Samy Deluxe – „Mein Studio war ein richtiger Spielplatz“

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Samy Deluxe war der Held der kiffenden Kopfnicker-Generation, später durchlebte er seine Ami-Phase, leitete sein eigenes Label und tobte sich auf Mixtapes aus, doch richtig angekommen wähnte er sich erst mit „Dis wo ich herkomm“. „Dies bin endlich ich“ stellte er klar und präsentierte sich musikalisch wie inhaltlich so vielschichtig, wie es wohl viele Kritiker nie erwartet hätten. Hört man ihn über sein viertes Soloalbum „SchwarzWeiss“ sprechen, scheint es, also ob ihn diese Platte gar noch mehr reflektieren würde als der Vorgänger. Vielleicht kann man sie sogar als Summe aller Stärken seiner bisherigen Werke sehen. Wiederum dokumentieren die neuen Songs den musikalischen, inhaltlichen und eben auch menschlichen Reifeprozess des unterdessen 33-jährigen. Neben aller Vielfalt und den hohen künstlerischen Ansprüchen ist es aber auch ein unmissverständliches Statement für HipHop geworden. Nicht zuletzt ist es eine Demonstration seiner erarbeiteten Position, in der er sich nicht durch kalkulierte Medien-Stunts definieren muss, sondern schlicht die Musik für sich sprechen lassen kann. Samy weiss genau, wo er mit dieser Platte hinwill und ja, er scheint endgültig angekommen zu sein. Einen Tag nach seinem erneut eindrücklichen Auftritt am Openair Frauenfeld nahm er sich Zeit, um ausführlich über sein neustes Werk zu reden und manche spannende und persönliche Anekdoten aus dem Entstehungsprozess zum Besten zu geben.

Im Pressetext wird die Platte als Momentaufnahme und Rundumschlag bezeichnet. Wieso Rundumschlag?
Weiss ich auch nicht, das habe ich ja nicht geschrieben (lacht). Das Wort Momentaufnahme war sehr wichtig für mich. Natürlich kann man alles als eine Momentaufnahme bezeichnen, da jede Aufnahme in irgendeinem Moment entsteht. Bei meinem letzten Album war es so, dass ich zu Beginn Demos aufnahm und dann später die endgültigen Aufnahmen machte. Jedoch merkte ich, dass meine Demos meistens die besten Aufnahmen waren. Für „SchwarzWeiss“ habe ich damit begonnen, mich selber aufzunehmen und ich war auch generell häufig alleine im Studio. Ich habe es zugelassen, genau auf den Zeitpunkt zu warten, in dem ich bock habe zu rappen, weil dies wohl der beste Moment ist. Wenn ich ein Demo drei Monate lange höre, kann ich es dann vielleicht technisch besser rappen. Wenn ich dann aber das Gefühl habe, ich müsse den Part nochmals aufnehmen, weil ihn nun jedermann hören soll, während das Demo nur für mich selbst war, ist das einfach keine coole Herangehensweise. Die Momentaufnahme steht also für den Zeitpunkt, wo ich bock habe, einen Text aufzunehmen. Rundumschlag ist wohl so gemeint, dass ich ein Album gemacht habe, bei dem nur meine künstlerischen Werte im Vordergrund stehen. Auf der neuen Platte findet man keine formatgerechten, kommerziell wirksamen Songs. Ich denke aber schon, dass es ein Album ist, das vielen gefallen wird, denn Rap ist nicht diese Nischenmusik, als die sie in den letzten Jahren abgestempelt wurde. Rap ist eine enorm detailverliebte, technische Musik und kann alleine dadurch, dass sie textlich so viel bandbreite bietet, sehr vielen Leuten aus der Seele sprechen. Jedoch wurde HipHop im gesellschaftlichen Kontext in eine komische Ecke gedrängt und wird von vielen nur als seltsame Asi-Musik angesehen. Mir war es wichtig zu zeigen, dass Rap ein sehr interessantes Medium ist, aus dem sehr viele Textansätze und Ideen entspringen, die in anderen Musikrichtungen gar nicht stattfinden könnten. Einen Song wie „Keine wahre Geschichte“ kann ein Singer-Songwriter nur schon deshalb nicht singen, weil der Text 800 Wörter hat. Mein Ansatz mit dem neuen Album war es nicht, möglichst zwei Radiosingles am Start zu haben. Ich habe sogar viele Sachen verworfen, die mich definitiv in eine kommerziell bessere Ausgangsposition gebracht hätten. Ich hatte das Ziel, meine Message über Rap zu transportieren und nicht eine Popsingle vorauszuschicken, um ein Rap-Album zu promoten. Ich versuche meine unterschiedlichsten Einflüsse so zu verarbeiten, wie Rap das eben macht. Ein Beispiel dafür ist „Poesie Album“, das zwar eine Pop-Rock-Bassline hat, jedoch auch einen harten Drum-Loop und Doubletime-Raps, die den Kontrast dazu darstellen. Ich bin überzeugt, dass das Album vielen Leuten gefallen wird, aber nach meiner jahrelangen Erfahrung mit den Medien weiss ich natürlich, dass dies nicht formatgerecht ist für die Radiosender. Vielleicht umschreibt das Wort Statement die Platte noch besser als Rundumschlag. Jedoch passt auch diese Aussage, denn ich finde die ganze Medienlandschaft mit ihren Formatansprüchen an die Künstler scheisse. Die Kunst, welche die Leute inspirieren sollte, wird heute durch die Industrie inspiriert, die wiederum extrem uninspiriert ist. Entsprechend ist so vieles verwässert. Darauf wollte ich mich nicht einlassen, denn mein Beruf ist zuallererst auch mein Hobby. Wenn ich nun Abstriche machen muss und es überall Sachen gibt, die ich nicht machen darf, weil sonst mein Lied nicht gespielt oder mein Video nicht gezeigt wird, kann ich auch gleich irgendeinem anderen Beruf nachgehen, der mir auch keinen Spass bereitet.

