Black Milk – „Ich mache den Sound, den ich als Musikfan hören möchte“

Int. Rap

Nicht wenige dürften die Stirne gerunzelt haben, als sie lasen, dass Black Milk sein drittes Soloalbum mit dem Titel „Album Of The Year“ versehen hat. Zwar bringt der 27-Jährige durchaus, und das auch nicht zu Unrecht, ein gesundes Selbstvertrauen mit was seine Fähigkeiten als Producer und MC angeht, doch steckt hinter dem Titel auch eine andere Bedeutung: Nach der Veröffentlichung von „Tronic“ vermischten sich Erfolg mit persönlichen Rückschlägen, wie dem Tod seines Mentors Baatin von Slum Village oder einem überraschenden Schlaganfall seines Managers. Das Album reflektiert somit die Hochs und Tiefs des vergangenen Jahres. Die Platte besticht darüber hinaus durch die gewohnt dicken Beats, welche durch die vermehrte Zusammenarbeit mit Studiomusikern noch variantenreicher ausgefallen sind. Mit dem Collabo-Track „Deadly Medley“, mit Elzhi und Royce da 5’9“, ist ihm zudem einer der wohl dopesten Tracks des Jahres geglückt.

Auf dem Cover von „Popular Demand“ posierst du mit der MPC unter dem Arm, bei „Tronic“ sieht man diverse Keyboards. Konsequenterweise müsste auf dem Cover von „Album Of The Year“ ein Schlagzeug zu sehen sein.
(lacht) Das hat schon was. Aber ich wollte kein Bild auf dem Cover haben, sondern etwas total Anderes, Ästhetischeres machen. Aber ein Schlagzeug hätten sicherlich gepasst, da die Platte sehr Drum-lastig geworden ist.

Was sind, abgesehen von der Arbeit mit Live-Drums, die grössten Unterschiede zu den beiden Vorgängern?
Generell gesagt ist die neue Platte viel musikalischer. Auf dem letzten Album „Tronic“ arbeitete ich auf einigen Tracks mit Live-Instrumenten. Beim neuen Album sind über die Hälfte der Songs mit Musikern entstanden. Produktionstechnisch ist dies der grösste Unterschied. Auch textlich ging ich in eine andere Richtung als auf den ersten beiden Alben. Die Platte ist persönlicher und zeigt den Hörern, was in meinem Leben seit der Veröffentlichung von „Tronic“ abging. Bislang sprach ich auf meinen Platten nie über Persönliches; im vergangenen Jahr musste ich aber mit vielen Hochs und Tiefs zurechtkommen. Ich musste damit umgehen, dass Leute in meinem Umfeld verstarben oder schwer verletzt waren und über all diese Dinge spreche ich auf dem Album.

War die Musik wie eine Flucht für dich?
Irgendwie schon. Aber ich hatte mit der Platte bereits begonnen, als es richtig schlimm wurde. Etwa in der Mitte der Produktion hatte mein Manager und enger Freund Hex Murda einen Schlaganfall. Das war der einschneidendste Moment im vergangenen Jahr; von da an nahm die Platte eine andere Richtung und ich entschied mich, über alles zu sprechen, was rund um mich geschieht. So können die Leute einen flüchtigen Blick auf mein Leben hinter die Musik werfen. Dafür habe ich nun auch sehr viele positive Feedbacks erhalten.

Du sagst, das Album reflektiere, was im vergangenen Jahr bei dir alles passiert ist. Trotzdem wirkt die Platte auf mich nicht sehr traurig, düster oder generell emotional.
Ich wollte nicht, dass die Platte zu betrübt oder emotional klingt. Schlussendlich war es mir wichtig, über gewisse Themen sprechen zu können. Trotzdem wollte ich auch weiterhin das machen, wofür die Leute mich kennen: Feel-Good-Music. Ich denke, ich habe es geschafft, dies miteinander zu verbinden. Es sollte auf keinen Fall eine durchgehend düstere Platte werden. Es gibt Momente, da bin ich ernst, aber man findet auch Songs, die Spass machen. Das Album reflektiert alle diese Momente, nicht nur die schlechten Zeiten, sondern auch die Tourneen im 2009 oder den Erfolg, den ich hatte.

Ich sah ein Video, bei welchem du dem Drummer bei den Aufnahmen genau instruierst, wie er spielen soll. Hast du immer eine sehr konkrete Vorstellung, wenn du mit den Musikern ins Studio gehst, oder ist es eher ein Austausch?
Wenn ich beispielsweise mit den Bläsern im Studio bin, habe ich im Normalfall bereits die Melodie. Entweder habe ich sie nur im Kopf oder bereits mit dem Keyboard eingespielt, so dass sie die Melodie nur noch nachspielen müssen. Oder ich habe einen bestimmten Groove im Ohr und sage meinem Drummer Daru, wie er es spielen soll. Aber die Musiker geben mir auch Ideen, denn die meisten von ihnen schreiben selber Musik. Ich bin sicherlich immer froh um ihre Ideen, meistens ist es aber schon so, dass sie einfach eine meiner Ideen nachspielen.

Ist die Gitarre bei „Deadly Medley“ eigentlich ein Sample?
Ja, das ist ein Loop. Mein Gitarrist hat jedoch nochmals dasselbe darüber gespielt, damit es etwas satter klingt.

