Soprano – „Ich bin ein ganz normaler Typ“

Int. Rap

Es ist Sonntagmorgen 9 Uhr 30 und wir befinden uns in einem Hotel in Winterthur. Vor uns sitzt ein Artist aus Marseille, der einst von IAM Chef Akhenaton entdeckt wurde. Wir haben die Gelegenheit, exklusive für Aightgenossen.ch, mit dem Kopf der legendären Gruppe Psy 4 de la Rime über seine Solokarriere zu Sprechen, über die Schweiz, sein kommendes Album, Zukunftspläne und allgemein über Hip Hop.

Hallo Soprano, nett dass du dir die Zeit nimmst, um mit uns bei deinem Schweiz Aufenthalt zu sprechen.

Warst du schon mal in der Schweiz, bzw. in der Ostschweiz?


Ich habe viele Konzerte in der französischen Schweiz gegeben, ansonsten war ich einmal mit Psy4 in Zürich und vor kurzem in Weinfelden. Ich war dort der erste französische Künstler, das hat mich gefreut.


Wie findest du es hier und was glaubst du unterscheidet das Schweizer Publikum mit dem französischen Publikum?

Es gibt große Unterschiede! In Frankreich verstehen die Leute alles was ich sage, ich sage zum Beispiel Sachen in meinen Texten, die sie täglich erleben. Außerdem gibt es Wörter und Redewendungen, die in allen Vierteln Frankreichs gesprochen und verstanden werden und vielleicht nicht in der französischen Schweiz oder in Belgien, der Kontakt ist also anders. Was ich an der französischen Schweiz mag ist, dass das Internet durch die Menschen spürbar wird, das die Musik verbreitet wird. Obwohl es in der deutschsprachigen Schweiz Leute gab, die aus der französischsprachigen Schweiz kamen, hat man den Vibe gespürt! Es waren viele Menschen da, die im Verlauf des Konzerts immer mehr reingekommen sind, mehr mitmachten und den Vibe gespürt hatten, auch wenn sie die Sprache nicht richtig verstanden haben.

Falls du dich beschreiben müsstest, für Leute die dich nicht kennen, wer ist Soprano? Wie würdest du deinen Style / deine Musik definieren?

Ich bin ein ganz normaler Typ, der alle möglichen Musikrichtungen mag. Ich bin ein bisschen ein „Freestyler“, d.h. ich versuche mich jeder Art von Song anzupassen, denn ich bin Musik-Fan und das ist die Herausforderung, die ich mir selbst gesetzt hab seit ich damit begonnen habe, Musik zu machen. Indirekt sehe ich mich selbst als jemanden, der versucht die Menschen zu vereinen, der Ernstes und Nachdenkliches, aber auch Fun, Battle und Freestyle macht. Ich versuche Tracks zu machen, die nicht ausschließlich die Jungs aus den Vierteln oder HipHop-Hörer berühren – indem ich Hip Hop mache, natürlich (lacht).

Was unterscheidet dich von den anderen französischen Artists?

Puh… ich weiß nicht… ich hätte jetzt gesagt mein Akzent, aber es gibt so viele Marseiller mit diesem Akzent (lacht). Nein, aber vielleicht meine Stimme. Meine ist relativ hoch und unterscheidet sich ein bisschen, so wie Sefyu seine Stimme hat, meine ist vielleicht ihr Gegensatz.

Dein Debütalbum „Puisqu’il faut vivre“ hast du 2007 veröffentlicht, davor hast du auf Mixtapes und unzähligen Features dein Können unter Beweis gestellt. Warum hast du dir mit deinem ersten Album so lange Zeit gelassen und warum war es jetzt so lange still um dich?

Weil ich zwischen meinem ersten und meinem kommenden Album ein Psy 4 de la Rime Album gemacht habe, „Les cités d’or“. Wir haben viele Konzerte gegeben und waren z.B. auch in der Schweiz, in Neuenburg, in Lausanne, in Genf um das Album zu representen. Dann wurde ich auch noch Vater, hatte also privat auch viel um die Ohren. Aber jetzt kommt mein neues Album. Vor meinem ersten Album war ich immer in meiner Gruppe, wir haben uns immer gesagt, wir machen erst zwei Alben mit Psy 4 de la Rime bevor wir Solo-Alben herausbringen. Unser Name sollte erst fest im französischen Rap verankert sein, damit wir nach unseren Solo-Projekten direkt wieder Psy 4 – Alben herausbringen können und die Gruppe weiterhin präsent bleibt, ob die Solo-Alben jetzt gut laufen oder nicht.