Auf dem Song „Eines Tages“ geht es darum, immer das zu wollen, was man gerade nicht hat. Gilt das auch musikalisch?
Das habe ich tatsächlich bislang fast immer so gehabt in meinem Leben, auch in der Musik. Aber in anderen Lebenssituationen ist es schon extremer, etwa wenn man in einer Beziehung ist aber eigentlich die Freiheit will oder frei ist und sich dann alleine fühlt. Das sind schon krassere Eindrücke und habe mehr Einfluss auf mich, als wenn ich gerade auf dem Reggae-Film bin, aber problemlos auch einen Rap-Song schreiben könnte. Dass sich dies aber durchaus auch musikalisch niederschlägt, erkennt man wohl anhand meiner Tonträger.

Würdest du dich als jemanden bezeichnen, der eine Idee hat und sich dann voll hereinsteigert und dies kompromisslos durchzieht?
Auf jeden Fall. So extrem sogar, dass ich eine Woche später teilweise gar nicht mehr verstehe, warum das so war.

„SchwarzWeiss“ soll nicht nur gute Musik bieten, sondern ein richtiggehendes Gesamtkunstwerk werden. Dafür hast du mit Grafikern, Writern, Videokünstlern etc. zusammengearbeitet. Wie kann man sich das Zusammenspiel dieser verschiedenen Künstler vorstellen und waren diese schon früh involviert oder erst, als die Musik mehr oder weniger fertig war?
Die Musik war relativ fertig. Meistens begannen die Sessions nur mit mir und meinem Produzenten Tony Brown. Später haben wir dann verschiedene Musiker dazugeholt, die etwas einspielten, was wir dann aber wieder so verwerteten, als wären es Samples. Später kam dann vielleicht noch mein DJ dazu und macht ein paar Cuts. Jeder steuert seinen Teil bei und alle inspirieren sich gegenseitig. Häufig waren die Leute getrennt im Studio und trotzdem beeinflussen sich alle gegenseitig. Schliesslich war ich an dem Punkt angelangt, wo die Musik mehr oder weniger stand und ich dieser auch ein optisches Gewand verpassen wollte. Ich wollte aber nicht, dass ich zu einem Fotografen gehe, ein Grafiker mit den Bildern ein Cover gestaltet und ein anderer das Video dreht. Deshalb habe ich mein Studio ein bisschen umgebaut, enorm viel Material eingekauft und alle diese Leute zusammengebracht, damit sich das quasi künstlich befruchtet. Im Normalfall greifen diese Bereiche ja nicht ineinander, mein Ziel war es aber, dass jede dieser Instanzen ihren Senf dazugeben kann. In diesen paar Tagen passierte dann auch super viel, da jeder seine Ideen in die Runde warf. Das war ein sehr schöner Prozess und es war auch interessant zu sehen, wie diese Künstler aus dem optischen Bereich sehr ähnlich ticken wie Musiker. Auch für mich war es wichtig, denn immer wenn man mit neuen Sachen konfrontiert wird, kommt man aus seiner comfort zone heraus. Übrigens war bei diesem Meeting auch der Schweizer Künstler Wes21 dabei. Ich bin eher zufällig auf ihn gestossen, als ich in der Coupole in Biel einen Auftritt hatte und dort an den Wänden überall diese schwarz-weissen Characters von ihm waren. Daraufhin habe ich mir sofort seinen Kontakt besorgt. Er ist erst 21-jährig und die anderen waren vielleicht erst noch etwas skeptisch, aber mit seinem Fotorealismus konnte er sie schnell überzeugen. Gemeinsam mit meinem Grafiker entschied ich mich, dass er das Albumcover, alle Singlecovers und einige zusätzliche Bilder im Albumbooklet malt.

Aufgrund des „Hände Hoch“ Videos kann man schon mal sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat!
Im Video zu „Poesie Album“ wird dieses ganze Kunstprojekt aber erst richtig zum Tragen kommen (Anm.: das Interview fand statt, bevor das „Poesie Album“ Video erschien.). Zu Beginn des Videos schlage ich mein Poesie Album auf. Das ist dieses gebundene braune Lederbuch mit dem goldenen S, welches damals das Cover meines 2001 erschienen Albums war. Man erkannte damals wohl gar nicht, dass es dieses Buch wirklich gibt. Ich habe damit nie etwas gemacht und nun, zehn Jahre später, kommt es wieder zum Einsatz. Wenn ich das Buch aufschlage steht da zuerst „SchwarzWeiss“, auf der nächsten Seite sieht man dann diese Oblate und einen merkwürdigen Engel, der aber mein Gesicht hat und schliesslich beginnt sich die Schrift auf dem Papier aufzubauen. Die ganzen Strophen finden in dem Buch statt, man sieht mich nicht performen, nur gezeichnet auf den Seiten und dazu die Schriften, wie sie sich in Echtzeit zu dem extrem schnellen Text aufbauen und sich die Seiten umblättern. Es ist ein wirkliches Kunstprojekt geworden.

