Nefew – „Nun kommt halt zuerst Amerika“

CH Rap

Was vor zehn Jahren noch wie ein kühner Traum klang, ist längst Tatsache geworden: Mundart-Rap hat sich etabliert und ist breit akzeptiert. Gleichzeitig reissen sich die ausländischen Künstler aufgrund stetig schwindender Plattenverkäufe um Bookings in Schweizer Konzerthäusern. Irgendwo dazwischen stehen Nefew. Als englischsprachige Crew in der Schweiz nie ganz akzeptiert, aus internationaler Sicht aber auch nur eine von tausenden Crews, die vom Durchbruch träumt. Doch Beständigkeit und Durchhaltewille scheinen sich für das im Aargau sesshafte Duo auszuzahlen. Nach ihrem international veröffentlichten Debütalbum „Off the Cuff“ folgte ein Deal mit Puma, ein von 2dopeboyz präsentiertes Mixtape und nun gar eine Zusammenarbeit mit DJ Green Lantern. In Übersee hat man zweifellos ein Auge auf Nefew geworfen und möglicherweise gelingt es ihnen damit auch hierzulande endlich den verdienten Respekt einzufahren. Wie es zu „Man vs. Many“ mit Green Lantern kam und wie es mit ihrem bereits fertiggestellten Album „Antihero“ weitergeht, erfahrt ihr in diesem Gespräch.

Gebt uns doch zu Beginn eine kurze Zusammenfassung eurer Geschichte!

Polemikk
: Wir kennen uns bereits seit dem Kindergarten. So um 92 oder 93 begannen wir mit Breakdance und Graffiti und kamen unmittelbar danach zum Produzieren und Rappen.
PA-Double: Es gab schon früher eine gewisse Aufteilung: Polemikk hatte PC und Synthesizer zu Hause und ich Plattenspieler.
Polemikk: Am Anfang versuchten wir vor allem andere Tracks zu kopieren beziehungsweise auf dem Synthesizer die Drums und Harmonien nachzuspielen. Ich kann mich erinnern, dass ich „Stay Real“ von Erick Sermon nachproduziert habe.

Das war quasi ein Lernprozess?

Polemikk
: Genau, das galt primär dem Lernen. Sampling war mir damals noch fremd. Ich spielte Klavier und bekam von meinen Eltern diesen Synthie geschenkt. Das waren die ersten Anläufe im Producen. 1995 kam dann mit dem PC das Sampling hinzu. Mein Onkel verkaufte damals Software und erhielt als Werbegeschenk eine Sampling-Software namens „Creative Sound Blaster“.
PA-Double: Unsere erste Platte „Lyrical Quarrel“ erschien dann 1999 und gleichzeitig gründeten wir auch unser Label Out of Frame Records, heute On Our Feet Entertainment. Das war unser erstes Release, darauf folgte 2003 noch eine Single. Nebenher produzierten wir für einige Schweizerdeutsche Gruppen, die bei unserem Label waren.
Polemikk: Das Label hatte eher den Zweck, einen Inprint zu haben, der vor uns steht. Wir konnten schon 1999 einige Platten an Fat Beats schicken und da klang es natürlich besser, wenn man noch ein Label hat.
PA-Double: 2007 erschien dann unser Album „Off the Cuff“.

Die zwei wichtigsten Schritte in eurer bisherigen Karriere waren euer Debütalbum und der Deal mit Puma. Beschreibt doch mal, was und wie es sich seither verändert hat.

Polemikk
: „Off the Cuff“ hat uns sicherlich geholfen, da es über Boombox und Traffic auch international erschienen ist. Es war zwar in eher kleiner Auflage, aber trotzdem war es für uns die erste richtige internationale Erfahrung, wodurch wir ein gutes Netzwerk aufbauen konnten. Hinzu kam, dass wir sehr gute Reviews bekamen in grossen englischen Magazinen. Weiter konnten wir Shows in Paris und Deutschland spielen. Eine bereits geplante Tour durch England klappte leider nicht, weil die Booking Agency es abfuckte.
PA-Double: Bei dem Deal mit Puma profitieren wir vor allem von ihren Kanälen. Wir sind auf allen Puma-Websites weltweit vertreten oder können mittels ihrem Facebook-Profil Millionen von Menschen erreichen. Das ist natürlich eine einmalige Chance.
Polemikk: Das ist ein Marketingbudget, welches wir uns sonst niemals leisten könnten. Sie machen aktiv Werbung für uns und wir tragen ihre Produkte in die Öffentlichkeit.

