Die Fantastischen Vier – Wir fühlen uns überhaupt keinem Act geistig nahe!

DE-Rap

Zwanzig Jahre gemeinsam unterwegs: Die Fantastischen Vier tun einiges dafür, damit ihnen Rap nicht langweilig wird. Derzeit touren sie mit einer aufwändigen Show durch die grossen Hallen. Kurz vor ihrem Konzert im Zürcher Hallenstadion haben wir uns mit Smudo und Michi Beck zusammengesetzt, um mit ihnen über teure Bühnenshows, leistungsfähige Gehirne, Pop Entertainment und ihre Einzigartigkeit zu sprechen.

Gehen wir gleich mal ganz weit zurück. An den Punkt, an dem ihr euch entschliesst, ein neues Album aufzunehmen. Habt ihr an diesem Punkt jeweils schon Ideen für ein paar Songs in petto oder springt ihr ins Leere?
Smudo:
Wir springen tatsächlich ins Leere!
Michi Beck: Der Anfang ist wirklich grausig. Heutzutage tippt man die Texte zwar in einen Laptop – du musst dir das aber wie einen ganz, ganz dicken Block vorstellen, mit unbeschriebenem, weissem Papier. Und da setzt du dich davor und deine Aufgabe ist es, etwas zu schaffen. Etwas Neues, was das immer noch zu dir passt…
Smudo: …was selbst auch Spass macht und einem gefällt…
Michi Beck: …etwas, das du noch nicht gesagt hast, das auch nach zwanzig Jahren noch real, echt und cool kommt. Mit Musik und Texten, die noch nicht da sind. Es ist, wie wenn man vor einem hohen Berg steht und nur noch denkt: „Ich werde da niemals hochsteigen können! Das ist so ein Fuck, so ein Scheiss! Warum haben wir denn jetzt gesagt, wir machen ein neues Album?!“
Smudo: Und selbst wenn du dann schon halb oben bist, hast du immer noch das Gefühl, dass das nix wird…


Beginnt ihr immer mit den Texten?
Michi Beck:
Es ist ganz unterschiedlich. Bei manchen Ideen treffen wir uns nach viel Nachdenken auf irgendwelchen „Kreativ-Camps“ und reden darüber, was wir schreiben könnten. Dann hat dann meistens einer eine Idee und oft war da auch noch eine andere Idee, die wir ohnehin wieder aufgreifen wollten. Es geht dann also erstmal darum, ganz grob die Themen zu sammeln. Meist sagt dann irgendwann einer: „Ja, ich könnte echt mal wieder einen Text über das und das schreiben“ und dann schreibst du und suchst die Musik dafür. Das ist ein möglicher Ansatz. Bei dieser Platte war es aber auch oft so, dass ein Stück Musik, vielleicht nur ein Hook etwas ausgelöst hat. Wir arbeiten ja auch mit ganz vielen befreundeten Produzenten zusammen, die uns Ideen und Inputs liefern, die wir dann so umformulieren. Beim Thomas ist das ganz oft der Fall: Da ist dann irgend so eine musikalische Phrase und dann fällt dem Thomas ein Satz ein. Und dieser Satz ist das Samenkorn, aus dem dann ein Baum an Texten rauswächst.

Ist das bei euch eigentlich auch so wie bei den Fans, dass ihr eure bekannteren Lieder wie z.B. „Sie ist weg“ besser auswendig könnt als irgendetwas anderes vom Album?
Michi Beck: Grad vorhin bei der Hinfahrt im Bus haben wir festgestellt, dass wir, bei den alten Songs, die wir erst gar nicht geprobt, aber auch schon sechs Jahre nicht mehr gespielt haben, keinen Plan mehr haben wie der Text geht. Aber dann übst du einmal – und schon ist es wieder da. Das ist als hättest du so eine Schrankwand mit vielen Aktenordnern voller Raptexte und du musst sie nur finden, diese verdammte Akte und dann ist auch der Text wieder da. Das ist echt abgefahren.
Smudo: Es kommt vor allem auch vor, dass es – bei jedem Einzelnen ganz individuell – in dem einen oder anderen Text so einen neuralgischen Satz gibt, nur etwa eine halbe Zeile, die immer ein bisschen schwierig ist. Ich hab echt ewig gebraucht für “und sind wir auch so wie die, dann bist du nicht so wie wir, und wenn du so wärst wie wir, dann wärst du nicht so wie wir“ – jetzt ist es einigermassen da. Aber das sind Kleinigkeiten. Im Grossen und Ganzen sitzen die Sachen. Wir haben sie ja selbst geschrieben, wir haben sie im Studio selber fünfzig Mal, hundertmal eingesprochen, wir haben sie danach tausendmal gehört und auch alle immer irgendwie gespielt. Das geht so schnell nicht komplett raus. „Schmock“ z.B., ein Stück aus dem Jahr 1999, haben wir damals nur auf der Tour gespielt und dann eigentlich nie wieder. Jetzt haben wir’s in ein Medley eingebaut. Bei der ersten Probe hatte ich keinen blassen Schimmer mehr vom Text. Ich hab den Text dann rausgeholt, einmal runtergesprochen und beim nächsten Mal proben – am gleichen Tag – war das schon zu 80 Prozent wieder da. Beim übernächsten Mal Proben war es fast ganz da, mit nur ein, zwei Hilfen, und am darauf folgenden Tag war es kein Problem mehr. Es ist wie beim Videospielen: Als Zehnjähriger hab ich Pac-Man gespielt. Jetzt, über dreissig Jahre später, weißt du immer noch genau, wie du damals gelaufen bist. Das ist einfach nicht weg! Das Gehirn ist einfach sehr, sehr leistungsfähig.