Du hast zuvor dein Studio erwähnt und ich habe auch einige Interviews gesehen, wo du die Journalisten durch die Räume geführt hast. Dabei konnte ich raushören, dass dein eigenes Studio, welches teilweise auch deine Wohnung war, extrem wichtig für dich und das Album war. Was hattest du dort für Möglichkeiten, die du in einem gemieteten Studio nicht gehabt hättest?
Nur schon die Zeit war ein wichtiger Faktor. Normalerweise wohnt man an dem einen und arbeitet an dem anderen Ort. Nach der Arbeit geht man in seine Wohnung und ist im Kopf auch schon Zuhause. In meinem Studio gab es das nicht, denn ich musste mein Zuhause gar nie verlassen. Es liegt auch genug ausserhalb von Hamburg, dass man nicht kurz in die Stadt fährt, wenn man mal nicht weiss, was man machen soll. Wenn ich nicht wusste was machen, dann musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich liess dann die MPC an oder hörte mir nochmals die Aufnahmen vom Vortag an und so findet man schnell wieder den Ansatz. Das Studio wurde in den Siebzigern gebaut und war damals ein Heavy Metal-Studio. Ich bin ein Typ, der irgendwie merkt, was eine Situation von ihm abverlangt. So ist das zum Beispiel auch bei Interviews. Wenn da ein cooler Typ wie du kommt und richtige Fragen stellt, gebe ich auch richtige Antworten. Wenn jemand unmotiviert und mit blöden Fragen antanzt, schraube ich ebenfalls herunter. Genau so war es, als ich in dieses Studio reinkam. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon etwas 30 Song geschrieben und von einigen Produzenten Beats bekommen. Ich nahm dann einige Songs auf, merkte aber bald, dass ich mehr sein muss als nur irgendein Rapper, schliesslich hatte ich nun dieses krasse Studio, das ich mir immer gewünscht hatte. Es kam dann fast wöchentlich neues Equipment dazu und wir versuchten auch Sponsoren zu akquirieren. Mit der Zeit hatten wir dann alles was wir brauchten und ich begann vermehrt damit, Sachen auszuprobieren. Früher spielte ich Schlagzeug, was ich aber nie richtig durchziehen konnte, weil ein Proberaum fehlte. Ich setzte mich also wieder hinter die Drums und begann ein bisschen auf der Gitarre rumzuspielen. Es entstanden auch immer mehr Beats und ich erreichte wieder das Level, wo ich einen Beat machte und sofort mit einem Textflash kam, schrieb und direkt aufnahm. So ähnlich entstand das Intro des Albums: Ich hatte diesen derbe nicen Beat von den Instrumens. Zu diesem Zeitpunkt war das Album noch nicht so roh und es hatte auch einige poppigere Nummern. Dieser Beat hätte sich auch voll für so was angeboten. Ich hörte mir ihn einige Male an und fand ihn dann doch zu poppig, aber der Drum-Roll am Anfang gefiel mir, so dass ich diesen einfach loopte. Es ist eigentlich ein ganz normaler Pop-Roll zum Auftakt eines Songs, aber wenn man ihn loopt bekommt er etwas afrikanisches mit diesem Trance-Groove. Ich merkte irgendwann einfach, dass dieses Studio ein richtiger Spielplatz ist. Ich habe jeden Tag etwas Neues ausprobiert und damit begonnen zu flashen, um dieses alte Wort wieder hervorzuholen. Es war eine Phase, wo anstatt Überlegen, Planen und eine Strategie zu haben einfach das Flashen im Vordergrund stand.