Kann man sagen, dass du ein Faible für Mixtapes hast? Was reizt dich daran?

Auf Mixtapes kann man sich austoben, man kann machen was man will. Es gibt keine Kriterien, man kann Instrumentals von anderen Künstlern nehmen und in verschiedene Richtungen gehen. Außerdem habe ich einen super DJ namens Sya Styles, wenn ich ihm alles gebe macht er unglaubliche Mixes daraus… deswegen mögen wir das sehr.

Man munkelt, dass dein 2tes Album so gut wie aufgenommen ist und es sich momentan im Mischstatus befindet. Kannst du uns ggf. ein wenig dazu sagen?

Ich kann ein bisschen über das Album sagen – nicht alles, aber ein bisschen. Im Juli nehme ich noch ein paar Tracks auf, dann sollte es fertig sein. Einige Tracks sind bereits abgemischt, insbesondere „Darwa“ und „Crazy“, die man überall hören und herunterladen kann – legal (lacht). Zu diesen Tracks wird es auch Clips geben. Der eine Track ist die Fortsetzung von „Halla Halla“, der andere ist mehr clubmäßig.

Machst du auf dem Album auch wieder die Mehrzahl der Beats selber? Wird es wieder ein Konzeptalbum sein? Und hast du Gäste dabei?

Ich hatte dieses Mal weniger Zeit, selbst Beats zu machen. Ich habe lieber Beats von anderen genommen, auch von einem Deutschen namens Gee, ansonsten von Scalp, DJ Mej… ich habe zwei gemacht. Es gibt ein Konzept… also es wird die Folge des Konzepts sein… das ist kompliziert. Also es gibt ein Konzept. Ich weiß nicht, ob der Albumtitel sich noch ändern wird, bis jetzt lautet er „La Colombe et le corbeau“. Bis das Album letztendlich herauskommt werde ich mehr dazu sagen können. Was die Features betrifft, ich habe bereits zwei Tracks mit Gästen aufgenommen, einen mit meiner Gruppe und einen mit einer Gruppe, die vor allem in Afrika und Frankreich bekannt ist… aber ich kann den Namen noch nicht sagen, aber es ist keine Rap-Gruppe. Vielleicht wird es noch 2 oder 3 internationale Features geben.

Wie wird sich das Album zu „Puisqu’il faut vivre“ unterscheiden?

Es wird immer noch genauso ehrlich sein. Es wird aber mehr bühnentaugliche Tracks geben, die hatte ich für’s erste Album eigentlich auch aufgenommen, aber in letzter Sekunde gab es Probleme wegen den Samples, deshalb mussten wir die weglassen. Das Album hatte also eine sehr melancholische Note, was eigentlich nicht vorgesehen war. Dieses Mal versuchen wir, ein Gleichgewicht zu schaffen, die „Colombe“- und die „Corbeau“-Seite (Friedenstaube und Rabe, Anm. d. Übersetzers) – putain, ich sage schon viel zu viel über das Konzept!! (lacht)

Kennst du Rapper oder Gruppen aus der Schweiz? Nehmen die Franzosen die Schweizer Hip Hop-Szene wahr?

Der bekannteste bei uns ist Stress von Double Pact. Und schau da! (Soprano steht auf, geht zur Rezeption und kommt mit einer gratis Zeitschrift wieder, die er zuvor zufällig entdeckt hat.) Das Portrait auf dem Titelblatt ist Carlos Leal von Sens Unik, war sehr unheimlich, als ich das vorher entdeckt habe, krass oder? Ich habe eigentlich viele Freunde in der Schweiz, die Musik machen, aber das sind vor allem Producer.

Was bewegt dich, trotz der weltweit sinkenden Verkaufszahlen immer noch, mit Musik dein Geld zu verdienen? Hast du einen Notfallplan parat, wenn es mal nicht mehr funktionieren sollte mit CD-Releases Geld zu verdienen?