Auf eurer aktuellen Herbsttournee wartet ihr mit einer Besonderheit auf: Ihr steht auf einer turmartigen, runden Bühne. Wie seid ihr darauf gekommen?
Michi Beck: Wir hatten das Gefühl, seit zwanzig Jahren in eine Richtung zu spielen. In zwanzig Jahren haben sich da natürlich auch gewisse Bewegungsabläufe eingespielt. Mit all dem wollten wir brechen, wieder viel Neues bieten, und das nicht nur musikalisch. Wir haben die Songs zu einem grossen Teil umgestrickt, nehmen andere Songs mit rein und machen viele Mash-Ups. Die neue Bühne zwingt uns, musikalisch und showkonzeptmässig alles umzukrempeln – das war das Ziel.

Wie viel investiert ihr in die Vorbereitung einer Tour, wie viel läuft spontan ab auf der Bühne?
Smudo: Ich glaube, viele haben eine etwas romantische Vorstellung von einem Livekonzert. Ohne ausreichend Vorbereitung geht’s gar nicht. Deine Band muss sicher schon mal gespielt und geübt haben. Vielleicht müssen erst auch noch neue Noten geschrieben werden, wenn die Band ein Stück spielen soll, das du ursprünglich mit ganz anderen Musikern oder elektronischen Hilfsmitteln produziert hast. Auch zu Zeiten mit „two turntables and a microphone“ ging nur eine schlechte, unprofessionelle Band ohne Vorbereitung auf die Bühne. Dabei geht es ja nicht nur darum, die Stücke mal geübt zu haben, sondern dabei zu hören, wie sie klingen und sich bereits auch zu überlegen, was man dann zwischendurch quatschen soll, welche Moderationen dazu passen würden.
Michi Beck: Genau. Aber wir gehen nicht bis zum Äussersten, wie z.B. U2, die das Set Up ein halbes Jahr lang üben und durchspielen vor der Tour. Ich würde behaupten, wir betreiben das Mindestmass an Aufwand, das man bei so einer Grösse braucht.
Smudo: (lacht) Ja, weil wir es logistisch und finanziell eh nicht anders machen könnten!
Michi Beck: Stimmt. Wir könnten uns gar nicht leisten, mehr Aufwand zu betreiben, weil wir es uns so schon kaum leisten können. Zudem fehlt auch die Zeit. Aber es stimmt: zwei Tage Generalprobe, mit dem ganzen Geraffel, ist eigentlich zu wenig. Wir haben eine Setlist, die sich zwar bestimmt etwas verändern wird im Laufe der Tour, aber bei so einem Aufwand ist es trotzdem wichtig, dass du einen festen Ablauf hast.
Smudo: Ohne einen Ablauf, was soll denn der Lichtmann da machen? – Die Leute kommen hier her, zahlen Geld und wollen unterhalten werden. Es ist für mich kein Zeichen von Qualität, wenn man als Band ein Konzert ohne Vorbereitung gibt. Ich finde das unprofessionell.