Ist somit auch jeder Song unterschiedlich entstanden? Du hast ja nicht einfach Beats gepickt, die Songs entstanden aber auch nicht komplett mit Band.
Genau, meistens war eine Mischung von beidem. Im Juni vor einem Jahr gab es eine Session mit der Band; da hatte ich bereits viele Songs als Gerüst. Innert wenigen Tagen haben wir dann 18 Songs eingespielt. Das hätte eigentlich ein komplettes Album mit Live-Band werden können. Ich habe dann aber immer nur einzelne Fragmente der Band-Aufnahmen gesamplet. Bei „SchwarzWeiss“ zum Beispiel ändert der Beat zwischen einem programmierten Part und einer Aufnahme von der Band-Session. Vieles kam danach dazu, noch mehr flog auch wieder raus – es war ein extremer Prozess. Ich hatte aber auch viel Zeit, um im Studio zu sein, da ich letztes Jahr, abgesehen von einigen Festivals und öffentlichen Veranstaltungen, nicht viel Arbeit hatte. Ich bin auch viel gereist und war öfters in den Staaten, da mein Sohn jetzt da lebt. Ich war länger nicht mehr da, weil ich während der Zeit von „Dis wo ich herkomm“ meinen Ami-Abtörn hatte. Da ich nun wieder öfters drüben bin, nehme ich mir einfach das Beste raus. Für manches ist es schon inspirierend und ich muss ja nicht dort wohnen. Auch sonst hatte ich die Möglichkeit, mir zwischendurch für einige Tage Städte wie Amsterdam, London oder New York anzuschauen. Es war einfach ein geiles Jahr, in dem ich viel unterwegs war, aber auch immer wieder zurück ins Studio ging, um mit meinen Jungs zu flashen. Von überall wo ich war habe ich auch etwas mitgebracht, sei es eine Idee, Sampleplatten oder ein neues Stück Equipment. Direkt nach jedem Trip entstand ein neuer Song, der es aufs Album geschafft hat. Nach einer Reise nach New York nahm ich zum Beispiel den Song mit Max Herre auf. Den Beat hatte er mir geschickt, kurz bevor ich abflog. Er gefiel mir, ich wusste aber nicht, was ich dazu schreiben sollte. Ich lief dann einen Tag durch New York, bekam die volle Reizüberflutung und schrieb am selben Abend den Text an einem Stück. In dem Track müssen die Hörer alles reininterpretieren, so wie das auch ist, wenn man durch eine Grossstadt läuft, da bekommt man auch nichts erklärt. Wenn ich in Portland bei meinen Sohn war, konnte ich jeweils nicht viel machen, da es keine wahnsinnig urbane Stadt ist. Ich hatte aber immer meine MPC dabei. Eines Tages war ich von irgendwas beeinflusst, hatte aber überhaupt keine Samplequellen und so samplete ich einfach meinen Sohn, dessen Stimme nun auf „Rap Genie“ zu hören ist. Die Drums hatte ich teilweise auf der MPC, den Rest habe ich mir bei Youtube geholt. Daraus wurde nun einer meiner Lieblingsbeats auf dem Album und ein absoluter Live-Brecher, der aber ohne Hilfsmittel in einem Hotelzimmer entstand. Dass es bei der Platte kein Grundschema gab, gefiel mir. Vieles entstand auch aus Zufall, es gab keine feste Herangehensweise. Natürlich waren gewisse Sachen auch geplant, etwa als ich für einige Tage die Streicher des „König der Löwen Orchesters“ im Studio hatte. Da wusste ich natürlich, auf welchen Songs ich gerne etwas von ihnen hätte. Aber ich mag es einfach nicht, strukturiert zu arbeiten, was vielleicht überraschend ist, da ich jeweils schnell vorankomme. Aber ich lege mir nie einen Plan zurecht, es muss sich einfach im Moment richtig anfühlen.