Im Prinzip ist es aber so, dass ihr selber schauen müsst, dass ihr eure Musik rausbringen könnt und erst dann schaltet sich Puma ein?

Polemikk
: Genau, sie kommen an Bord, sobald wir eine Veröffentlichung haben. Beim kreativen Prozess und auch dem Business reden sie nicht rein. Klar, würden wir jetzt plötzlich Musik machen, die überhaupt nicht zu ihrem Credo passt, würden sie sicherlich Einspruch erheben. Aber sie wissen, was für Musik wir machen und stehen da voll dahinter.

Wie kommen zwei Schweizer zu einer Zusammenarbeit mit DJ Green Lantern?

Polemikk
: Kürzlich las ich einen Comment auf einem deutschen Blog, wir seien die reichen Schweizer, die sich so etwas kaufen können. Wir können aber mit bestem Gewissen sagen, dass wir Green Lantern nur die Studiokosten und seine Arbeitszeit bezahlen. Wir reden hier von einem Betrag von 800 Dollar. Für die Aufmerksamkeit, die er uns bieten kann, ist das gar nichts! Green Lantnern hörte unsere Sachen und es gefiel ihm. Der Ehrlichkeit halber muss man natürlich sagen, dass es wohl nie dazu gekommen wäre, hätten wir nicht die richtigen Leute hinter uns, die ihn darauf aufmerksam gemacht haben. Nachdem er unser 2dopeboyz Mixtape „The Antihero Begins“ gehört hatte, ging er auf unsere Publizistin zu und schlug eine Zusammenarbeit vor. Das ist natürlich ein No-Brainer. Neben Eigenproduktionen haben wir auch noch Beats von Green Lantern, 7Inch und Nottz, der auf einem Song auch rappt.
PA-Double: Features gibt es von Dwele, Tyler Woods und wie erwähnt Nottz.

Das Projekt mit Green Lantern und auch der Support von Websites wie 2dopeboyz oder hiphopdx zeigen, dass ihr euch in den USA schon einen gewissen Namen machen konntet. Ist dieser wichtigste, aber auch schwierigste Markt euer Hauptziel?

Polemikk
: Unser Feature mit Consequence führte zu der Zusammenarbeit mit unserer Publizistin, die sich um die USA und England kümmert. Sie war der Meinung, in diesen beiden Märkten sei ein riesiges Potential für uns vorhanden, das wir irgendwie ausnützen müssen, auch wenn wir unsere Homebase hier in der Schweiz haben. Wir wollten nie erzwingen in den US-Markt zu gelangen, es ergab sich einfach so und gewisse Türen gingen auf. Wir versuchten oft in Europa etwas zu machen. Hier heisst es aber schnell: Sie sind Europäer, rappen aber auf Englisch.

Man könnte also sagen, dass ihr euch in der Schweiz oder sogar in ganz Europa ein wenig missverstanden fühlt?

Polemikk
: Wir müssen uns einfach immer rechtfertigen. Ich muss jedes Mal betonen, dass dies mein Background ist und ich mich in Englisch, Deutsch und Italienisch genau gleich gut ausdrücken kann. Es gibt extrem viele Märkte, aber Amerika war lustigerweise der Erste, bei dem sich die Türe geöffnet hat durch die Möglichkeit mit hiphopdx oder okayplayer Interviews zu führen. Die sehen uns als aufstrebende Artists. Das ist natürlich cool, irgendwie aber auch traurig, da man gerne von den Leuten in der unmittelbaren Nähe, bei denen man auch performen könnte, die Anerkennung hätte. Nun kommt halt zuerst Amerika.

Womöglich müsst ihr euch zuerst dort behaupten, dass dann auch in der Heimat die Anerkennung kommt.

PA-Double
: Genau. Auch in Deutschland hatten wir bislang nie Medienpräsenz. Das kommt erst jetzt, wo wir das Mixtape mit Green Lantern veröffentlichen.
Polemikk: Es ist schon lustig, dass man über die USA gehen muss, damit die Leute hier merken, dass wir freshen Sound haben und wir eine Chance erhalten.

Eure Musik lässt sich geographisch nicht zuordnen. Gibt es trotzdem etwas, das bei Nefew typisch schweizerisch ist?

