Stephen Marley – „Die Musik ist meine Waffe“

Int. Rap

Sollte Stephen Marley in seinem Zuhause in Miami über einen Kaminsims verfügen, könnte er sich dort sieben Grammy-Statuen aufstellen. Was die Trophäensammlung anbelangt ist er der erfolgreichste Reggae-Künstler aller Zeiten und er übertrifft sogar seinen sonst im Reggae-Genre alles überstrahlenden Vater. Diese Preise sammelte er jedoch vor allem als Produzent sowie als Mitglied von Ziggy Marley & The Melody Makers, bei denen der Multiinstrumentalist vor allem im Hintergrund wirkte. Sein erstes Soloalbum „Mind Control“ veröffentlichte der drittälteste Spross der Marley-Familie nämlich erst 2007 im wackeren Alter von 35 Jahren. Wie bereits zuvor als Produzent offenbarte er auf seinem Debüt eine musikalische Vielfalt, die Reggae geschickt mit anderen Genres verknüpft. Dabei spielte HipHip keine unwichtige Rolle, wie auch Gastbeiträge von Mos Def oder Mr. Cheeks unterstreichen. Seine Affinität zu Rap ist ausserdem an seinen zahlreichen Beiträgen zum Gemeinschaftswerk seines Bruders Damian und Nas abzulesen. Auf seinem zweitem Album (zählt man die Akustikversion von „Mind Control“ nicht dazu) „Revelation Pt. 1: The Root Of Life“ führt er uns nun wieder zurück zu den Ursprüngen des Reggae, während der schon bald geplante zweite Teil wieder deutlich vielseitiger ausfallen wird. Nach seiner Show in der Roten Fabrik hatten wir die Gelegenheit, Stephen in seinem Tourbus einige Fragen zur neuen Platte und HipHop zu stellen.

Was ist das Konzept hinter deinem neuen Album “Revelation Pt. 1: The Root Of Life” und von was für einer „Revelation“ (Enthüllung / Offenbarung) handelt es?
Grundsätzlich geht es darum, zu den Roots von Reggae zurückzukehren. Als Reggae bekannt wurde, stand die Musik für etwas. Es ist nichts Falsches daran, dass sich Reggae weiterentwickelt und durch Künstler wie Sean Paul mehr Menschen zugänglich gemacht wird. Selbst in Jamaika gibt es heute Leute, die Reggae erst durch diese poppigeren Songs kennenlernen. Diese kommerzielle Seite von Reggae ist kein Problem, aber es repräsentiert nicht die Wurzeln dieser Musik. Man kann nicht nur auf dem Baum sitzen und die Früchte ernten, man muss auch die Wurzeln pflegen. Ich sehe es als meine Aufgabe, den Leuten mit diesem Album die Ursprünge aufzuzeigen. Ich weiss wovon ich spreche, schliesslich bin ich der Sohn von Bob Marley.

Auf dem Album hast du auch drei Lieder deines Vaters verwendet. Wieso hast du dich dafür entschieden?
Wieso sollte ich das nicht tun? Das sind einfach Songs, die ich mag. Wenn du einen guten Song hättest, würde ich diesen vielleicht auch singen. Schlussendlich mag ich es einfach, diese Songs zu singen.

Viele Leute waren überrascht von der musikalischen Vielfalt deines Erstlings „Mind Control“. Ist das neue Album womöglich die Scheibe, die viele von dir als Debüt erwartet haben?
Ich habe keine Ahnung. Ich bin ein Künstler und ich mache einfach die Musik, nach der ich mich gerade fühle und überlege mir dabei nicht, was die Leute für Erwartungen an mich haben.

Wie der Titel schon sagt, wird schon bald ein zweiter Teil folgen. Wie kamst du auf die Idee, dein neues Album in zwei Teilen herauszugeben?
Nachdem ich „The Root Of Life“ fertigstellte, war ich weiter im Studio und habe nicht aufgehört neue Musik zu schreiben und aufzunehmen. Der zweite Teil wird den Namen „The Fruit Of Life“ tragen und ist wieder eklektischer als das aktuelle Album. Auf der aktuellen Platte fokussiere ich vor allem auf die Roots, auf dem nächsten wird man dann wieder verschiedene Seiten von mir als Künstler zu hören bekommen.

Wie ich gelesen habe, werden auf „Revelation Pt. 2: The Fruit Of Life“ Rakim, Black Thougth und Dead Prez zu Gast sein. Das klingt, als würde es in eine politische oder zumindest ziemlich lyrische Richtung gehen?
Ich denke, in meinen Songs findet man immer irgendwie politische Statements. Diese Gäste habe ich gewählt, weil sie alle mit ihren Texten sehr starke Bilder erzeugen können. Man darf aber schon davon ausgehen, dass es einige politische Kommentare zu hören geben wird.

Du hast intensiv am Album von deinem Bruder Damian und Nas mitgearbeitet. Mit welchem Rapper würdest du ein komplettes Album aufnehmen?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt.

Ich habe das Gerücht gelesen, du würdest ein komplettes Album mit Dead Prez veröffentlichen.
Ja das stimmt, aber ich werde das Album produzieren.

Reggae hatte zweifellos einen grossen Einfluss auf HipHop. Hatte HipHop umgekehrt in den letzten Jahren auch einen Einfluss auf Reggae?
Ja, ich denke schon, diese beiden Genres befruchten sich gegenseitig. Die Parallelen beginnen bereits bei den Ursprüngen: HipHop entstand im Ghetto genauso wie Reggae damals auf Jamaika.

Als du dein erstes Soloalbum veröffentlichtest, standst du schon beinahe 30 Jahre auf der Bühne. Wieso hast du so lange gewartet, bist du selbst ins Rampenlicht tratst?
(lacht) Es war nicht so, dass ich am warten war. Das ist einfach mein Weg. Es ist der Pfad, der für mich vorgesehen war.

Fühlst du dich eher als ein Performer und Artist oder als Producer, der im Hintergrund agiert?
Ich sehe mich selbst als einen Diener Gottes. Die Musik ist meine Waffe. Ich singe wenn ich es muss und ich produziere wenn ich es muss. Es geht um Musik und die ist in mir.

Interview: Fabian Merlo

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