Yelawolf – „Struggle ist eine universelle Sprache“

Int. Rap

Als Yelawolf dieses Jahr als einer der „XXL Freshmen“ auserkoren wurde, hatte er seinen 31. Geburtstag bereits hinter sich. Ein Newcomer ist es irgendwie trotzdem, denn bis er die gewünschte Aufmerksamkeit erhielt, musste er sich in Geduld üben. Der aus dem provinziellen Bundesstaat Alabama stammende Yelawolf unterschrieb 2007 seinen ersten Majorvertrag, doch man schien noch kein Verständnis für seinen spektakulären Flow und sein Händchen für aussergewöhnliche Hooks zu haben, so dass er den Deal im selben Jahr wieder los hatte. Vielleicht konnte sich damals einfach noch niemand vorstellen, ein Landei mit Wifebeater und Irokesenschnitt als nächste Rap-Hoffnung zu handeln. Als wäre nichts geschehen ging Yelawolf zurück auf den Independent-Weg und veröffentlichte kontinuierlich Mixtapes. Darunter auch „Stereo“, welches zeigte, dass Rockmusik ihn ebenso prägte wie Rap. Nach der Veröffentlichung des Mixtapes „Trunk Muzik“ und etlichen Gastbeiträgen klopften die Majors wieder bereitwillig an und er unterzeichnete schliesslich bei Interscope. Die Tinte unter dem Vertrag war kaum trocken, als ein Künstler auf ihn aufmerksam wurde, mit dem Yela in der Vergangenheit immer wieder verglichen wurde: Eminem. Dieser signte ihn mit Slaughterhouse kurzerhand zu Shady Records und die Zukunftsaussichten sehen damit gleich nochmals rosiger aus. Nach seiner eindrücklichen Performance am Openair Frauenfeld hatten wir die Gelegenheit, ein ausführliches Interview mit Yelawolf zu führen und mehr über den Künstler und Menschen herauszufinden, dessen Album aller Voraussicht nach zu den Höhepunkten des traditionell nicht ereignisarmen Herbstes zählen wird.

Dein Konzert heute erinnerte ein bisschen an eine Biohazard-Show. Woher kommt das?
Danke, das ist ein Kompliment. Wir lieben es durchzudrehen auf der Bühne. Meine erste Show mit DJ Artime spielte ich 2008 und seither sind wir kontinuierlich gewachsen. Vor einiger Zeit haben wir auch eine Band zusammengestellt und das hat meinen Performance-Stil komplett verändert. Wenn man mit einer Band spielt und es zu Moshpits kommt, entsteht eine ganz andere Energie und ich habe gelernt, wie man diese Energie auch auf eine Show mit DJ übertragen kann. Bevor wir auf die Bühne gehen, schauen wir uns öfters Liveaufnahmen von Bands wie Primus, Red Hot Chilli Peppers, The Who, Rage Against The Machine oder alte Aufnahmen von AC/DC an. Eine richtig gute Show muss für mich immer ein bisschen Rock’n’Roll haben, ganz egal was für ein Konzert es ist. Das kann Yo-Yo Ma auf seinem Cello, Charlie Daniels mit der Geige wie auch Mystikal oder Three 6 Mafia, die einen Club rocken, sein.

Nur findet man dies kaum bei HipHop-Artists.
Eigentlich gibt es gar keinen. Schwer zu sagen wieso, vielleicht haben sie die Memo nicht bekommen (lacht).

Wer hat diese denn verschickt?
Keine Ahnung, vielleicht die Rockgötter. Bei uns ist es zumindest angekommen.

Du bist also mit der Musik aufgewachsen, die du zuvor erwähnt hast?
Oh ja absolut. Meine Mutter war 15 als ich auf die Welt kam und sie hat viele Typen aus der Musikindustrie gedatet, die immer wieder brandneue Musik ins Haus brachten. Ich war umgeben von dem Sound von Yes, Journey, Chicago, AC/DC, Black Sabbath, Lynyrd Skynyrd, Mother’s Finest, Willie Nelson, Stevie Wonder – alles mögliche also. Und natürlich Country von Johnny Cash bis Conway Twitty. Hinzu kam dann auch HipHop.

