Janelle Monae – Hör auf deinen inneren Kompass, deinen Geist und deinen Schöpfer.

Int. Rap

Es ward Licht: Mit dem Album „The ArchAndroid“ und ausdruckstarken Bühnen- und Fernsehauftritten hat die US-Amerikanerin Janelle Monáe das Musikjahr 2010 um eine gehörige Portion Kreativität bereichert. Aightgenossen sprach mit der Stil bewussten 24-jährigen Sängerin über den bunten Strauss aus R&B, Pop, Soul und HipHop, den ihre Musik darstellt.

Janelle, derzeit redet praktisch die ganze Welt von dir. Du bist in jedem Modeheft und jeder Musikzeitschrift abgebildet. Wie fühlst du dich dabei?

Im Prinzip sehr gut. Ich weiss, dass ich an etwas Grossem arbeite und dass „The ArchAndroid“ ein ausserordentliches Album geworden ist. Allerdings ist das ganze Tourleben auch sehr anstrengend. Abseits der Bühne bin ich oft sehr müde, einfach nur müde.


Und auf der Bühne?

Da blühe ich auf. Da strotze ich vor Energie.

Wo warst du gestern?

Hm…um ehrlich zu sein, hab ich keine Ahnung mehr. (Überlegt lange) Ach ja, wir waren in Frankreich. Wir haben ein Konzert in Paris gespielt.

Wie war’s?

Doch, doch, war ganz gut.

Dein Auftritt in der Letterman-Show hat für Furore gesorgt. Du hast dort auf unnachahmliche Art und Weise deinen Song „Tightrope“ zum Besten gegeben. Danach fragten sich viele: Wieso hat sie nicht ein ganzes Album in diesem Stil gemacht?

Da sage ich gar nichts dazu. Mit solchen Kommentaren muss ich mich nicht beschäftigen.

Aber mal ehrlich: Mit dieser Mischung aus R&B, Soul und HipHop hättest du ganz, ganz vorne mitspielen können!

Ich bin kompromisslos bei allem, was mache. Es ist, was es ist. Wen du etwas in dieser Art suchst, musst du dir jemand Anderen suchen. Ich kann da nicht mehr dazu sagen, ausser dass es einfach eine andere Meinung ist. Ich rege mich da auch nicht darüber auf. Es ist völlig in Ordnung, wenn man sich das wünscht. Ich bin einfach nicht hier, um irgendein Bedürfnis zu befriedigen. Ausser das nach guter Musik – und die kennt dieses Schema und diese Überlegungen nicht.

Beschäftigen dich solche Überlegungen überhaupt nicht?

Nein. Ich lebe mein Leben und mache mir nicht ständig Gedanken darüber, was andere denken. Ich konzentriere mich auf meine Alben und meine Auftritte – wobei ich betonen will, dass meine Bühnenshow nicht das Gleiche ist wie „The Arch Android“.

Was ist „The ArchAndroid“?

Ich definiere meine Arbeit nicht. Die Deutung überlasse ich jedem selbst. Was immer du dabei fühlst, das ist es. Es ist nun deins!

In was für einem Gemütszustand warst du, als du angefangen hast, an diesem Album zu arbeiten?

Wir – ich und meine beiden Koproduzenten – haben uns damals gewisse Prinzipien zu recht gelegt. Zum Beispiel: „Mache nichts nur deswegen, um anders zu sein“, oder: „Denke nicht über Politik nach.“ „Hör auf deinen inneren Kompass, deinen Geist und deinen Schöpfer“, und: „Was muss gerade gesagt werden?“ – Ich habe schon immer Musik für die Leute gemacht, für die Masse, für das Volk. Ich möchte sie davor bewahren, sich unterdrückt oder deprimiert zu fühlen. Ich will, dass meine Musik eine Droge ist, die den Menschen das Leben erleichtert. Eine Droge, auf die sie zurückgreifen können, wann immer sie wollen. Ich will sie stolz machen, sie motivieren. Mein Ziel war und ist es, Musik zu kreieren, die authentisch ist. Musik, die Gefühle weckt, welche man schon lange Zeit nicht mehr gespürt hat. Deshalb nennen wir das Album auch „emotion picture for the mind“.

Wie wichtig ist Tanz?

Sehr wichtig. Für mich hat das Tanzen eine therapeutische Wirkung.

Zu welchen Songs tanzt du gerne?

Zu sehr vielen Songs, ich kann das nicht wirklich spezifizieren. Auf meinem Album sind einige Songs, zu denen ich gerne tanze, „Tightrope“ zum Beispiel. Eigentlich tanze ich zu all meiner Musik in irgendeiner Form, aber natürlich nicht zu jedem Song gleich.

Was ist der Hintergrund des Songs „Tightrope“?