Als Jay-Z damals im Madison Square Garden mit? Juestlove als Bandleader sein Abschiedskonzert gab, hiess es, dass? Juestlove Jay-Z gezwungen habe, vorab alles 27 Mal durchzuspielen. Das sei die magische Anzahl von Wiederholungen. Danach habe man alles verinnerlicht.
Smudo: (lacht) Jaja, das sind diese ganzen Erykah-Badu-New-York-Yogi-Tee-Soul-Brothers-and-Sisters!
Michi Beck: Aber Jay-Z ist da genau anders rum. Der schreibt nix auf. Der übt einmal und dann hat er’s perfekt drauf.
Smudo: Da hatten sich natürlich auch zwei Hoschis zusammengetan! Beim Einen muss der Mond richtig stehen und er muss vorher das Lichtwasser trinken und dann grooved das, und der Andere findet nur: „Nein! Wir machen das gleich, alles andere kotzt mich an!“ (lacht)

Wie läuft das denn bei euch ab? Gibt es eine magische Zahl?
Michi Beck: Nein, überhaupt nicht.
Smudo: Die Technik war diesmal die Herausforderung. Und die Zeit: Wenn so viele Leute beteiligt sind, ist jede Probe verdammt teuer. Trotzdem muss man ja alles ein paar Mal durchspielen.

Ihr habt vorhin gesagt, ihr könntet es euch finanziell gar nicht leisten, mehr Aufwand für eine Tour zu betreiben. Ist das euer Ernst, als eine der erfolgreichsten HipHop-Bands Deutschlands?
Smudo: Wenn man die Bühne sieht, wird einem klar, dass da schon allein ziemlich viel Hardware und personeller Aufwand dahinter steckt. Das kostet ja alles Geld, die Leute arbeiten nicht umsonst. Und wir gehen mit dieser Bühne auch nicht zwei Jahre auf Tour, sondern nur drei Wochen. Wir haben gar nicht die Zeit, um die Unkosten abzuschreiben. Ohne Toursponsor – in diesem Fall Nintendo – liesse sich das unmöglich stemmen. Wir hoffen aber auch, dass wir im nächsten Jahr noch einmal mit dieser Bühne touren können. Für uns ist das eben viel knapper kalkuliert, als für einen internationalen Act. Über U2 brauchen wir gar nicht zu reden – die haben ja 95 Millionen für diesen Blackberry Deal gekriegt, hab ich gehört. Da kannst du dir natürlich 20 Millionen davon abgreifen und eine schöne Bühne bauen. Die haben ordentlich Kasse gemacht – und die Ticketpreise sind da noch gar nicht mal mitgerechnet! Das darf man aber nicht mit uns vergleichen, nur weil es auch eine Rundbühne ist, wir machen ja längst nicht etwas so Grosses. Für unsere Verhältnisse, für bundesdüütsche Verhältnisse, ist das, was wir gemacht haben, aber schon ein ziemlicher Kracher.

Ich am Konzert von Big Boi. Da wurden auf der Bühne einfach zeitgleich die Videoclips abgespielt, ansonsten aber keine wirkliche Show geboten. Das mutete etwas seltsam an, ein bisschen wie MTV schauen. Wie vermeidet man es, in diese Falle zu tappen?
Smudo: Man darf auf keinen Fall die Videos spielen. Das kommt vor allem bei TV-Shows immer wieder vor, dass gesagt wird: „Lasst uns doch gleichzeitig dazu den Videoclip spielen.“ – Das funktioniert aber nicht, denn das Video kreiert eine ganz eigene Welt, es steht für sich selbst. Wenn wir live da sind, wären das dann zwei Informationsströme, denen man optisch folgen muss: dem Videoclip und dem, was live auf der Bühne passiert. Auch die Lightshow sollte auf keinen Fall ablenken von der Musik, sondern unterstützend wirken. Wir versuchen, das zu erreichen, indem wir seit vielen Jahren mit den gleichen Lichtmenschen zusammenarbeiten. Wir entwickeln das Ganze gemeinsam. Auch diesmal haben wir uns mit unseren Lichtdesignern wieder bei Thomas auf dem Hof getroffen und haben zusammen über unsere Vorstellungen philosophiert und ein Konzept entwickelt.

Aber ihr auch den Eindruck, dass oft einfach zu wenig geboten wird von diesen HipHop-Acts?
Smudo: Wir haben uns auch immer die Nase gerümpft, wenn wir so eine 0815-Rapshow aus Übersee sahen und dachten: „Das kann man doch viel besser machen! Und gerade von euch hätte man es doch erwartet gehabt!“ Aber ich will es nicht verallgemeinern, es gibt auch ganz grossartige HipHop-Acts, solche, die das super machen. Möglich aber, dass wir als Europäer auch einfach schlecht behandelt werden von den Acts aus Übersee, da wir für die eben nur in der zweiten Reihe stehen und sie oft nur mit halbem Besteck rüberkommen.
Michi Beck: Uns war es aber auch schon immer unglaublich wichtig, uns selbst immer wieder zu toppen. Wir haben ja auch nicht zu Unrecht einen Comet und Echo als beste Liveband bekommen.