Du hast deinen Sohn erwähnt, dem du auf der Platte den Song „Doppelt VIP“ widmest. Dann gibt es noch andere persönliche Songs wie „Vater im Himmel“, die für mich zu den eindrücklichsten des Albums gehören. Früher hat man dich ja gerne für fehlende Inhalte kritisiert, mit der Zeit kamen immer mehr gesellschaftskritische und auch persönliche Texte dazu und mittlerweile bist du bei extrem persönlichen Songs angelangt. Wie würdest du diese Entwicklung beschreiben, die du da durchgemacht hast, bis du solche Tracks schreiben konntest?
Als Konsument oder Fan steckt man ja nicht in dem Künstler drin, man kann immer nur erahnen, wieso ein Künstler die Musik macht. Wenn man ein Album von jemandem hört, der nur darüber rappt, wie geil er ist und wieviel er kifft, dann denkt man automatisch, das seien die einzigen Themen, welche diesen Künstler interessieren. Es ist aber möglich, dass sie auch von Leuten inspiriert sind, die sehr tiefsinnige Texte schreiben, sie selber aber einfach noch nicht an dem Punkt sind, an dem sie einen tiefsinnigen Text schreiben können, der sich genauso Rund anhört, wie wenn sie übers Rappen, Kiffen oder Partymachen reden. So war es zumindest bei mir. Es fing damals alles an mit Public Enemy und fast die ganzen Neunziger hindurch war KRS One mein Lieblingsrapper. Aber genau bevor das erste Album kam, war diese Phase mit Big L und solchen Sachen. Ich lebe immer sehr im Moment und überlege mir nicht, was ich die letzten zehn Jahre gemacht habe und dass das Album auch entsprechend klingen soll. Wenn ich gegenwärtig von etwas inspiriert bin, dann klingt die Scheibe dann auch danach. Mit den Jahren verschwand aber diese Schwelle zwischen mir als Mensch und Künstler. Mittlerweile verarbeite ich als Künstler das, was mich als Menschen beschäftigt. Die Musik ist mein Hobby und ich sitze jeden Tag im Studio und schreibe etwas oder mache einen Beat. Ich bin nicht nur während den Produktionsphasen aktiv, die Musik ist wirklich das, was ich am liebsten mache. Mittlerweile geht das automatisch vom Privaten über in die Musik. Gerade in diesem Jahr, wo ich so viel Musik mit unterschiedlichsten Stimmungen produziert habe. Ich überlege mir sehr genau, was ein Song oder ein Beat von mir will. Manchmal habe ich direkt nachdem ich einen Beat mache die passende Idee, manchmal muss ich ihn auch mehrfach hören. Bei dem Beat von „Doppelt VIP“ ging es ein bisschen länger, bis ich irgendwann merkte, dass ich nun zwei Monate nicht mehr bei meinem Sohn war, ich aber die nächsten drei Wochen noch zu tun habe. Ich habe ihn einfach vermisst und in diesem Moment gab es nichts anderes, worüber ich schreiben wollte.