PA-Double
: Vom Musikalischen her sicherlich nicht.
Polemikk: Ich denke, diese gewisse Ausgewogenheit und die fehlende „Ich bin der Beste“-Attitüde. Es ist positive Musik, die nicht dazu da ist, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Diese gewisse Schüchternheit ist schon sehr schweizerisch. Das ist auch etwas, was Green Lantern im gewissen Sinn kritisiert hat. „Antihero Begins“ sei gut und recht, aber nun sollten wir etwas auf den Tisch hauen und arroganter rüberkommen. Das ist der ganze amerikanische Apparat, der nun kommt und uns sagen will, wie es zu klingen hat. Wir sollen stolzer sein und nicht die kleinen Jungs, die auch noch ein bisschen Rap machen.

Habt ihr euch das zu Herzen genommen?
Polemikk
: Es geht schon ein bisschen mehr in Richtung Battle-Rap, ist ein wenig aggressiver und lyrischer. Aber es ist nicht so, dass wir nun etwas völlig anderes machen würden: Es ist immer noch super musikalisch, aber auch stolzer und nicht nur positiv und zurückhaltend.

„Antihero Begins“ erschien im März und war, wie der Name sagt, als Teaser für das Album „Antihero“ gedacht. Dieses ist schon ein Momentchen fertig. Wie ist es, ständig neue Tracks aufzunehmen, aber eigentlich auf einem fertigen Album zu sitzen?
PA-Double
: Wir nehmen laufend Tracks auf, bei denen wir finden, dass sie für ein Album tauglich wären. Klar würden wir das Album gerne rausbringen, aber wichtiger ist im Moment, einen Buzz zu kreieren und die Fanbase aufzubauen, so dass wir dann in einem weiteren Schritt, hoffentlich nach diesem Mixtape, mit einem Label an den Tisch sitzen können.
Polemikk: Wir hatten zwei Angebot von Majors vorliegen, die aber so beschissen waren, dass unser Anwalt davon abriet. Es bringt nichts, das erstbeste Angebot anzunehmen nur damit man das Album endlich rausbringen kann, sich dieses dann womöglich wenig verkauft und man dann doch wieder ohne Vertrag dasteht. Deshalb haben wir dankend abgelehnt und uns darauf konzentriert, gutes Marketing zu betreiben, unser Netzwerk zu vergrössern und auf andere Arten zu versuchen an mehr Leute zu gelangen.

Der Song mit Dwele war ja ursprünglich als Single für das Album geplant und ist nun die Leadsingle des Mixtapes.
Polemikk
: Ich hätte diesen Track niemals geleakt, das war wirklich mit tiefen Schmerzen verbunden. Schlussendlich haben wir uns aber dafür entschieden, eine Leadsingle zu nehmen, die auch etwas bewirkt, wenn man schon mit einem riesigen Namen wie Green Lantern arbeiten kann. In einer perfekten Welt wäre der Song mit Dwele unser Major-Debüt in Form einer Single gewesen. Mit einem guten Video hätte es die perfekte Introduction von Nefew abgegeben. Nun haben wir den Song halt gratis weggegeben. Die Songs von „Man vs. Many“ und auch „Antihero Begins“ waren auf Albumlevel und das haben wir alles kostenlos rausgeschmissen. Einerseits ist das traurig, weil ich denke, dass die Leute dafür schon bezahlen würden, andererseits muss man zuerst einfach gratis Musik rausgeben.

Wie eben erwähnt, hattet ihr Angebot von Majors, was im Moment vom Tisch ist. Wäre das aber trotzdem immer noch das Fernziel mit einem Major zu arbeiten?
PA-Double
: Wir sind nicht auf einen Major fixiert. Es muss für uns einfach stimmen und wir müssen das Gefühl haben, dass man sich gut um unser Produkt kümmert.
Polemikk: Die Frage ist, was ein Majorlabel heute noch bedeutet. Klar kommt man dank dem an viele Leute und vielleicht kriegt man sogar kreative Freiheit. Aber man will ja nicht enden wie The Roots bei Def Jam. Ein Label soll sich wirklich um einen kümmern. Wir sind keine Gruppe, die superkommerziell ist. Zwar sehr musikalisch, aber nicht unbedingt kommerziell. Von daher muss man das schon sehr genau abwägen. Denn es bringt sicherlich nichts, etwas zu unterschreiben, nur damit man sagen kann, dass man bei einem Major ist.