Ich sage immer, es ist wichtig Platten zu verkaufen, und zwar um weiter Musik machen zu können und nicht um sich dicke Autos zu kaufen. Ich liebe Musik, wenn man mir sagt „Ey, du hast einen Hit gelandet!“, dann freue ich mich! Dann sagen wieder Leute „Ohh, das ist kommerziell“, aber um Konzerte machen zu können, müssen die Leute dich kennen, um bekannt zu werden müssen die Leute deine CD kaufen. Wenn du die großen Hallen füllen willst, musst du erst richtig viel verkauft haben, sonst wirst du erst gar nicht gebucht. Ich gehöre zu denen, die sagen, dass man Platten verkaufen MUSS, man muss alles dafür tun, um ins Radio zu kommen, in andere Länder gehen, auch mal vier Interviews hintereinander geben… man muss das machen, um morgen noch da zu sein. Ich habe auch begonnen, Castings zu machen, ich sollte jetzt auch in einem Film mitspielen, aber es ist noch nicht sicher. Die Filmwelt ist komplizierter als die Musik, ich weiß also nicht wie es da weitergeht… ich würde gerne in einem Film mitspielen, aber ich will lieber nicht anfangen zu träumen.

Könntest du dir vorstellen, ein Buch zu schreiben? Zum Beispiel deine Autobiographie?

Ich lese gerade das Buch von Akhenaton. Ich weiß nicht was ich von meinem Leben erzählen könnte… später vielleicht.

Du hast mit Street Skillz in Marseille deine eigene Produktionsfirma aufgebaut. Lief alles von Anfang an reibungslos ab, oder gab es auch mal schwierige Phasen, wo ihr ans Aufhören gedacht habt?

Natürlich gab es Höhen und Tiefen. Auch wenn die Leute denken, dass es uns gut geht, weil wir über die Konzerte hinaus viel Präsenz zeigen und independent sind, überlegen wir trotzdem, dieses oder nächstes Jahr dichtzumachen. Die Puristen, die Underground-Typen können sagen was sie wollen, aber wenn das Geld nicht da ist, kannst du keine Platten releasen, und independent ist es finanziell sehr schwierig. So langsam wird es sehr kompliziert. Das ist der derzeitige Stand der Dinge.

Was glaubst du hat sich im Rap Francais zwischen 2000 und 2010 geändert? Speziell an den Instrumentals und den Texten, aber auch in der Mentalität der MCs?

Glücklicherweise hat sich innerhalb der 10 Jahre etwas geändert, sonst würde es bedeuten, dass wir stagnieren. Ob es sich ins Gute oder ins Schlechte verändert hat, ist Geschmacksache, manche lieben den Rap wie er heute ist, andere machen sich T-Shirts mit der Aufschrift „Rap war früher besser“. Was die Texte betrifft, die haben sich nicht geändert. Es gibt noch immer nachdenkliche Texte und Battle. Ich finde, es gibt Rapper, die richtig gut schreiben, Rapper, die normal schreiben und solche, die… naja. So war es davor auch. Es gibt jetzt nur viel mehr Künstler. Und die Producer sind viel produktiver geworden, wir müssen die Amerikaner nicht mehr für ihre Beats beneiden. Die Produzenten haben sich extrem weiterentwickelt, ich würde sogar sagen mehr als die Rapper. Die Mentalität… es gab eine Periode, in der die Künstler nichts miteinander zu tun haben wollten, dann eine Periode, in der alle zusammengearbeitet haben, danach wieder jeder für sich und jetzt beginnen die Künstler wieder, zusammen zu arbeiten. Wir arbeiten z.B. mit Nessbeal und Mac Tyer, La Fouine und Blacko… und auch mit anderen Künstlern.

Gibt es in Frankreich auch Beef unter den Rappern oder Vierteln, die offen in Songs bzw. in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, und hast du schon mal einen Beef auf diese Weise ausgetragen?

Nein… in Marseille gibt es das nicht wirklich. Allgemein hat es sich im französischen Rap beruhigt. Früher ja, es gab Beef zwischen Jean Gab’1 und alle Pariser, zwischen Rohff und Jean Gab’1… auch mit Kery James… dann Booba und Sinik… Aber zurzeit ist es ruhig. Jetzt gibt es Konkurrenz, aber das ist künstlerisch, z.B. zwischen Rohff und Booba.