„Tightrope“ steht für die innere Balance. Der Song ist an die Menschen gerichtet, die sich unterdrückt fühlen. Man sollte sich diese Worte immer in Erinnerung rufen: Hebe nie zu sehr ab aufgrund von irgendwelchen Umständen, aber lass dich auch nie zu stark runterziehen von Kritik und anderen Ansichten. Finde die Mitte, finde die Balance. „Tightrope“ soll Kraft verleihen und einen entlasten.

Wie tanzt man zu „Tightrope“?

Jeder darf zu diesem Song tanzen, wie er will. Aber wenn du dir den Videoclip anschaust, dann siehst du, dass ich einen eigenen Tanz dazu kreiert habe. Fühl dich frei diesen zu übernehmen, wenn du Lust hast.

Du sagtest vorhin, dein Album soll als musikalische Droge wirken. Was sind deine musikalischen Drogen?

Ich bin eine Droge. Deshalb brauche ich keine anderen Drogen. Als Inspiration dienten mir die Klassiker von Stevie Wonder. Vor allem seine Alben „Music of My Mind“, „Songs in the Key of Life“ und „Innervisions“ halfen mir sehr dabei, ausgewogen zu bleiben. Auch Prince hat mich beeinflusst, ausserdem viele Musicals und die Arbeit des Filmmusikkomponisten John Williams. Überhaupt haben mich viele Filme inspiriert, ich bin eine sehr cineastische Person. Filme wie „Metropolis“ hatten eine starke Wirkung auf mich. In „Metropolis“ heisst es zum Beispiel, das Herz walte als Vermittler zwischen Geist und Händen. Als ich das gehört habe, dachte ich: „Das bin ich, ich bin das Herz!“ – Ich will, dass meine Musik das Herz ist und zwischen den Menschen vermittelt.

Gab es auch neuere Filme, die dich inspiriert haben?

Ja, „Karate Kid“! Mit dem Jungen habe ich mitgelitten. Wenn er weinte, musste ich auch weinen. Der Grund, wieso er kämpfen muss, ist seine Angst. An einem gewissen Punkt überwindet er seine Angst. Das hat auch mich furchtloser gemacht.

Was ist für dich inspirierender: Positive oder negative Gefühle?

Beide gleichermassen. Es kommt immer auf deine eigene Reaktion darauf an.

Und wie sieht so eine Reaktion aus?

Das kann ich nicht generell beantworten, es kommt immer auf die betreffende Situation an.

Was verbindet dich mit HipHop, mit der HipHop-Kultur?

Ich fühle mich dieser Kultur sicherlich sehr verbunden, denn HipHop, das sind die Menschen. Sie haben die Kontrolle darüber, was sie hören. Sie bestimmen, was innerhalb der Kultur thematisiert wird. Ich habe mich aber nie nur dem HipHop zugehörig gefühlt. Ich glaube nicht an diese Kategorisierungen und Genres – aber ich mache Musik für die Leute, genau wie HipHop eben Musik ist für die Leute. Deshalb hat „The ArchAndroid“ den gleichen Blickwinkel.

Was mir an HipHop immer gefallen hat, ist, dass die meisten Akteure dieser Kultur sich ihr Können selbst beigebracht haben und es schaffen, ihre Gefühle mit simplen Mitteln zum Ausdruck zu bringen. Ein autodidaktisches, unkonventionelles Vorgehen. Entsteht deine Musik auch auf diese Art?

Ich arbeite mit den beiden Produzenten Nate „Rocket“ Wonder und Chuck Lightning zusammen. Wir machen alles gemeinsam: das Erscheinungsbild, die Musik, die Texte, den Gesang. Den gesamten Kreativprozess spielen wir gemeinsam durch. Dazu gehört auch die Führung unseres Labels The Wondaland Arts Society.

Hast du denn eine musikalische Ausbildung gemacht?

Nur teilweise. Ich habe etwas mehr als ein Jahr an der American Musical and Dramatics Academy in New York Musical Theatre, Stepptanz, Jazz und Ballett studiert. Danach habe ich alles selbst in die Hand genommen.

Warum hast du die Ausbildung abgebrochen?

Weil ich meine eigene Musik machen wollte. Ich wollte „The Arch Android“ kreieren.

Weshalb bist du bei einem HipHop-Label unter Vertrag?

Das bin ich gar nicht. Wir führen unser eigenes Label. Mit Bad Boy haben wir nur einen Vertriebsdeal.

War dies die Bedingung für den Vertrag mit Bad Boy?

Ja klar, das war die Bedingung. Ich werde auch in Zukunft bei meinem eigenen Label bleiben. Der Vertriebsdeal ermöglicht es mir einfach, viel mehr Leute zu erreichen.


Du bist immer sehr auffällig gekleidet. Woher kommt dein Faible für Mode?

Ich habe kein spezielles Faible für Mode. Ich setze mich nicht damit auseinander. Das was ich trage, ist eine Uniform. Sie symbolisiert meine Solidarität mit den Unterdrückten, mit der Arbeiterschicht. Mit Leuten wie meinen Eltern, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet haben.

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