Dann stellt sich aber jeweils noch die Frage, ob man das auch veröffentlichen will.
Genau. Aber das war mir wichtig, denn ich habe beim letzten Album gemerkt, dass man sich mit Grundkonzepten, die ich eigentlich gut finde, auch zensieren kann. Wenn ich mir sage, dass ich ein Rap-Album mache, dann dürfte ein Song wie „Eines Tages“ eigentlich nicht entstehen. Unterbewusst habe ich für mich wohl entschieden, dass ich alles mache und erst am Schluss entscheide, was ich rausbringen will. Entsprechend ist alles Mögliche entstanden, von Reggae-Songs bis zu Pop-Rock-Nummern mit meinem Gitarristen, der ja aus dem Rock kommt. Die ursprüngliche Version von „Poesie Album“ war langsamer und eher eine Pop-Rock-Ballade. Mir gefiel vor allem die Bassline und ich hatte schon immer eine Songidee, die etwas an Die Ärzte erinnert, die eigentlich die einzige deutschsprachige Gruppe sind, die ich textlich richtig geil finde. Mit dem Song wollte ich zeigen, dass nicht nur Farin Urlaub einen lustigen Pop-Rock-Song schreiben kann. Der Song wurde überkrass und ist ein richtiger Hit, ich merkte jedoch, dass es kein Samy Deluxe-Hit ist. Allerdings hatte ich mich schon so in die Bassline verliebt, dass ich trotzdem etwas daraus machte. Bei anderen Songs war es genau umgekehrt, da gefiel mir der Text und ich habe dann einfach die Produktion aufgepimpt. Vieles fiel mit der Zeit weg oder wird irgendwo als Exklusivtrack verwertet.

Du spieltest bei der Show in Frauenfeld ja auch einige neue Songs, die nicht auf dem Album sind.
Das ist auch etwas, was ich früher nie gemacht habe. Da spielte ich immer nur, was die Leute kennen. Jetzt hatte ich so viele Songs übrig und einige davon sind richtig brachial, sie hätten aber nicht ins Albumkonzept gepasst. Wie etwa „Up To Date, den ich als letztes spielte. Der klingt auch auf der Aufnahme super, aber ich finde das Album hätte darunter gelitten.