Welches sind deine Lieblingsrockalben?
Ich höre mir immer wieder The Doors an. Ich denke, Jim Morrisson war einer der besten Textschreiber aller Zeiten. Dann auch die Rolling Stones, Primus, natürlich Led Zeppelin. Ich höre aber auch Modest Mouse oder Smashing Pumpkins. Radiohead und Portishead sind auch fantastisch, ebenso Björk. Da sind wir nun zwar ein bisschen weg vom Rock. Dann natürlich Nirvana und auch die Foo Fighters. Meiner Meinung nach sind sie eine der grössten Rockbands unserer Zeit. Ich höre aber eigentlich nur sehr selten Musik. Wenn ich mit meinem DJ hänge, läuft ständig Sound. Wenn ich aber alleine bin, spiele ich Gitarre, schreibe Songs und bin in meiner eigenen Welt. Ich wuchs mit viel Musik auf, aber ich musste nie viel dafür tun oder viele Alben kaufen, weil ich ständig von ihr umgeben war. Nun, da ich Musik als Job betreibe, geniesse ich die Stille; das gibt mir Zeit zum nachdenken. Ich kann stundenlang im Auto sitzen ohne Musik und einfach nur meinen Gedanken nachgehen. Manchmal braucht man einfach eine Pause.

Gehst du auch an Konzerte?
Dafür fehlt mir die Zeit. Ich kann mir nur Konzerte anschauen, wenn ich selbst ein Teil davon bin. Wenn ich Freizeit habe, dann verbringe ich sie mit meiner Familie. Aber ich habe die Foo Fighters mal in Florida live erlebt und das hat mein Leben verändert. Das war die beste Rockshow, die ich jemals gesehen habe.

Wie kann man sich das Aufwachsen in Alabama vorstellen?
Es ist ländlich und entspannt, es steht für harte Arbeit und die Gemeinschaft hat einen sehr hohen Stellenwert. Football, Baseball und Basketball sind sehr wichtig im Alltag der Leute.

Hast du auch Sport gemacht?
Abgesehen vom Skateboarden eigentlich nicht. Ich war schon immer eher künstlerisch veranlagt. Ich habe es mit Football versucht, aber ich habe es nie verstanden, auf den Coach zu hören. Ich bin immer nach vorne gerannt obwohl mir der Coach sagte, ich soll abblocken. Das liegt wohl auch daran, dass ich schon immer ein Problem mit Autoritäten hatte. Skateboarden entsprach mir mehr und vor allem die Musik, die zu meiner rebellischen Seite passte.

Was war die erste Rap-Scheibe, welche dich beeinflusste?
Ich weiss nicht genau, welche Platte wirklich als erstes grossen Einfluss auf mich hatte. Ich kann mich aber erinnern, dass „Paul Revere“ von den Beastie Boys mich beeindruckte, da ich noch nie so etwas wie diese 808-Sounds gehört hatte. Der damalige Freund meiner Mutter brachte den Song mit, aber niemand sagte mir, dass dies nun HipHop ist. Ich habe mir den Song immer und immer wieder angehört, ohne zu wissen, wie diese Typen aussehen oder woher sie kommen. Aber es war das verrückteste, das ich jemals gehört hatte. Später kamen dann Sachen wie UGK, Three 6 Mafia, Skinny Pimp, Nappyhead and Gold Teeth, Southside Hustler und andere lokale Rapper aus Nashville. Durch Mixtapes und Skateboard-Videos stiessen wir auch auf Sachen wie die Hieroglyphics, DJ Quik, MC Eiht und anderen Westcoast-Sound.

Warst du vorwiegend von Rap aus dem Süden und der Westcoast beeinflusst?
Ich habe mir wirklich alles von allen Künsten angehört. Wir waren HipHop-Fans und haben nach neuem Sound gediggt, egal woher dieser kam. Wir mussten dafür nach Atlanta oder Nashville, um uns die neusten Mixtapes zu holen. Auch über das Fernsehen entdeckten wir neue Künstler, denn zu dieser Zeit spielte „Rap City“ auf BET noch wirkliche Undergroundvideos. Eigentlich kann man sagen, dass „Yo MTV Raps“ und MTV im Allgemeinen meine Jugend geprägt haben. Ganz ehrlich, ohne MTV gäbe es uns als Künstler jetzt nicht. Man bekam Rock und HipHop ohne Grenzen vorgesetzt, so dass Chuck D und Anthrax ohne Probleme nebeneinander existieren konnten. Das war eine gute Zeit für die Musik, als MTV noch Musikvideos spielte.