Erwartet Puma aber nicht, dass ihr einen grösseren Deal habt?
Polemikk
: Klar ist Puma daran interessiert, dass wir immer grösser werden. Sollten wir irgendwann die Usain Bolt des Raps sein, ist das für sie natürlich auch gut. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Labels erkennen, dass wir bereits einen globalen Player hinter uns haben und man Synergien nutzen kann. Diese Entscheidung liebt aber sicher nicht bei Puma.

In einem Interview habt ihr gesagt, ihr hättet gewisse Kompromisse eingehen müssen auf dem zweiten Album. Wie darf man das verstehen und woher kam der Druck, diese Kompromisse einzugehen?
Polemikk
: Das kam im Prinzip schon von uns selber.
PA-Double: Ein Druck bestand eigentlich nicht. Wir hörten auf gewisse Leute, die uns Inputs gaben. Uns war auch klar, dass wir ein oder zwei Singles haben müssen. Wir veränderten uns aber sicher nicht komplett, sondern öffneten uns eher etwas.
Polemikk: Der Wandel kam eher daher, dass wir weggingen von Samples und viel mehr mit Live-Instrumenten arbeiteten. Es ist musikalischer, mehr durcharrangiert und hat viel gesungene Hooks – ein Beispiel dafür ist der Track mit Dwele. Das ist unsere Antwort auf gute Musik.

Du hast die neue Herangehensweise ohne Samples angesprochen. Das ist also eher eine Weiterentwicklung und nicht schon der Hintergedanke an allfälliges Sample-Clearing?
Polemikk
: Das Sample-Clearing ist schon immer ein Problem, war aber nicht der Grund. Wir haben es auch gemacht, damit es ein wenig sauberer klingt. Wenn man zu einem Sample Live-Instrumente dazuspielt, klingt der Song einfach sauberer und klarer, nicht nach grimey 93er-BoomBap. Es geht zwar weiterhin in diese Richtung, aber wir haben etwas Altes modernisiert.

Musstet ihr abwägen entweder weiterhin eure Musik zu machen, oder eben Kompromisse einzugehen und dadurch vielleicht die Möglichkeit zu erhalten, richtig durchzustarten?
PA-Double
: Ganz sicher. Wir machen schon etwa 15 Jahre Musik und sind an dem Punkt, wo man sagen muss: Entweder erreichen wir damit etwas oder wir machen es nur noch aus Spass und sind in ein paar Jahren weg von der Bildfläche. Wir wollten es einfach probieren und es uns selber beweisen.
Polemikk: Das Ziel ist sicherlich auch, von der Musik zu leben. Das ist bei mir im Moment der Fall, während PA noch seinen 9–to-5-Grind hat. Wie er gesagt hat, kommt man an den Punkt, wo man es einfach versuchen will, was bei mir aber lange gedauert hat. Auch bei uns gab es viele Rückschläge, wir haben einfach durchgehalten und plötzlich passiert etwas. Diese kleinen Schritte nach vorne zeigen einen, dass es doch klappen könnte. Nun sind wir an dem Punkt, wo eigentlich alles möglich ist. Diesen Moment braucht es, sonst gibt man auf. Das nötige Glück und die richtigen Leute braucht es natürlich auch, da muss man sich nichts vormachen. Man kann nicht die ganze Zeit gratis Sound rausgeben und hoffen, irgendwann rufe Diddy an. Man braucht ein Umfeld, das deine Musik den richtigen Leuten schickt, damit sie auf einen aufmerksam werden.

Wie geht es bei Nefew weiter nach „Man vs. Many“?
PA-Double
: Wir waren eineinhalb Jahre fast ausschliesslich im Studio und möchten jetzt gerne mit der Band proben und eine Tour durch Europa auf die Beine stellen. Das ist eines der nächsten Ziele. Und natürlich mit den Labels zusammensitzen.
Polemikk: Das Album wird kaum noch dieses Jahr erscheinen, da es keinen Sinn macht, auf die Schnelle einen Deal zu suchen. Wir haben keinen Stress mit dem Album, denn ehrlich gesagt, haben wir dieses Jahr schon zwei Alben gratis rausgebracht. Erstes Quartal nächsten Jahres wäre sicher ein guter Moment für das Album, vor allem, wenn wir uns zuvor mit einer Tour bei den Leuten noch vorstellen können.

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