Schlussendlich seid ihr ja immer noch Rapper, die ihre Texte vortragen. Wie geht ihr vor, wenn ihr eure Musik für die Bühne umsetzt?
Smudo: Wir machen das ja schon sehr, sehr lange. Mit steigendem Erfolg und grösseren Hallen, waren wir zunehmend gezwungen, mehr anzubieten. Etwas, das sich besser mischen lässt. Es ging bei uns ja gleich los, wie bei jeder anderen Rapband: Erstmal hatten wir nur ein Playback und darauf wurde gerappt. Bei uns lief das zuerst sogar noch ab Kassette, später dann vom DAT. Wenn man aber einfach zwei Kanäle hat mit einer Stereospur und versucht in einer grösseren Halle zu mischen, klingt das eigentlich immer scheisse. Man muss die verschiedenen Frequenzbereiche trennen können. Und schliesslich kamen wir irgendwann darauf, dass wir vielleicht doch einen Schlagzeuger nehmen sollten – vor allem, nachdem wir die Stereo MC’s auf der „Zooropa Tour“ von U2 gesehen hatten. Danach wurde dann immer mehr aufgerüstet. Wie unser Sound, wurde so auch die Liveshow vielseitiger und vielschichtiger. Wir wollten Instrumentalisten auf der Bühne haben, die das irgendwie darstellen. Wir wollten eine Band haben. So haben wir alles Mögliche gemacht: Wir waren mit einer Metalband unterwegs, wir waren mit einer Soulband auf Tour, haben mit zwei Schlagzeugern und auch unplugged gespielt und, und, und. Bis wir schliesslich zu unserem jetzigen Live Setup kamen, gekoppelt mit Bühnentechnik und Lichteffekten.
Michi Beck: Unsere Musik, wie auch unsere Show ist eher Pop Entertainment als HipHop.

Interessieren euch selber auch jene HipHop-Acts besonders, die sich über das Genre hinauswagen?
Smudo: Schwer zu sagen… ich fand die Black Eyed Peas scheisse, kaum war die Alte dabei (lacht). Aber manches find ich dann auch wieder super: Outkast z.B. ist der Hammer – eine meiner Lieblingsbands! Zuerst hab ich sie für so Crack-Ass Niggers gehalten und jetzt machen sie mit die geilste Musik, weil die so richtig aufgebrochen sind.
Michi Beck: Es gibt durchaus auch noch Leute, die überzeugen mit dem alten Style, das find ich bemerkenswert: wenn so ein Act sich gar nicht gross ändert und du aber trotzdem jedes Mal wieder Bock drauf hast, weil’s irgendwie geil ist.
Smudo: Uns alle interessieren aber einfach auch Bands im Allgemeinen. Das beschränkt sich nicht auf HipHop.
Michi Beck: Musikalisch unterscheiden wir vier uns aber sehr in dem, was uns gefällt und auch innerhalb von dem gibt’s dann jeweils wieder ganz viele Facetten. Ich glaube, je länger es uns gibt, desto offener sind wir geworden. Dadurch, dass wir uns selber musikalisch immer weiter geöffnet haben, haben wir auch immer mehr entdeckt. Deswegen haben wir mit dem was uns gefällt nun auch ein breites Spektrum: von Klassik über Jazz, bis hin zu altem Soul und zu komischen Elektronica-Sachen. Und aus allem kannst du dir eine Idee rauspicken – ein riesiger Haufen Zutaten, aus dem wir verschiedene neue Rezepte kreieren.

Also fühlt ihr euch den Acts, die aus dem HipHop kommen, geistig gar nicht unbedingt näher als anderen?
Michi Beck: Wir fühlen uns eigentlich überhaupt gar keinem Act geistig nahe. Wir wissen auch nicht, welcher Act uns ähnlich wäre.
Smudo: Wir sind diesbezüglich tatsächlich sehr eingebildet. Aber ich glaube, man kann uns auch echt mit keinem anderen Act vergleichen.

Was hört ihr zurzeit so?
Smudo: Ich finde The Roots mit John Legend echt super. Und das „Brothers“-Album von den Black Keys.
Michi Beck: Ich hab in letzter Zeit nur Fanta 4 gehört! (lacht) Zumindest was die letzten zwei, drei Wochen betrifft, stimmt das sogar. Zuletzt gefallen hat mir das Album von Moderat, dem Zusammenschluss von Modeselektor und Apparat. Ausserdem höre ich unglaublich gerne Jay-Z rappen. Ich mag den Pop/Rap-Crossover. Dazwischen dann aber auch immer wieder speziellere elektronische Musik. Immer abwechselnd.

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