Wie kam es dazu, dass du diesen schnellen Rapstyle entwickelt hast?
Ich wohnte damals in einem Trailer Park in Huntsville und meine Familie und ich waren zu diesem Zeitpunkt finanziell an einem Tiefpunkt angelangt. Ich begann dann in einem neuen Studio aufzunehmen und der Typ dort sagte mir, ich solle mich in der Booth viel mehr gehen lassen. Mein Stil war zu diesem Zeitpunkt sehr monoton, da ich Angst vor meiner eigenen Stimme hatte, weil ich befürchtete, sie könnte zu hoch klingen. Ich machte mir zu viele Gedanken darüber, was andere davon halten würden. Auf meinem 2005 veröffentlichten Album „Creek Water“, welches ich selber produzierte und in meinem Keller aufnahm, hört man, wie monoton mein Stil war. Aufgrund der Ratschläge probierte ich einfach, mich gehen zu lassen und von da an machte alles Sinn. Das war irgendwann 2006 oder 2007 und kurz darauf hatte ich einen Plattenvertrag mit Columbia. Jedoch wusste ich schon zu Zeiten von „Creek Water“, in welche Richtung es mich zieht. Konzeptuell war ich bereits auf dem richtigen Weg.

Hattest du das Gefühl, das Musikbusiness sei dir gegenüber unfair?
Nein, nichts ist unfair. Was man gibt kommt auch zurück in diesem Game. Auch wenn jemand nicht so viel Talent besitzt, kann er dank harter Arbeit viel erfolgreicher werden als die talentiertesten Künstler. Ich glaube, dass alles auf dieser Welt fair ist. Was man reinsteckt bekommt man auch zurück. Manchmal hat man das Gefühl, scheisse behandelt zu werden, wenn man aber später darauf zurückblickt, ist man froh darüber oder sieht, dass dies passieren musste. Ich habe es verdient an dem Punkt zu sein an dem ich jetzt bin. Es war hart es bis hierher zu schaffen, aber ich wollte immer gross sein. Es ist nicht einfach, aber es ist das, was ich will.

Du sagtest auch, du hättest dir nie vorstellen können, einen normalen 9-to5-Job zu haben. Zuerst war es dein Traum, ein Skateboarder zu werden und dann kam die Musik. Hattest du nie einen Plan B, für den Fall dass es mit der Musik nicht geklappt hätte?
Ich habe mich einfach voll und ganz auf die Musik konzentriert und alles andere interessierte mich nicht. Es war mir auch egal, wie oft ich scheitere, denn daraus lerne ich, wie man gewinnt.

Gab es auch keine Zweifel, als du von Columbia gedroppt wurdest?
Irgendwodurch sah ich es sogar als eine Ehre, dass sie meine Musik nicht verstanden. Zudem wusste ich, dass ich eine Crew um mich habe, die meine Musik versteht. Somit hakte ich das einfach ab und ging zurück an die Arbeit. Mein ganzes Team blieb fokussiert und nun sieht man, wohin wir es gebracht haben. Aber man kann es den Leuten nicht übel nehmen, dass sie meine Musik damals nicht verstanden. Ausserdem bin ich in diesen drei, vier Jahren seit ich das erste mal gesignt wurde weiter gewachsen und die Leute hatten auch zusätzlich Zeit, meine Musik verstehen zu lernen.

Es ist aber schon komisch, dass es ausgerechnet Rick Rubin war, der offensichtlich deine Musik nicht verstand, obwohl er aus dem Rock wie dem HipHop kommt.
Ich würde nicht sagen, dass er es nicht verstanden hat. Ich denke, es hat ihn damals einfach nicht umgehauen. Möglicherweise ist er mittlerweile ein Fan, wer weiss. Ich habe ihn nie getroffen, hatte nie ein Meeting mit ihm, ich kann also nichts über ihn als Menschen sagen. Aber als Produzent ist er brillant und ich hoffe, eines Tages mit ihm arbeiten zu können.

Einer der stärksten Momente der Show war, als du den Song „Love Is Not Enough“ spieltest. Erzähl uns mehr über den Track!
Zur Verteidigung der Person, um die es sich in dem Song dreht, muss ich sagen, dass vieles darin übertrieben dargestellt wird. Der Song handelt von einer früheren Beziehung, es entspricht aber nicht alles voll und ganz der Wahrheit. Ich habe ihren Namen im Song geändert aus Respekt vor den erwähnten Personen, die nun eine Familie haben. Dieses Girl hat mich damals für einen College-Typen verlassen. Daraus wurde ein Song, den die Leute lieben.

Direkt nach diesem persönlichen Track gingst du über zu einem Partysong. Kann man sich eine ähnliche Mischung auf „Radioactive“ vorstellen?
Du musst dir das Album dann einfach kaufen gehen.

