wichtig ein Mixtape rauszubringen, damit die Leute neue Musik bekommen. Im Moment sind ich und Roots Manuva dran, ein Kollaboalbum namens „2na Manuva“ auf die Beine zu stellen. Natürlich arbeite ich an meinem Soloalbum und habe auch schon wieder einige Mixtape-Songs auf der Seite, die ich dann veröffentlichen werde, sobald die anderen beiden Projekte draussen sind. Ausserdem wird es ein Projekt mit der New Orleans Funk-Band Galactic geben. Ich versuche einfach busy zu bleiben und hoffentlich auch bald mit meiner mobilen Galerie unterwegs zu sein. Geht auf chali2na.com, dort bleibt ihr auf dem Laufenden und könnt Tourdaten, Gemälde und sonstigen komischen Scheiss auschecken.

Int. Rap