Würdest zu zustimmen, dass du kein Künstler bist, der mit jedem Album in eine andere Richtung geht, sondern sein Formel von Album zu Album updatet?
Das hängt vor allem davon ab, an welchem Punkt ich gerade bin und was mich zu dieser Zeit inspiriert. Bei diesem Album war ich von ähnlichen Sachen inspiriert, wie bei „Tronic“. Als ich mit „Tronic“ begann hörte ich solche Sachen wie Fela Kuti und ich wollte auf dieser Schiene weiterfahren mit der neuen Platte. Es sollte einfach noch viel grösser werden als auf dem Vorgänger. Auf „Tronic“ hörst du einen Song wie „Give The Drummer Sum“, der dope ist, im Vergleich dazu ist „Round Of Applause“ auf der neuen Platte aber noch zehn Mal verrückter. Aber wer weiss in welche Richtung es mich bei meinem nächsten Album ziehen wird. Ich denke aber, dass die Arbeit mit Livemusik als ein Teil meiner Formel für alle meine kommenden Alben bestehen bleiben wird.

Du hast vor einigen Jahren geäussert, dass du wohl ein Major Label brauchst, um auf das nächste Level zu kommen. Siehst du das immer noch so?
Ich fühle mich definitiv wohl dabei, independent zu sein und die kreative Kontrolle über alle Aspekte meiner Karriere zu haben. Natürlich würde mir der Weg über einen Major ermöglichen, dass meine Platten in allen Läden zu finden sind und ich somit ein grösseres Publikum erreiche. Die Distribution ist womöglich das einzig Negative daran, ein Independent Künstler zu sein. Das war auch ziemlich das einzige Problem, das wir mit dem neuen Album hatten: Einige Leute konnten die Platte nicht in den Läden finden. Mit einem Major bestünde dieses Problem sicherlich nicht. Vielleicht werde ich beim nächsten Album mit einem Major für den Vertrieb arbeiten, aber weiterhin bei einem Independent Label veröffentlichen. Wir werden sehen. Einen Künstlervertrag beim Major kann ich mir aber nicht vorstellen.

Dann arbeitest du momentan an zwei weiteren Projekten. Einerseits das langerwartete Random Axe Album, das gemäss deiner Aussage noch dieses Jahr erscheinen soll.
Ich verspreche, dass es im ersten Quartal nächsten Jahres erscheint. Eigentlich sollte sie spätestens im Januar rauskommen. Wir sind im Moment dabei, die Platte fertigzustellen und ihr den Feinschliff zu verpassen. Sean P war kürzlich in Detroit und hat die fehlenden Verses eingerappt. Sobald ich von dieser Europatour zurück bin, werde ich die Platte mischen und sie dann beim Label einreichen.

Das andere Projekt ist „Searching For Sanity“ mit der Sängerin Melanie Rutherford. Können wir darauf einen anderen Produktionsstil von dir erwarten?
Es wird sicher noch diesen gewissen Boom Bap-Style haben. Mit Melanie zu arbeiten gibt mir aber die Möglichkeit, etwas Anderes ausserhalb des HipHop-Genres zu machen. Sie ist einfach eine grossartige Sängerin. Man hört sie auch auf meiner neuen Scheibe und ich wollte schon länger ein ganzes Album mit ihr aufnehmen. Hoffentlich können wir die Platte nächsten Sommer veröffentlichen.

Geniessen solche Projekte, die du von Anfang bis Schluss begleitest, höhere Priorität als Beats auf zahlreichen Releases zu verteilen?
Beides ist mir wichtig. Wenn ich Zeit habe, versuche ich weiterhin meine Produktionen bei diversen Künstlern zu platzieren. Erst vor ein paar Tagen habe ich einige Beats rausgelassen. Ein Grund für die vielen Projekte ist, dass ich Musik mache, die ich als Musikfan hören will. Die Alben vieler Künstler befriedigen mich nicht wirklich, deshalb mache ich es einfach selber (lacht).

Als wir vor einigen Jahren ein Interview führten, meintest du, du wollest sowohl ein Teil des Mainstreams, wie auch des Undergrounds sein. Sprich du wollest auch Beats auf grossen Major-Alben platzieren. Dazu kam es bislang aber nicht.
Es hat sich bisher einfach noch nicht ergeben. Ich denke aber, dass ich die nächsten Jahre meinen Fokus vermehrt auf das Producen legen werde. Es ist schwer zu sagen, wann ich mich danach fühle einen Nachfolger zu „Album Of The Year“ aufzunehmen. Nach „Random Axe“ will ich mich definitiv um die Produktionen kümmern und vielleicht wird man dann auch einige meiner Beats auf grossen Major-Alben zu hören bekommen.

Ich vermisste dich auf dem neuen Slum Village Album!
Ich bin auf jeden Fall noch cool mit den Jungs, das war eher ein Business-Problem mit ihrem Label. Aber das bedeutet nicht, dass ich Probleme mit Elzhi oder T3 hätte.

Wie ist denn nun der Stand der Dinge bei ihnen. Haben sie sich definitiv aufgelöst?
Es sieht danach aus, als ob die Crew der Geschichte angehören würde. Elzhi macht sein Soloding, T3 geht ebenfalls seinen eigenen Weg. Es ist traurig, wie die Situation am Ende war. Dadurch dass mit Baatin und natürlich J Dilla zwei der Gründungsmitglieder verstarben, ist es aber möglicherweise das Beste. Die originalen Slum Village wird man nie mehr haben können, deshalb ist es Zeit, weiterzugehen. Beide können auch als Solokünstler grossartige Musik machen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Dann hätte Elzhi ja nun Zeit, um mit dir und Royce da 5’9“ ein Album aufzunehmen…
(lacht) Oh ja, das wäre dope!

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