Der Titel des Albums ist ein Wortspiel und steht für „being active on the radio“. Wenn man an Radiosongs denkt, bringt man das öfters damit in Verbindung, dass Künstler versuchen, die Musik, welche gerade im Radio läuft, zu kopieren. Wie versuchst du in die Radios zu kommen?
Ich habe einen Song der klingt wie Flo Rida, ein anderer erinnert an die letzten 10 Singles von T-Pain und ich habe versucht, genau wie Eminem zu klingen. Das schwierigste war es aber, einen Song im Stil von Justin Bieber zu machen. Nein ernsthaft, im Radio laufen auch viele gute Songs. Wir alle wuchsen mit dem Radio auf. Viele der grössten Bands und auch der besten HipHop-Acts hatten grosse Radiosingles. Um das Radio infiltrieren zu können, muss man heutzutage in die Songliste der Programmdirektoren kommen, das ist eine riesige Herausforderung. Aber wenn es gelingt, erreicht man unglaublich viele Leute. Es gibt Millionen von Menschen, die noch nie meine Musik gehört haben. Vielleicht werde ich auch wieder scheitern und es hat keine Radiosongs auf „Radioactive“. That would suck (lacht). Aber ich glaube an das Potential der Songs und es hat viele Melodien drauf, die sich gut anfühlen. Wir haben einfach Musik gemacht, die sich gut und gross anfühlt. Einige Songs hielten wir einige Zeit zurück, da sie einfach zu gross waren für ein Mixtape. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen einem Mixtape und einem Album und auf keinen Fall sollte das Mixtape besser sein als die LP. Ein Album soll sich wie ein richtiges Album anfühlen und ich denke, das ist uns gelungen. Ich kann es nicht erwarten, bis es die Leute hören können und bis die Radios eine meiner Singles picken.

Du sagtest auch, „Trunk Muzik“ sei regional gewesen, während „Radioactive“ internationaler sei. Wie darf man das verstehen?
„Trunk Muzik“ wuchs von alleine durch das Internet ohne Promotion in Übersee. Das ist der eine Punkt. Ausserdem entstand die Musik auf „Trunk Muzik“ in meinem Haus in Gadsden und wurde beeinflusst von sehr spezifischen Orten. Es war sehr regional verankert, auch durch die 808-Sounds und das Konzept. „Trunk Muzik“ war ein Mixtape, während „Radioactive“ viel musikalischer ist. Die Leute werden verstehen was ich meine, wenn sie es hören. Mixtapes sind sehr wichtig im HipHop und ich habe viele davon gemacht, aber nun ist es Zeit für ein Album.

Du sagtest, nach „Pop The Trunk“ kam alles ins Rollen. Wie kann man sich das vorstellen, kam danach direkt der Anruf von Eminem?
Er war bei Jim Jonsin im Studio und dieser spielte Eminem das Video des Songs vor.

Zu diesem Zeitpunkt warst du aber bereits bei Interscope unter Vertrag?
Genau und Paul Rosenberg (Anm.: Manager von Eminem) hatte „Trunk Muzik“ bereits und ich glaube, Eminem ebenfalls, er hatte es aber noch nicht abgecheckt. Nachdem er das Video sah, hörte er sich „Trunk Muzik“ an und ihm gefiel was er hörte. Er lud mich zu einem Meeting ein und hier bin ich jetzt: unter Vertrag bei Shady.

Es gibt ja immer wieder Vergleiche zwischen dir und Eminem. Inwiefern habt ihr wirklich einen ähnlichen Background?
Natürlich haben wir einiges gemeinsam. Ich sage es mal so: ein grosser Künstler hat mit allen Leuten vieles gemeinsam, genau das macht ihn gross. Selbst wenn ein Hörer nichts gemeinsam hat mit einem Artist, kann er sich mit der Leidenschaft der Geschichte des Künstlers identifizieren. Das haben Em und ich gemeinsam: die Leidenschaft für unsere Story. Natürlich gibt es auch sonst einige Parallelen, wie die hart arbeitende Familie oder den Trailer Park. Aber es gibt auch unterschiede, wie etwa, dass er aus einer grossen Stadt kommt und ich vom Land. Nur schon das macht uns zu völlig verschiedenen Künstlern, zudem haben wir auch verschiedene Styles und andere Einflüsse. Auch die Herangehensweise an die Songs ist völlig unterschiedlich. Wir haben einiges gemeinsam aber ich denke fast jeder kann sich mit den Struggles und den harten Zeiten identifizieren. Struggle ist eine universelle Sprache.

Es gibt diese nicht sonderlich schönen Begriff „White Trash“. Wie stehst du dazu?
Ich mag den Begriff, ich bin auch cool mit „Cracker“, auch mit „Redneck“ kann ich leben. Irgend etwas müssen sie mich ja nennen.

Interview: Adrian Schräder & Fabian Merlo

Int. Rap