Du versuchst mit dem Album, aber auch mit deinen vielseitigen anderen Aktivitäten, die öffentliche Wahrnehmung von HipHop zu korrigieren. Andersrum interessierst du dich als Konsument nur sehr wenig dafür. Du repräsentierst also eigentlich für eine Szene, die dich gar nicht interessiert.
(schmunzelt) Das hast du schön gesehen. Das Ding ist aber, dass ich diese Szene als Konsument nicht toll finden muss. Ich finde es einfach wichtig, dass es diese Szene gibt und sie weiterhin ein Nährboden und ein Zuhause für Leute wie mich sein kann, die dann vielleicht die nächsten grossen Künstler werden könnten. Es wird auch weiterhin der Nährboden für viele Vollidioten bleiben und dazu führen, dass viele Rap auch künftig falsch verstehen. Es wird weiterhin Leute geben, die sich denken, mein Bruder hat mal Drogen verkauft also kann ich jetzt auch Rapper werden, weil ich was zu erzählen habe. Es gibt viele merkwürdige Gründe, wieso Leute zu Rappen beginnen. Es ist sicherlich ein bisschen paradox, irgendwie aber auch nicht, denn ich bin aus dieser Szene entstanden, nur habe ich mich geschmacksmässig immer weiter davon distanziert. Trotzdem bin ich immer noch jedes Jahr auf dem Splash und bringe da meine 100 Bars und versuche etwas Spezielles zu machen. Auf der einen Seite bin ich der Typ, der am meisten positive Assoziationen für diese Szene schafft. Auf der anderen Seite bin ich aber auch der, dem alles komplett scheissegal ist und der sich nichts anhört. Ich höre mir wirklich nur Sachen von Leuten an, die ich kenne. Ich recherchiere nichts und besuche auch die üblichen HipHop-Portale nicht. Aber das ist generell so, dass ich nie recherchiere, was gerade angesagt ist oder wer was über wen denkt. Ich wurde ziemlich medienunabhängig die letzten Jahre, was mir persönlich sehr gut tut.

Ich finde es momentan sehr spannend, dass einige der erfolgreichsten deutschen Musiker, wie Jan Delay oder Clueso, ihre Wurzeln im HipHop haben. Max Herre probiert sich in anderen Genres, Dendemann spielt eher an einem Rock- als an einem HipHop-Festival. Denkst du, dass es sich weiter in diese Richtung entwickeln wird und zukünftig noch mehr erfolgreiche Musiker ihren Background im HipHop haben?
Ich bin auch gespannt, wohin die Reise geht. Bei mir war der Ansatz aber dieses Mal ein anderer, da ich nicht über meine anderen Talente und Einflüsse den nächsten Schritt machen wollte. Das kann aber in der Zukunft durchaus wieder der Fall sein. Bei diesem Album prägte mich der Spirit, dass es mein letztes Album in dem Vertrag ist, der vor über zehn Jahren abgeschlossen wurde. Auch in meinem Privatleben ist gerade vieles präsent, das seinen Anfang vor über zehn Jahren nahm. Meine Scheidung ist durch und ich muss meine Ex-Frau nicht mehr bezahlen, auch meine alte Wohnung, in der sie noch jahrelang wohnte, ist jetzt verkauft. Viele Sachen passieren gerade, auf die ich lange gewartet habe. Irgendwann wurde mir bewusst, dass dies mein letztes Album in diesem Vertag ist und dass ich ja damals als Rapper gesignt wurde. Ich schulde der EMI kein Album, das so klingt wie mein letztes und ich muss ihnen auch nicht den Gefallen machen, eine Singer-Songwriter-Platte aufzunehmen, nur weil da die Verkaufserwartungen höher sind als bei einem Rap-Album. Es sollte eine Platte werden, die nicht nur dem Anspruch von mir als Menschen, sondern auch von diesem Samy Deluxe und dem Anspruch der Rap-Fans gerecht wird. Denn diese sorgten damals dafür, dass ich so einen krassen Majordeal bekommen habe. Ich habe das ganze dann auch so durchgezogen, als hätte ich das letzte Mal die Möglichkeit, bei einem Major zu veröffentlichen und den Leuten etwas mitzuteilen. Als ob es meine letzte Chance wäre, das zu hinterlassen, wofür ich erinnert werde. Das ist zwar überhaupt nicht der Fall, aber ich habe mir das selber vorgetäuscht und es war gut, mit dieser Einstellung ranzugehen. Es stellt sich die Frage, für was man erinnert werden will: Für ein Kunststatement oder ein Kommerzstatement. Da überwiegt die Kunst auf jeden Fall bei mir. Ein schönes Schlusswort oder (lacht)?

Interview: Fabian Merlo

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