Es ist doch etwas außergewöhnliches, dass deine Gruppe Psy 4 de la Rime seit 1995 immer noch zusammen Musik macht, wenn man bedenkt dass sich so viele andere Gruppen in Frankreich aufgelöst haben…

Guck mal, wir sind Cousins! Das sind meine Freunde, schon seit meiner Kindheit, das sind meine Brüder! Ich besuche Vincenzos Mutter ohne Vincenzo, Alonzos Großvater ist der Onkel meines Vaters… das ist etwas anderes als andere Gruppen. Nachdem sich die ganzen anderen Gruppen aufgelöst haben, bleiben noch zwei Gruppen: Psy 4 und 113. Die Mafia K’1 Fry gibt es noch, aber Rohff ist nicht mehr dabei, usw… Freeman ist nicht mehr bei IAM…

Viele der älteren HipHop-Fans sind mit Vinyl und sogar Kassetten aufgewachsen. Was hältst du von der neuen Mp3-Generation, und den Massen an Downloads und Kilobytes, die bei den Rapfans innerhalb von Sekunden getauscht werden können?

Ich finde das gut. Ich trage sozusagen ständig Mp3s mit mir herum. Das einzige Ding ist die Soundqualität, die Mp3-Qualität weicht natürlich stark von der auf CDs ab. Aber das Publikum ist sich darüber nicht im Klaren und die mögen das trotzdem. Ich hab nur ein Problem mit dem intensiven Download von Gruppen, die man mag. Ich finde, wenn man einen Künstler mag, muss man sein Album kaufen, um jemanden neu zu entdecken, OK, lade es herunter, aber wenn es dir gefällt, kauf es dir. Wenn nicht, ist es in Ordnung, aber wir kommen in ein Stadium, in dem wir selbst Musik herunterladen, die wir lieben. Ich sage „wir“, denn ich mache es selbst. Das ist ein bisschen problematisch. Was heißt ein bisschen, das ist ein Riesenproblem!

Wie machst du das mit deinen Texten und Instrumentals? Fast alle Storys, Reime / Wörter wurden ja in der französischen Sprache schon mal verwendet! Wo holst du deine Inspirationen her?

Das kann man nicht so genau sagen, manchmal ist es ein Wort oder ein Ort, der etwas auslöst, eine Unterhaltung, eine bestimmte Atmosphäre, ein Instrumental, eine Melodie… man kann Emotionen nicht planen. Zwei verschiedene Menschen können denselben Satz sagen, aber sich anders ausdrücken, beim einen bekommst du eine Gänsehaut, beim anderen wirst du gar nichts fühlen. Ich arbeite mehr in diese Richtung.

Was kann der deutschsprachige Soprano-Fan 2010 / 2011 von dir erwarten? Wirst du wieder auf deutschsprachigen Boden kommen?

Mein Album wird im Oktober herauskommen, also werde ich sicher über mein deutsches Management Bodensee Records nach Deutschland und hoffentlich auch nach Zürich kommen… wenn ihr mich anruft komme ich (lacht)! Am 05. Juli kommt mein Best Of – Mixtape „“De puisqu’il faut vivre à la Colombe…“, auf dem einige Song von 2001-2010, Featurings und auch ein paar neue Stücke drauf sein werden. Zwischenzeitlich bin in bei MTV Urban in Deutschland & Schweiz, sowie bei Hotlist von Yavido TV mit dem Clip „Halla Halla“ vertreten. Ach ja, stimmt bitte alle für mich ab und fördert französischen Rap bei euch (lacht). Im Oktober mein Album und nächstes Jahr vielleicht eine große Überraschung, von der ich noch nicht sprechen kann, weil niemand etwas davon weiß. Hat was mit „La Connexion“ zu tun. Ich denke, man wird viel davon sprechen, ob gut oder schlecht, aber man wird sicher viel davon hören! Dann wird es noch viele Tourneen geben, in Europa, in Afrika, in Kanada… es sind viele Konzerte geplant.

Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für die Zukunft und weiterhin viel Erfolg!

Autor: Prophessor
Übersetzung: Matthias Rothfuß

Int. Rap